E-Book, Deutsch, 212 Seiten
Stephan Die Unruhe des Uhrmachers
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-937507-87-3
Verlag: Heiner Labonde Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
und andere denkwürdig sonderbare Geschichten
E-Book, Deutsch, 212 Seiten
ISBN: 978-3-937507-87-3
Verlag: Heiner Labonde Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Tätigkeit von Wolfgang Stephan (geb. 1936 in Berlin, jetzt wohnhaft an der Erft in Grevenbroich) erstreckt sich auf viele Felder der Literatur und Bildenden Kunst. Hauptanliegen ist die poetische, fantasievolle und spannende Darstellung von Eindrücken aus aller Welt, mit kulturellem, sozialem und humoristischem Belang, in Bildern und Texten. Gekleidet in Märchen, Sagen, Gedichte und Szenarien werden auch aktuelle Fragen beschrieben und gezeichnet. Mit Novellen, Fabeln, Romanen, Erzählungen und Kurz- geschichten stößt er im großen Gebäude der Geschichte, der Zeit-Räume und des kleinkarierten Alltags Fenster zu Sehnsüchten von Mensch und Tier auf und macht die Wunder erlebbar.
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Die Unruhe des Uhrmachers
1
Vor vielen Jahren, als die Haustüren und Fenster im Dorf in einem harten Winter völlig zuschneiten, erzählte man sich in den warmen Stuben die Geschichte eines Uhrmachers aus der Nachbarstadt. Alle hörten andächtig zu, denn es war schon eine sonderbare Sache, die dem Uhrmacher passiert war.
Unten an der Mündung des kleinen Flusses sammelte er häufig große runde und auch flache Steine für Uhrgewichte. Weil er nicht nur goldene Uhren machte, sondern auch althergebrachte mit einfachen Gehwerken. Bei seinen Wanderungen mit Stock und Brotbeutel verweilte er dann lange vor den Toren der mehrtausendjährigen Stadt. Im Gnadental und wie sich die schönen Flecke sonst noch nannten!
Und wenn es windstill war, nahm er aber auch den einen oder anderen der Flachsteine und ließ ihn wie einen Frosch über den großen Strom vor der Mündung des kleinen Flüsschens springen. Falls es ihm dann auch noch Spaß machte, blieb oft nur ein einziger Stein seiner Sammlung übrig. Mal eine Achatscheibe oder ein weißer, geschliffener Quarzit. Dann wurde die bestellte altmechanische Uhr leider nicht so schnell fertig, und ein schlechtes Gewissen hatte er auch.
In seiner Werkstatt hingen und lagen etliche, eigentlich unzählige Uhren, unfertig, zerlegt, tickend, schlagend und mit der Zeit auf alle möglichen Arten verwandt.
Vorn an der Hoftür hieß es: Ernst A. Schmied – Uhrmacherei und Reparaturen. Das A stand, wie er behauptete, für Anachronos, den Unzeitgemäßen. Tiefer Eingeweihte wussten aber, dass er Antonius hieß. Jeder, der dort hinkam, mochte also glauben, ein aufrechter, aber ernster Handwerker mit Lupe und Pinzette würde oben in der Werkstatt rumoren. Oder war der Name Schmied etwa das Zeichen einer unbekannten groben Wahrheit?
2
Nein, nein!
Ernst A Punkt S Punkt bemühte sich redlich, es allen recht zu machen. Aber es fiel ihm auch auf, dass er selbst deshalb oft zu kurz kam. Seine Frau Lisa, die ehemalige Handarbeitslehrerin, mied seine Werkstatt, weil das geordnete Chaos, das Ernst zuweilen Chaosmos nannte, ihr sehr widerstrebte. Sie war tagsüber lieber noch als Aushilfe in einem Krümelladen tätig. Dort konnte sie Wolle, Stricknadeln, Weizenschrot, Kümmel und Henna nach Belieben ordnen und an die Frauen der Nachbarschaft bringen. In einem Krümelladen eben!
Ein Mann wie er, eingebaut als ruhiges Rädchen zwischen Pendel und Unruhe der Zeit, war durchaus beliebt in Vereinen der Stadt. Er konnte ja zuhören, wenn andere von Zeitläuften und Geschichten erzählten. Gelernt hatte er so etwas beim Hören auf die feinen Geräusche, auf den Gang der Dinge, auf die Schläge des Herzens, auf das Ticken der Uhren. Einmal hatte er beispielsweise berichtet, wie für ihn durch Mischplomben im Gebiss ein direkter Empfang des Signals der Normalzeit eines nahen Radiosenders möglich würde. Oder von Radio Norddeich oder gar aus Braunschweig? Alle glaubten ihm die scheinbare Mär sogar, weil seine umgebauten oder operierten Uhren völlig genau gingen und zuweilen auch einen sehr harmonischen Klang erzeugten.
Ernst A. Schmied hatte zudem auch eine Grille im Haus, ein Heimchen, wie man sagt. Und der antike Wasserhahn am Ausguss tropfte in stetiger, äußerst penibler Zeitfrequenz, mit der man die Standuhren ebenso einstellen konnte wie seine Erbsenuhr. Alles Zeugs, was einen fast genialen Uhrmacher auszeichnete!
3
Ja! Und die Erbsenuhr! Die war etwas Besonderes.
Eine Entwicklung früherer, ungestümerer Jahre, als er sich noch als unbegrenzter, überirdischer Erfinder wähnte. Aber keiner wollte das Maschinen-Unikum erwerben, so dass es ihm und seiner Frau in einer längst vergangenen, schlechten Zeit mit den 3600 Erbsen dieser Uhr wenigsten für zwei komplette nahrhafte Mahlzeiten reichte. 3600 Erbsen gingen auf ein Kilo, und 3600 Sekunden zählte man in einer Stunde.
Die Grille, das sollte noch gesagt werden, hatte sich vor langer Zeit bei ihm eingenistet – irgendwo in einer Spalte zwischen Ersatzteilkommode und dem feurigen Elias, dem allesbrennenden Ofen – auf dem ständig der Knochenleim für die Reparatur von großen, hölzernen Uhrenkästen köchelte. Die Grille gab Tag und Nacht unbeirrbar ihre Frequenz zum Besten. Auch wenn der Leim zischte oder mal Sauerkraut gekocht wurde!
Schlechte Zeiten hatte es doch immer gegeben. Für Uhrmacher blieb dann nicht viel Zeit zum Erfinden und Basteln. Jede Arbeit musste Ernst mit Ernst annehmen, um sich und die Seinen durchzufüttern. Da gab’s die Pegeluhr im Hafen, die Turmuhren der Kirche, des Münsters und im Rathaus und alle möglichen Thermometer und Barometer in und an Geschäften und Apotheken als Ersatzliebe. Und natürlich auch alle Chronometer und Zeitzeichen im Schloss, das man so prächtig hingestreckt und gepflegt vom Kirchturm aus in einem riesigen, paradiesischen Garten sehen konnte.
Die Hacken lief er sich schief für ein paar Pfennige. Von Drogist zu Drogist wegen der Barometer! Bei den Optikern warteten auch noch die Hygrometer. Welch ein Leben in jenen Zeiten!
Und da waren übrigens auch noch die Uhren seiner Mitmenschen, ihre Unruhe, ihre Gesichter und Zeiger. In jenen Zeiten hatte er sich in seinem alten Haus bis in jeden Winkel ausgedehnt und verkrochen zugleich. Und er hatte glücklicherweise seine Sorgen und Sehnsüchte nicht in Bier und sonstigen Alkoholika ertränkt, sondern sie eher mit den Uhren geteilt, wenn sie mit dem Maß der Zeit nicht zurecht kamen, und ihnen dieses besondere Leben wiedergegeben: Aktualität, Genauigkeit, Treue ...
4
Am Sonntag nahm er sich natürlich auch die Zeit, auf die Turmuhr zu hören. Am Stammtisch legten der Lehrer, der Ratsherr oder der Autohändler manchmal eine Taschenuhr oder eine Digitaluhr zur Diagnose vor. Während er dann beispielsweise den Springdeckel öffnete oder die wackelige Krone des Aufziehmechanismus kontrollierte, palaverten die anderen von guten und schlechten Zeiten. Jeder nach seiner Facon mit Übertreibungen, Unterstellungen, Besserwisserei und auch mit Humor, so wie es die Umstände erforderten.
Nur bei der Turmuhr der Pfarrkirche war es etwas anders. Weder der Küster noch der Pfarrer begleiteten ihn, wenn der Tag nicht mit dem Stundenschlag harmonierte oder die Gebete und Predigten zur falschen Zeit aufgerufen wurden. Ernst Anachronos ging die Stufen des Turms schon viele Jahre hinauf. So in den Jahren seiner frühen Ehe, während des Krieges und natürlich auch zu Friedenszeiten. Und später auch! Ach, du liebe Zeit: wie oft!
Manchmal versuchte er, die Zahl der Stufen im Turm zu ritualisieren. Sie mit der Stundenzahl des Tages, mit den Daten von Monat und Jahr zu multiplizieren. Oder so! Und wenn er dann dort oben – dem Himmel gar nicht so nahe, wie es eigentlich schien – zwischen Schlagwerk, Glocken und Antrieben der Zeiger stand, puzzelte er mit der menschlichen Technik an den menschlichen Maßen der Zeit und der Zeitalter.
Wie viel mehr Kraft erforderte aber die Umstellung der Uhren dort oben auf die Winter- und die Sommerzeit! Das war kein Puzzle. Er gewann dabei für alle Mitmenschen um sich herum, bis weit ins Land hinein, so weit man vom Turm sehen konnte, an einem dieser Tage der Zeitumstellung eine Stunde, eine ganze lange Stunde im Tageslauf hinzu, so als wäre doch Zeit vermehrbar. Aber sie ging ja später wieder verloren. An einem bestimmten Tage wiederum mit zwei, drei anstrengenden Hebelzügen war halt wieder ein anderes Gleichgewicht eingerichtet.
Der Blick nach dieser Arbeit lief über die Dächer, die Bäume, die Wiesen, die Höfe, das Schloss, den Park, die alle ohne Zeit da lagen, sich sonnten oder auch nicht und irgendwie sorglos dahin lebten. Die Blätter der Bäume kannten nur Tag und Nacht. Und der Gärtner im Schlosspark stand auf, wenn es die Sonne gebot. Ihm folgte ein Hund gänzlich ohne Programm. Und dem ging es wie den Dächern, den Bäumen, den Wiesen und so weiter. Er kannte nur Tag und Nacht.
Die Köchin im Schloss holte sich Gemüse und Kraut, so wie die Sonne stand und, wenn es regnete, eben auch mal etwas später. Und der König erhob sich von seinem breiten, roten, purpurroten Bett, wenn es ihm beliebte. Heute jetzt! Morgen später! Und übermorgen gar nicht!
Das konnte Ernst A. Schmied genau sehen, wenn er pflichtbewusst im Kirchturm werkelte. Er sah, dass das so geschah an jedem Arbeitstag, der ihm allerdings flink die Zeit zur Muße stahl. So keimte in der Höhe des Turmes allmählich der Wunsch, es denen im Park, im Treibhaus, ja im Schloss sogar gleich zu tun. Zeit zu haben. Ohne Zeit zu leben. Am besten eben König zu werden!
5
Die springenden, hüpfenden Steine an der Flussmündung, die seiner Hand entglitten, beschrieben mit ihrem Flugsprung eigentlich den Weg, den er nehmen sollte, um seinen Wunsch zu verwirklichen. Große Sprünge! Schnell ins Ziel! Und weite Kreise ziehend!
Er kehrte nach dem Gottesdienst in seine Werkstatt zurück. Recht eilig tat er das, weil...




