Stephens | Wächter und Wölfe - Das Erwachen der Roten Götter | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 480 Seiten

Reihe: Wächter und Wölfe

Stephens Wächter und Wölfe - Das Erwachen der Roten Götter

Roman
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-641-20917-9
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, Band 2, 480 Seiten

Reihe: Wächter und Wölfe

ISBN: 978-3-641-20917-9
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In der Fremde fand sie Freiheit, doch das Gefühl ist trügerisch …

Alles begann mit ihrer Flucht. Rillirin war eine Sklavin und den Launen ihres Besitzers hilflos ausgeliefert gewesen. In ihrer neuen Heimat sollte alles besser werden. Aber dann brach der Krieg aus, und der brachte schon immer das Beste und das Schlimmste in den Menschen zum Vorschein. Nun muss Rillirin über sich hinauswachsen, wenn sie nicht erneut zum Spielball derjenigen werden will, die vermeintlich stärker sind als sie. Doch ausgerechnet der Mann, der sie als Erster unterstützen sollte, ist der schlimmste von allen – ihr eigener Bruder.

Die »Wächter und Wölfe«-Trilogie:
Band 1: Das Ende des Friedens
Band 2: Das Erwachen der Roten Götter
Band 3: Die Auferstehung der Dunklen Dame

Anna Stephens hat einen Abschluss in Literaturwissenschaft der Open University und arbeitet heute in der PR-Abteilung einer großen internationalen Kanzlei. Sie hat einen schwarzen Gürtel in Karate, und ihrer Ansicht nach ist es eine große Hilfe, zu wissen, wie es ist, einen Schlag ins Gesicht zu bekommen, wenn man Kampfszenen schreibt. Sie lebt mit ihrem Mann in Birmingham.

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DURDIL


Das letzte Stück des vergilbten, verkrusteten Verbands löste sich mit einem leisen Schmatzen, und der widerlich süße, abscheuliche Geruch von Fäulnis stieg auf. Hallos rümpfte die Nase, Durdil hustete heftig und stieß dann schnaubend die Luft aus. Es konnte den Gestank nicht vertreiben. Auf der anderen Seite des Bettes gerieten zwei der Priester in ihrem Sprechgesang ins Stocken. Würgend brachen sie ab, dann stimmten sie wieder mit ein.

Durdil spähte Hallos über die Schulter. »Wie kann es sein …«

»Wie es sein kann, dass er immer noch lebt? Das wissen die Götter allein«, krächzte Hallos. Er bediente sich eines langen silbernen Löffels mit schlankem Kopf, um damit in der Wunde herumzustochern, und Durdil wurde übel, als es ihn daran erinnerte, dass er vorhin ein Puddingtörtchen gegessen hatte. Er schluckte und schmeckte Galle. »Doch das Ende ist nah, Durdil. Sehr nah.«

»Und der Feind tobt vor unseren Toren«, sagte Durdil besorgt. »Ich muss auf die Mauer. Aber … was ist, wenn er aufwacht?«

Hallos tippte mit dem Löffel gegen das säuberlich vernähte rote und gelbe, tränende Fleisch von Rastoths Brust. Der sterbende Mann stöhnte, regte sich jedoch nicht. »Er wird nicht wieder aufwachen, mein Freund«, sagte er leise. »Nicht auf dieser Seite des Lichts.« Er straffte sich und blickte Durdil an, und Durdil biss die Zähne zusammen, im Wissen, was nun kommen würde. Wieder einmal. »Er mag bewusstlos sein, aber er hat trotzdem unaussprechliche Schmerzen. Es ist an der Zeit, dass wir seine Qualen lindern.«

»Er ist der König, Hallos. Wenn wir sein Leben beendeten, wäre das Königsmord«, entgegnete Durdil. Seine Müdigkeit nahm seinen Worten alle Leidenschaft, sodass sie stattdessen einfach nur mutlos klangen. Die Stimme in seinem Hinterkopf pflichtete dem Arzt insgeheim bei und rief ihm ins Gedächtnis, dass er selbst, wäre er an der Stelle des Königs gewesen, sie angefleht hätte, genau das zu tun. Er schob den Gedanken von sich und sah Hilfe suchend zu den Priestern hinüber, aber der ranghöchste, Erik, nickte nur, während er weiterbetete, langsam und zustimmend. Von dort war keine Hilfe zu erwarten.

Hallos’ schwarze Brauen, die mittlerweile grau gesprenkelt waren, zogen sich nach unten, und er berührte Durdil am Arm. »Es wäre eine Gnade, Durdil. Eine Gnade für Euren Freund.« Durdil öffnete den Mund, aber Hallos hob den Zeigefinger. »Würdet Ihr einem Soldaten – einem Offizier, selbst einem Prinzen – auf dem Schlachtfeld Euer Erbarmen verwehren? Nein. Ihr würdet seine Qualen beenden und ihn mit Gebeten in die Umarmung der Tänzerin geleiten. Rastoth war Soldat, hat jahrelang im Osten und im Süden Feldzüge geführt. Hat gegen die Kriker gekämpft und gegen die Listraner. Behandelt ihn ein letztes Mal wie einen Soldaten. Erweist ihm diese Ehre, und lasst uns ihm das Licht schenken.«

Bei seinen Worten veränderte sich der Gesang der Priester, und Durdil erkannte das Lied der Trauer und der Feier eines gut gelebten Lebens. Sie sangen, als sei der König bereits tot, und Durdil wurde die letzte Entscheidung abgenommen.

Ihm brach das Herz; es war ihm jede Stunde dieser endlosen, aussichtslosen Belagerung gebrochen. Er war zu müde, um klar denken zu können, an Leib und Seele zu erschöpft, um irgendeine Entscheidung zu treffen, bei der es nicht unmittelbar darum ging, die Stadt für einen weiteren Tag zu halten. Er hatte keine Ahnung, was er tun sollte, wusste nicht, warum diese Entscheidung gerade ihm zufallen musste.

Das Gesicht des Königs war aschfahl, bis auf die hektischen roten Fieberflecken. Schwarze Streifen breiteten sich von dem sorgfältig vernähten Riss in seiner Brust aus, und die Ränder der Wunde wölbten sich rot, entzündet und angeschwollen vor, sodass die Stiche, mit denen die Wunde vernäht war, stark unter Spannung standen. Es sah widerwärtig aus und war kurz davor zu platzen. Eine obszöne, überreife Frucht, die nur einer Berührung bedurfte, eines Lufthauchs, um zu bersten und ihr Grauen überfließen zu lassen.

Durdil hatte sich seit Beginn der Belagerung die Lippen zu Fetzen zerkaut, und als er sich jetzt wieder auf die Unterlippe biss, zuckte er zusammen. Er fuhr sich mit der Hand über Hinterkopf und Nacken. Erik nickte erneut, als er ihn Hilfe suchend ansah. Hallos wartete, seine Lippen und Augen verliehen seinem Flehen deutlichen Ausdruck: Gib ihm, was er sich nicht selbst erbitten kann. Hilf ihm, so wie du ihm dein Leben lang geholfen hast. Diene ihm.

»Ich werde dem Rat mitteilen, dass er seinen Verletzungen erlegen ist«, entschied Durdil schließlich. »Sie wissen, dass er nicht mehr zu retten ist, also lassen wir sie besser glauben, es sei ein natürliches Ende gewesen. Anderenfalls sind unsere ehrwürdigen Lords Lorca und Silais womöglich dumm genug, um uns inmitten dieses … Schlamassels des Hochverrats zu bezichtigen.«

Sämtliche Priester nickten, und ihr Gesang wurde lauter, drängten Rastoths Seele, ihre letzten Anker zu lösen, die ihn noch mit diesem sterbenden, verfaulenden Stück Fleisch verbanden.

»Opium?«, murmelte Hallos und wählte mit einer Hand, die nicht zitterte – obwohl Durdil fand, dass sie es eigentlich tun sollte –, ein kleines Gefäß aus.

»Ihr könnt ihn doch unmöglich dazu bringen, es zu schlucken, oder?«

Hallos’ Lächeln war müde und traurig. »In meiner Kunst gibt es Dinge, die Ihr niemals wissen werdet, mein alter Freund. Keine Sorge. Nur … nehmt jetzt Abschied, ja? Nun, da die Entscheidung getroffen ist, sollten wir es schnell hinter uns bringen. Wir sollten ihm jede Fortsetzung dieses … Scheinlebens möglichst ersparen.«

Hallos trat aus dem Weg, und Durdil sah noch einmal seinen König an, den Mann, mit dem er seit Jahrzehnten befreundet gewesen war und der jetzt still und bleich auf den Kissen lag. Rastoths Atem ging in schwachen Stößen, und klammer Schweiß glänzte in der Düsternis. Seine Hände waren ineinander verkrallt. Vom offenen Fenster kamen die Rufe eines Knaben, der mit einem Wurf Welpen spielte, ohne sich um den sterbenden König und die Belagerung der Stadt zu kümmern.

Durdil kniete sich neben das Bett, und seine Rüstung klapperte an seinen Schultern. »Euer Majestät, vergebt mir«, flüsterte er, »ich hätte Euch beschützen, Euch vor aller Gefahr bewahren sollen …« Der Mann mochte alt und wahnsinnig sein, aber er war Durdils König und Durdils Freund. »Ich werde Rilporin retten, Rastoth. Ich werde unser Land und unsere Götter und unsere Menschen retten. Alles. Ich schwöre es bei meiner Hoffnung darauf, ins Licht zu treten. Wenn wir uns wiedertreffen, werde ich …« Er unterdrückte ein Schluchzen.

Hallos zwängte sich an ihm vorbei, und ein unwillkürlicher Laut des Widerspruchs entwich Durdils Lippen. Er streckte die Hand aus, um den Becher auf seinem Weg zu Rastoths Mund aufzuhalten.

Erik kam um das Bett herum und zog Durdil sanft auf die Beine. »Eure letzte Tat für Euren König sollte jene sein, die ihm Frieden bringt, Fürstgeneral«, murmelte er. »Mischt Euch jetzt nicht ein. Betet.«

Durdils Lippen bewegten sich im Gebet, während die Priester sangen und Hallos Rastoths Kopf mitsamt der Kissen anhob, kleine, geduldige Quäntchen Wein und Opium in seinen Mund fließen ließ und dabei seine Kehle massierte, bis er schluckte. Rastoths Atmung verlangsamte sich, als ihm die Droge den Schmerz nahm, seine Glieder entspannte und seine Seele weit, weit fortbrachte von dem Wrack seines Körpers und den Trümmern seiner Herrschaft.

Durdil schob sich nah heran, fand Rastoths Bein unter den Decken und legte die Hand darauf. »Marisa wartet schon«, sagte er heiser. »Marisa und Janis, alle beide. Im Licht. Sie warten auf Euch. Richtet ihr aus, dass ich sie grüßen lasse und … bittet sie, mir zu vergeben. Ich habe euch im Stich gelassen, euch alle drei. Es tut mir leid. Es tut mir so leid.«

Etwas, das ein Lächeln hätte sein können oder auch nur das letzte Zucken ersterbender Muskeln, glitt über seine Züge, dann tat Rastoth der Gütige, Rastoth der Wahnsinnige, seinen letzten, gurgelnden Atemzug und starb.

Durdil ließ schweigend, die Fingerspitzen vor den Lippen aneinandergelegt, den Blick über den Rat schweifen, der sich im Konferenzraum versammelt hatte. Seine Augen waren rot vor Müdigkeit und Trauer, und er hatte die Neuigkeit von Rastoths Tod in eine Stille hinein verkündet, die zum Schneiden dick war von rivalisierenden Bündnissen und die vor taktischem Kalkül schwirrte. Wie erwartet, wetteiferten Lorca und Silais erkennbar darum, jeweils die Mehrheit des Rates für sich zu gewinnen und zur neuen Macht in Rilporin zu werden. Um dann vielleicht sogar auf dem Thron Platz zu nehmen.

»Meine Herren, so traurig diese Neuigkeit auch ist, ich werde sie weder der Bevölkerung noch der Truppe mitteilen lassen. Wir werden auch nicht die scharlachrote Fahne hissen oder eine offizielle Trauerwoche ausrufen, wie es eigentlich Sitte ist. Wir sind im Krieg, und von jetzt an gilt Kriegsrecht. Diejenigen von uns, die das Ende der Belagerung erleben werden, können dann auch die Begräbniszeremonien mit aller Pracht und Feierlichkeit durchführen. Doch im Augenblick hat uns allein der Kampf zu beschäftigen.«

»Das ist ungeheuerlich; Ihr habt nicht die Befugnis, das zu entscheiden«, hob Lorca zu sprechen an, dessen goldene Zunge für einen Moment all ihren Glanz verlor. »König Rastoth muss …«

»König Rastoth ist tot. Wir, die Lebenden, haben wichtigere...


Link, Michaela
Michaela Link lebt mit ihrem Mann und engstem Mitarbeiter auf einem aufgelassenen Bauernhof in Norddeutschland. Sie hat zahlreiche Romane aller Art aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt und auch selbst einige phantastische und historische Romane geschrieben.

Stephens, Anna
Anna Stephens hat einen Abschluss in Literaturwissenschaft der Open University und arbeitet heute in der PR-Abteilung einer großen internationalen Kanzlei. Sie hat einen schwarzen Gürtel in Karate, und ihrer Ansicht nach ist es eine große Hilfe, zu wissen, wie es ist, einen Schlag ins Gesicht zu bekommen, wenn man Kampfszenen schreibt. Sie lebt mit ihrem Mann in Birmingham.



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