E-Book, Deutsch, 140 Seiten
Stevens Hellseherin und Schwarzseher
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7526-7077-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 140 Seiten
ISBN: 978-3-7526-7077-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hellseherin trifft Schwarzseher - und verliert vorübergehend den Durchblick! Die Studentin Nicole gibt nebenbei hellsichtige Beratungen zu finanziellen Themen. Von allem, was mit Liebe, Lust und Leidenschaft zu tun hat, lässt sie die Finger. Dies ändert sich, als der gut aussehende Unternehmer Dominic sie um Hilfe bittet. Bei ihm scheinen ihre Fähigkeiten jedoch zu versagen. Dominic glaubt ihren Vorhersagen nicht und hält sie für eine Betrügerin. Zwischen Selbstzweifeln und Verliebtheit verschwimmen für Nicole die Grenzen zwischen Vision und Realität. Kann man gleichzeitig hellsichtig sein und trotzdem blind für das, was einen selbst betrifft? Für Nicole geht es bald nicht nur um ihre berufliche Ehre, sondern auch um ihr privates Glück ...
Kelly Stevens studierte in England Literatur und Kreatives Schreiben und arbeitete in Deutschland in verschiedenen Jobs im Medienbereich. Sie schreibt Erotic Romance in allen möglichen Längen und Variationen, von Kurzgeschichte bis Roman.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
»Sie müssen mir helfen, bitte! Mein Bildschirm ist schwarz. Ich weiß nicht, ob er kaputt ist, aber ich muss dringend eine Datei bearbeiten.« Die Stimme der Anruferin klingt leicht panisch. Ich murmele ein paar beruhigende Worte, sehe auf meinen eigenen Bildschirm, auf dem der Cursor blinkt, und schließe meine Augen. Mental gehe ich die möglichen Fehlerquellen durch, bis mir etwas Gelbes auffällt. Ein Quietscheentchen? »Gibt es am Verbindungskabel von Monitor zu PC etwas Gelbes?« »Nein, das Kabel ist schwarz.« Ich runzle die Stirn. »Könnten Sie vielleicht einmal nachschauen, bitte? Da muss irgendetwas Gelbes sein, das den Fehler verursacht hat.« Einem Mann gegenüber hätte ich nicht so gesprochen, aber bei dieser Frau ahne ich schon, was gleich passieren wird. Ein paar Sekunden herrscht Schweigen am anderen Ende der Leitung, dann bekomme ich undeutlich ein »Das darf doch nicht wahr sein, wie kommt denn das hierhin?« mit. Sekunden später ist sie wieder deutlich hörbar. »Ein gelbes Quietscheentchen. Mein Sohn scheint beim Spielen das Kabel rausgerissen zu haben. Jetzt geht der Bildschirm wieder. Wie haben Sie das nur gewusst, es ist ja fast so, als ob sie hellsehen können?« Ich lächele, verabschiede mich mit einer unserer Callcenter-Standardfloskeln und werfe einen Blick auf meinen Bildschirm Es ist kurz nach zehn Uhr abends, meine Schicht ist für heute beendet. Ich nehme mein Headset ab, logge mich im System aus und ziehe meine Tasche unter dem Schreibtisch hervor. Auf dem Weg nach draußen stecke ich noch schnell den Kopf ins Teamleiterbüro. »Ciao Christa, bis morgen Mittag um zwölf?« »Ciao Nicole, schönen Feierabend.« Christa, meine Lieblingsteamleiterin, nickt mir zu, bevor sie sich wieder ihrem Rechner zuwendet. Ich laufe die breite Treppe hinunter und gelange vom neonerhellten Großraumbüro im zweiten Stock einer ehemaligen Fabrikhalle auf einen Berliner Hinterhof mit schummriger Beleuchtung, wo ich mein Fahrrad abgestellt habe. Reflexartig checke ich mein Smartphone, bevor ich meine Tasche in den Fahrradkorb werfe. Sechs Anrufe in Abwesenheit, alle von einer unterdrückten Nummer. Während ich noch überlege, wer mich angerufen haben könnte, klingelt es erneut. »Hallo?«, melde ich mich. »Könnte ich bitte mit Madame Jana sprechen?« Die Stimme gehört einem Mann. Sie klingt nicht unsympathisch, dennoch spüre ich einen kalten Luftzug im Nacken und halte instinktiv die Luft an. Madame Jana ist mein Künstlername, den nur wenige Menschen kennen, und die Stimme des Anrufers ist mir unbekannt. Weder habe ich eine Website noch schalte ich Anzeigen; mein kleiner Nebenjob ist nur wenigen Leuten bekannt, und genau so soll es eigentlich auch bleiben. »Am Apparat«, antworte ich dennoch. »Ein Bekannter hat mir Ihre Nummer gegeben, Karim Karaman?« Es klingt wie eine Frage. Karim ist ein junger Unternehmer, den ich seit zwei oder drei Jahren regelmäßig berate und der mich schon einige Male weiterempfohlen hat. »Worum geht es denn?« Ich bemühe mich, geschäftsmäßig zu klingen, während ich gleichzeitig versuche, mein Fahrradschloss zu öffnen. »Nicht am Telefon. Können wir uns treffen? Morgen um halb zehn im Ritz. Im Foyer.« Das geht mir gerade alles zu schnell. »Mo…« Moment, wollte ich sagen, werde aber abgelenkt, weil mein Fahrrad mir wegrutscht und krachend auf den Asphalt fällt. Schnell greife ich nach meinem Smartphone, das mir ebenfalls aus der Hand zu gleiten droht. »Morgen um halb zehn«, höre ich noch, bevor die Verbindung unterbrochen wird. Ich bin kein Frühaufsteher. Diese Tatsache wird mir am nächsten Morgen im Bad wieder einmal bewusst, während ich verschlafen versuche, Make-up aufzulegen. Madame Jana trägt dunkelroten Lippenstift, Rouge und Smokey Eyes. Außerdem trägt sie ihre langen blonden Haare offen und nicht in dem praktischen Zopf, den ich mir normalerweise morgens mache. Da ich vermute, nach dem Termin im Ritz mehr oder minder direkt zum Callcenter fahren zu müssen, entscheide ich mich für Jeans, flache Schuhe und ein weißes T-Shirt, über dem ich eine bunt gemusterte Tunika trage. Ein halbes Dutzend Ketten und Armreifen vervollständigen das Bild, das sich viele Kunden von einer Hellseherin machen. Nach dem Termin kann ich Tunika und Schmuck in meine Tasche stopfen, meine Kriegsbemalung abwaschen und als Nicole zur Arbeit erscheinen. Normalerweise würde ich an Tagen, an denen ich Spätdienst und vorlesungsfrei habe, morgens gemütlich eine Stunde im Café sitzen und in aller Ruhe E-Mails checken, im Internet surfen und frühstücken. Der einzige Luxus, den ich mir in meinem Studentenleben gönne. Wenn man, wie ich, nicht nur einen, sondern gleich drei Jobs hat, braucht man ab und zu Momente, in denen man abschalten – oder zwischen verschiedenen Leben hin- und herschalten – kann. An diesem Morgen trinke ich zu Hause nur schnell im Stehen eine Tasse Tee, bevor ich nach meiner Tasche greife. Meine Handtasche ist, laut Meinung meiner Freunde, ein riesengroßes, bunt geblümtes Ungetüm, in dem ich meinen halben Hausstand mit mir herumschleppe. Tatsächlich sind es nur wichtige Sachen wie Schlüssel, Smartphone, Taschentücher, Strickjacke und Madame Janas Leben, das ich in Form von bunten Tüchern, einem Pendel und diversen Kartendecks permanent bei mir habe. Auf dem Weg zur Tür ziehe ich noch schnell eine Tageskarte aus der bunten Glasschale, in der mein Tarotdeck liegt. Der Magier, eine meiner Lieblingskarten. Der Tag verspricht, gut zu werden. Die Fahrt mit dem Rad dauert kürzer als geplant. Es ist erst kurz nach neun, als ich am Potsdamer Platz ankomme. Suchend schaue ich mich um, wo ich mein Fahrrad sicher abstellen kann. Nachdem ich es abgeschlossen habe, schnappe ich mir meine Tasche aus dem Fahrradkorb und gehe auf den Hoteleingang zu. Roter Teppich und ein uniformierter Herr vor der Tür, der mir selbige öffnet. Beeindruckt betrete ich das Foyer. Auch hier: noch mehr Teppich, wenn auch in dezenteren Farben, riesiger Blumenschmuck, eine imposante, geschwungene Treppe, die in den ersten Stock führt, Kronleuchter. Eine Rezeption nehme ich nicht wahr, wohl aber, dass sich links des Eingangs eine Art Bistro befindet. Wie in Trance steuere ich darauf zu. Irgendetwas sagt mir, dass ich dort etwas finden werde, was mir sehr wichtig ist. An einem der ersten Tische sitzt ein extrem gut aussehender Mann. Noch relativ jung, vielleicht um die dreißig. Er trägt Jeans, ein weiß-blau gestreiftes Hemd und akkurat gestutzte dunkle Locken. Seine Aura zieht mich magisch an: Obwohl sie hell schimmert, wirkt er traurig. Sein Anblick berührt mein Herz. Selbst im Nachhinein betrachtet habe ich keine Ahnung, was in diesem Moment passiert ist. Ich weiß nur, dass ich alles um mich herum ausblende, auf seinen Tisch zugehe und ihm meine Hand hinstrecke. »Guten Morgen, wir sind verabredet.« Er ergreift sie nicht. Einen Moment wirkt er irritiert, dann trifft mich ein eiskalter Blick aus blauen Augen. »Zieh deine Nummer mit jemand anderem ab, Schätzchen.« »Wir sind nicht verabredet?«, frage ich leise. Ich war mir so sicher, als würde ich von ihm angezogen wie eine Motte vom Licht. »Du bist gut, Schätzchen, das muss man dir lassen, aber bei der Security wirst du damit nicht durchkommen, wenn die dich gleich aus deinem Lieblingsrevier wirft.« Er erhebt sich halb, und mir kommt ein böser Verdacht. »Ich bin keine … Haben Sie mich gestern Abend nicht angerufen und einen Termin für halb zehn ausgemacht?« Nun ist er derjenige, der verwirrt aussieht. »Madame Jana?« Ich nicke. »Wie haben Sie …? Nein, raus hier, sofort!«, zischt er. Fehlt nur noch, dass er mich eigenhändig rauswirft. Was hat mich an ihm eben noch so angezogen? Er ist unhöflich und zieht auch noch falsche Schlüsse. »Na gut, dann gehe ich eben wieder«, entgegne ich eingeschnappt. War mein Instinkt gestern Abend doch richtig, dass ich mich eigentlich nicht mit ihm treffen wollte. »Man darf uns nicht zusammen sehen! Warten Sie im Foyer, ich lasse Sie um halb abholen.« Der Mann scheint unter Verfolgungswahn zu leiden. Ich packe wortlos meine Tasche, drehe mich um und verlasse hoch erhobenen Hauptes das Bistro. Kaum habe ich die Tür passiert, sinke ich wie ein Häufchen Elend in mich zusammen. Nein, mitten im Foyer eines Luxushotels werde ich nicht die Fassung verlieren. Ich zwinkere ein paarmal, weil plötzlich alles verdächtig verschwommen aussieht, und trete wieder auf die Straße in die Realität. Was war das gerade? Mein Körper, mein Geist, meine Seele wussten, dass er es war, der auf mich gewartet hat. Selbst, wenn ich mich selbst nicht als Hellseherin akzeptiere, in dem Moment, in dem ich ihn zum ersten Mal sah, wusste ich, dass wir zusammengehören. Warum hat er mich nicht erkannt? Es ist Viertel nach neun, ich bin genervt, durcheinander, wütend auf den Unbekannten, der mich für eine Prostituierte gehalten und so unverschämt behandelt hat, und wütend auf mich, dass es mir etwas ausmacht. Am liebsten würde ich wieder nach Hause fahren, mir die Schminke abwaschen und einfach nur Nicole sein. Glücklicherweise fällt mein Blick, bevor ich komplett in Selbstmitleid versinken kann, auf einen Coffeeshop. Vielleicht hat mir einfach...




