E-Book, Deutsch, Band 3, 448 Seiten
Reihe: Raven Boys
Stiefvater Was die Spiegel wissen
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7320-0357-0
Verlag: script5
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Raven Boys 3
E-Book, Deutsch, Band 3, 448 Seiten
Reihe: Raven Boys
ISBN: 978-3-7320-0357-0
Verlag: script5
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Maggie Stiefvater, geboren 1981, wurde mit ihrer Nach dem Sommer-Trilogie sowie dem Roman 'Rot wie das Meer' international bekannt und von der Presse gefeiert. Momentan schreibt sie an ihrer vierbändigen Reihe Raven Boys, die in den USA bereits zahlreiche Auszeichnungen erhielt. Die New York Times-Bestsellerautorin lebt mit ihrer Familie in den Bergen Virginias.
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PROLOG
OBEN
Persephone stand auf dem kahlen Berggipfel, das elfenbeinfarbene Rüschenkleid wehte ihr um die Beine und ihr weißblonder Lockenwust flatterte. Sie wirkte durchscheinend, substanzlos, wie etwas, das rein zufällig zwischen diese Felsbrocken gewirbelt worden und an einem davon hängen geblieben war. Der Wind hier oben war rau, ohne Bäume, die ihm die Wucht genommen hätten. Die Welt unten erstrahlte in herbstlicher Pracht.
Neben ihr stand Adam Parrish, die Hände in den Taschen seiner mit Motorölflecken übersäten Cargohose vergraben. Er wirkte müde, aber seine Augen waren klar, klarer als bei ihrer letzten Begegnung. Da Persephone sich für gewöhnlich auf die wichtigen Dinge im Leben konzentrierte, hatte sie schon lange nicht mehr über ihr Alter nachgedacht, doch als sie jetzt Adam musterte, fiel ihr auf, wie neu er noch war. Dieser verletzliche Gesichtsausdruck, die jungenhaft angespannten Schultern, die wild lodernde Energie in ihm.
»Ein perfekter Tag für so etwas«, dachte sie bei sich. Es war kühl und bewölkt und weder die Kraft der Sonne noch der Mondzyklus noch die Erschütterungen irgendwelcher Straßenarbeiten störten.
»Das hier ist der Leichenweg«, sagte sie und richtete ihren Körper auf den unsichtbaren Pfad aus. Sie spürte, wie in ihrem Inneren ein angenehmes Schnurren einsetzte, ein Gefühl tiefer Zufriedenheit, ähnlich dem, das eine Reihe geradegeschobener Buchrücken im Regal in ihr auslöste.
»Die Ley-Linie«, präzisierte Adam.
Sie nickte gleichmütig. »Finde sie selbst.«
Ohne zu zögern trat er auf die Linie, den Blick so selbstverständlich in ihre Verlaufsrichtung gewandt, wie eine Blume sich zur Sonne drehte. Um dies zu meistern, hatte Persephone wesentlich länger gebraucht, allerdings hatte sie, anders als ihr Schüler, auch keinen Pakt mit einem übernatürlichen Wald geschlossen. Sie hielt nicht viel von Pakten. Arbeiten im Team war noch nie so ihr Ding gewesen.
»Was siehst du?«, fragte sie.
Seine Lider flatterten und seine staubfarbenen Wimpern legten sich auf seine Wangen.
Und weil sie Persephone war und dies ein perfekter Tag für so etwas, konnte sie sehen, was er sah. Es hatte nichts mit der Ley-Linie zu tun. Es war ein Haufen zerbrochener Jagdfigürchen auf dem Boden einer wunderschönen Villa. Ein offizielles Schreiben, gedruckt auf Behördenbriefpapier. Ein Freund, der sich zu seinen Füßen auf der Erde wand.
»Außerhalb deiner selbst«, rief Persephone ihm sanft in Erinnerung. Sie selbst sah zu viele Ereignisse und Möglichkeiten entlang des Leichenwegs, sodass sie kein einzelnes davon wirklich wahrnahm. Sie war eine sehr viel bessere Hellseherin, wenn sie ihre beiden Freundinnen Calla und Maura bei sich hatte: Calla, um die Eindrücke zu sortieren, und Maura, um sie in den richtigen Zusammenhang einzuordnen.
Adam zeigte sich in diesem Bereich durchaus vielversprechend, aber er war zu jung, um Maura ersetzen zu können – nein, das war schlecht formuliert, ermahnte Persephone sich, Freunde ersetzte man schließlich nicht. Sie suchte angestrengt nach dem richtigen Wort. Nicht ersetzen.
Retten. Ja, natürlich, Freunde rettete man. Musste Maura gerettet werden?
Wenn Maura hier mit ihnen auf dem Berg gewesen wäre, hätte Persephone das vielleicht abschätzen können. Aber wenn Maura hier mit ihnen auf dem Berg gewesen wäre, hätte Persephone es auch gar nicht abschätzen müssen.
Sie seufzte tief.
Sie seufzte sehr oft.
»Ich sehe etwas.« Adams Augenbrauen verhießen entweder Konzentration oder Unsicherheit. »Viel. Ein bisschen wie – wie diese Tiere in den Schobern. Ich sehe irgendwas … Schlafendes.«
»Träumendes«, stimmte Persephone ihm zu.
Kaum dass Adam ihre Aufmerksamkeit auf die Schlafenden gelenkt hatte, rückten sie ganz in den Vordergrund ihres Bewusstseins.
»Drei«, fügte sie hinzu.
»Drei was?«
»Besonders drei«, murmelte sie. »Die geweckt werden müssen. Das heißt nein. Nein. Zwei. Einer von ihnen darf nicht geweckt werden.«
Persephone war noch nie besonders gut darin gewesen, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden. Aber in diesem Fall hatte der dritte Schlafende definitiv etwas Falsches an sich.
Ein paar Minuten lang standen sie und der Junge – »Adam«, ermahnte sie sich selbst; es war so schwer, diesen irdischen Rufnamen Bedeutung beizumessen – bloß da und fühlten den Strom der Ley-Linie unter ihren Füßen. Persephone versuchte so behutsam wie erfolglos, den hellen Strang von Mauras Existenz in dem Gewirr aus Energiefäden auszumachen.
Neben ihr zog sich Adam wieder in sich selbst zurück, wie immer mehr an dem interessiert, was für ihn am unergründlichsten war: sein eigenes Bewusstsein.
»Außerhalb«, erinnerte Persephone ihn.
Adam öffnete die Augen nicht. Seine Worte waren so leise, dass der Wind sie beinahe davontrug. »Ich will ja nicht unhöflich sein, Ma’am, aber ich verstehe einfach nicht, warum ich das hier lernen soll.«
Persephone hatte keine Ahnung, wie er darauf kam, dass sie eine so naheliegende Frage als unhöflich ansehen könnte. »Als du noch ein Baby warst, hast du da verstanden, warum du besser anfangen solltest, sprechen zu lernen?«
»Mit wem soll ich denn kommunizieren lernen?«
Sie freute sich, dass er den Sinn ihrer Frage direkt begriffen hatte.
Sie antwortete: »Mit allem.«
DAZWISCHEN
Calla war fassungslos, wie viel Krimskrams Maura in ihrem Zimmer im Fox Way 300 hortete, und ließ sich bei Blue darüber aus.
Blue antwortete nicht. Den Kopf nachdenklich schief gelegt, stand sie am Fenster und blätterte durch einen Stapel Papiere. Aus diesem Winkel sah sie ihrer Mutter zum Verwechseln ähnlich: kompakt, athletisch, schwer aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sie wirkte verwirrend lieblich trotz ihrer dunklen, ungleichmäßig am ganzen Kopf festgeklipsten Haare und ihres T-Shirts, das sie zuvor mit einer Bodenfräse bearbeitet hatte. Oder vielleicht auch gerade deswegen. Wann war sie bloß so hübsch und erwachsen geworden? Ohne dabei größer zu werden? Aber wahrscheinlich war das ganz normal, wenn man sich nur von Joghurt ernährte.
»Hast du die hier gesehen?«, fragte Blue. »Die sind echt gut.«
Calla wusste nicht genau, was Blue sich da ansah, aber sie glaubte ihr. Blue war nicht der Typ Mädchen, der ungerechtfertigte Komplimente machte, nicht mal ihrer Mutter. Sie hatte ein gutes Herz, aber sie war nicht nett. Was Calla nur recht war, denn nette Menschen brachten sie auf die Palme.
»Deine Mutter besitzt viele Talente«, brummte sie. Dieses Durcheinander würde sie Jahre ihres Lebens kosten. Calla mochte verlässliche Dinge: Ablagesysteme, Monate mit einunddreißig Tagen, dunkelroten Lippenstift. Maura liebte das Chaos. »Zum Beispiel mich ärgern.«
Calla griff nach Mauras Kopfkissen. Eine Flut von Empfindungen stürzte auf sie ein. Sie fühlte, wo das Kissen gekauft worden war, die Art, wie Maura es jede Nacht in ihrem Nacken zusammenrollte, die Zahl der in den Kissenbezug gesickerten Tränen und die Träume aus fünf Jahren – alles auf einmal.
Im Zimmer nebenan klingelte das Telefon der Wahrsager-Hotline. Callas Konzentration flatterte davon.
»Verdammt«, fluchte sie.
Calla besaß die Gabe der Psychometrie – wenn sie einen Gegenstand berührte, konnte sie Dinge wie dessen Herkunft und die Gedanken seines Besitzers erspüren. Aber dieses Kissen war so oft benutzt worden, dass viel mehr Erinnerungen daran hafteten, als sie hätte verarbeiten können. Wenn Maura hier gewesen wäre, hätte Calla ganz leicht die brauchbaren herausfiltern können.
Aber wenn Maura hier gewesen wäre, hätte dafür kein Grund bestanden.
»Blue, komm mal her.«
In einer dramatischen Geste legte Blue Calla ihre Hand auf die Schulter. Sofort schärfte Blues natürliche Verstärkungsgabe Callas Sinne. Sie sah Maura, wachgehalten von ihrer eigenen Hoffnung. Spürte den Abdruck von MrGrays schattenhaftem Gesicht auf dem Kissen. Sah Mauras letzten Traum: ein spiegelnder See und ein vage vertraut wirkender Mann.
Calla fletschte die Zähne.
Artemus. Mauras Ex-Liebhaber aus lang vergangener Zeit.
»Und, siehst du was?«, fragte Blue.
»Nichts Brauchbares.«
Woraufhin Blue eilig ihre Hand zurückzog, denn sie wusste, dass Calla nicht nur in Kopfkissen Gefühle lesen konnte, sondern auch in Mädchen. Aber Calla brauchte keine übersinnlichen Kräfte, um zu registrieren, dass Blues gefasster, freundlicher Gesichtsausdruck nicht zu dem Feuer passte, das in ihrem Inneren tobte. Der Schulanfang stand kurz bevor, in der Luft lag Liebe und Blues Mutter war vor mehr als einem Monat im Alleingang zu irgendeinem geheimnisvollen Abenteuer aufgebrochen, für das sie sogar ihren gut aussehenden neuen Auftragskiller-Lover sitzen gelassen hatte.
Ach, Maura. Callas Magen zog sich zusammen. Ich hab dir doch gesagt, du sollst nicht gehen.
»Fass mal das da an.« Blue deutete auf eine große schwarze Sehschale. Letztere lag umgekippt auf dem Teppich, unberührt, seit Maura sie benutzt hatte.
Calla hielt nicht viel von Kristalloskopie, wie diese Art von Hellseherei genannt wurde, genauso wenig wie von Spiegelmagie und all dem anderen Zauber, für den man in die mysteriösen Gefilde von Raum und Zeit eindringen musste, um sich das Diesseits nach Wunsch zurechtzubiegen. Theoretisch war das zwar alles nicht gefährlich – man versenkte sich lediglich mittels...




