E-Book, Deutsch, Band 1, 448 Seiten
Reihe: Die Rachejagd-Trilogie
Stevens / Suchanek Rachejagd - Gequält
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-641-27194-7
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch, Band 1, 448 Seiten
Reihe: Die Rachejagd-Trilogie
ISBN: 978-3-641-27194-7
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Vor drei Jahren wurde Journalistin Anna Jones zusammen mit ihrer Freundin Natalie entführt und von ihrem Peiniger Edward Harris auf vielfache Art gequält. Anna konnte fliehen, Natalie starb. Diese Schuld verfolgt Anna bis heute. Als sie einen blutbefleckten Brief erhält, wird schnell klar: Edward Harris ist zurück. Nick Coleman, Annas Jugendliebe und FBI-Agent, nimmt die Ermittlungen auf. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Zane Newton, der Profilerin Lynette McKenzie und Nick versucht Anna herauszufinden, was Harris vorhat. Ein perfides Spiel beginnt, bei dem nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Ein Spiel, das nicht nur für Anna tödlich enden könnte. Ein Spiel, das nur ein Ziel hat: Rache.
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2. KAPITEL
Nick ging in seinem Büro auf und ab. »Beruhige dich, ich kümmere mich darum«, sagte er in sein Smartphone. »Schick mir ein Foto von dem Brief. Und steck ihn in eine Tüte. Nicht mehr berühren! Du solltest in der Redaktion bleiben, ich melde mich wieder.«
»Alles klar«, erwiderte sie.
Die Verbindung wurde beendet.
Mit einem Klacken landete sein Smartphone auf dem Schreibtisch. Während vor seinem Büro, das eher einem Schuhkarton als einem Arbeitszimmer glich, emsiger Betrieb herrschte, schien die Zeit hier drinnen stillzustehen. Nick erinnerte sich daran, wie nah Anna und er sich einst gestanden hatten. Händchenhalten in der Highschool, ihr erster Kuss auf einer Picknickdecke unter dem Sternenhimmel, gemeinsame Erlebnisse mit Freunden. Das war vor der Zeit gewesen, als sie beide ihre Karrieren begonnen hatten – Nick als Agent beim FBI in Washington, D. C., und Anna als Reporterin bei der . Erst vor einem halben Jahr hatten sie sich bei einer Geburtstagsfeier wiedergetroffen, und er hatte sofort gemerkt, wie verändert sie war und dass es ihr nicht gut ging. Anfänglich hatte sie auf seine Fragen ausweichend reagiert. Doch als sie in einem entspannten Moment das Halstuch abgenommen und er sie daraufhin auf die Narbe an ihrem Schlüsselbein angesprochen hatte, hatte sie ihm zögernd von ihrem Martyrium berichtet, und er hatte danach weitere Nachforschungen angestellt.
Die ganze Wahrheit hatte er erst in den Tiefen der FBI-Datenbanken ausgegraben. Ihre Entführung, die Folter, die Flucht. Mit seinen einunddreißig Jahren war er ausgebildeter Agent und bereits mehrfach mit ähnlichen Straftaten konfrontiert worden. Annas Fall ging ihm verständlicherweise jedoch besonders nah.
Noch heute fragte er sich, wie sie das alles überlebt hatte. Die Bilder in den Akten hatten ihm sämtliche grauenvollen Details enthüllt. Da war dieses Foto von Anna im Krankenhausbett gewesen. Ihr Körper bedeckt von blauen Flecken, Hämatomen und Schnittwunden. Ihr Anblick hatte ihn zutiefst erschüttert.
Nick lockerte den Knoten seiner Krawatte, zerrte sie sich über den Kopf und warf sie auf den Tisch.
Konnte es tatsächlich ihr ehemaliger Peiniger sein?
Ein Klopfen ließ ihn aufschrecken. »Du weißt schon, dass die Konferenz seit zehn Minuten läuft?« Mikes Grinsen entgleiste, als er Nick ansah. »Was ist denn mit dir los? Du siehst aus, als hättest du seit Tagen Kaffeeentzug.«
»Anna hat angerufen.« Nicks Gedanken rasten.
»Deine Reporter-Freundin?« Fahrig strich sich Mike durch sein struppiges rotes Haar.
»Sie hat einen anonymen Brief bekommen.« Nick schloss die Augen. »Diese Worte, diese Ausdrucksweise. Gut möglich, dass sie es mit einem flüchtigen Psychopathen zu tun hat, der wiederaufgetaucht ist.«
Sein Smartphone vibrierte. Anna hatte Bilder des Briefes geschickt. Das erste Foto war eine Aufnahme, die das Kuvert zeigte. Das zweite den Brief selber. Die krakelige Schrift, das fleckige Papier … »Ich brauche Einsicht in Annas Akte. Sofort!«
Bei einem gemeinsamen Feierabendbier hatte Nick seinem Kollegen und Freund vor einiger Zeit angedeutet, was geschehen war.
»Die Akte ist bestimmt noch bei den ungelösten Fällen im Keller und nicht digitalisiert«, erwiderte Mike. »Du weißt doch, was für Berge da noch abgearbeitet werden müssen. Das dauert garantiert Jahre.«
Nick konnte ihm da nur zustimmen. Die komplette Digitalisierung und Zentralisierung der Verwaltung kostete nicht nur viel Geld und ein Umdenken bei allen Beteiligten, sondern auch Zeit. Wenn dann auch noch verschiedene Behörden involviert waren, die unterschiedliche Systeme verwendeten, herrschte schnell Chaos.
Mit zügigen Schritten verließ Nick sein Büro, durchquerte das geschäftige Großraumbüro und betrat das Treppenhaus. Seine Schuhsohlen klackten auf den Stufen zum Keller. Der damalige Ermittler war ein Detective der alten Schule gewesen, ein Gegner der Digitalisierung. Ein Teil der Informationen war dem Datenbankeintrag von Anna zugeordnet, ein anderer steckte in der braunen Kiste, die Nick vor einem halben Jahr schon einmal durchgesehen hatte.
Die Akten waren erst hierhergeschickt worden, nachdem die landesweite Fahndung begonnen hatte. Zuvor war die Polizei von Chicago allein zuständig gewesen.
Am Ende der Treppe versperrte eine Stahltür den Weg. Nick zog seine Keycard hervor und schob sie durch das Lesegerät. Es klickte, das Schloss entriegelte. Kalte Luft empfing ihn. Eine Klimaanlage sorgte für die optimale Raumtemperatur, um die Akten zu schützen. Der Speicherchip in der Türverriegelung registrierte jeden Besucher. Falls er etwas entnahm, musste er sich in die Liste eintragen, die neben der Tür auf einem Pult lag.
Der lang gezogene, fensterlose Raum war unterbrochen von schmalen Gängen, angefüllt mit Eisenregalen. In ihnen stapelten sich dicht an dicht Kartons. Das flackernde Neonlicht warf einen kalten Schein auf den Betonboden.
Im hinteren Teil führte eine Tür zu weiteren Räumen.
Die Indexierung war simpel. Jeder Karton verfügte über einen aufgeklebten Barcode, unter dem die Jahreszahl, der Tag des Ermittlungsbeginns und eine Fallnummer notiert waren. In ihnen verbargen sich jede Menge trauriger Schicksale. Die Mörder und Vergewaltiger dieser armen Seelen waren niemals gefasst worden. Möglicherweise trieben sie noch immer ihr Unwesen, vielleicht saßen sie auch für eine andere Tat in einer Zelle. Für die Angehörigen jedoch blieben die Taten ungesühnt.
Nick fand den gesuchten Karton und zog ihn heraus. Er legte den Deckel beiseite.
Die Akte lag obenauf. Eine schlichte Mappe, die so dick wie ein prall gefüllter Ordner war. Darunter fanden sich Fotografien, das psychologische Profil von Annas Entführer Edward Harris und seine Korrespondenz. Die Beweisstücke lagen in der Asservatenkammer. Doch die Akte genügte.
Nick blätterte hastig durch die Protokolle und Dokumente, bis er die Stelle fand, die er gesucht hatte. Es war ein Brief, den Harris damals zurückgelassen hatte. Nick öffnete das Foto, das Anna ihm geschickt hatte, und hielt es neben den Brief.
Die gleiche unbeholfene kindliche Schrift, die gleichen Aussetzer, die fehlenden T-Striche … Man musste kein Grafologe sein, um zu erkennen, dass die Briefe von ein und demselben Verfasser stammten.
»Verdammt«, entfuhr es ihm.
Nick schob den Karton wieder ins Regal. Ohne Rücksprache konnte er den Fall nicht erneut öffnen, das musste erst von oben abgesegnet werden. Reine Formsache, wenn man bedachte, dass Anna als Reporterin ein potenzielles Opfer war, dessen Sicherheit höchste Priorität hatte. Wurde ein Pressevertreter bedroht, geriet die zuständige Polizeibehörde schnell unter Beschuss, wenn sie nicht alles in ihrer Macht Stehende getan hatte, um die Bedrohung abzuwenden und eine Straftat zu verhindern. Politisch betrachtet ein heißes Eisen.
Im Gehen wählte Nick die Nummer von Lynette. Die Stahltür hinter ihm fiel klickend ins Schloss.
»Guten Morgen«, erklang ihre Stimme aus dem Hörer. »Ein Anruf zu dieser Zeit kann nichts Gutes bedeuten.«
Normalerweise liebte er es, ein wenig Small Talk mit ihr zu halten. Lynette war fast dreißig Jahre älter als er, besaß einen messerscharfen Verstand und dazu noch einen ausgeprägten Sinn für Humor. Heute musste es jedoch schnell gehen. Innerlich hatte er längst in den Krisenmodus umgeschaltet. »Ich brauche dich in Chicago.«
Ihre Stimme nahm sofort einen professionellen Klang an. »Was ist passiert?«
»Edward Harris. Ein Stalker, der vor drei Jahren in Chicago zwei junge Frauen entführt hat. Jetzt scheint er zurückgekehrt zu sein.«
»Verstanden. Weiß die zuständige Polizeibehörde Bescheid?« Als Profilerin stellte Lynette nur die wichtigsten Fragen. Sie hatten bereits bei zahlreichen Fällen zusammengearbeitet.
»Bisher nicht«, gestand er. »Ich kläre das und fliege auch gleich los. In drei Stunden bin ich dort.«
»Falls du recht hast, müssen wir schnell handeln«, entgegnete Lynette. »Ich bin mit der Akte nicht vertraut. Ich muss mir das alles genauer anschauen. Aber wenn ein Bluthund Fährte gewittert hat, lässt er nicht mehr davon ab.«
»Du machst mir Mut.«
»Das ist mein Job. Ich schreibe gerade meinen Abschlussbericht in einem Dreifachmordfall.«
»Wo steckst du denn gerade?«
»Derzeit im schönen St. Louis. Ich stürze mich auf die Unterlagen, sobald ich eintreffe.«
»Ich kündige dich beim Chicago Police Department an und verschaffe dir Zugriff auf die Datenbank mit der Akte. Was wir hier an zusätzlichen Dingen haben, lasse ich per Kurier schicken.«
»Bin auf dem Weg.« Sie legte auf.
Als externe Psychologin mit dem Spezialgebiet Profiling benötigte Lynette einen temporären Zugang und alle notwendigen Freigaben.
Nick hastete nach oben, füllte in seinem Büro das entsprechende Formular aus und knallte es auf Mikes Tisch. »Kümmerst du dich darum?«
»Lynette? Klar, wird erledigt. Aber du erklärst das dem Chef.«
Was zu einer ewigen Diskussion führen würde, für die Nick keine Zeit hatte. Er tippte hastig eine E-Mail und ärgerte sich über die Bürokratie. Innerlich stellte er sich auf das Gebrüll seines Chefs ein, denn wenn Lynette und er nach Chicago flogen, war der Fall genau genommen schon am Rollen.
Nachdem Nick alles Notwendige in die Wege geleitet hatte, nahm er sein...




