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E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Reihe: Mörderischer Osten

Stern Denkmalsturz

Katja Friedrichs erster Fall. Ein Leipzig-Krimi
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-86789-841-6
Verlag: BEBUG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Katja Friedrichs erster Fall. Ein Leipzig-Krimi

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Reihe: Mörderischer Osten

ISBN: 978-3-86789-841-6
Verlag: BEBUG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Historiker Bernhard Hoffmann wird tot am Völkerschlachtdenkmal aufgefunden. Die Polizei geht von Selbstmord aus - er ist schließlich nicht der Erste, der sich von der Aussichtsplattform gestürzt hat. Katja Friedrich, eine alte Freundin, mit der sich Hoffmann vor seinem Ableben noch treffen wollte, hegt Zweifel an dieser Theorie und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Hatten Bernhards Forschungen etwas mit seinem Tod zu tun? Wieso interessierte er sich ausgerechnet für das Völkerschlachtdenkmal und die Leipziger Freimaurer? Noch ahnt sie nicht, dass sie die Ermittlungen direkt in dubiose Immobiliengeschäfte und mafiöse Verstrickungen von Politik und Geschäftswelt führen werden ... Vor dem Hintergrund realer Geschehnisse legt Georg Stern mit Denkmalsturz einen ebenso spannenden wie abwechslungsreichen Kriminalroman vor, der Leipzig von seiner wenig bekannten Seite zeigt: als Schauplatz des organisierten Verbrechens.

Georg Stern wurde 1969 in Leipzig geboren, studierte Geschichte und Philosophie. Nach langjährigen Auslandsaufenthalten kehrte er vor einigen Jahren nach Leipzig zurück. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Leipzig in einem ländlichen Anwesen. Denkmalsturz ist sein erster Kriminalroman.
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6

Als Katja aus der Westhalle des Bahnhofs trat, trafen sie Licht und Lärm der Stadt mit solcher Intensität, dass sie einen Augenblick wie gelähmt verharrte. Auf dem Ring raste eine Ambulanz mit Blaulicht und Martinshorn vorbei, vom Fußgängerüberweg kam ihr ein Schwall Menschen entgegen, der zum Eingang drängte, jemand rempelte sie an und entschuldigte sich flüchtig. Sie war genau vor der Schwingtür stehengeblieben und stand im Weg. Aber es war ihr egal. Wie lange hatte sie dieses vertraute Bild nicht mehr gesehen? Vor ihr der Stadtring auf dem Autos vorbeirasten, dahinter an- und abfahrende Straßenbahnen, hastende Menschen, überall der vertraute sächsische Dialekt, über den sie jetzt unwillkürlich schmunzeln musste. Die Fassaden der Gebäude am Brühl, links der Schwanenteich, dahinter ragte schon die Oper auf und das Hochhaus mit dem doppelten »Messe-M« auf dem Dach, das sich immer noch drehte, als ob nichts geschehen wäre, sich überhaupt nichts verändert hätte in den letzten Jahren.

Aber dieser Eindruck täuschte, bei jedem ihrer kurzen Besuche in den letzten Jahren hatte sie Neues entdeckt. Baugruben, wo seit Jahrzehnten Brachflächen gelegen hatten, neue Häuser und Einkaufszentren, wo gerade noch lärmender Baustellenbetrieb geherrscht hatte. Spontan beschloss Katja durch die Innenstadt zu laufen, vielleicht im Eiscafé am Markt einen Kaffee zu trinken, das gab es schon so lange, wie sie zurückdenken konnte, das hatte es schon gegeben, als ihre Eltern noch jung gewesen waren. Und das war es, was sie an Leipzig so liebte: Die Stadt veränderte sich ständig, aber trotzdem gab es Dinge, die blieben. Ihr Telefon meldete sich schon seit einer Weile. Sie war so in ihre Gedanken versunken gewesen, dass sie es nicht bemerkt hatte. Bernhard, dachte sie sofort. Du musst Bernhard anrufen! Aber auf dem Display erschien Geralds Nummer. Katja starrte auf das Telefon in ihrer Hand, bis die Mailbox anging. Nein, sie wollte jetzt nicht mit Gerald sprechen. Nicht jetzt. Dann gab sie Bernhards Nummer ein, um sich endlich bei ihm zu melden.

Über Nikolaistraße und Brühl war Katja zum neuen Bildermuseum gegangen, dann weiter über den Marktplatz und hinüber zum Thomaskirchhof. Eigentlich hatte sie die Peterstraße entlang bummeln wollen, aber der Trubel der Stadt war ihr plötzlich zu viel und der kleine Koffer, den sie hinter sich her zog, zu schwer geworden, und sie hatte einen ruhigen Ort gesucht. Die kleinen Cafés am Kirchhof erschienen ihr jetzt wie eine rettende Insel in all der Bewegung und dem Stimmengewirr. Sie setzte sich an einen der kleinen runden Tische vor dem Bachstübl und bestellte sich einen Cappuccino. Zwei junge Musiker packten gerade ihre Instrumente zu Füßen des Bach-Denkmals aus, eine Gruppe japanischer Touristen blieb erwartungsvoll stehen, und Katja hatte nun endgültig das Gefühl, wieder zu Hause angekommen zu sein. Zurückgelehnt, lauschte sie der Musik.

Katja hatte beschlossen, sich ein Hotelzimmer zu nehmen, zumindest für die erste Nacht. Sie wollte noch ein wenig allein sein. Allein mit ihrer Stadt, die sie sich jetzt zurückerobern würde. Morgen schon hatte sie den Termin im Museum, danach würde sie Bernhard treffen. Und spätestens morgen würde sie sich auch bei ihren Eltern melden müssen. Falls Gerald auf die Idee kommen sollte, dort anzurufen, würden sie sich unnötige Sorgen machen. Alles war plötzlich ganz klar: Sie wusste, dass sie nicht mehr nach Brüssel zurückgehen, nicht mehr zu Gerald zurückkehren würde. Gerald, der sie immer auf Abstand gehalten hatte, gerade so viel Nähe zugelassen hatte, dass sie die Hoffnung nicht verloren hatte. Aber immer, wenn sie mehr von ihm gewollt hatte, mehr Verbindlichkeit und Nähe, auf Distanz gegangen war. Zuerst hatte sie gedacht, dass sich ihre Beziehung verändern würde, wenn sie ihn nicht bedrängte. Wenn sie Geduld haben würde, damit er die Trennung von seiner Frau verarbeiten konnte. Aber es hatte sich nichts verändert, es war alles so geblieben wie am Anfang. Gerald hatte nichts verarbeitet, nur verdrängt. Er wollte eine freundliche, kluge Geliebte, mit der er sich zeigen konnte, aber eine Partnerschaft mit allen Höhen und Tiefen – das nicht. Warum, dachte Katja heftig, warum habe ich das nicht früher gesehen? Die letzten beiden Jahre schienen ihr für einen Moment verloren, vergeudete Lebenszeit, aber auch das war natürlich Unsinn.

Sie hatten sich am Centre de Recherche en Ethnologie européenne kennengelernt. Gerald war Flame, er hatte eine Dozentenstelle an der Brüsseler Universität. Nach ihrem Studium in Freiburg war ihr Brüssel als die große Welt erschienen. Freiburg war klein und freundlich. Kleiner und freundlicher noch als Leipzig und auf Dauer auch langweiliger. Brüssel hatte sie zuerst verwirrt, es war schmutzig erschienen und chaotisch, die Architektur hässlich, später hatte sie es lieben gelernt, der riesige Flohmarkt auf dem Place du Jeu de Balle im Marollenviertel, wo von Geschirr und Stoffen bis zu antiken Möbeln und afrikanischen Schnitzereien alles zu finden war, der Leopold Park mit seinen kleinen Schlössern und Palästen, die Kneipen und Cafés im Quartier Boondael, dem Studentenviertel – das alles war faszinierend und aufregend gewesen. Katja hatte sich in diese fremde Stadt geradezu hineingestürzt. Und Gerald war ihr Mentor geworden, er hatte ihr die Stadt gezeigt, den versteckten Park d’Ègmont, den sie allein niemals gefunden hätte, ein idyllisches Refugium, in das sie sich später immer wieder für ganze Nachmittage zurückgezogen hatte, wann immer ihr die Stadt zu laut und zu hektisch geworden war. Gerald war mit ihr in dem monströsen Justizpalast gewesen, er hatte ihr die Situation zwischen Flamen und Walisern erklärt, er war mit ihr nach Brügge gefahren und ans Meer. Eigentlich, dachte Katja, war Brüssel für sie untrennbar mit Gerald verschmolzen. Wenn sie sich an Brüssel erinnerte, war es immer auch eine Erinnerung an Gerald.

Eine Zeitlang hatte sie gedacht, dass Gerald der Richtige sei. Der, mit dem sie zusammenbleiben und Kinder bekommen wolle. Aber vor einem Jahr waren ihr die ersten Zweifel gekommen. Geralds Interesse für sie hatte nachgelassen, er entschuldigte sich oft mit Arbeit. Irgendwelche Projekte, die ihm offensichtlich wichtiger waren, als mit Katja zusammen zu sein. Und immer wenn eines dieser Projekte abgeschlossen war, tauchte ein neues auf. Das einzige Projekt, mit dem es nicht voranging, war eine gemeinsame Wohnung und eine gemeinsame Zukunft. Irgendwann hatte Katja es aufgeben, davon überhaupt noch zu sprechen. Und Gerald schien es nicht zu stören. Sie hatte eher den Eindruck, dass er froh darüber war. Wenn es nach ihm ging, konnte offenbar alles so bleiben, wie es war. Jede Woche zwei, drei Abende, die man zusammen verbrachte und gelegentliche Ausflüge oder Kurzreisen ans Meer. Aber das reichte ihr nicht. Zuletzt hatte Brüssel nur noch Wiederholung und – schlimmer noch – Stillstand bedeutet. Und sie hatte angefangen sich zu fragen, ob Gerald noch immer der richtige Partner für sie war.

Der Gedanke, nach Leipzig zurückzugehen, war Katja spontan gekommen. Aber als sie angefangen hatte, darüber nachzudenken, war ihr klargeworden, dass er schon seit längerer Zeit in ihr gewachsen sein musste. Sie konnte in Brüssel leben, das hatte sie in den zurückliegenden Jahren bewiesen, sie konnte sich in einem anderen Land zurecht finden, hatte die Sprache gelernt und Freunde gefunden. Wenn ihre Kinder in Belgien aufwachsen würden, dann wären sie hier zu Hause und Leipzig wäre nur noch die Stadt im Osten Deutschlands, in der ihre Mutter aufgewachsen ist. Was für eine Vorstellung! Katja schüttelte über sich selbst den Kopf. Kinder. Bis jetzt war noch nicht daran zu denken. Sie war gerade Anfang dreißig, es war noch genügend Zeit. Andererseits. Die letzten beiden Jahre waren sehr schnell vergangen. Wie würde es weitergehen? Mit Gerald konnte sie über diese Dinge nicht gut sprechen. Am Anfang hatte er noch großartige Vorstellungen mit ihr entwickelt. Drei Kinder, ein Haus, vielleicht am Meer. Er würde sich einen Hund anschaffen, und sie würden jeden Abend in den Dünen spazieren gehen. Aber das waren nur Träumereien. Als er begriff, dass es Katja Ernst war, mochte er nicht mehr über ihre Zukunft sprechen. Und weil er einsilbig wurde, sobald sie das Thema anschnitt, hatte sie irgendwann ganz damit aufgehört. Bis zu dem entscheidenden Abend jedenfalls. Sie hatten in einer Brasserie gegessen und waren dann noch zu Freunden von Gerald gefahren. Katja hatte sich den Abend anders vorgestellt, sie hatte sich vorgenommen, sich endlich mit ihm auszusprechen. Auf dem Heimweg hatte sie gefragt, wie er sich ihre Zukunft vorstelle. Vielleicht war es ein Fehler gewesen. Sie hatten bei Geralds Freunden einiges getrunken. Es war sicher nicht der beste Zeitpunkt gewesen, aber sie hatte einfach nicht länger warten können. Gerald hatte genervt reagiert. Er wolle jetzt leben, nicht in der Zukunft, hatte er gesagt. Und gefragt, warum sie den entspannten Abend unbedingt kaputtmachen müsse.

Katja war innerlich erstarrt. Mit einem Schlag hatte sie begriffen, dass es nichts werden würde mit ihnen. Dass die Jahre vorbeizogen, immer schneller, und sich nichts ändern würde. Nicht mit Gerald jedenfalls. Und sie hatte begriffen, dass sie sich eine Frage beantworten musste: Wollte sie mit fünfunddreißig noch immer in einer Brüsseler Studentenbude leben, mit einer Wochenendbeziehung? Oder wollte sie einen festen Lebensmittelpunkt, Familie, eine klare Zukunftsperspektive?

Einige Tage später hatte sie die Stellenbeschreibung gefunden. Sie wusste nicht mehr, ob sie gezielt gesucht hatte oder aus einer diffusen Sehnsucht heraus im Internet nach Neuigkeiten aus Leipzig gesucht hatte. Das...


Georg Stern wurde 1969 in Leipzig geboren, studierte Geschichte und Philosophie. Nach langjährigen Auslandsaufenthalten kehrte er vor einigen Jahren nach Leipzig zurück. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Leipzig in einem ländlichen Anwesen. Denkmalsturz ist sein erster Kriminalroman.



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