E-Book, Deutsch, 312 Seiten
Sternheim Chronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8496-4273-0
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 312 Seiten
ISBN: 978-3-8496-4273-0
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Carl Sternheim gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der Literatur der Wilhelminischen Zeit. In dieser Sammlung finden sich die Novellen: Busekow Napoleon Schuhlin Meta Die Schwestern Stork Ulrike Posinsky Heidenstam Der Anschluß Die Hinrichtung Vanderbilt Yvette Die Poularde Die Laus
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Ob der musikalischen Erfindung des Ludwig Schuhlin Größe in dem Umfang innewohnt, wie er sie ihr zumaß, wird die Zeit lehren. Ob er die gewaltige Überzeugung hatte, die er zur Schau trug, weiß Gott allein. Die ihm nahestanden, wurden von seinen Stücken gerührt; weitere Welt hat ihnen den Erfolg versagt.
Schuhlin kam aus der Tiefe des Volkes. Proletarisch ernährt und erzogen, lief ihm das Leben bis ins Jünglingsalter schmucklos hin. Ein Pianoforte, aus einem Erdgeschoß klingend, traf sein Herz mit edler Empfindung, setzte ihn in Schwung, dem er nicht mehr entrann. An eine Regentraufe gelehnt, hörte er viel feierliche, fröhliche Musik, die sich in seine Seele senkte. Bis er eines Tages entdeckt, von dem gerührten Spieler in dessen Umgebung gezogen wurde. Hinhörend, lernte er des Spieles Elemente, griff, begriff Tasten und ihre Bedeutung. Welt ward ihm völlig Klavier. In Terzen, Quinten, Oktaven sprang sein Denken, Dur und Moll spannte sein Herz. Über die Leiter Schubert- und Beethovenscher Empfindungsstürme entrückte er dem gemeinen All, stand mit zwanzig Jahren in Kleidern des Kleinbürgers in Sphären auserwählter Menschheit. Geld auf Fahrten verdienend, die er mit einem Flötenbläser, einem Trompeter über Märkte seines Bezirkes zu Kirmes und Kirchweih unternahm, gab er es nur zu Teilen für seinen Unterhalt aus, verwandte das meiste für Unterricht bei bedeutenden Lehrern, bis er große Klavierstücke so selbständig aus dem Flügel hämmerte, daß ihm innere Bewegung verständiger Zuhörer überall gewiß war. Da verließ er die Heimat, gewann auf Reisen Sicherheit der Lebensformen. Man traf ihn im Frack, den er nicht übel zu tragen wußte, nach dem Abendessen in Salons reicher Kaufleute vor dem Klavier. Den schönen Kopf über das Notenblatt gehoben, spielte er, und bürgerliche Frauen öffneten ihm die Herzen. Stand er auf, kam, von rhythmischen Wellen getragen, durch den Raum, senkte er den Blick in begeisterte Augen, die er merkte, von denen er Lohn forderte. Überall nahm er das leicht zu ergreifende Weib mittlerer Kreise als Beute, schüttelte ihr geringes Eigenteil, mit dem er sich stärkte, aus ihr heraus. In immer bessere Zirkel brachte ihn die mit Begeisterung geübte Kunst, ihm fehlte bedeutendes Einkommen, lebhafter Beifall nicht. Sein Selbstbewußtsein verlangte überzeugendere Erfolge: Verehrung einer großen Dame, Freundschaft eines in den Künsten dilettierenden Mannes von Welt. So wurde er der repräsentable Geliebte reicher Frauen, die sich langweilten, geistiger Zusammenklang blasierter Dandys.
Doch war seine Hingabe und Aufopferung größer als desjenigen, der den Bund mit ihm schloß. Denn seines Gehirnes Kraftentfaltung war Entgelt für ruhende Güter, die der andere aus Geburt und Vererbung besaß. Nie war Schuhlins Übergewicht so groß, daß ein Mensch sich ihm einfach beugte. Er bedurfte des polierten schwarzen Kastens, Aufmerksamkeit, die seine Eigenliebe wollte, zu erzwingen. War aber Zuneigung erlangt, wuchs nie er dem andern ans Herz, doch Vorstellung gespielten Klaviers, musikalisches Genie eines Toten mit ihm. Aus Liebesversunkenheit lallte die Frau nicht das bezügliche Wort, doch eine empfindsame Tonfolge, deren Schöpfer nicht, deren Vermittler er war. Das heimlichste Gespräch, jeder kostbare Augenblick des Lebens glitt über ihn zu den ursprünglicheren Geistern hin, deren Einfälle er auf Tasten spielte.
Im zarten Anschlag einer Nerve spürte er vom Nächsten ein Gefühl, das über prompt zu Lieferndes quittiert. Ein blasiertes Danke, das man dem Bedienten lispelt. Kein spontaner Dank, Jubel kam ihm entgegen, hob sein Herz zu Sternen. Davon wurde er krank, begann Erreichtes, den augenblicklichen Zustand zu hassen, floh aus bequemen Verhältnissen aufs Land, wo er in einem Bauernhaus am Seeufer Vergangenheit und Zukunft umständlich bedachte.
Er begriff, reproduzierendes Künstlertum konnte der Hebel nicht sein, mit dem Welt aus Angeln heben, der in ihm gärende Machthunger sich befriedigen ließ. Keinen Augenblick zögerte er, Brücken zur Vergangenheit abzubrechen, verschwand von der Weltbühne, rollte sich, ein Igel, in des ländlichen Platzes Einsamkeit, wo er drei Jahre lang das mächtige eigene Wesen in Scharniere preßte, keinen Hauch seiner Person durch Gespräch oder Mitteilung entweichen ließ. Wie in einen Spartopf senkte er mit grimmigem Lächeln jeden Einfall ins eigene Innere, verbot sich den winzigsten Gedanken von sich fort. Abends faltete er Hände im Bett über den schwellenden Bauch, freute sich, als Wesensüberfülle gegen des Leibes Wände tobte. Nachdem er der Stärke des Dranges sicher geworden war, legte er Notenpapier vor sich hin, und wie hochgespannter Dampf durch geöffnete Hähne zischt, fuhr Empfindungssturm in Noten auf die Seiten. Er sah die ersten Niederschriften, verglich sie, begriff ihren unterschiedlichen Wert. Auf Spaziergängen ließ er das wenigste gelten, nahm es in sich zurück, sah die geläuterten Themen in gültiger Form als seine ersten Lieder aufgezeichnet.
Aus Gedichten Hölderlins wählend, was durch des Gedankens Verwandtschaft vereint war, drängte er zwei Dutzend Gesänge in heftigem Schaffenssturm zusammen, erschien von neuem mit dem Manuskript in der Hauptstadt. Versammelte den Kreis ehemaliger Freunde, spielte das Werk mit so innigem Ausdruck, daß die Zuhörer gepackt waren, er selbst von seiner einzigen Bedeutung überzeugt wurde. Mit Wucht etablierte er vor sich und anderen des Genius Geste, der außerordentliche Rechte hat, nahm ohne Bedenken von bemittelten Anhängern den monatlichen Zuschuß, der ihn ernähren mußte. Saß die Gesellschaft nach dem Vortrag einer gelungenen Komposition ergriffen um seinen Platz am Flügel, brachte er ihr, von Schöpferglück geschwellt, die Überzeugung bei, es sei ihres irdischen Daseins besserer Zweck, ihm auf alle Weise über des Lebens Härten zu helfen. Ihr Lohn sei ihnen in seiner Lebensbeschreibung gewiß. So ließ sich geschmeichelte Wohlhabenheit zu Aufwand herbei, verschönte sein Leben mit praktischen Gaben, verschwenderischem Lob. Er aber, von überallher Anerkennung schlürfend, schwoll zu einem Koloß des Selbstbewußtseins, der nicht duldete, daß in dem von ihm beglückten Haus von anderem als von ihm die Rede war, wobei, ob man seine menschlichen oder künstlerischen Eigenschaften mehr verherrlichte, ihm gleichblieb. Dazu schied er den Freund vom Freunde, indem er den verächtlich machte, Gatten voneinander, weil jede Gemeinschaft zweier Wesen seinen Zwecken gefährlich schien. Nie versäumte er, war ihm ein Eindruck aus seiner Person gelungen, auf jemandes Niedrigkeit, der bedürftig war, hinzuweisen. Wie, zum Teufel, verdiente der Betreffende Teilnahme, während Auserwählte mühsam ihr Leben fristeten? Müßte er nicht immer noch, nachdem Gott ihm den genialen Einfall seines großen Klavierkonzertes geschenkt hatte, auf die notwendige Erholungsreise in den Süden verzichten? Wer von den Anwesenden ahnte überhaupt etwas von den zerfleischenden Ausgleichungen, die in der Seele dämonischer Menschen stattfinden? Und von Ergriffenheit über sich selbst gepackt, vermochte er ein Tonstück so rührend zu spielen, daß die im Gewissen gemahnten Freunde sich ernstlich, ob ihnen Besitz vor Schuhlin erlaubt sei, bedachten. Es lief der Hausherr zum Bücherschrank, und ein kostbares Werk aus den Reihen nehmend, dem Meister zum Andenken an den feierlichen Abend reichend, zwang er Tränen aus der übrigen Augen, die sich jeder weitere Opfer gelobten.
Als Schuhlin sah, welche unwiderstehliche Macht er auf törichte, eitle Menschen hatte, ergriff ihn die Vorstellung phantastischer Möglichkeiten. Wirkung auf sie, Absicht mit ihnen wurde des Lebens Hauptzweck, er ließ seine Arbeit ruhen. Mächtig reizte es ihn, fühlte er eines Opfers Bereitwilligkeit, das weit über ursprünglich gesetzte Grenzen zu stoßen. Widerstände mit Worten, rührenden Gebärden fortbiegend, schritt er über den Schwächeren auf Ziele zu, die ihn anfangs nur mit der Wonne, Sieger zu sein, beglückten. Später sog er aus der Überwindung fremder Personen um so größeren Genuß, je mehr der Besiegte, wenn möglich ein dritter, verächtlich durch sie wurde. Denn aus der Niederwerfung sittlich Entseelter trank er mühelos und gründlich den Rausch zügellosen Selbstbewußtseins. Doch die auf die Knochen Geprügelten fingen ihn zu scheuen an, mieden ihn; Fama begann, Neugierige zu warnen. Wie er Anstrengungen verdoppelte, Ruten geschickter legte, die Opfer wurden selten und magerer, letzte Versuche, die er mit Aufwendung gleisnerischer Tränenströme, hysterischer Erschütterungen anstellte, einstiger Macht entscheidenden Erfolg zu spüren, schlugen fehl. Die Wirkung des allzu bekannten, oft gehörten, wenig umfangreichen musikalischen Werkes, seiner menschlichen Spiegelfechtereien war erschöpft. Die unwiderstehlichen Energien großer Städte drückten ihn in den Schatten. Innere und äußere Existenzmittel begannen zu fehlen.
Ehe das Elend ihn völlig erreichte, war er zum zweitenmal in die ländliche Vergessenheit enteilt, mit Haß gegen die Welt, die seinem eisernen Griff entschlüpft war, gefüllt. Er begriff nicht, wie sich der Mensch, der bei Verstand war, der Wollust, von ihm Gottbegnadeten beherrscht zu sein, entziehen mochte. Dieses Gottesgnadentums selbst wieder innezuwerden, setzte er sich an ernsthafte Arbeit, entzündete sich an der unbesiegten, erweiterten Schöpferkraft, die aus...




