Stirling | Calling Crystal Die Macht der Seelen 3 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 3, 384 Seiten

Reihe: Die Macht der Seelen

Stirling Calling Crystal Die Macht der Seelen 3

Roman
3. Auflage 2013
ISBN: 978-3-423-41908-6
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, Band 3, 384 Seiten

Reihe: Die Macht der Seelen

ISBN: 978-3-423-41908-6
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Perfekter Mix aus Spannung und Romantik.  Crystal fühlt sich verkehrt in der Welt der Savants. Sie hat keine besondere Begabung und glaubt auch nicht daran, dass sie jemals ihren Seelenspiegel finden wird. Doch dann tritt Xav Benedict in ihr Leben und stellt alles auf den Kopf . . . 

Joss Stirling studierte Anglistik in Cambridge und arbeitete als Diplomatin in Polen. Mittlerweile schreibt sie sehr erfolgreich Romane für Kinder und Jugendliche. Mit >Finding Sky<, dem ersten Band der >Macht der Seelen<-Trilogie, war sie 2013 von der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in Oxford.
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Kapitel 1

Denver, Colorado

Der Abend, an dem sich mein Leben veränderte, begann damit, dass ich ein absolut unübertreffliches Dessert verspeiste: Himbeer-Käsekuchen mit dunkler Schokoladensoße. Meine Schwester und ich waren gerade erst aus Italien nach Amerika zurückgekehrt und hatten beide mit einem ziemlich heftigen Jetlag zu kämpfen; aus Erfahrung wussten wir allerdings, dass wir das Zubettgehen so lange wie möglich hinauszögern sollten, damit sich unser Biorhythmus schnell wieder einpendelte. Und so waren wir in ein Restaurant gegangen, anstatt in unsere Kissen zu sinken, was mir bedeutend lieber gewesen wäre. Aber wenn wir unseren Schlaf schon dem guten Zweck opfern mussten, dann hatten wir uns wenigstens eine süße Belohnung verdient. Und ich war nicht enttäuscht worden.

Diamond saß über ihren Teller gebeugt und kostete nur löffelchenweise von ihrem Nachtisch; ihr Appetit ging gegen null.

»Hast du dir schon überlegt, was du morgen machen willst, während ich auf dieser Konferenz bin?«, fragte Diamond. »Du könntest dich hinten reinsetzen, aber ich bezweifle, dass dich das Thema ›Savant-Verbrechen: Umgehensweise mit den Tätern‹ auch nur ansatzweise fesseln wird.«

Sie kannte mich echt in- und auswendig. Ich konnte wirklich darauf verzichten, einem Haufen begabter Menschen mit grandioser extrasensorischer Wahrnehmung dabei zuzuhören, was für Cracks sie darin waren, die Probleme der Welt zu lösen. Allein der Gedanke daran brachte mich zum Gähnen, sodass mich tatsächliche Vorträge über Dinge, von denen ich so gut wie keine Ahnung hatte, vermutlich schlagartig ins Koma versetzen würden.

»Ich glaube, das schenke ich mir lieber.«

»Sie werden es dir sicher nicht übel nehmen.« Diamond hatte sich von meinem Gähnen anstecken lassen, hielt sich aber im Gegensatz zu mir eine Serviette vor den Mund.

»Wer sind denn ›sie‹?«

»Das hab ich dir doch erzählt.«

Wollte sie wirklich die Hälfte ihres Desserts stehen lassen? Ich beäugte hoffnungsvoll ihren Teller und drehte meine Gabel zwischen den Fingern. »Ach echt? Sorry, da hatte ich wohl auf Durchzug geschaltet. Du kennst mich doch.«

Diamond seufzte. Sie hatte es aufgegeben, mich dazu kriegen zu wollen, dass ich mich mit Dingen beschäftigte, die ich ihrer Ansicht nach wissen müsste; sie hatte eingesehen, dass ich ein Dickkopf war und nur dann zuhörte, wenn es mir in den Kram passte. Als kleine Schwester bin ich eine echte Herausforderung.

»Dann erzähl ich es dir besser noch mal, denn du wirst unter Garantie einige der Leute von der Konferenz auf der Abendveranstaltung treffen.« Wie immer klang ihre Stimme unglaublich geduldig, als sie mit mir sprach. »Das Ganze ist von einer einflussreichen amerikanischen Savant-Familie organisiert worden, den Benedicts; mehrere von ihnen arbeiten in der Verbrechensbekämpfung.«

»Und diese einflussreiche Familie hat die international anerkannte Schlichterin Diamond Brook angefleht, als Stargast bei ihrer Veranstaltung eine Rede zu halten.« Ich grinste sie an. »Sie haben Glück, dich zu kriegen.«

»Hör auf, Crystal. So ist das nicht.« Süß, wie mein Loblied auf ihre herausragenden Fähigkeiten sie in Verlegenheit brachte. »Es gibt keine Stars im Savant-Netzwerk; wir arbeiten alle Hand in Hand.«

Ja, klar doch. Vergesst, was sie gesagt hat; wir wussten alle, dass sie etwas ganz Besonderes war. Im Gegensatz zu mir. Ich war bei diesen Spritztouren quasi nur ihr Kofferkuli, der Roadie der Diamond-Tour.

»Keine Ahnung, was ich machen werde. Vielleicht gehe ich ein bisschen shoppen.« Ich kratzte die letzten Reste von meinem Dessertteller und hinterließ mit den Zinken der Gabel kunstvoll geschwungene Linien in der Soße. »Ich brauche eine neue Jeans und Denver scheint mir ein guter Ort für Schnäppchen zu sein; hier ist alles viel billiger als zu Hause. Wenigstens das Shoppen hab ich drauf.«

Auf mein unanständiges Vorhaben reagierte Diamond mit diesem gewissen Gesichtsausdruck, bei dem ihre seelenvollen braunen Augen voller Sorge sind. Und prompt ließ sie auch schon den schwesterlichen Fürsorgeappell vom Stapel; sie konnte einfach nicht anders, auch wenn wir beide vor Müdigkeit schon halb von unseren Stühlen rutschten.

»Crystal, ich hatte gehofft, du würdest die nächsten Tage vielleicht nutzen, um dir Gedanken über deine Zukunft zu machen, weißt du. Ich habe ein paar College-Broschüren mitgenommen, denn du solltest dein Examen wiederholen. Sie liegen im Koffer in unserem Hotel.«

Ich zuckte mit den Schultern. Ich hatte keine Lust, zu unserem Hotel zurückzukehren, nicht solange ich mir noch den schokoladigen Nachgeschmack auf der Zunge zergehen ließ.

»Oder wenn du das nicht willst, sollten wir vielleicht mal über eine Ausbildung nachdenken? Du hast dich doch schon immer für Design und Mode interessiert. Wir könnten Signora Carriera fragen, ob sie Hilfe beim Karneval braucht. Es wäre bestimmt spannend zu sehen, wie man in so kurzer Zeit dermaßen viele verschiedene Kostüme anfertigt, oder? Ich weiß zum Beispiel, dass sie zurzeit alle Hände voll zu tun hat, da sie außerdem noch die Outfits für einen großen Hollywoodfilm macht, der nächsten Monat in Venedig gedreht wird.«

Das klang zugegebenermaßen interessant, aber schon war der vergnügte Kellner wieder da und schenkte uns mit einer übertriebenen Geste Kaffee nach. Vielleicht war er ein Schauspieler, der zwischen zwei Engagements ›pausierte‹. Ich hingegen war mit meinen neunzehn Jahren in Sachen eigener Karriere noch nicht mal aus dem Startblock herausgekommen.

»Wie war das Essen, meine Damen?«, fragte er, die Augen auf meine Schwester gerichtet, in der Hoffnung auf ein kleines Fitzchen Lob. Ganz offensichtlich hatte er sich bereits in Diamond verliebt, so wie die meisten Y-Chromosom-Träger es taten.

»Es war wunderbar, danke.« Sie schenkte ihm ein warmes Lächeln und ihr kinnlanges Haar schwang leicht hin und her, als sie aufblickte. Diamond hatte die elegante Frisur und die edlen Gesichtszüge einer Kleopatra – die Ähnlichkeit mit der Pharaonin kam nicht von ungefähr, denn unsere Mutter war Ägypterin. Dad war ein britischer Diplomat gewesen, der nach Kairo versetzt wurde, wo er sich in Mama verliebte und sie heiratete. Wir waren eine richtige Multikulti-Familie – Diamond und ich lebten jetzt in Venedig, mehr oder weniger in der Mitte zwischen unserem saftig grünen Heimatland Großbritannien und den staubigen Nilufern. Ich hatte keine sehr ausgeprägte nationale Identität. Italien war eher so etwas wie mein Adoptivland. Vielleicht war dieses Gefühl des Entwurzeltseins ein weiterer Grund für meine Unzufriedenheit mit mir selbst?

Der Kellner erinnerte sich schließlich daran, sich auch nach meiner Meinung zu erkundigen. »Und wie hat Ihnen das Dessert geschmeckt?«, fragte er höflich.

»Das war klasse.« Ich lächelte ihn an, aber sein Augenmerk lag längst wieder auf meiner Schwester. Sichtlich zufrieden trat er den Rückzug an. Mich nahm er wohl nur am Rande wahr, doch das konnte ich ihm nicht verübeln: Ich hatte die eher markanten Pharaonen-Merkmale mitbekommen, eine große Nase und kräftige Augenbrauen, aber nichts von der Eleganz, und zu allem Übel hatte ich auch noch die Löwenmähne der Familie meines Vaters geerbt. Vererbung war bei Savants meist eine komplizierte Sache – wir waren da keine Ausnahme.

Dad hatte eine venezianische Mutter gehabt, mit der typischen Haarpracht vieler Norditaliener: ein Wust von Locken, in dem sich alle möglichen Farbnuancen finden, von Schmutzigbraun bis sonnengebleichtes Blond. Das kann man manchmal auch auf den Gemälden alter Meister sehen, allerdings habe ich keine madonnenhaft weichen Wellen, sondern eine wilde Flut krauser Ringel. In Gegenwart meiner Schwester fühle ich mich immer wie eine zottige Löwin neben einer geschmeidigen, seidig glänzenden Miezekatze.

Der Touristenmagnet, das Hard Rock Café, füllte sich mit Studenten und Reisenden, der Lärmpegel stieg und mit den zahlreichen Bestellungen wurde unser Kellner mal hierhin mal dorthin gescheucht. Mein Blick wurde von einem Glaskasten angezogen, in dem vorgeblich eine original Michael-Jackson-Uniformjacke hing; ich musste angesichts meines Spiegelbilds grinsen, das optisch verzerrt so aussah, als hätte ich so gut wie keinen Hals. Ich gähnte noch einmal. Worüber hatten wir eben gleich gesprochen? Ach richtig.

»Du willst wirklich, dass ich für Signora Carriera arbeite? Das wäre der reinste Sklavenjob.« Ich kannte die Kostümschneiderin, die in Venedig in der Wohnung unter uns wohnte, ziemlich gut, da ich oft mit ihrem Hund Gassi ging, wenn sie beschäftigt war. Sie war eine ganz angenehme Nachbarin, wäre aber bestimmt eine extrem anspruchsvolle Chefin. Es grauste mir bei dem bloßen Gedanken, wie sie über meine Zeit verfügen würde.

Diamond schob ihr Dessert beiseite. »Ich hasse es, mit anzusehen, wie du dein Leben vergeudest.«

»Ich hasse Vergeudung auch. Schieb mir mal deinen Teller rüber. Dieser Käsekuchen ist v. A.«

»Wie?«

»Vom Allerfeinsten.«

Meine Schwester seufzte und verkniff sich die Bemerkung, dass ich mit meinen schlappen ein Meter achtzig auf mein Gewicht achten sollte. Nicht dass ich fett war, aber – wie sagte sie doch gleich immer? –, ach ja, ich war eine Amazone verglichen mit meinen Schwestern, die alle Durchschnittskonfektionsgröße trugen. Mir war das schnuppe. Wem hätte ich schon...


Kolodziejcok, Michaela
Michaela Kolodziejcok hat Sprachwissenschaften, Publizistik und Amerikanistik studiert, bevor sie mehrere Jahre als Kinder- und Jugendbuchlektorin tätig war. Seit 2003 arbeitet sie als freiberufliche Lektorin und Übersetzerin.

Stirling, Joss
Joss Stirling studierte Anglistik in Cambridge und arbeitete als Diplomatin in Polen. Mittlerweile schreibt sie sehr erfolgreich Romane für Kinder und Jugendliche. Mit ›Finding Sky‹, dem ersten Band der ›Macht der Seelen‹-Trilogie, war sie 2013 von der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in Oxford.

Joss Stirling studierte Anglistik in Cambridge und arbeitete als Diplomatin in Polen. Mittlerweile schreibt sie sehr erfolgreich Romane für Kinder und Jugendliche. Mit ›Finding Sky‹, dem ersten Band der ›Macht der Seelen‹-Trilogie, war sie 2013 von der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in Oxford.

Joss Stirling studierte Anglistik in Cambridge und arbeitete als Diplomatin in Polen. Mittlerweile schreibt sie sehr erfolgreich Romane für Kinder und Jugendliche. Mit ›Finding Sky‹, dem ersten Band der ›Macht der Seelen‹-Trilogie, war sie 2013 von der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in Oxford.



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