E-Book, Deutsch, 540 Seiten
Stemmle Haydns Kopf
2. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-4142-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Schurken-Geschichte aus der Zeit der Wiener Klassik
E-Book, Deutsch, 540 Seiten
ISBN: 978-3-7597-4142-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rolf Stemmle ist gebürtiger Regensburger. Zunächst konzentrierte sich sein Interesse auf das Theater. Er leitete viele Jahre eine Theatergruppe und begann, mit Verlagen und anderen Theatern zusammenzuarbeiten. Später kam das Interesse für andere Gattungen hinzu. So entstanden bisher neben dem Lyrikband "Der Mensch im Tier" Romane und eine ganze Reihe von Kurzgeschichten sowie Erzählungen nach Werken des Musiktheaters, insbesondere von Richard Wagner und Giuseppe Verdi. Zudem komponiert er Kammermusik. www.rolf-stemmle.de
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1
Schon zum dritten Mal kratzte sich Joseph Haydn am Hinterkopf. Es juckte unter der Perücke. Er zog ein klein wenig daran. Aber so unauffällig wie möglich. Hier in der ersten Stuhlreihe, inmitten einer großen Zuhörerschaft, waren immer wieder Augenpaare auf ihn gerichtet. Die Perücke saß sicherlich korrekt. Der Gedanke beruhigte Haydn ein wenig. Sein Sekretär Johann Elßler hatte beim Ankleiden mit der üblichen Zuverlässigkeit sein Äußeres geprüft. Und trotzdem: Sie juckte heute. Haydn fühlte sich nicht wohl. Womöglich war das Backhuhn, das er mittags gegessen hatte, zu fett gewesen. Er ging auf sein vierundsiebzigstes Lebensjahr zu. Da war es kein Wunder, dass die Verdauung Schwächen zeigte. Doch als Ehrengast des Abends musste er Haltung bewahren.
Im Redoutensaal der Wiener Hofburg erlebte sein Oratorium Die Schöpfung eine exzellente Aufführung. Die Künstler der drei Hoftheater musizierten mit Leidenschaft und Hingabe. Haydn spürte ihre ehrliche Begeisterung. Es sangen drei Solisten sowie ein hundertköpfiger Chor. Der geschätzte Hofkapellmeister Antonio Salieri spielte am Cembalo und dirigierte. Immer wieder sprang er auf und fuchtelte mit den Armen, um die Musiker anzufeuern.
Soeben brillierte ein Bassist vom Kärntnertortheater in einer Arie. Die Zuhörer hielten den Atem an. Ausdrucksstark meisterte er die kraftfordernden Passagen, mit denen die Entstehung der Gewässer beschrieben wurde. „Rollend in schäumenden Wellen bewegt sich ungestüm das Meer.“ Wild schossen die Figuren der Violinen auf, dazu brodelten die Linien der tiefen Streicher. Allmählich beruhigte sich der musikalische Fluss, und der Bass besang mit einer lyrischen Melodie das friedliche Dahinströmen eines Baches.
Haydn freute sich. Er hatte tatsächlich die Perücke und seinen Magen für eine ganze Weile vergessen. Bei aller Bescheidenheit: Ja, die Arie war ihm gelungen! Sein Blick zur Seite traf auf die leuchtenden Gesichter der Zuhörer. Seine Musik hatte alle eingefangen! Oh ja, die Arie war ihm besonders gut gelungen!
Zuletzt sah er zu seinem Sitznachbarn: Peter Freiherr von Braun, der Veranstalter dieses Konzertes und Pächter der Hoftheater. Auf seinen Lippen lag ein leises Lächeln. Das Konzert war ausverkauft, also waren alle Kosten gedeckt. Haydn vermutete, dass er gerade daran dachte.
Baron Braun bemerkte, dass der Meister zu ihm herüberblickte. Er nickte Haydn freundlich zu.
Haydn wusste, dass die Komponisten inzwischen zunehmend auf zufriedene Veranstalter angewiesen waren. Diese mussten die Partien ihrer Werke hochkarätig besetzen und in öffentlichen Konzerten einem breiten Publikum präsentieren. Die Zeit, in der die Musikpflege ausschließlich in den Händen von kunstliebenden Aristokraten und Kirchenvätern lag, ging zu Ende. Haydn hatte daher allen Grund, Freiherr von Braun dankbar zu sein. Und dessen Zufriedenheit beruhigte ihn.
Haydn lehnte sich wieder zurück. Die nächste Arie hatte begonnen. Darin wurde vom Aufsprießen der Pflanzenwelt erzählt.
Während er lauschte, blickte er hinauf zu den funkelnden Lüstern, die den Saal mit einer Unzahl von Kerzen erleuchteten. Ein wundervoller, festlicher Abend! Und dennoch ärgerte Haydn erneut das Jucken der Perücke. Sie saß nicht korrekt! Es musste so sein! Auch wenn sein Sekretär Elßler gewiss ihren Sitz sorgfältig geprüft hatte. Haydn konnte nicht anders: Er kratzte sich.
Doch plötzlich wurde ihm bewusst, dass seine Handbewegungen von der Person, die hinter ihm in der zweiten Stuhlreihe saß, unwillkürlich beobachtet werden mussten. Und es fiel ihm wieder ein, wer den Platz eingenommen hatte: Joseph Carl Rosenbaum.
Haydn kannte ihn seit schier unendlich langer Zeit. Auch er war am Fürstenhaus der Esterházys angestellt gewesen und hatte Therese geheiratet, Therese Gassmann, nunmehr Therese Rosenbaum. Haydn traf den sympathischen, fünfunddreißigjährigen Mann in nahezu jedem Konzert und jeder Opernaufführung. Er würde sein Kratzen gewiss mit besonderer Aufmerksamkeit registrieren, dachte Haydn. Nun fand er sein Verhalten peinlich und wollte das Jucken regungslos ertragen.
Joseph Carl Rosenbaum war nichts entgangen. Von der Perücke hatte sich etwas Puder gelöst. Ein wenig war auf Haydns Rock gefallen, ein größerer Teil lag nun vor Rosenbaums Füßen.
Er hatte Die Schöpfung, die vor beinahe sieben Jahren erstmals in Wien erklungen war, schon einige Male gehört. Daher tat er sich schwer, alle Einzelheiten interessiert mitzuverfolgen. Dass sich der Meister gekratzt hatte, war eine willkommene Unterhaltungszugabe gewesen.
Rosenbaum trug keine Perücke. Er zeigte seine dunklen, kurzgeschnittenen Locken, und zwar aus Überzeugung. Die Gesellschaft verabschiedete sich gerade von diesem Symbol der absolutistischen Herrschaften. Personen, die sich in gepflegten Kreisen bewegten, stellten zunehmend ihr eigenes Haar zur Schau. Und sogar viele der Aristokraten, mit denen Rosenbaum täglich zu tun hatte, trugen keine Perücken mehr; insbesondere, wenn sie der jüngeren Generation angehörten. Dass Haydn an der Mode der scheidenden Epoche festhielt, war für ihn nachvollziehbar. Der gealterte Meister war immer ein gefügiger Hofmusiker gewesen, der komponierte und dachte, was sein Dienstherr von ihm verlangte. Er war aber intelligent genug, um sich in das neue, bürgerlich-geprägte Musikleben fügen zu können. Das wusste Rosenbaum zu würdigen. Haydns innerer Anker jedoch lag auf dem Grund einer vergangenen Zeit.
Ungeachtet dessen war seine Musik, vor allem Die Schöpfung, lebendige, moderne und höchst fantasievolle Kunst. Meisterhaft traditionell gearbeitet und zugleich voller kühner Effekte, frei und leichtatmend erzählte sie in Arien, Duetten und Chören die Schöpfungsgeschichte.
Rosenbaum kannte auch die geistliche Musik Haydns. Sie strömte tief empfunden, gottesfürchtig wie ein Gebet und klar wie ein Morgen im Gebirge.
Unwillkürlich erinnerte er sich an die Aufführung des Oratoriums Die sieben letzten Worte auf Schloss Esterházy in Eisenstadt. Damals stand er noch im Dienst des Fürsten, dem derzeit herrschenden Fürst Nikolaus II. An diesem Nachmittag vor acht Jahren hatte er sich in Therese verliebt. Und sie in ihn. Therese sang die Sopran-Partie so engelsgleich, dass er glaubte, nach diesen Klängen schon immer gesucht zu haben.
Wie war es möglich, Musik zu schreiben, die solche Töne aus einer Seele locken konnte? Dieses Wunder war in diesem Kopf geboren worden. Haydns Kopf, Haydns Gehirn, verborgen unter einer Perücke, verborgen im Korpus seines Schädels.
Neben Rosenbaum saß Catharina, die jüngste Tochter von Hofkapellmeister Antonio Salieri, ein siebzehnjähriges, schwarzhaariges Mädchen, das von ihrem Vater in Gesang unterrichtet wurde und eine vorzügliche Stimme besaß. Für sie und Rosenbaum hatte Salieri kostenlose Freibilletts besorgt. Angespannt verfolgte sie die Aufführung. Sie hatte etwas Parfüm aufgetragen. Ein feiner Duft umgab sie, wie von Zitrusfrüchten. Er unterstrich, dass sie zur Hälfte italienischer Abstammung war.
Rosenbaum ließ ab von Haydns Hinterkopf. Der Duft zog ihn an. Er sah hinüber zu Catharina, erhaschte mit seinem Blick ihr hellblaues Kleid und ihren schlanken Hals. Allzu lange konnte er nicht darauf verweilen. Er wollte sie nicht irritieren und einen falschen Eindruck erwecken. Also wanderten sein Blick weiter durch die Stuhlreihen. Alle Aufmerksamkeit war auf die Musiker gerichtet. Einige Zuhörer hatten die Augen geschlossen, um die Klänge noch intensiver aufnehmen zu können. Ein alter Mann mit hagerem Gesicht schlief vermutlich, denn sein Kopf war nach vorne gesunken. Nur ein paar Plätze weiter saß der Wiener Magistrat. Rosenbaum entdeckte noch diesen und jenen, denn er kannte beinahe jeden, der regelmäßig am Wiener Kulturleben teilnahm.
Vom Hof war niemand von höherem Rang anwesend. Das Gegenteil hätte Rosenbaum verwundert – in dieser aktuellen politischen Lage.
Die Gegenwart von einem Dutzend französischer Militärs war hingegen ungewöhnlich. Die Herren saßen auf guten Plätzen in den vorderen Reihen. Haydns Ruf drang bis nach Frankreich, und so nützten sie die Gelegenheit, das Werk des Meisters an seiner Wirkungsstätte zu hören.
Rosenbaum erforschte die Reihen, ob sich ein kleiner Gruß oder gar ein Lächeln anbringen ließ. Aber niemand sah zu ihm herüber. Das enttäuschte ihn. Sein Blick zog daher wieder nach vorne zum Orchester, zu den Solisten und dem Chor – links in seinem Blickfeld der Hinterkopf Haydns mit der Perücke, die jetzt offenbar ordentlich saß; zumindest hatte Haydn aufgehört, daran zu ziehen und unter den weißen Haaren zu kratzen.
Das Oratorium beschrieb weiter in Rezitativen, Arien und Chören die Schöpfungstage. Es folgte der dritte, vierte, fünfte und sechste Tag, an dem schließlich Adam und Eva dem Herrn für die Vollendung des großen Werkes dankten und ihre Zuneigung füreinander...




