E-Book, Deutsch, Band 3, 385 Seiten
Reihe: Graveyard-Queen-Reihe
Stevens Totenstimmen
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7325-5749-3
Verlag: beTHRILLED
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch, Band 3, 385 Seiten
Reihe: Graveyard-Queen-Reihe
ISBN: 978-3-7325-5749-3
Verlag: beTHRILLED
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Seit ihrer Kindheit lebt die Friedhofsrestauratorin Amelia Gray mit einer geheimen und gleichzeitig gefährlichen Gabe: Sie kann die Geister der Toten sehen. Mit ihnen zu kommunizieren ist eigentlich unmöglich, bis Amelia eines Tages direkt von einem Geist angesprochen wird. Und er stellt sie vor ein Ultimatum: Er droht damit, sie auf ewig zu verfolgen und von ihrer Lebensenergie zu zehren - es sei denn, sie findet seinen Mörder ...
Die Graveyard-Queen Reihe jetzt als eBook bei beTHRILLED - mörderisch gute Unterhaltung
Weitere Infos & Material
EINS
Irgendetwas folgte mir seit Tagen. Ich wusste nicht, ob es ein Mensch war, ein Totengeist oder ein Wesen beider Welten – so wie ich. Ich erhaschte nie mehr als einen flüchtigen Schemen aus den Augenwinkeln, nie mehr als das kurze Aufflackern von Licht oder einen vorüberhuschenden Schatten. Aber es war auch jetzt da, ganz in meiner Nähe. Etwas Dunkles, das mich auf Schritt und Tritt begleitete, das rechts oder links abbog, wenn ich es tat, und langsamer wurde, wenn ich langsamer wurde.
Obwohl mein Herz raste, bemühte ich mich, ruhig und gleichmäßig zu gehen, während ich mich dafür schalt, dass ich mich so weit von geweihtem Boden entfernt hatte. Ich hatte zu lange auf meinem Lieblingsmarkt herumgetrödelt, und jetzt nahte die Dämmerung. Diese gefährliche Zeit, zu der der Schleier dünner wurde, sodass die Geister in unsere Welt gleiten und nach dem suchen konnten, was sie am meisten begehrten: die Wärme der Lebenden.
Seit ich neun Jahre alt war, hatte mein Vater mir beigebracht, wie ich mich vor diesen parisitären Wesen schützen konnte. Aber ich hatte alle seine Regeln gebrochen und mich in einen Mann verliebt, der von Geistern heimgesucht wurde. Dadurch hatte sich eine Tür geöffnet, eine Pforte, die es den Anderen ermöglichte, zu mir zu kommen. Und die es dem Bösen ermöglichte, mich zu finden.
Ein Wagen bretterte die Straße hinunter. Ich spannte mich an, obwohl mir ein so normales Geräusch im Grunde lieb war. Doch das Dröhnen des Motors verhallte sehr schnell, und die nachfolgende Stille hatte etwas Unheilvolles. Der Berufsverkehr hatte bereits nachgelassen. Es waren ungewöhnlich wenige Fußgänger und Jogger auf der Straße, ich hatte den Bügersteig ganz für mich allein. Es war, als wäre alles in den Hintergrund gerückt, als bestünde meine Welt nur noch aus dem dumpfen Geräusch meiner Schritte und meinem Herzschlag.
Ich wechselte meine Einkaufstasche von der einen Hand in die andere, sodass ich einen kurzen Blick nach links werfen konnte, wo die Sonne gerade über dem Ashley River untergegangen war. Der fleckige Himmel erstrahlte wie die Glutnester in einem erlöschenden Feuer. Das Licht warf einen goldenen Glanz auf die Spitzen und Türme, die die niedrige Skyline der sogenannten Stadt der Kirchen bestimmten.
Es war gut, wieder in meinem geliebten Charleston zu sein. Doch ich war nervös seit meiner Rückkehr. Dass meine Nerven blank lagen, war die Folge des emotionalen und körperlichen Traumas, das ich während einer Friedhofsrestaurierung in den Ausläufern der Blue Ridge Mountains erlitten hatte. Es gab aber noch einen anderen Grund, warum ich weder essen noch schlafen konnte; da war eine noch tiefer sitzende Unruhe, die mich dazu trieb, Tag und Nacht rastlos umherzuziehen.
Zitternd holte ich Luft.
Devlin.
Der von Geistern heimgesuchte Detective, der mir nicht mehr aus dem Kopf ging und auch nicht aus dem Herzen. Der bloße Gedanke an ihn war bereits wie eine geheimnisvolle Liebkosung, wie ein verbotener Kuss. Und jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, konnte ich sein aristokratisch langsames, schleppendes Flüstern hören, diese so verführerische Sprechweise. Ohne große Anstrengung konnte ich das brennende Verlangen seines perfekt geschwungenen Mundes auf meinem spüren, die honigsüße Berührung seiner Zunge, diese eleganten, forschenden Hände …
Ich richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf die Straße und blickte über die Schulter. Was immer mir da nachstellte, hielt jetzt entweder größeren Abstand, oder es war verschwunden. Meine Furcht ließ nach, wie immer, wenn ich mich geweihtem Boden näherte.
Da rief irgendwo in den Baumkronen ein Vogel. Das Geräusch überraschte mich so sehr, dass ich wie angewurzelt stehen blieb, um zu lauschen. Ich hatte dieses Trillern bisher nur ein einziges Mal gehört, und zwar im abendlichen Dunkel eines Innenhofes in Paris. Das Ständchen war mit nichts zu vergleichen. Einfühlsam und verträumt. Als würde man bei Kerzenlicht in einem warmen Bad liegen. Ich hätte den Vogel für eine Nachtigall gehalten, doch die gab es nur in Europa, und selbst dort hatten sie sich zu dieser Jahreszeit bereits auf ihren Fünftausend-Kilometer-Flug nach Afrika gemacht, um zu überwintern.
Mit dem Gesang des Vogels sank ein Duft auf mich herab, üppig und exotisch. Weder das Geräusch noch dieser Duft gehörten in diese Stadt – vielleicht nicht einmal in diese Welt. Warnend stellten sich mir die Nackenhaare auf.
Ich hörte ein Flüstern und drehte mich um, erwartete fast, Devlin aus der Dunkelheit treten zu sehen; genau so wie er in jener Nacht, als wir einander zum ersten Mal begegnet waren, aus dem Nebel aufgetaucht war. Ich hatte immer noch vor Augen, wie er damals ausgesehen hatte: ein rätselhafter Fremder, ein Mann, der auf so geheimnisvolle Weise attraktiv und grüblerisch war, als wäre er direkt den Fantasien meiner Pubertät entsprungen.
Aber Devlin stand nicht hinter mir. Um diese Uhrzeit war er vermutlich noch im Polizeipräsidium. Ich hatte nur Blätter rascheln hören, sagte ich mir. Das geisterhafte Flüstern meiner eigenen Sehnsucht.
Und dann wehte aus der Ferne das Lachen eines Kindes zu mir herüber, gefolgt von leisem Gesang. Irgendwie kam mir die Stimme bekannt vor, obwohl ich sie noch nie zuvor gehört hatte. Das Bild von Devlins verstorbener Tochter nahm vor meinem geistigen Auge so deutlich Gestalt an, als stünde sie vor mir.
Mein Vater hätte mich jetzt ermahnt, mich an die Regeln zu halten. Ich betete sie mir vor, während ich mich langsam umdrehte und mit den Augen die wachsende Dämmerung absuchte: Lass die Toten niemals wissen, dass du sie sehen kannst; entferne dich nie zu weit von geweihtem Boden; halte dich fern von Menschen, die von Geistern heimgesucht werden, und fordere das Schicksal nie heraus, niemals.
Wieder drang die Stimme des Geisterkindes zu mir. Komm, Amelia, suche mich!
Ich hatte keine Ahnung, warum ich sie nicht einfach ignorierte und meines Weges ging. Ich muss verzaubert gewesen sein. Das war die einzig mögliche Erklärung.
Die Nachtigall sang mir schmachtend zu, als ich vom Bürgersteig in eine schmale Gasse trat und zu einem verschnörkelten Tor ging, das in den von einer Mauer umgebenen Garten eines Privathauses führte. Indem ich hineinging, setzte ich mich der Gefahr aus, wegen unbefugten Betretens erschossen zu werden, sobald man mich entdeckte. Die Charlestoner lieben ihre Waffen. Doch ich war diesem seltsamen hypnotischen Zauber erlegen, und so hielt mich dieser Gedanke ebenso wenig zurück wie Papas Regeln.
Monate zuvor, als ich Shanis Totengeist zum ersten Mal an Devlins Seite hatte schweben sehen, hatte sie versucht, Verbindung mit mir aufzunehmen. Deswegen war sie mir an jenem ersten Abend nach Hause gefolgt und hatte einen winzigen Granatring in meinem Garten zurückgelassen. Dieser Ring war eine Botschaft gewesen, genau wie das Herz, das sie an mein Fenster gemalt hatte. Sie wollte mir etwas sagen.
Hier entlang. Beeil dich! Bevor sie kommt …
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Um mich herum lauerte Gefahr. Ich konnte jetzt spüren, wie sie näher und näher kam, doch ich ging trotzdem weiter, folgte der Nachtigall und diesem verführerischen Duft durch ein Labyrinth aus Buchsbaumhecken und Palmettopalmen über Pfade, die von Nachtkerzen und Löwenmäulchen gesäumt waren. Das Plätschern eines Brunnens vermischte sich mit Shanis ätherischem Lachen. Im nächsten Moment stellten sich mir die Nackenhaare auf, denn sie fing an zu singen:
»Der kleine Dicky Dilver
Hatt’ ’ne Frau aus Silber.
Nahm ’nen Stock, brach ihr das Kreuz,
Verkauft’ sie an den Müller.
Der Müller wollt’ sie nicht haben,
Da warf er sie in den Graben.«
Es war ein scheußlicher Reim, ein Reim, den ich seit Jahren nicht mehr gehört hatte. Und durch den unschuldigen Klang von Shanis Singsang wirkten die Zeilen noch grotesker, als sie es ohnehin schon waren.
Ich kämpfte gegen diese unheimliche Lähmung an und drehte mich um, um auf dem gleichen Weg zum Tor zurückzugehen, auf dem ich gekommen war. Doch da materialisierte sie sich plötzlich hinter mir auf dem Gehweg, zunächst nur als ein Lichtschimmer, dann nahm sie langsam die Gestalt eines Kindes an. Zugleich wurde es in dem Garten immer kälter. Ich war erschrocken – eigentlich entsetzt –, denn ich wusste, dass ich hier etwas sehr Gefährliches tat. Ich ließ die Toten nicht nur wissen, dass ich sie sehen konnte, ich forderte geradezu das Schicksal heraus.
Doch das alles spielte in diesem Moment anscheinend keine Rolle. Ich konnte mich nicht abwenden. Ich konnte den Blick nicht losreißen von diesem schemenhaften Geist, der mir den Weg versperrte.
Shani trug ein blaues Kleid mit einer dazu passenden Schleife im Haar, und in der Spitzenborte um ihre Taille steckte ein Jasminzweig. Eine Mähne aus drahtigen Locken umrahmte ihr zartes Gesicht und verlieh ihr einen so gewinnenden Liebreiz, dass mir der Atem stockte. Sie erstrahlte in einer ganz weichen Aura, silbrig und durchscheinend, aber ihre Gesichtszüge konnte ich genau erkennen. Die hohen Wangenknochen, die dunklen Augen und die milchkaffeefarbene Haut verrieten ihr kreolisches Erbe. Ich glaubte, etwas von ihrer Mutter in dem hauchzarten Gesichtchen erkennen zu können. Doch nichts von Devlin. Der Goodwine-Einfluss war viel zu dominant.
Ganz absichtsvoll zog das Geisterkind den...




