E-Book, Deutsch, 299 Seiten
Stevenson Die Schatzinsel
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-2475-0
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 299 Seiten
ISBN: 978-3-8496-2475-0
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Schatzinsel (Treasure Island) ist ein Roman des schottischen Autors Robert Louis Stevenson. Die Schatzinsel gehört zur Kategorie der klassischen Abenteuerromane. Der Stoff, die Suche nach einem vergrabenen Piratenschatz auf einer Schatzinsel, ist ein beliebtes Thema von Legenden. Der Roman wurde mehrfach verfilmt. (aus wikipedia.de) Beinhaltet Original-Illustrationen von George Roux.
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8. Kapitel … In der Schenke Zum Fernrohr
Als ich mit dem Frühstück fertig war, gab der Squire mir einen Brief an John Silver in der Schenke Zum Fernrohr und sagte mir, ich würde das Haus leicht finden, ich müsste nur die Schiffslände entlanggehen und gut nach einer kleinen Schenke Ausschau halten, deren Schild ein grosses Messingfernrohr zeige. Ich machte mich auf den Weg; welche Freude bedeutete es für mich, noch mehr Schiffe, noch mehr Seeleute zu beobachten! Ich musste mich durch eine Fülle von Menschen, Wagen und Ballen hindurchzwängen, denn gerade jetzt ging es im Hafen besonders lebhaft zu, und schliesslich fand ich auch die Schenke, die ich suchte.
Die Schenke sah gar nicht übel aus, das Schild war frisch gestrichen, die Fenster hatten saubere rote Vorhänge, der Boden war mit reinem Sand bestreut. Zu beiden Seiten der Schenke führten Strassen, und nach beiden Seiten standen die Türen offen, so dass man trotz der Rauchwolken den grossen, niedrigen Raum recht gut übersehen konnte.
Die Gäste waren zumeist Seeleute, und sie redeten so laut, dass ich an der Türe stehenblieb und kaum einzutreten wagte.
Während ich noch zauderte, kam ein Mann aus einem Nebenzimmer, und auf den ersten Blick wusste ich, dass das der Lange John sein musste. Sein linkes Bein war knapp unter der Hüfte amputiert worden, und unter der linken Schulter hatte er eine Krücke, die er mit ausserordentlicher Geschicklichkeit zu handhaben wusste; er hüpfte mit ihrer Hilfe umher wie ein Vogel. Er war sehr gross und kräftig, ein Gesicht wie ein Schinken, blassrosa und nicht gerade schön, aber intelligent und heiter. Ja, er war sichtlich in angeregtester Stimmung, pfiff vor sich hin, während er zwischen den Tischen hindurchhumpelte, und hatte für seine bevorzugten Gäste immer ein lustiges Wort oder einen Klaps auf die Schulter.
Nun, um die volle Wahrheit zu sagen, war in mir bei der ersten Erwähnung des Langen John in Squire Trelawneys Brief die Angst aufgestiegen, es könnte sich um jenen einbeinigen Seemann handeln, auf den ich im guten alten »Benbow« so lange gewartet hatte. Doch ein Blick auf den Mann vor mir genügte. Ich hatte den Käpt'n gesehen, den blinden Pew, den Schwarzen Hund, und nun glaubte ich doch zu wissen, wie ein Freibeuter aussah - ganz anders, soweit ich es verstand, als dieser reinliche, heitere Wirt.
Ich raffte meinen Mut zusammen, überschritt die Schwelle und ging unverzüglich auf den Mann zu, der auf seine Krücke gestützt dastand.
»Mister Silver, Sir?« fragte ich und hob den Brief.
»Ja, mein Junge«, erwiderte er, »so heisse ich. Und wer bist denn du?«
Und dann, als er den Brief des Squire sah, schien er geradezu zusammenzufahren.
»Aha!« sagte er ganz laut und reichte mir die Hand. »Jetzt verstehe ich! Du bist der neue Schiffsjunge. Freu mich, deine Bekanntschaft zu machen.«
Und er schüttelte mir mit festem Griff die Hand.
Gerade in diesem Augenblick stand einer der Gäste in einem Winkel der Gaststube auf und schlich zur Türe. Er brauchte nicht weit zu gehen, und schon war er draussen. Aber seine Hast hatte meine Aufmerksamkeit geweckt, und ich erkannte ihn sogleich. Er war jener fahle Kerl, dem zwei Finger fehlten und der im »Admiral Benbow« gewesen war.
»Oh!« rief ich. »Haltet ihn! Das ist der Schwarze Hund!«
»Mir ist's gleich, wer er ist«, rief Silver. »Aber er hat seine Zeche nicht bezahlt. Harry, lauf ihm nach, sieh zu, dass du ihn einholst.«
Einer der andern Gäste, die in der Nähe der Türe sassen, sprang auf und lief auf die Strasse.
»Und wenn er der Admiral Hawke selber ist, er muss seine Zeche bezahlen«, rief Silver; und dann liess er meine Hand los und fragte: »Wer, sagst du, ist das gewesen? Der Schwarze - was?«
»Hund, Sir«, sagte ich. »Hat Mister Trelawney Euch nicht von den Freibeutern erzählt? Er war einer davon.«
»So! ?« rief Silver entrüstet. »In meinem Hause? Ben, lauf! Du kannst Harry helfen. Einer von diesen Schuften war er? Und du hast mit ihm getrunken, Morgan? Komm nur mal her!«
Der Mann, den er Morgan nannte, ein alter, grauhaariger Seemann mit mahagonibraunem Gesicht, trat verlegen näher, das Priemchen von einer Backe zur andern schiebend.
»Na, Morgan«, sagte der Lange John sehr streng. »Du hast diesen Schwarzen – Schwarzen Hund noch nie zuvor gesehen, was?«
»Nein, Sir, nie zuvor«, sagte Morgan und grüsste.
»Und du hast auch nicht gewusst, wie er heisst?«
»Nein, Sir.«
»Beim Himmel, Tom Morgan, das ist dein Glück!« rief der Wirt. »Wenn du dich mit solchem Gesindel abgibst, so setzt du mir keinen Fuss mehr in mein Lokal, das lass dir gesagt sein. Und worüber hat er denn geredet?«
»Das weiss ich nicht so genau, Sir«, erwiderte Morgan.
»Nennst du das, was du da auf den Schultern hast, einen Kopf oder ein Bierfass?« schrie ihn der Lange John an. »Weisst es nicht so genau! Vielleicht weisst du auch nicht so genau, mit wem du geredet hast? Los, los - was hat er geschwatzt: Von Reisen, von Käpt'ns, von Schiffen? Mach's Maul auf! Was ist's gewesen?«
»Wir haben vom Kielholen geredet«, erwiderte Morgan.
»Vom Kielholen also! Ja, das wäre auch das beste für dich, darauf kannst du Gift nehmen. Na, und nun schau, dass du an deinen Platz kommst, du Tölpel!«
Und dann, als Morgan wieder zu seinem Tisch schlingerte, sagte Silver in einem vertraulichen Flüsterton, der mir sehr schmeichelte, zu mir:
»Ein ganz ehrlicher Bursche, dieser Tom Morgan, aber im Kopf hapert's. Und nun«, fuhr er laut fort, »lass doch mal sehen – der Schwarze Hund? Nein, ich hab' den Namen nie gehört; ich auch nicht. Aber wenn ich mir's so recht überlege – ja, ich hab' den Kerl schon gesehen. Er ist gewöhnlich mit einem blinden Bettler hierhergekommen.«
»Dessen könnt Ihr gewiss sein«, sagte ich. »Den blinden Mann habe ich auch gekannt. Er hiess Pew.«
»Das war's!« rief Silver sichtlich erregt. »Pew! Ganz bestimmt hat er so geheissen. Eine Haifischvisage hatte er, das kann man wohl sagen. Wenn wir diesen Schwarzen Hund jetzt erwischen, das wird eine Freude für Käpt'n Trelawney sein! Ben ist ein guter Läufer; wenige Seeleute laufen besser als Ben. Bei Gott, er muss ihn kriegen! Vom Kielholen hat er geschwatzt? Ich werde ihm schon zeigen, was Kielholen ist!«
Und während er diese Worte hervorstiess, humpelte er ununterbrochen im Gastzimmer auf und ab, schlug mit der Faust auf die Tische und tat so aufgeregt, dass er einen Richter von Old Bailey oder einen Londoner Polizisten überzeugt hätte. Mein Argwohn war aber gründlich wieder geweckt worden, als ich den Schwarzen Hund im »Fernrohr« sah, und nun beobachtete ich den Koch sehr genau. Doch er war zu gerieben, zu schlau für mich, und als die beiden Männer atemlos wiederkamen und bekannten, dass sie die Spur im Gedränge verloren hätten, und sich dafür ausschelten lassen mussten wie Diebe, hätte ich mich für die Unschuld des Langen John verbürgt.
»Da siehst du's, Hawkins«, sagte er. »In was für eine verdammte Patsche ein Mann wie ich kommen kann, was? Und Käpt'n Trelawney – was muss er sich jetzt vorstellen? Da habe ich diesen verfluchten Hundesohn in meinem eigenen Haus sitzen, und er trinkt von meinem eigenen Rum! Und da kommst du und sagst mir Bescheid, und ich lasse zu, dass er uns vor meinen verdammten Lukendeckeln durchbrennt! Na, Hawkins, du musst vor dem Käpt'n für mich eintreten. Du bist wohl nur ein Junge, aber ein tüchtiger Kerl. Das hab' ich auf den ersten Blick gesehen. Sag selber – was hätte ich mit diesem jämmerlichen Stück Holz anfangen können, auf dem ich umherhumpeln muss? Als ich noch mein eigenes Schiff steuerte, hätte ich auf der Stelle neben ihm beigelegt und ihm die Hölle heiss gemacht; jetzt aber . . .«
Und dann unterbrach er sich plötzlich und sperrte den Mund weit auf, als hätte er sich eben erst an etwas erinnert.
»Die Zeche!« schrie er. »Drei Runden Rum! Na, der Teufel soll mich holen, wenn ich die Zeche nicht vergessen hab'!«
Er liess sich auf eine Bank...




