E-Book, Deutsch, 680 Seiten
Stern / Ell-Beiser Phytotherapie in Theorie und Praxis
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-03902-145-1
Verlag: AT Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wirkstoffe verstehen – Heilpflanzen sinnvoll nutzen. Mit 120 Pflanzenmonografien
E-Book, Deutsch, 680 Seiten
ISBN: 978-3-03902-145-1
Verlag: AT Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hella Ell-Beiser ist Heilpraktikerin mit den Schwerpunkten Phytotherapie, Frauen- und Kinderheilkunde sowie Psychosomatik. Cornelia Stern ist Apothekerin mit Spezialisierung in Naturheilkunde. Leiterin der Freiburger Heilpflanzenschule und Dozentin für Phytotherapie, Spagyrik, Gemmotherapie und klassische Homöopathie.
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1. Geschichte der Pflanzenheilkunde
Eine Entwicklung der Menschheit ohne Heilpflanzen – wäre das vorstellbar? Wohl kaum! Synthetische Arzneimittel gibt es erst seit rund 200 Jahren, die ersten Hominiden haben ihre Spuren bereits vor zwei Millionen Jahren hinterlassen, und über diesen langen Zeitraum standen ausschließlich die Heilpflanzen als verlässliche und wirksame Helfer bei Krankheiten und Verletzungen zur Verfügung. Sie haben so entscheidend zum Überleben der Gattung Mensch beigetragen.
Woher wussten die ersten Menschen, welche Heilpflanzen zu nutzen sind, um ihren Leiden Linderung zu verschaffen oder Heilungsprozesse anzuregen? Wahrscheinlich waren in der Frühzeit neben der eigenen Intuition auch erkrankte oder verletzte Tiere ihre Lehrmeister – an ihnen lässt sich auch heute noch beobachten, welches Kraut wann hilft. Beispielsweise bei Kühen auf der Weide: Wenn der Sommer nass und kalt ist, fressen sie Mädesüß, das sie ansonsten nicht anrühren würden. Mädesüß ist eine Heilpflanze, die bei Erkältung eingesetzt wird. Oder an Vögeln, die bei Milbenbefall ihrer Nachkommen die Nester mit Lavendel bestücken.
Archäologische Funde lassen auf eine bereits sehr lange bestehende Nutzung von Pflanzen durch den Menschen schließen. So hat man in der Shanidar-Höhle auf heutigem irakischem Gebiet ein 60 000 Jahre altes Grab gefunden, ausgelegt mit Pflanzen im Blühstadium, die mittels Pollenanalyse bestimmt werden konnten. Man nimmt an, dass die insgesamt 28 verschiedenen Heilpflanzen als Grabbeigabe den Toten auf der Reise in die Anderswelt nähren, ihn vor Unheil und bösen Geistern beschützen und seine Krankheiten heilen sollten.
Aus altägyptischer Zeit stammt eine rund 3500 Jahre alte, 18 Meter lange Papyrusrolle, der Papyrus Ebers, in dem Beschreibungen von Heilpflanzenanwendungen zu finden sind. Auch die Gletschermumie »Ötzi« trug Heilpflanzen bei sich, und entsprechend lassen sich noch unzählige Belege für die uralte Verbindung zwischen Mensch und Heilpflanze finden.
Zudem wurde zwischen medizinischem Einsatz der Pflanzen und ihrer Verwendung als Nahrungsmittel zumeist nicht unterschieden, wie das bekannte Zitat »Eure Nahrungsmittel sollen eure Heilmittel, und eure Heilmittel eure Nahrungsmittel sein« zeigt, das fälschlicherweise dem griechischen Arzt Hippokrates (ca. 400 v. Chr.) zugeschrieben wird.
Sicher belegt ist, dass die meisten Heilkundigen mit Pflanzen geforscht haben. Besonders erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang Dioskurides. Als griechischer Arzt diente er unter dem römischen Kaiser Nero und beschrieb im 1. Jahrhundert n. Chr. in seiner »De Materia medica« 813 Heilpflanzen und 4740 Anwendungen. Viele Überlieferungen aus der Antike, von den Griechen, den Römern und auch den Kelten, bezeugen den lange zurückreichenden Einsatz von Heilpflanzen.
Ein hervorragender Gelehrter war auch der persische Arzt Avicenna (980–1037). Auf seine Schriften beriefen sich viele mittelalterliche Heilkundige. Sein medizinisches Handbuch »Canon medicinae« war 700 Jahre lang Grundlage für die medizinische Ausbildung in vielen Universitäten.
Auf altes Wissen zurückgreifend, erließ Kaiser Karl der Große 800 n. Chr. die Landgüterverordnung »Capitulare de villis«, vorrangig um seine Krongüter zu ordnen. Aber im 70. Kapitel werden hier 73 Nutz- und Heilpflanzen sowie 16 verschiedene Obstbäume genannt, die auf allen kaiserlichen Gütern angepflanzt werden sollten. Zur gleichen Zeit entstanden in zahlreichen Klöstern Gärten mit einer großen Vielfalt von Nutz- und Heilpflanzen. Weithin bekannt waren und sind der Klostergarten der Benediktinerabtei Lorsch und der Garten des Klosters auf der Insel Reichenau, dessen Abt Walahfrid Strabo das »Liber de cultura hortorum« über die Pflege der Gärten schrieb.
Nach wie vor schätzen viele Menschen die sogenannte »Hildegard-Medizin«. Sie geht zurück auf die Benediktineräbtissin Hildegard von Bingen (1098–1179), die das Wissen der Antike über Krankheiten und Pflanzen mit den Erkenntnissen der damaligen Volksheilkunde verbunden hat. Sie schrieb zwei bedeutende Werke zur Naturheilkunde, das »Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum« (Buch von den Geheimnissen der verschiedenen Naturen der Geschöpfe), das später unter dem Titel »Physica« gedruckt wurde, sowie das »Causae et curae« (Ursachen und Behandlungen) mit Beschreibungen von Krankheiten und ihrer Therapie. Der Überlieferung zufolge konnte sie ihr Wissen durch göttliche Eingebungen in tranceartigen Zuständen erweitern.
Im 16. Jahrhundert, dem Zeitalter der Renaissance, sind auch einige bedeutende Pflanzenforscher aufgetreten. Dazu gehören folgende:
- Hieronymus Bock (1498–1554), der auch als Arzt berühmt wurde, beschrieb auf vielen Reisen mitteleuropäische Heilpflanzen. Daraus entstand sein Hauptwerk »New Kreütter Buch«.
- Pietro Andrea Mattioli (1501–1577), Arzt und Botaniker in Italien, war ein ausgezeichneter Kenner und Übersetzer antiker Schriften, insbesondere von Dioskurides.
- Leonhardt Fuchs (1501–1566) lehrte als Mediziner und Pflanzenkundiger an der Universität Tübingen bis zu seinem Tod. Sein bekanntestes Werk ist das »New Kreuterbuch«. Dessen hervorstechende Qualität brachte ihm die Bezeichnung »Vater der Botanik« ein.
- Jacobus Theodorus Tabernaemontanus (1522–1590) hieß eigentlich Jakob Dietrich und war Arzt und Apotheker. Als Autor schrieb er mehrere Werke, unter anderem »Ein neuwes Artzney Buch« und »Neuw Kreuterbuch«, die auch für Laien verständlich waren.
- Adamus Lonicerus (1528–1586) hieß eigentlich Adam Lonitzer und war als naturforschender Arzt tätig. In seinem Hauptwerk »Kreuterbuch« hat er die Erkenntnisse und Abbildungen der naturheilkundlichen Schriften seiner Zeit verarbeitet und damit ein volkstümliches Heilpflanzenbuch geschaffen, das fast 250 Jahre lang immer wieder nachgedruckt wurde.
Unter den Medizinern und Naturforschern ragt Philippus Theophrastus Aureolus Bombast von Hohenheim, genannt Paracelsus (1493–1541), hervor. Er war wohl einer der berühmtesten Ärzte dieser Zeit und gleichzeitig ein Revolutionär. Geltende Dogmen wie die Viersäftelehre von Hippokrates und Galen oder das Purgieren (der Einsatz von Abführmitteln) und den Aderlass lehnte er ab, seine Vorlesungen und Schriften waren entgegen dem allgemeinen akademischen Brauch nicht in lateinischer, sondern in deutscher Sprache verfasst. So kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit medizinischen Gelehrten an den Universitäten und mit diversen Gerichtsbarkeiten. Oft verjagt, führte er ein unstetes, durch viele Reisen gekennzeichnetes Leben. Ihm haben wir unser Wissen über die Medizin des einfachen Volkes, das meist weder schreiben noch lesen konnte, zu verdanken. Er war sich nicht zu schade dazu, die als Hebammen wirkenden weisen Frauen, die Bauern und die Alchemisten sowie die Fahrenden zu befragen und deren Wissen zusammen mit seinen Erkenntnissen aufzuschreiben. Daraus entstand die sogenannte »Paracelsus-Medizin«, eine medizinische Alchemie, die er Spagyrik nannte. Paracelsus »Sämtliche Werke« liegen auch in neuzeitlichem Deutsch vor, am bekanntesten ist die Übersetzung des Arztes Bernhard Aschner.
Mit der Entwicklung der Naturwissenschaften im 18. und 19. Jahrhundert insgesamt und den daraus hervorgehenden, zunehmend exakteren Forschungsinstrumenten und -geräten hat auch die Pflanzenkunde große Fortschritte gemacht. Einer ihrer wichtigsten Protagonisten war Carl von Linné (1707–1778), ein schwedischer Arzt und Forscher. Er brachte mit seiner neuen botanischen Systematik und Nomenklatur eine allgemeingültige und eindeutige Ordnung in die bisherige Uneinheitlichkeit der Pflanzenbenennungen. Damit schuf er eine wesentliche Grundlage für die wissenschaftliche Erforschung der Pflanzenwelt.
Tiefere Erkenntnisse über die rein naturwissenschaftliche Betrachtung hinaus verdanken wir Persönlichkeiten wie Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), Dichter und Universalgelehrter, der auch viele seiner tiefgründigen Beobachtungen zur Natur niederschrieb. Hierzu gehören beispielsweise »Die Metamorphose der Pflanzen« oder seine »Farbenlehre«.
An Goethe knüpfte Rudolf Steiner (1861–1925) mit seiner Lehre und seinem Wirken an. Als Philosoph, Erkenntnistheoretiker, Forscher und Begründer der Anthroposophie verband er in seinen vielen Schriften und Vorträgen die naturwissenschaftliche mit der geistigen Welt, was einen neuen, spirituell geprägten und umfassenden Blick auf viele Bereiche ermöglichte, beispielsweise die Medizin, die Landwirtschaft oder die Pädagogik.
Zu den ungezählten pflanzenheilkundigen Praktikern mit Ausstrahlung über ihren unmittelbaren Wirkungskreis hinaus...




