E-Book, Deutsch, Band 2, 385 Seiten
Reihe: Graveyard-Queen-Reihe
Stevens Totenlichter
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7325-5748-6
Verlag: beTHRILLED
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch, Band 2, 385 Seiten
Reihe: Graveyard-Queen-Reihe
ISBN: 978-3-7325-5748-6
Verlag: beTHRILLED
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Amelia Gray lebt mit den Toten. Sie restauriert Friedhöfe, und es heißt, sie habe einen Sinn für diese besondere Welt. Dass dies wörtlich zu nehmen ist, weiß jedoch niemand: Amelia kann die Geister der Verstorbenen sehen.
Als sie den Friedhof der abgelegenen Kleinstadt Asher Falls restauriert, kommt sie den Toten erneut gefährlich nahe. Amelia entdeckt ein verborgenes Grab im Wald und lüftet bald sein finsteres Geheimnis. Ein Geheimnis, das seit Jahrzehnten gewahrt wurde - und gewahrt bleiben soll ...
Die Graveyard-Queen Reihe jetzt als eBook bei beTHRILLED - mörderisch gute Unterhaltung
'Ein mitreißendes Lesevergnügen!' NEW YORK JOURNAL OF BOOKS
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EINS
Die Brise, die über den See strich, brachte eine leichte Kühle mit sich, obwohl die Sonne gerade erst begann, sich Richtung Westen zu neigen. Bis zur Dämmerung würden noch Stunden vergehen. Dann erst würde sich der Schleier zwischen unserer Welt und der anderen langsam heben. Trotzdem spürte ich schon jetzt, dass ich im Nacken eine Gänsehaut bekam; eine Empfindung, die mir in der Regel die Anwesenheit von etwas Übernatürlichem verriet.
Ich widerstand der Versuchung, umgehend über die Schulter zu blicken. Da ich schon jahrelang mit Geistern lebte, besaß ich eine eiserne Disziplin. Ich hütete mich davor, auf diese gierigen, habsüchtigen Wesen auf offensichtliche Weise zu reagieren. Also lehnte ich mich an die Reling und blickte unverwandt in die grünen Tiefen des Sees. Doch aus den Augenwinkeln spähte ich zu den übrigen Passagieren auf der Fähre.
Das vertraute Flüstern und leise Lachen des Paares, das in meiner Nähe stand, löste eine unerwartete Wehmut in mir aus. Plötzlich musste ich an John Devlin denken, den Detective, den ich in Charleston zurückgelassen hatte. Um diese Tageszeit arbeitete er vermutlich noch. Ich stellte mir vor, wie er sich über einen mit Papieren übersäten Schreibtisch beugte und Obduktionsberichte und Tatortfotos durchsah. Ob er hin und wieder an mich dachte? Natürlich spielte das ohnehin keine Rolle. Devlin wurde von den Totengeistern seiner verstorbenen Ehefrau und seiner Tochter heimgesucht, und ich konnte Geister sehen – eine unheivolle Kombination. Solange er an seiner Vergangenheit festhielt – und sie an ihm –, würde in seinem Leben kein Platz für mich sein.
Doch ich wollte mich nicht weiter mit Devlin befassen oder mit dieser entsetzlichen Tür, die sich durch meine Gefühle für ihn geöffnet hatte. Seit unserem letzten Treffen waren Monate vergangen, und mein Leben verlief inzwischen wieder normal. Falls man in meinem Fall von Normalität sprechen konnte. Ich sah immer noch Geister, aber die dunkleren Wesen – die Anderen, wie mein Vater sie nannte – waren wieder in ihre finstere Unterwelt zurückgekehrt. Ich betete, dass sie dort auch blieben. Die Erinnerungen an die vergangene Zeit verfolgten mich immer noch: Erinnerungen an Devlin und an die vielen Opfer eines besessenen Mörders, der auch mich ins Visier genommen hatte. Ich versuchte, mich dagegen zu wehren – aber sobald ich die Augen schloss, waren die Albträume wieder da.
Aber nun wollte ich mein Abenteuer genießen. Zu Beginn eines neuen Auftrags war ich stets voller Tatendrang, freute mich darauf, die Geschichte eines weiteren Friedhofs zu enthüllen und in das Leben derer einzutauchen, die man dort zur letzten Ruhe gebettet hatte. Ich betone gern, dass es bei meinem Job, der Friedhofsrestaurierung, um mehr geht als einfach nur das Entfernen von Abfall und Gestrüpp. Es geht um die Restaurierung: das Wiederherstellen des Originalzustandes.
In meinem Nacken prickelte es noch immer.
Erst nach einer Weile drehte ich mich um und ließ den Blick beiläufig über die geparkten Wagen schweifen. Mein silberfarbener SUV war eines von insgesamt fünf Fahrzeugen auf der Fähre. Ein anderer SUV gehörte dem Paar neben mir, der grüne Kleinbus einer Frau mittleren Alters, die in einen zerfledderten Taschenbuchroman vertieft war, und der rote Pick-up mit der verblassten Karosserie gehörte einem älteren Mann, der aus einem Styroporbecher Kaffee trank. Dann war da noch ein schwarzer Sportwagen. Ich bedachte den metallicschwarzen Lack mit einem anerkennenden Blick. In der Sonne schimmerte er wie Schlangenschuppen. Als ich die elegante Form des Wagens bewunderte, lief mir ein unerklärlicher Schauer über den Rücken. Die Scheiben waren zwar getönt, sodass ich nicht ins Innere sehen konnte, doch ich stellte mir vor, wie der Fahrer hinter dem Steuer saß und ungeduldig mit den Fingern aufs Lenkrad trommelte, während sich die Fähre zentimeterweise auf das Ufer zubewegte. Nach Asher Falls. Zum Thorngate Friedhof, dem Ziel meiner Reise.
Ich rieb mir den Nacken, wandte mich wieder dem Wasser zu und ging die wenigen Häppchen an Informationen durch, die ich bei meinen Recherchen zusammengetragen hatte. Asher Falls, gelegen in den üppig grünen Ausläufern der Blue Ridge Mountains in South Carolina, war früher einmal eine blühende Gemeinde gewesen, bis Mitte der Achtzigerjahre Pell Asher, einer der prominentesten Bürger der Stadt, ein ziemlich geschmackloses Geschäft abschloss. Er verkaufte dem Staat Land, auf dem ein Stausee als Wasserreservoir angelegt werden sollte. Das gesamte Gelände wurde überschwemmt – einschließlich der Schnellstraße, die nach Asher Falls führte. Weil das neue Autobahnnetz direkt an der Stadt vorbeiführte, geriet Asher Falls schnell in Vergessenheit. Die einzige Möglichkeit, in die Stadt hinein- oder wieder herauszukommen, war mit der Fähre oder über kleine Nebenstraßen. So dauerte es nicht lange, bis die Zahl der Einwohner zu schrumpfen begann, und Asher Falls reihte sich ein in die lange Statistik der sterbenden ländlichen Gemeinden.
Ich hatte noch nie einen Fuß in die Stadt gesetzt, auch nicht um den Friedhof vorab schon einmal in Augenschein zu nehmen. Ohne ein Vorstellungsgespräch war ich von einer Immobilienmaklerin namens Luna Kemper engagiert worden. Sie war außerdem die städtische Bibliothekarin und alleinige Verwalterin einer großzügigen Spende, die ein anonymer Gönner den Daughters of our Valiant Heroes gemacht hatte; einem Heimat- und Gartenbauverein, der sich der Verschönerung des Thorngate Friedhofs widmete. Lunas Angebot kam mir gerade recht. Ich brauchte dringend ein neues Projekt und einen Tapetenwechsel.
Die Fähre näherte sich dem Anlegesteg. Die Motoren wurden abgeschaltet, sodass sie fast zum Stillstand kam. Die hoch aufragenden Bäume am Ufer warfen dunkle Schatten auf das Wasser, das beinahe schwarz aussah. Ich konnte nicht bis auf den Grund des Sees blicken, doch für einen Moment hätte ich schwören können, dass ich etwas – jemanden! – dicht unter der Wasseroberfläche sah. Ein bleiches Gesicht, das zu mir heraufblickte …
Mein Herz setzte einen Schlag aus. Ich beugte mich tiefer über die Reling und starrte in die schwarzen Untiefen hinab. Menschen, die nicht solche Fähigkeiten haben wie ich, hätten sich bloß gefragt, ob das Spiel von Licht und Schatten ihnen einen Streich gespielt hatte. Oder, noch schlimmer, ob sie vielleicht eine Leiche erblickt hatten, die im Kielwasser der Fähre an Land gespült wurde. Doch ich dachte sofort an einen Totengeist und fragte mich, wer von den Menschen an Bord wohl von der goldblonden Erscheinung heimgesucht wurde, die ich soeben gesehen hatte.
»Ich glaube, das hier gehört Ihnen.«
Die männliche Stimme sorgte dafür, dass ich mich von der Reling löste und widerstrebend vom See abwandte. Als ich den Mann sah, wusste ich sofort, dass er zu dem Sportwagen gehörte: Das Fahrzeug und er hatten die gleiche dunkle, gepflegte Ausstrahlung. Er musste ungefähr in meinem Alter sein – siebenundzwanzig –, mit Augen in der Farbe von Gezeitenschlick. Er war ziemlich groß, wenn auch nicht so groß wie Devlin und auch nicht so dünn. Die jahrelange Heimsuchung durch Geister hatte aus dem einst hinreißenden Detective einen verhärmten Mann mit tief in den Höhlen liegenden Augen gemacht, während der Fremde, der vor mir stand, kerngesund aussah – schlank, kraftvoll und sonnengebräunt.
»Was sagten Sie?«
Er streckte mir die Hand entgegen. Im ersten Moment dachte ich, er wollte sich vorstellen. Doch dann öffnete er die Finger, und ich sah meine Halskette in seiner Hand.
Sofort griff ich mir an den Hals. »Oh! Sie muss wohl gerissen sein.« Ich nahm ihm die Kette aus der Hand und untersuchte die Glieder. Sie waren alle in Ordnung, und die Schließe war fest eingerastet. »Seltsam«, murmelte ich, öffnete den Verschluss und legte mir die Silberkette wieder um. »Wo haben Sie sie gefunden?«
»Sie lag hinter Ihnen auf dem Deck.« Sein Blick war auf den geschliffenen Stein gerichtet, der nun in meiner Halskuhle ruhte.
Ein kalter Griff schloss sich um mein Herz. Eine Warnung?
»Vielen Dank«, erwiderte ich steif. »Es wäre sehr schlimm für mich, wenn ich sie verloren hätte.«
»Das ist ein interessantes Stück.« Er musterte den Anhänger weiterhin eingehend. »Ein Glücksbringer?«
»Das könnte man so sagen.« Tatsächlich stammte der Stein vom geweihten Boden des Rosehill Friedhofs, auf dem mein Vater als Gärtner gearbeitet hatte, als ich noch klein war. Ich hatte keine Ahnung, ob der Stein solch schützende Eigenschaften hatte wie der Friedhof, doch ich wusste, dass ich mich gegenüber Geistern stärker fühlte, wenn ich ihn trug.
Gerade wollte ich mich wieder zum Wasser umdrehen, da hielt mich etwas in den Augen des Fremden zurück, ein rätselhaftes Funkeln.
»Geht es Ihnen gut?«, wollte er wissen; eine Frage, mit der ich nicht gerechnet hatte.
»Alles wunderbar«, antwortete ich. »Warum fragen Sie?«
Er nickte mit dem Kopf zum Wasser. »Als ich herüberkam, haben Sie sich sehr weit über die Reling gebeugt, dann habe ich Ihre Halskette auf dem Boden liegen sehen. Ich hatte schon befürchtet, Sie würden vielleicht springen.«
»Ach das.« Ich tat es mit einem Schulterzucken ab. »Ich dachte, ich hätte etwas im Wasser gesehen. War wahrscheinlich nur ein Schatten.«
Das Funkeln in seinen Augen wurde intensiver. »Da wäre ich mir nicht so sicher. Sie wären überrascht, was...




