E-Book, Deutsch, 120 Seiten
Reihe: Reclams Universal-Bibliothek
Stevenson Das Haus in den Dünen. Erzählung
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-15-962366-5
Verlag: Reclam Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine spannende Abenteuergeschichte, die an der stürmischen Küste Schottlands spielt
E-Book, Deutsch, 120 Seiten
Reihe: Reclams Universal-Bibliothek
ISBN: 978-3-15-962366-5
Verlag: Reclam Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Robert Louis Stevenson (1850-1894) war ein schottischer Schriftsteller, der vor allem für seinen Roman Die Schatzinsel und die Novelle Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde bekannt wurde.
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Zweites Kapitel
Die nächtliche Landung der Jacht
Ich kehrte in meine Höhle zurück, um mir etwas zu kochen, das ich dringend nötig hatte, und um für mein Pferd zu sorgen, das ich am frühen Morgen etwas vernachlässigt hatte. Von Zeit zu Zeit ging ich an den Waldrand; aber an dem Haus gab es keine Veränderung, und auf den Dünen war den ganzen Tag über keine Menschenseele zu sehen. Der Schoner draußen auf der See war das einzige Lebenszeichen, soweit mein Blick reichte. Er kreuzte umher, dem Anschein nach ohne bestimmten Zweck, oder lag still, und so ging das Stunde um Stunde; als aber der Abend dunkler wurde, kam der Schoner allmählich näher an den Strand. Ich war immer fester davon überzeugt, dass die Jacht Northmour und seine Freunde trug und dass diese wahrscheinlich an Land kommen würden, sobald es ganz dunkel wäre; nicht nur weil dies zur Geheimnistuerei in Bezug auf die im Haus getroffenen Vorbereitungen passte, sondern auch weil vor elf Uhr die Flut nicht hoch genug gestiegen sein würde, um Graden Floe und die anderen Sandbänke zu bedecken, durch die der Strand gegen Eindringlinge verteidigt wurde.
Den ganzen Tag über war der Wind immer schwächer geworden und infolgedessen auch der Seegang geringer; aber gegen Sonnenuntergang setzte der schwere Sturm vom Vortag wieder ein. Die Nacht brach pechschwarz herein. Von der See her kamen böige Windstöße, die wie eine ganze Batterie Kanonen donnerten; ab und zu gab es einen Regenguss, und je höher die Flut stieg, desto schwerer rollte die Brandung.
Als ich auf meinen Beobachtungsposten hinter den Holunderbüschen ging, wurde eine Laterne bis an die Mastspitze des Schoners hinaufgezogen; ich erkannte daran, dass er näher am Land lag, als wie ich ihn in der Dämmerung zuletzt gesehen hatte. Ich zog daraus den Schluss, dass es ein Zeichen für Northmours Helfer am Strand sein musste; deshalb ging ich in die Dünen hinein und sah mich um, ob ich etwas Dementsprechendes bemerken könnte.
Ein schmaler Fußweg lief am Waldsaum entlang; er bildete die geradeste Verbindung zwischen dem Dünenhaus und dem Herrenhaus. Als ich in dieser Richtung ausspähte, sah ich keine Viertelmeile entfernt einen Lichtfunken, der sich schnell näherte. Nach dem Hin- und Herschwanken zu urteilen, schien es eine Laterne zu sein, die ein Mensch auf dem Fußweg trug. Diese Person stolperte offenbar von Zeit zu Zeit oder wurde durch besonders heftige Windstöße zurückgeschleudert. Ich versteckte mich wieder zwischen den Holunderbüschen und wartete neugierig auf das Herankommen der Gestalt. Sie stellte sich als eine Frau heraus, und als sie nur wenige Meter entfernt an meinem Hinterhalt vorüberkam, konnte ich die Züge ihres Gesichts erkennen: Die schweigsame und taube alte Frau, die Northmours Kindermädchen gewesen war, war seine Verbündete bei dieser geheimnisvollen Angelegenheit.
Ich folgte ihr in geringer Entfernung, indem ich mir die unzähligen Erhöhungen und Vertiefungen der Dünen zunutze machte; die Finsternis verbarg mich, und außerdem kam mir nicht nur die Taubheit der alten Amme, sondern auch das Tosen des Sturms und der Brandung zustatten.
Sie ging in das Dünenhaus hinein, begab sich sofort in das obere Stockwerk hinauf, öffnete eines der Fenster, das nach dem Meer hinausging, und setzte ein Licht hinein. Unmittelbar darauf wurde die Laterne von der Mastspitze des Schoners heruntergeholt und ausgelöscht. Der Zweck war erreicht, und die Leute an Bord waren sicher, dass sie erwartet wurden.
Die alte Frau nahm ihre Arbeiten wieder auf. Obgleich die anderen Fensterläden geschlossen blieben, konnte ich einen Lichtschimmer sich im Haus hin- und herbewegen sehen; und Feuerfunken, die aus einem Schornstein nach dem anderen aufstiegen, zeigten mir an, dass die Kamine geheizt wurden.
Ich war jetzt überzeugt, dass Northmour und seine Gäste an Land kommen würden, sobald die Sandbank unter Wasser wäre. Es war eine wilde Nacht, um ein Boot an den Strand zu bringen, und meine Neugier war mit einiger Unruhe vermischt, als ich daran dachte, wie gefährlich die Landung wäre. Mein früherer Freund war zwar ein höchst exzentrischer Mensch. Aber eine solche Waghalsigkeit war beunruhigend und grenzte an Wahnsinn.
Im Widerstreit meiner Gefühle ging ich dicht an den Strand und legte mich platt auf den Bauch in eine Kuhle, etwa sechs Fuß von dem schmalen Pfad entfernt, der zum Dünenhaus führte. Von dieser Stelle aus würde ich imstande sein, die Ankömmlinge zu mustern, und wenn sie sich als Bekannte erweisen sollten, konnte ich sie begrüßen, sobald sie gelandet waren.
Ziemlich lange vor elf Uhr, als der Wasserstand noch gefährlich niedrig war, erschien eine Bootslaterne dicht am Strand. Hierdurch aufmerksam gemacht, konnte ich eine andere Laterne bemerken, die sich noch in einer ziemlichen Entfernung draußen auf See befand, heftig hin und her geworfen wurde und manchmal hinter hohen Wogen außer Sicht kam. Das Wetter, das immer schlimmer wurde, je mehr die Nacht vorrückte, und die gefährliche Lage der Jacht an einer Leeküste hatten sie wahrscheinlich dazu gebracht, eine Landung so früh zu versuchen, wie dies überhaupt möglich war.
Kurze Zeit darauf kamen vier Matrosen, die eine sehr schwere Kiste trugen, und ein fünfter Mann mit einer Laterne dicht an mir vorüber; sie wurden von der alten Frau in das Dünenhaus eingelassen. Sie gingen wieder an den Strand hinunter und kamen dann mit einer anderen Kiste an mir vorüber, die noch größer, aber anscheinend nicht so schwer wie die erste war. Noch ein drittes Mal machten sie den Weg und bei dieser Gelegenheit trug einer von den Matrosen einen ledernen Handkoffer, die anderen einen Damenkoffer und eine Reisetasche. Dies erregte meine Neugier außerordentlich. Wenn sich unter Northmours Gästen eine Frau befand, so bedeutete das eine Veränderung seiner Gewohnheiten und eine Abtrünnigkeit von seiner Lieblingstheorie über das Leben, die mich berechtigterweise überraschen würden.
Als mein Freund und ich das Dünenhaus bewohnt hatten, war dieses ein Tempel der Frauenfeindlichkeit gewesen. Und jetzt sollte dessen Dach eine Angehörige des verabscheuten Geschlechts beherbergen! Mir fielen ein paar Einzelheiten ein: einige Anzeichen von einer beinahe koketten Zierlichkeit, die mir am Tag zuvor aufgefallen waren, als ich mir die Vorbereitungen im Haus angesehen hatte. Ihr Zweck war mir jetzt klar, und ich begriff selber nicht, wie ich so stumpfsinnig hatte sein können, ihn nicht sofort zu erkennen.
Während ich mich diesem Gedanken hingab, näherte sich mir eine zweite Laterne vom Strand her. Ein Matrose, den ich noch nicht gesehen hatte, trug sie. Er führte zwei andere Personen nach dem Pavillon. Diese beiden waren ohne Frage die Gäste, für die das Haus in Stand gesetzt worden war, und ich spannte Augen und Ohren an, um sie genau zu betrachten, als sie an meinem Versteck vorüberkamen.
Die eine Person war ein ungewöhnlich großer Mann, mit einem Reisehut, den er über die Augen gezogen hatte, und in einem von oben bis unten zugeknöpften Highland-Mantel, dessen Kragen er hochgeschlagen hatte, um sein Gesicht zu verbergen.
Man konnte weiter nichts erkennen, als dass er, wie schon gesagt, ungewöhnlich groß war, und dass er in sehr gebeugter Haltung nur mühsam gehen konnte. An seiner Seite, entweder sich an ihn schmiegend oder ihn stützend – ich konnte nicht unterscheiden, was davon der Fall war – ging eine hochgewachsene junge Frau von schlankem Wuchs. Sie war außerordentlich blass; aber in dem Licht der Laterne wurde ihr Gesicht so von dunklen wechselnden Schatten überzogen, dass sie ebenso gut so hässlich wie die Sünde sein konnte, als so schön wie ich sie später fand. Gerade als sie bei mir vorbeikamen, machte das Mädchen irgendeine Bemerkung, die in dem Tosen des Sturms unterging.
»Still!«, sagte ihr Begleiter; und in dem Ton, mit dem das Wort hervorgestoßen wurde, lag etwas, das mir durch Mark und Bein ging und mich aufwühlte. Das Wort schien aus einer Brust hervorzukommen, die von Todesangst gepeinigt wurde. Niemals in meinem Leben habe ich seitdem wieder eine so ausdrucksstarke Silbe gehört; und ich höre sie noch jetzt wieder, wenn in Fiebernächten mein Geist sich mit den alten Zeiten beschäftigt.
Als der Mann dieses Wort sprach, wandte er sich zu dem Mädchen, und ich erhaschte einen Blick auf einen starken roten Bart und auf eine Nase, die in der Jugend scheinbar gebrochen worden war; und seine hellen Augen funkelten in einer starken und offenbar ärgerlichen Aufregung aus seinem Gesicht hervor.
Die beiden gingen weiter und wurden ebenfalls in das Dünenhaus eingelassen.
Einzeln oder in Gruppen gingen die Matrosen wieder an den Strand hinunter. Der Wind trug zu mir den Klang einer rauen Stimme herüber, die ihnen zuschrie: »Schiebt ab!«
Dann näherte sich nach einer Pause eine andere Laterne. Es war Northmour allein.
Meine Frau und ich, eine Frau und ein Mann also, haben uns oft übereinstimmend darüber gewundert, wie ein Mensch gleichzeitig so schön und so abstoßend sein könne wie Northmour. Er trat auf wie ein vollendeter Gentleman; auf seinen Gesichtszügen lagen Klugheit und Mut so deutlich zu lesen; aber man brauchte ihn nur anzusehen, selbst wenn er seine liebenswürdigen Augenblicke hatte, um sofort zu erkennen, dass er die Gemütsart eines Sklavenschiffskapitäns hatte. Ich habe niemals einen Charakter gekannt, der so aufbrausend und so rachsüchtig gewesen wäre; in ihm vereinigte sich die Lebhaftigkeit des Südländers mit dem verbissenen, tödlichen Hass des...




