E-Book, Deutsch, Band 3, 608 Seiten
Stephens Wächter und Wölfe - Die Auferstehung der Dunklen Dame
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-641-20918-6
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 3, 608 Seiten
Reihe: Die "Wächter und Wölfe"-Trilogie
ISBN: 978-3-641-20918-6
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rilporin ist gefallen. Es scheint, als hätten die Roten Götter gesiegt. Doch Rillirin, Dom und ihre Verbündeten sind nicht bereit aufzugeben. Während sie sich auf die alles entscheidende finale Schlacht vorbereiten, schmieden ihre Feinde ganz eigene Pläne. Als es denen tatsächlich gelingt, die Dunkle Dame wiederauferstehen zu lassen, liegt die letzte Hoffnung bei Dom und Rillirin – und ihrem ungeborenen Kind. Beide Seiten werden sich ihren Schicksalen und ihren Göttern stellen müssen, und nur eines ist sicher: Der Tod wartet auf sie alle …
Die »Wächter und Wölfe«-Trilogie:
Band 1: Das Ende des Friedens
Band 2: Das Erwachen der Roten Götter
Band 3: Die Auferstehung der Dunklen Dame
Anna Stephens hat einen Abschluss in Literaturwissenschaft der Open University und arbeitet heute in der PR-Abteilung einer großen internationalen Kanzlei. Sie hat einen schwarzen Gürtel in Karate, und ihrer Ansicht nach ist es eine große Hilfe, zu wissen, wie es ist, einen Schlag ins Gesicht zu bekommen, wenn man Kampfszenen schreibt. Sie lebt mit ihrem Mann in Birmingham.
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RILLIRIN
Sechster Monat, erstes Jahr der Herrschaft von König Corvus
Fort vier, Forts der Südtruppe, Westebene, an der Grenze zu Krike
Als die Alarmglocke des Forts zu läuten begann, wusste Rillirin, dass sie alle tot waren. Rilporin war gefallen, und die Mirak – und Corvus – waren im Anmarsch. Das Glück hatte sie verlassen, und sie würde ihrem Bruder in die Hände fallen. Es war vorbei, all das Davonlaufen, all das Kämpfen und die Freiheit, die Augenblicke des Glücks. Ihre Hände wanderten zu ihrem Bauch, und sie drückte das Rückgrat durch, schöpfte neuen Mut. Nein. Mochte es ruhig vorüber sein – aber nicht ohne einen Kampf.
Sie riss ihren Speer von seinem Platz an der Tür und rannte aus der Krankenstube, wo sich Gilda die Wunde in ihrer Schulter untersuchen ließ, auf den Exerzierplatz hinaus. Soldaten strömten aus der Kaserne und streiften sich ihre Rüstungen über.
»Was ist los?«, fragte sie.
»Die Späher sind zurück. Eine feindliche Streitmacht – sehr groß – nähert sich uns, aber von Osten, nicht von Norden her.«
»Listraner? Verstärkung?«, murmelte jemand. »Bitte, Tänzerin, bitte, lass es Verstärkung sein.«
»Vielleicht Tresh«, meinte ein anderer Mann und wurde mit einem Zischen zum Schweigen gebracht. Offiziere schrien Befehle an die Truppe, sich zu formieren, und so schlüpfte Rillirin zur Seite, rannte in den Eckwachturm und stieg zur Galerie hinauf, bevor irgendjemand sie aufhalten konnte. Auf der Ostmauer stand Oberst Thatcher, Befehlshaber von Fort vier, und schaute durch sein Fernglas zu der herannahenden Staubwolke. Vier war das Fort, das der unbekannten Bedrohung, die da auf sie zuzukommen schien, am nächsten gelegen war; vier war der Ort, an dem die Schlacht beginnen würde.
Thatcher ließ sich Zeit, und Rillirin war schon kurz davor, einfach loszuschreien, als er das Fernglas sinken ließ. »Rilpori. Die Palasttruppe an der Spitze, als Nachhut etwas, das aussieht wie die Leibgarde. Zivilisten in der Mitte.« Er drehte sich zu einem Hauptmann um. »Sadler, meldet es mit den Flaggen.«
Der Hauptmann gehorchte und ließ in einer komplizierten Abfolge von Bewegungen rote und gelbe Flaggen umherwirbeln. Diese Bewegungsabfolgen wurden sodann auf den Mauern von Fort drei, Fort zwei und des Hauptquartiers wiederholt. Die Glocke begann Entwarnung zu läuten, noch während sich die Nachricht verbreitete. Rillirin beugte sich vor, lehnte die Stirn an die Brustwehr und atmete tief durch, um den wilden Aufruhr in ihrem Inneren zu bändigen und in die richtigen Bahnen zu lenken. Rilpori. Bedeutete das, dass sie gewonnen hatten? Der Gedanke ließ sie so schnell wieder hochfahren, dass sie stolperte. Unten auf dem Exerzierplatz erhoben sich aufgeregte Spekulationen, die die zuständigen rangniederen Offiziere schnell wieder unterdrückten.
Fort eins sandte eine mit allem Nötigen ausgerüstete Patrouille aus, um die herannahenden Truppen zu begrüßen, General Hadir persönlich an ihrer Spitze. Binnen Minuten kam von dort das Kommando, die Tore zu öffnen und die Krankenhäuser und Küchen auf einen Massenansturm vorzubereiten.
Rillirin konnte die Armee jetzt auch sehen – das heißt, was von ihr noch übrig war und sich nun erschöpft heranschleppte. Eine große Zahl von Zivilisten in der Mitte, genau wie Thatcher gesagt hatte, weitere Soldaten hinter ihnen, um sie zu beschützen. Und seitlich neben ihnen streifte, in lockerer, gleitender Formation, eine Gruppe von Menschen in Kleidung aus gekochtem Leder und Kettenpanzern durch das trockene Gras der Westebene. Die Wölfe. Ihr stockte der Atem. Sie waren hier. Dalli und Lim und Isbet und Ash und all die anderen. Sie waren hier.
Sie verfolgte das Herannahen des Zuges, bis sich die Formation aufteilte und einzelne Gruppen ausscherten, um die verschiedenen Forts anzusteuern. Dabei achteten die Soldaten, wachsam bis zuletzt, sorgsam darauf, den Zivilisten Schutz zu bieten. Sobald sich Rillirin sicher war, dass die Wölfe zu Fort vier kommen würden, lief sie wieder auf den Exerzierplatz hinunter. Ihr Herz hämmerte in der Brust, und ihr war schwindlig vor Angst und Aufregung.
Dom.
Ob er wohl ebenfalls hier war, unter seinen Leuten, oder befand er sich vielleicht im Gewahrsam der Truppe wegen seiner … Taten? Es wäre natürlich schlimm, ihn in Ketten zu sehen, aber sobald alle verstanden hatten, was geschehen war, dass all die Dinge, die er getan hatte, nicht wirklich seine Schuld gewesen waren, würde die Sache anders aussehen. Selbst Gilda würde vielleicht eine Weile brauchen, um ihm zu verzeihen, aber am Ende würde sie es tun, alle Wölfe würden das. Sie mussten es einfach.
Ihre Gedanken fanden ein jähes Ende, als sich die Tore öffneten und Menschen hereinströmten. Zivilisten, zu Hunderten, eilten mit freudiger Erleichterung in das fast leere Fort, das einst das fünfte Tausend der Südtruppe beherbergt hatte; Soldaten, die nach Rilporin marschiert waren, um dem König zu helfen, und die jetzt vielleicht, wenn sie Glück gehabt hatten, zurückmarschiert kamen. Stimmengewirr erhob sich, von Soldaten und Flüchtlingen gleichermaßen, als die Wundärzte der Truppe und sämtliche Soldaten mit ein wenig Erfahrung im Heilen auf die Neuankömmlinge zueilten und ein Feldwebel mit einer so durchdringenden Stimme, als könnte sie Stein spalten, sie aufforderte, sich in mehreren Reihen vor einem halben Dutzend hastig herbeigeschaffter Tische und Stühle aufzustellen, um ihre Namen zu nennen und sich ihre Quartiere zuweisen zu lassen.
Rillirin hüpfte vom einen Fuß auf den anderen und versuchte verzweifelt, durch das Gedränge der Wölfe zu spähen, um zu sehen, wer sich der Gruppe angeschlossen hatte. Und dann …
»Dalli! Dalli!«
Die kleine Frau fuhr herum, als Rillirin ihren Namen schrie. Die Augen sprangen ihr beinahe aus den Höhlen. » Bei allen verfluchten Göttern, Mädchen, komm her!«
Rillirin rannte am Rand des Gedränges zu ihr hinüber, zwängte sich mit gemurmelten Entschuldigungen zwischen den Neuankömmlingen hindurch und warf sich in Dallis Arme, wo sie in Tränen ausbrach. »Du lebst, du lebst«, schluchzte sie.
» lebst«, erwiderte Dalli, und in ihrer Stimme lag ein Zittern, wie es Rillirin noch nie zuvor gehört hatte. Sie trat einen Schritt zurück und betrachtete Dallis Gesicht: sonnenverbrannt, sommersprossig, die grünen Augen rot gerändert und so dunkel umschattet, dass es aussah, als hätte ihr jemand gleich zwei blaue Augen verpasst. »Verdammte Scheiße, wie kannst du noch am Leben sein?«, fragte Dalli. »Du bist vom Schiff gefallen.«
»Eine lange und langweilige Geschichte«, antwortete Rillirin, wischte sich die Nase an ihrem Ärmel ab und umklammerte mit der anderen Hand immer noch Dalli, als habe sie Angst, die Wölfin könnte plötzlich wieder verschwinden. »Ich habe es zum Ufer geschafft, Gilda in den Händen der Tänzerin gefunden und …«
»Gilda?«
»Götter, ja, Dalli, Gilda lebt! Sie ist hier, verwundet … aber sie ist auf dem Wege der Genesung. Es geht ihr schon wieder ganz gut. Sie ist auf der Krankenstation. Ich kann dich hinbringen – dich und Lim und Ash und Dom.« Beim letzten Namen wurde ihre Stimme leiser und zugleich höher, sodass das Wort fast wie eine Frage klang und eine Art Flehen.
Dallis Gesicht wurde kalt und düster, wie es Rillirin noch nie gesehen hatte, kälter noch als die Maske, die sie bei der Schlacht aufsetzte. Ein Gesicht, für das es weder Vergebung noch Schwäche gab. Dieses Gesicht wusste nichts vom Licht. »Wir haben keine Ahnung, wo Dom ist. Oder Ash. Sie sind verschwunden, als Rilporin gefallen ist. Und Lim ist tot.«
Jetzt ließ Rillirin die andere Frau doch los. Sie taumelte zurück und schlug die Hände vor den Mund. Ein Brechreiz schnürte ihr die Kehle zu. »Rilporin ist gefallen? Du willst sagen, wir haben verloren?« Ihre Worte waren zu laut und drangen bis zu den nächsten Soldaten der Südtruppe durch. Sie hätten es bald genug selbst zu hören bekommen, aber trotzdem, sie brauchten die offizielle Version, nicht irgendwelchen panischen Tratsch.
Dallis Miene verschloss sich noch weiter. »Ja, wir haben verloren, und ja, Lim ist gestorben, genau wie Tausende andere. Doch das bedeutet nicht, dass alles vorbei ist. Komm, bring mich zu Gilda. Sie sollte vom Schicksal ihrer Söhne erfahren – leiblich, adoptiert oder als Ziehkind aufgenommen –, und zwar von niemand anderem als von mir.« Sie leckte sich ihre rissigen Lippen. »Die Wölfe haben mich zu ihrem Häuptling erwählt.«
Rillirin blinzelte die Tränen weg und brachte ein zittriges Lächeln zustande. »Das freut mich für dich, Dalli, wirklich. Du verdienst es. Ich … zur Krankenstation geht es dort entlang. Du wirst sie schon finden, da bin ich mir sicher.«
»Nein«, sagte Dalli mit Stahl in der Stimme. »Du musst alles hören.«
Doch als sich Dalli in die Richtung in Bewegung setzte, in die Rillirin gedeutet hatte, folgte sie ihr, schob sich dann vor die Wölfin und führte sie zu der Priesterin.
Sie war außerstande, sich über das Wiedersehen zu freuen, da sie in Teilen schon wusste, was als Nächstes kommen würde. War Lims Tod irgendwie ebenfalls Doms Schuld gewesen, so wie Gildas Verletzung und wie der Verrat von Rilporin? Sie rieb sich den Bauch, der sich allmählich zu wölben begann und unübersehbar war, wenn sie keine Kleider trug. Als sich Dalli aus ihrer Umarmung gelöst hatte, hatte sich Rillirin sogleich die Bluse zurechtgezupft, um sicherzustellen, dass sie nicht über ihrem Bauch spannte. Sie war sich jetzt schon...




