E-Book, Deutsch, 274 Seiten
Stinde Wilhelmine Buchholz' Memoiren
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3687-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 274 Seiten
ISBN: 978-3-8496-3687-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
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Die Memoiren der Wilhelmine Buchholz, eine ewig neugierige und hitzige Berlinerin, stellen den vierten Band der äußerst erfolgreichen Reihe dar.
Autoren/Hrsg.
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Geschäftliche Pflichten
Eine neue Art Heringskartoffeln und wattirte Kniescheiben – Warum Wilhelmine heiser wird und Betti Brotkrumenißt – Von warmen Handschuhen und schlaflosen Nächten – Vom Finanzminister und von chinesischen Münzen – Warum Wilhelmine überzeugt ist – Vom amerikanischen Giftkompot – Warum Wilhelmine unheimlich wird und Betti einen Kursus giebt – Von Pantomimen und der heutigen Jugend – Warum der schwarze Mann leid thut und Wilhelmine nicht an Lessing geht – Von dem Patentleuchter und Lästerung in Gefahr – Warum Karl als Statue steht und Wilhelmine Schildwache liegt
So sehr man auch zum harmonischen Zusammenvertragen veranlagt ist, ganz lassen sich Auseinandersetzungen mit nachfolgendem Uebelnehmen nicht vermeiden, wenn man auf derselben Etage wohnt und verschiedenes Rechtsbewußtsein hat.
Ich gebe nach, wo und wie ich kann, und meiner Betti muß ich nachrühmen, daß sie ihre Bockigkeit, mit der sie mir in den geflochtenen Zopfjahren manchen Verdruß in der Gegenwart und manche Sorge für die Zukunft machte, bis auf einige kaum merkbare Knubben abgestoßen hat, aber ganz einige werden wie in mehreren Dingen doch nicht und da ich gewöhnlich recht habe, fühlt sie sich gekränkt oder thut wenigstens so.
Sie ist so vernünftig, sich Auskunft bei mir zu holen, wenn sie in irgend einen Hausstandszweifel geräth, ob sie den Schmolkohl gleich mit Fett ansetzen soll, was Einige thun, oder erst abwellen und dann langsam das Schmalz mit feiner Empfindung daran geben, wie ich's von meiner Mutter lernte, die bekannt war, für einen gediegenen Happenpappen zu kochen. Oder wegen der Wäsche, oder es ist mit einem Kinde Abweichendes, oder sie kommt doch man so, da Thür an Thür in Freundschaft nie nahe genug ist. Aber viel zu dicht bei in Feindschaft.
Wovon sie nichts wissen will, ist die alte Gewohnheit, daß man Geschäftskunden zum Mittagbrot bittet, das heißt auswärtige Kunden, die anständig kaufen und bestellen und Wünsche haben, die beredet und bethan werden müssen. Betti meint, solche Tischeinladungen wären krähwinkelige Gebräuche, aber so gemüthlich, bei einem Püllecken feinerer Röthe fluschen die Aufträge ganz anders als ungefrühstückt, und schon manches Groß Socken, das den Morgen über festgesessen hatte, wurde Mittags bei umsichtiger Tränkung locker. Da ist es die Pflicht der Hausfrau, eine hinziehende Prepelung zusammenzustellen, während der Gatte in den Keller steigt, einfach nur, um das Geschäft schwunghaft zu erhalten.
Nun ist Felix Geschäftstheilhaber und Betti seine Frau, woraus sich selbstverständlich ergiebt, daß sie endlich und schließlich die Anfütterung der Kunden mit übernehmen müssen, meinen Karl und mich zu entlasten. Und das will Betti nicht.
»Betti,« sagte ich, »wer mit vom Geschäft reißen will, muß auch einschießen.«
»Es reißt sich nicht,« antwortete sie. »Der letzte Abschluß hat die Hoffnungen, die Felix bisher noch hegte, sehr heruntergestimmt.«
»Die Zeiten sind schlecht, Dein Vater klagt über die nordamerikanischen faulen Zustände, die sich bis in unsere Fabrik hineinerstrecken, aber gerade deswegen darf man nichts verabsäumen, was den Absatz begünstigt. Kunden fangen ist nicht schwer, Kind, für jeden Artikel, den Du unter dem Kostenpreis weggiebst, findest Du Abnehmer, zumal mit endlosem Kredit obendrein; aber einen propperen Zahler halten, das will verstanden sein: das geschieht vermittelst Gediegenheit der Waare, vereint mit freundschaftlicher Beziehung. Und wie willst Du Beziehungen befestigen, ohne ein kleines Bundesmahl? Auf trockenem Wege erreicht man nichts.«
»Mama, es ist mehr Mode, die Kunden in ein feines Restaurant mitzunehmen; das macht weniger Umstände.«
»Aber horrende Kosten. Bei Dressel mußt Du Sekt geben, wenn auch nicht ozeanweise, so doch bis nach Mitternacht und später. Zu Hause dagegen, wenn Papa sagt, ›die Sektgläser scheinen vergessen‹, dann weiß ich, daß eine Flasche auf der Bestellung stehen kann und frage: ›die Schalen oder die Kelche?‹ Sagt er ›Schalen‹, giebt es von dem guten aber billigen Lothringer von Wachenhusen und Prutz, sage er ›Kelche‹ kommt ›Deutz und Geldermann‹ ran. Mit dieser Zeichensprache sparen wir manchen Groschen und unsere Tischgäste fühlen sich trotzdem hochgeehrt. Und man kann reichlich geben, was immer dankbar haftet.«
»Davon haben wir als Kinder nie etwas gemerkt.«
»Kinder dürfen auch nicht zu klug gehalten werden, doch finde ich es sträflich, wenn Töchter, zumal erwachsene, sich wie die Sphinxe betragen.«
»Wen meinst Du damit, Mama?«
»Nichts, Kind. Man sagt wohl mal etwas, ohne gerade ein Corpusdelicti zu haben, dankt jedoch seinem Schöpfer, wenn nachher Alles gut abläuft...«
»Aber so sag' doch, Mama...«
»Was soll ich sagen? Ich weiß nichts.«
»Doch...«
»Wirklich nicht.«
»Kannst Du ›wahrhaftigen Gott‹ darauf sagen?«
»Ich bitte Dich, Betti, wer wird so neugierig sein? Neugierde ist und bleibt ein Charakterfehler, der viele bei näherer Bekanntschaft häßlich entstellt, wie beispielsweise die Krausen. Richte Dich nur immer nach Deiner Mutter, die hat das längste Ende vom Leben gesehen und ist nicht gieperig auf den Rest.«
In diesem Moment klingelte die Glocke vom Telephon, das von der Fabrik in die Wohnung leitet und mein Karl meldete einen Gast.
»Bon! Schluß!« hallte ich durch den Draht retour, und sagte darauf zu Betti: »Es wäre mir sehr angenehm, wenn Du und Dein Mann heute bei mir essen wolltet, ich habe eine neue Manier von Heringskartoffeln, nicht das Ganze aber doch noch reichlich, und dann können Du und Dein Mann gleich sehen, wie sich die Behandlung der Kunden je nachdem einrichtet. Mein Karl und ich, wir haben allerlei Winke, damit keiner über seine Fähigkeiten angestrengt wird.«
»Mir paßt es,« nahm Betti an, »ich habe doch nur Aufgewärmtes und das gönnt Felix der Kinderfrau ohne Beschränkung der Wohlthätigkeit.«
»Behaltet Ihr sie noch lange?«
»Karla hängt so sehr an ihr. Ueberhaupt, ich bin mit ihr und meinem Mädchen sehr glücklich dran.«
»Ich nicht mit meinem. Uebrigens Deine gießt immer das Kohlwasser auf die heiße Asche, daß der Gestank die ganze Wohnung verpestet. Und dabei habe ich es ihr schon wiederholt streng verboten.«
»Das ist es alleben; sie läßt sich von keiner andern etwas sagen, als von ihrer Herrschaft und die bin ich. Mit Heftigkeit richtest Du bei der garnichts aus.«
»Bin ich heftig?«
»Mama, Du meinst es ganz gewiß gut... aber«
»Wie aber?«
»Die Mädchen wollen nicht mehr, daß man auf sie herabsieht, sie verlangen respektirt zu werden, und aufrichtig gesagt: ich habe gefunden, daß man mit Freundlichkeit weiter kommt, als mit der mittelalterlichen Strenge.«
»Ich werde mir die Kniescheiben wattiren lassen und die Philippine nur noch fußfällig anflehen, die Kartoffeln zu schälen, wenn ich sie mir mit der Pelle leid gegessen habe,« entgegnete ich nicht ohne einen Anflug von Hohn.
»Dem dienenden Geist, dem ich mein Liebstes, meine Kinder anvertraue, muß ich mit Achtung begegnen, dann kann ich auch verlangen, daß er seine Pflicht mit voller Hingebung in Artigkeit und Freundlichkeit thut.«
»Ich verlange von meiner Nichts und auch das macht sie noch verkehrt. Uebrigens was nützt das Meinungen austauschen, schließlich nimmt jede selbständige Frau doch ihre eigene wieder mit sich nach Hause. Aber ich sage Dir, wenn ich eine Meinung habe, ist sie nicht nur meine, sondern auch die richtige. Sag' Deinem Manne, Punkt drei essen wir.«
»Findest Du Heringskartoffeln nicht etwas sehr bürgerlich?«
»Für diesen Kunden nicht. Hätte Papa telephonirt, wir essen um Vieren, dann würden Umstände gemacht; jede viertel Stunde später bedeutet einen Gang mehr.«
»Seid Ihr aber anschläg'sch,« lachte sie, denn es macht Kindern stets Freude, wenn sie mit zunehmendem Verständniß immer mehr die elterliche Bedeutung einsehen und neue...




