E-Book, Deutsch, 664 Seiten
Stittle SURVIVAL INSTINCT
überarbeitete Ausgabe
ISBN: 978-3-95835-025-0
Verlag: Luzifer-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Horror-Thriller
E-Book, Deutsch, 664 Seiten
ISBN: 978-3-95835-025-0
Verlag: Luzifer-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
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Tobias
Tobias lief Lucas Jonas durch den überfüllten Park hinterher. Es war heiß und laut, stank nach Haargel sowie Körperausdünstungen. Die Kameratasche, die er trug, fing schon wieder an zu rutschen, also zog er das schwere Ding weiter auf der Schulter zum Hals hin und zwängte sich durch eine besonders dicht zusammenstehende Traube von Menschen.
Das Gedränge der Leiber ging ihm allmählich auf die Nerven. Er hasste große Menschenmengen. Obwohl er größer als die meisten war – durchschnittlich große reichten ihm gerade bis zur Nase – beunruhigte ihn die schiere Masse, die sich um ihn scharte. Tobias war kein Einzelgänger; er erfreute sich eines ansehnlichen Freundeskreises, doch überall, wo er es mit mehr als zehn Personen zu tun bekam, wurde ihm beklommen zumute. Hier waren es Hunderte, wenn nicht gar an die Tausend.
Allmählich kamen ihm Zweifel daran, ob es wirklich ein so toller Lebensentwurf war, in der Stadt zu wohnen. Andererseits dachte er das auch nicht zum ersten Mal.
»Wie weit noch?«, rief er nach vorne zu Lucas.
Dieser antwortete nur mit einer Drehung seiner Hand auf Schulterhöhe. Tobias grummelte in sich hinein; mit großen Namen wie Lucas Jonas zu arbeiten, war stets am schlimmsten. Sie beantworteten niemals Fragen und bestanden andauernd darauf, die schwerste Ausrüstung mitzuschleppen. Tobias hatte ursprünglich eine viel kleinere und leichtere Tasche gewählt, doch als Mr. Großkotz diese sah, bestand er auf die schweren Geschütze. Größer bedeutete zwar nicht besser, sah aber beeindruckender aus, und der schöne Schein war alles, worum es diesen Typen ging. Aber Lucas Jonas … Was für ein Name war das überhaupt?
Endlich brachen sie durch den Auflauf und erreichten den Sicherheitszaun. Tobias blieb stehen, um frische Luft zu schnappen – soweit das überhaupt möglich war, im Stadtpark in der heißen Augustsonne neben einem Wust schwitzender Leiber. Während dieser Pause verlor er Mr. Jonas vorübergehend aus den Augen, und als er ihn wiederentdeckte, schlug dieser sich zum Kontrollpunkt durch. Tobias seufzte und machte sich auf den Weg hinüber. Lucas diskutierte bereits mit einem Sicherheitsmann, einem kräftigen Schwarzen mit Armen so dick wie Tobias' Beine.
»Wissen Sie, wer ich bin?« Lucas stand auf Zehenspitzen und konnte dem Riesen trotzdem nicht auf Augenhöhe begegnen. »Ich bin Lucas Jonas, verdammt! Können Sie diesen Ausweis lesen?« Er fuchtelte so hektisch mit dem laminierten Papier vor dem Gesicht des Wächters, dass sich Tobias ziemlich sicher war, dieser erkenne nicht einmal die Farbe. »Er berechtigt mich dazu, überall hinzugehen, wo ich in diesem elenden Durcheinander hingehen will!«
Als Lucas schließlich bemerkte, dass Tobias neben ihm stand, zog er ihn grob zu sich. Er entriss ihm die Tasche und öffnete einen Reißverschluss, wobei die teuren Geräte fast auf den Boden gefallen wären.
»Sehen Sie? Eine Filmausrüstung!« Mit hochrotem Kopf drehte er sich zu Tobias um. »Steh nicht rum wie ein Ölgötze, Toby, sondern zeig dem Mann deinen verfluchten Ausweis!«
Er ließ Tobias' Arm mit einem Schubser los. Tobias hätte aus der Haut fahren können, weil er Toby genannt worden war, was wie ein Hundename klang, zog aber trotzdem den Pass an dem Band um seinen Hals hervor. Er gab ihn dem Wachmann, der ihn gründlich prüfte.
»Anstrengender Tag heute, Mackenzie?«, fragte er mit tiefer Stimme, während er Tobias' Pass las.
»Ist das so offensichtlich?« Tobias grinste Lucas selbstgefällig von der Seite an. Es brachte gelegentlich Vorteile mit sich, dass er bei seiner Arbeit für Leighton Network schon viele Sicherheitsbeamte kennengelernt hatte.
»Du kennst den Mann?« Lucas schaute zwischen den beiden hin und her. »Warum zum Henker hast du das nicht gleich gesagt? Mein Gott, diese Anfänger …« Er sprach das letzte Wort entnervt langgezogen in Silben.
Der Wachmann trat zur Seite, woraufhin Lucas mit einem arroganten Grinsen vorbeilief, das strahlend weiße Zähne offenbarte.
»Wie bist du denn an den geraten?«, fragte der Mann Tobias, während er Lucas hinterherschaute.
»Mit Pech, schätze ich.« Einmal mehr zog Tobias seine Tasche hoch. »Sag mal, Bruce, ich gehe nächsten Freitag mit ein paar Kumpels ins The Foxers; kommst du mit?« Er mochte den Laden, weil es dort nie übermäßig voll war. Dort hatte er Luft zum Atmen im Gegensatz zu anderen Läden – oder der Meute, durch die sie gerade gekommen waren.
»Klar, Mackenzie, aber der zieht nicht mit, oder?« Sicherheitsmann Bruce zeigte mit dem Daumen über seine Schulter Richtung Lucas.
»Falls doch, ist mein Leben vorbei. Ich gehe jetzt besser, bevor er meinem Boss Bescheid gibt und einen anderen Lastesel verlangt.« Mit einem Seufzen machte sich Tobias Mackenzie auf den Weg hinter Lucas her.
Bruce rief ihm noch mit seiner Brummstimme nach: »Dein Boss wäre nie so gemein zu jemand anderem, nur zu dir!«
Tobias streckte den Mittelfinger über einer Schulter nach hinten aus. Bruce' Gelächter hallte ihm nach, während er sich nach Mr. Lucas Jonas umschaute. Bis er wieder ein so aufrichtiges und völlig argloses Lachen hörte, sollte einige Zeit vergehen.
Als er sich seinen Weg um die Aufbauten und üblichen Gerätschaften bahnte, die es immer hinter einer Bühne gab, entdeckte er Jonas endlich. Als dieser wiederum ihn sah, stürmte er auf ihn zu, und Tobias wusste, dass dies nichts Gutes verhieß. Lucas packte ihn am Arm und zog ihn noch schneller neben sich her. Tobias ließ sich die unfreiwillige Führung gefallen, indem er tief durchatmete und schwieg. Beschissene Fernsehtypen – ständig in Eile, dachte er.
Lucas blieb zwischen dem Bühnenrand und der Reihe von Bussen stehen, in denen sich die Rockstars aufhielten.
»Hier.« Er zeigte vor seine Füße.
»Was hier?«, nölte Tobias. Der Fleck festgetretener Erde kam ihm nicht sonderlich anders oder interessanter vor als der Rest der Umgebung.
»Ich will, dass du von hier aus filmst.« Mr. Jonas verdrehte die Augen, als sei es selbstverständlich. »Alle Musiker müssen auf dem Weg zur Bühne hier vorbei. Das ist die perfekte Gelegenheit, um jeden von ihnen zu interviewen und Eindrücke ihrer Shows mitzuschneiden.«
»Sie wollen, dass ich alles von einer Stelle aus filme?«
»Hast du meine Sendung überhaupt schon einmal gesehen? Natürlich nicht. Du bist so ein unersprießlicher Wicht. Mein Schaffen übersteigt deinen Verstand bei weitem.« Lucas strafte Tobias mit einem ruckartigen Wink ab und fing an, sich umzuschauen.
Tobias hegte wenig Zweifel daran, dass Lucas nicht wusste, was »unersprießlich« bedeutete, sondern das Wort nur gebrauchte, um ihn zu beleidigen. Zur Entspannung holte er noch einmal tief Luft und schloss die Augen. »Ihnen ist klar, dass wir, wenn wir hier drehen, a) im Weg und b) so dicht neben den Boxen stehen, dass die Musik alles übertönen wird, was Sie sagen.«
»Was?« Erst jetzt schien Lucas die Anlage zu bemerken, obwohl sie nur wenige Schritte entfernt stand.
Aus diesem Grund filmte Tobias ungern bei Konzerten, speziell solchen zu Wohltätigkeitszwecken: Die Musik verhagelte ihm den Ton, und wenn das Publikum Kameras sah, rastete es umso mehr aus. Unheimlich gern wäre er einer der Kollegen gewesen, die nur dasaßen und feststehende Kameras bedienten. Sie mussten keinen Volltrottel verfolgen, sondern brauchten nur draufzuhalten und einzufangen, was interessant aussah. Hierbei stimmte wenigstens die Kohle.
»Also gut, dann filmen wir flexibel«, meinte Lucas und klang dabei, als ringe er sich ein großes Opfer ab. »Nimm deine Kamera raus.«
Tobias wuchtete das schwere Gerät aus seiner Tasche. Er stellte es neben seinen Füßen ab und begann mit der Verkabelung. Um den klobigen Akku und diverse weitere Zusätze halten zu können, hatte er sich sogar einen Hüft- und Beingurt besorgt, wie ihn Felskletterer verwendeten. Während er diesen anzog, beobachtete er Mr. Jonas aus dem Augenwinkel. Der Kerl bestaunte sein eigenes Gesicht in einem Taschenspiegel und kratzte an seinen bestimmt teuer gebleichten Zähnen.
»Hier, können Sie sich das anstecken?« Tobias hielt ihm ein Mikrofon mit Stromversorgung hin, die er sich im Kreuz an den Gürtel klemmen musste. Lucas verdrehte erneut die Augen, als er es entgegennahm.
Tobias brachte seine Vorbereitungen zu Ende, wobei er sich bemühte, nicht mit den Zähnen zu knirschen, und hob sich die Kamera dann auf die Schulter. Seine jetzt nahezu gänzlich leere Tasche hängte er sich an den Rücken. Beim letzten Mal, als er seine Kameratasche im Rahmen einer solchen Veranstaltung unbeaufsichtigt gelassen hatte, war sie für immer verschwunden.
Sobald er in den Startlöchern stand, führten sie den Soundcheck durch. Durch seine rauschunterdrückenden Kopfhörer verstand Tobias nichts von dem, was Mr. Jonas sagte. Wie es aussah, hatte der Mann das Mikro korrekt angebracht, aber nicht eingeschaltet. Irgendwie drehte er es aber so, dass er Tobias die Schuld dafür zuschieben konnte.
»Also gut, ich will, dass du von hier an alles filmst, verstanden? Im Schnitt basteln die das hinterher...




