E-Book, Deutsch, Band 2, 384 Seiten
Reihe: Die Macht der Seelen
Stirling Saving Phoenix Die Macht der Seelen 2
3. Auflage 2012
ISBN: 978-3-423-41585-9
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 2, 384 Seiten
Reihe: Die Macht der Seelen
ISBN: 978-3-423-41585-9
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Joss Stirling studierte Anglistik in Cambridge und arbeitete als Diplomatin in Polen. Mittlerweile schreibt sie sehr erfolgreich Romane für Kinder und Jugendliche. Mit >Finding Sky<, dem ersten Band der >Macht der Seelen<-Trilogie, war sie 2013 von der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Sie lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in Oxford.
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Kapitel 1
Der Junge schien das perfekte Opfer zu sein. Er stand ganz hinten in der Besuchergruppe, die das Londoner Olympiastadion besichtigte, und seine Aufmerksamkeit galt den Baufahrzeugen, die sich die gewaltige Rampe zum Athleteneingang hinaufschoben, und nicht dem Dieb, der ihn ins Visier genommen hatte.
Das Gebäude war fast fertiggestellt und erinnerte meiner Meinung nach stark an einen gigantischen Suppenteller mit Drahtgeflecht in der Mitte, platziert auf einem grünen Tischtuch. Alles, was jetzt noch auf dem Gelände zu tun blieb, waren die Abschlussbepflanzung und ein allerletztes Handanlegen hier und dort, bevor die Welt zu den Spielen anreisen würde. Mitglieder der Community arbeiteten auf der Baustelle und sie hatten mir gezeigt, wo man am besten an den strengen Sicherheitskontrollen vorbeigelangte. Ich war schon öfter hier gewesen, weil Touristen wie diese Studenten leichte Beute waren. Ich hatte jede Menge Zeit, mein Opfer auszuspähen, und es waren nur wenige Leute da, die mir in die Quere kommen konnten. Wenn ich einen guten Fang machte, könnte ich den Rest des Tages faulenzen oder mich an meinen Lieblingsplatz in der Bibliothek verkrümeln und bräuchte keine Angst zu haben, was wohl passieren würde, wenn ich mit leeren Händen nach Hause käme.
Hinter einen Schaufellader geduckt, beobachtete ich meine Zielperson. Das da musste der Typ sein, den ich mir schnappen sollte; alle anderen waren zu klein und er passte auch zu dem Foto, das mir gezeigt worden war. Mit seinen rabenschwarzen Haaren, dem gebräunten Teint und seiner selbstbewussten Körperhaltung sah er nicht aus wie jemand, dem der Verlust des Handys oder der Brieftasche groß zu schaffen machen würde. Vermutlich war er versichert oder hatte Eltern, die einspringen und den Verlust sofort ersetzen würden. Dieser Gedanke tröstete mich, denn ich klaute keineswegs freiwillig; es war einfach eine Überlebensstrategie. Sein Gesicht war nur zur Hälfte sichtbar, aber er machte irgendwie einen abwesenden Eindruck; er trat von einem Fuß auf den anderen und blickte nicht in dieselbe Richtung wie der Rest der Studenten, die alle aufmerksam den Ausführungen der Fremdenführerin folgten. Das waren doch schon mal gute Voraussetzungen, denn Träumer gaben erstklassige Opfer ab, da sie zu langsam reagierten, um einen auf frischer Tat zu ertappen. Er trug knielange Kaki-Shorts und ein T-Shirt mit dem Aufdruck ›Wrickenridge Wildwasser-Rafting‹. Er sah aus, als würde er viel Sport treiben, darum durfte mir kein Fehler unterlaufen. Sollte er mir hinterherjagen, würde ich ihm vermutlich nicht entwischen können.
Ich band die Schnürsenkel meiner abgeranzten Keds zu und hoffte, dass sie nicht ausgerechnet jetzt rissen. Also, wo waren seine Wertsachen? Ich veränderte leicht meine Position und sah, dass er einen Rucksack über der Schulter hängen hatte. Da mussten sie drin sein.
Ich kam vorsichtig aus meinem Versteck heraus und hoffte, dass ich mich in meinen lässigen Jeans-Shorts und dem Tanktop unbemerkt unter die Gruppe mischen könnte. Es waren meine besten und neuesten Klamotten, die ich erst vor einer Woche bei Top Shop geklaut hatte. Ein Nachteil meiner Fähigkeit ist, dass ich ganz nah an mein Ziel heranmuss, um einen erfolgreichen Coup zu landen. Das ist immer der riskanteste Teil der Aktion. Aber ich war gut vorbereitet und hatte einen Baumwollbeutel mitgebracht, den ich in einer Boutique in Covent Garden eingesteckt hatte. Er gehörte zu der Sorte, die Touristen gern als Andenken kaufen, mit einem ›London Calling‹- Aufdruck in affiger Pseudo-Graffiti-Schrift. Ich war recht zuversichtlich, dass ich als gut betuchte Touristin durchgehen würde, solange man meine Schuhe für ein bewusstes Fashion-Statement hielt, allerdings war ich mir nicht sicher, ob ich es hinkriegte, intelligent genug auszusehen, um zu ihrer Gruppe gezählt zu werden. Meinen Informationen nach waren sie alle Teilnehmer einer Konferenz über Umweltforschung oder irgend so ’nen Schlaubergerquatsch, die an der London University stattfand. Ich hatte nie groß eine Schule besucht; meine Bildung bestand aus dem gelegentlichen Unterricht, den mir andere aus der Community erteilten, und dem, was ich mir selbst in der Bibliothek angelesen hatte. Ich würde also nicht wie eine Studentin der Naturwissenschaften daherquatschen können, sollte mir irgendjemand Fragen stellen.
Ich zog mir das Gummiband aus den Haaren und kämmte mir mit den Fingern ein paar lange dunkle Strähnen ins Gesicht, um auf den Bildern der Überwachungskameras, die überall auf dem Gelände verteilt waren, nicht sofort erkennbar zu sein. Ich pirschte mich an zwei Mädchen heran, die etwa einen Meter von meinem Opfer entfernt standen. Sie trugen Shorts und Tanktops wie ich, aber der leichenblassen Haut der Blondine nach zu urteilen, hatte sie diesen Sommer deutlich mehr Zeit in geschlossenen Räumen verbracht als ich. Die andere hatte drei kleine Ringe im Ohr, weswegen meine fünf Piercings hoffentlich nicht weiter auffielen. Die Mädchen warfen mir einen Seitenblick zu und lächelten.
»Hi, tut mir leid, ich bin zu spät«, flüsterte ich. Man hatte mir gesagt, dass sie sich untereinander nicht besonders gut kannten, da sie erst letzte Nacht für ihre Konferenz angereist waren. »Hab ich irgendwas Spannendes verpasst?«
Das Mädchen mit den Ohrringen grinste mich an. »Wenn du Wildblumenwiesen magst, dann schon. Sie haben auf dem Gelände Unkraut ausgesät, zumindest würde mein Opa es so bezeichnen.« Sie hatte einen breiten Südstaaten-Akzent, der von Zucker und Magnolien troff. Ihr Haar war zu engen Cornrows geflochten, bei deren Anblick ich unwillkürlich ›autsch‹ dachte.
Die Blondine beugte sich zu mir herüber. »Hör nicht auf sie. Es ist total faszinierend.« Sie hatte auch einen Akzent – Skandinavisch vielleicht. »Sie verwenden für das Dach eine leichte Membran auf Polymerbasis. Ich hab mit dem gleichen Stoff letztes Jahr im Labor rumexperimentiert … Wird also interessant sein, als wie haltbar sich das Ganze jetzt erweist.«
»O ja, das ist echt … cool.« Ich war bereits total von ihnen eingeschüchtert: Sie waren eindeutig Genies und schafften es trotzdem, toll auszusehen.
Die Fremdenführerin winkte die Gruppe weiter und wir marschierten die Rampe hinauf ins eigentliche Stadion. Dem Grund meines Hierseins zum Trotz überkam mich das erhabene Gefühl, nun denselben Weg zu nehmen wie schon bald die olympische Fackel. Nicht dass ich jemals die Chance gehabt hätte, am eigentlichen Ereignis teilzuhaben; meine Träume von einer sportlichen Karriere waren nie aus den Startblöcken herausgekommen. Es sei denn, das olympische Komitee würde den verrückten Einfall haben, Diebstahl zur medaillenwürdigen Disziplin zu erklären – dann standen meine Chancen nicht schlecht. Ein geglückter Raubzug war ein unglaublicher Kick, für das geschickte Zugreifen und die unbemerkte Flucht brauchte man mindestens genauso viel Talent wie fürs Im-Kreis-Rennen auf irgend so einer blöden Bahn! Ja, in meiner Disziplin war ich eine Anwärterin auf die Goldmedaille.
Die quietschvergnügte Fremdenführerin schwenkte ihren Schirm als Aufforderung zum Weitergehen und so betraten wir das große Stadion-Oval. Wow! Bis hierhin war ich bei meinen vorherigen Abstechern auf das Gelände noch nie gekommen. In meinem Kopf ertönte der Jubel der Menge. Reihe um Reihe der leeren Sitze füllte sich mit den Schattengestalten der zukünftigen Zuschauer. Mir war nicht klar gewesen, dass die Zukunft in gleicher Weise Geister bereithielt wie die Vergangenheit, aber ich konnte sie klar und deutlich sehen. Die Energie sickerte durch die Zeit bis zu diesem ruhigen Mittwochmorgen im Juli.
Ich rief mir wieder meinen eigentlichen Auftrag ins Gedächtnis und rückte unauffällig näher an den Jungen heran. Ich konnte ihn jetzt im Profil sehen: Er hatte die Sorte von Gesicht, wie man es in Mädchenzeitschriften sieht, neben irgendeinem umwerfenden Model. Er hatte in puncto gute Gene voll abgesahnt: eine fein geschnittene Nase, lässig frisiertes tintenschwarzes Haar, dunkle Augenbrauen, zum Sterben schöne Wangenknochen. Seine Augen waren hinter einer dunklen Sonnenbrille versteckt, aber ich hätte wetten können, dass sie riesengroß, schokobraun und gefühlvoll waren – o ja, er war zu perfekt, um wahr zu sein, und dafür hasste ich ihn.
Ich ertappte mich dabei, wie ich den Kerl finster musterte, und war von mir selbst überrascht. Warum reagierte ich so auf ihn? Normalerweise empfand ich nichts für meine Opfer, abgesehen von einem leisen Anflug von schlechtem Gewissen, dass ich ausgerechnet sie herausgegriffen hatte. Ich versuchte immer Leute auszuwählen, denen der Verlust nicht so viel ausmachen würde, ein bisschen wie Robin Hood. Es machte mir Spaß, meine reichen Opfer auszutricksen, aber dabei sollte niemand wirklich zu Schaden kommen.
Dieser Coup fiel ein bisschen aus der Reihe, da ich im Auftrag handelte; es war eher die Ausnahme, dass man mich bat, eine bestimmte Person zu beklauen, aber ich war froh, dass mein Opfer anscheinend zu der Sorte zählte, die bis zum Anschlag versichert war. Weder er noch ich hatten uns diese Situation ausgesucht, darum war es total irrational, dass ich ihn zu meinem Feind erklärte. Er hatte nichts getan, dass er so was verdiente; er stand einfach nur rum und sah so unbekümmert, frisch und in sich ruhend aus, während ich einfach nur hoffnungslos durch den Wind war.
Die Fremdenführerin quasselte weiter und erläuterte, dass die Bestuhlung so konstruiert worden war, dass man sie später einmal herausnehmen konnte. Was kümmerte mich die Zeit nach Olympia? Ich war davon überzeugt,...




