Stoker / Holt Dracula - Die Wiederkehr
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-8025-8409-1
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 592 Seiten
ISBN: 978-3-8025-8409-1
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Fünfundzwanzig Jahre sind vergangen, seit die Vampirjäger um Professor van Helsing den gefürchteten Dracula zur Strecke brachten. Doch der Friede ist trügerisch. In London geschehen unheimliche Dinge, und Jonathan Harker wird ermordet am Picadilly Circus aufgefunden. Irgendjemand scheint es auf diejenigen abgesehen zu haben, die damals an der Vernichtung des dunklen Grafen mitwirkten. Harkers Sohn Quincey tritt in die Fußstapfen seines Vaters, um den Mord aufzuklären. Dabei macht er rätselhafte Entdeckungen. Könnte es sein, dass der legendäre Dracula noch unter den Lebenden weilt?
Als Urgroßneffe von Bram Stoker, dem ursprünglichen Verfasser von Dracula (1897), trug sich der Kanadier Dacre Stoker bereits seit einiger Zeit mit dem Gedanken, eine Fortsetzung dieses Klassikers der Horrorliteratur zu schreiben. In dem Drehbuchautor und Stoker-Forscher Ian Holt fand er schließlich den idealen Co-Autor. Auf der Grundlage von Originalmaterial aus dem Nachlass Bram Stokers entstand Dracula - Die Wiederkehr als Fortführung der Geschichte, die im ursprünglichen Roman erzählt wird.
Weitere Infos & Material
Roman
Ins Deutsche übertragen
von Hannes Riffel
Prolog
Brief von Mina Harker an ihren Sohn, Herrn Quincey Harker
(Zu öffnen im Falle des plötzlichen oder unnatürlichen Todes von Wilhelmina Harker)
9. März 1912
Liebster Quincey,
mein geliebter Sohn – Dein ganzes Leben lang hast Du vermutet, dass es zwischen uns Geheimnisse gibt. Ich fürchte, dass nun die Zeit gekommen ist, Dir die Wahrheit zu enthüllen. Sie Dir noch länger vorzuenthalten, würde bedeuten, Dein Leben und Deine unsterbliche Seele zu gefährden.
Wenn Dein geliebter Vater und ich Dir nicht alles erzählt haben, was uns widerfahren ist, so geschah dies, um Dich vor der Finsternis zu schützen, die diese Welt gleich einem Schleier einhüllt. Wir hatten gehofft, Dir eine Kindheit zu ermöglichen, die frei ist von den Ängsten, die uns verfolgen, seit wir unsere Jugend hinter uns gelassen haben. Während Du zu dem vielversprechenden jungen Mann heranwuchst, der Du heute bist, haben wir beschlossen zu schweigen, damit Du uns nicht für verrückt hältst. Verzeih uns. Wenn Du diesen Brief jetzt liest, dann ist das Böse, vor dem wir Dich so verzweifelt und vielleicht zu Unrecht schützen wollten, zurückgekehrt. Und Du befindest Dich, wie Deine Eltern vor Dir, in ernster Gefahr.
Im Jahre 1888, als Dein Vater und ich noch jung waren, haben wir am eigenen Leibe erfahren, dass das Böse in den Schatten der Welt lauert, allzeit bereit, Jagd auf die Ungläubigen und Unvorbereiteten zu machen.
Als junger Advokat unternahm Dein Vater eine Reise in das unzivilisierte Transsilvanien. Ihm war aufgetragen worden, einem gewissen Grafen Dracula beim Kauf eines Anwesens in Whitby zu helfen, einem alten Kloster, das einst den Namen Carfax Abbey getragen hat.
Während seines Aufenthalts in Transsilvanien fand Dein Vater heraus, dass sein Gastgeber und Mandant Graf Dracula in Wahrheit eine Kreatur war, von der er geglaubt hatte, es gäbe sie nur in Märchen und Legenden – ein Geschöpf, das sich vom Blut der Lebenden ernährte, um Unsterblichkeit zu erlangen. Die Einheimischen bezeichneten Dracula als einen »Nosferatu«, einen Untoten. Dir ist diese Kreatur unter ihrem gebräuchlicheren Namen vertraut: Vampir.
Graf Dracula befürchtete alsbald, Dein Vater könnte der Welt enthüllen, was er war, und hielt ihn in seinem Schloss gefangen. Dracula selbst begab sich auf ein Schiff namens Demeter, das nach England segelte, wobei er den größten Teil der Reise in einer von Dutzenden von Kisten unter Deck verbrachte. Warum er sich auf diese seltsame Weise verborgen hielt? Nun, ein Vampir mag zwar so stark sein wie zehn Männer und vielerlei Gestalt annehmen können, aber wenn das Licht der Sonne auf ihn fällt, verbrennt er zu Asche.
Damals hielt ich mich gerade in Whitby auf, im Haus meiner engsten und liebsten Freundin Lucy Westenra. Ein Gewitter war vom Meer her aufgezogen, und die tückischen Klippen von Whitby waren in dichten Nebel gehüllt. Lucy, die nicht schlafen konnte, beobachtete von ihrem Fenster aus, wie das vom Sturm gepeitschte Schiff auf die Felsen zuhielt. Sie stürzte in die Nacht hinaus, um Alarm zu schlagen, bevor das Schiff auf Grund lief. Aber sie kam zu spät. Kurz darauf schreckte ich, von Panik erfüllt, aus dem Schlaf und sah, dass Lucy nicht mehr in ihrem Bett lag. Ohne zu zögern, machte ich mich auf die Suche nach ihr, und schließlich fand ich sie am Rand der Klippen, ohne Bewusstsein und mit zwei kleinen Wunden am Hals.
Lucy wurde sterbenskrank. Ihr Verlobter, Arthur Holmwood, der Sohn von Lord Godalming, und sein guter Freund, der Texaner Quincey P. Morris, von dem Du Deinen Namen hast, eilten an ihre Seite. Arthur rief alle Ärzte in Withby und Umgebung herbei, aber keiner hatte eine Erklärung für Lucys Krankheit. Schließlich ließ unser Freund Dr. Jack Seward, der die Nervenheilanstalt Whitby betreibt, nach seinem holländischen Mentor Dr. Abraham Van Helsing schicken.
Dr. Van Helsing, ein Arzt von großer Gelehrsamkeit, der darüber hinaus mit okkulten Dingen vertraut war, erkannte schließlich, dass Lucy von einem Vampir gebissen worden war.
Zu dem Zeitpunkt erhielt ich endlich eine Nachricht von Deinem Vater. Er war aus Schloss Dracula geflohen und hatte Zuflucht in einem Kloster gesucht, wo er schwach und siech darniederlag. Ich sah mich gezwungen, meinen Platz an Lucys Krankenbett zu verlassen und mich auf den weiten Weg nach Budapest zu begeben. Dort wurden wir schließlich vom Kaplan der englischen Missionskirche getraut.
Dein Vater erzählte von all den grauenhaften Dingen, die ihm widerfahren waren, und seine Schilderungen waren es auch, die uns auf die Spur des Vampirs brachten, der Lucy überfallen hatte und nun das Leben jedes Einzelnen von uns bedrohte: Graf Dracula.
Nach unserer Rückkehr aus Budapest erfuhren wir, dass Lucy gestorben war. Doch damit nahm der Schrecken erst seinen Anfang. Wenige Tage nach ihrem Tod kehrte sie aus ihrem Grab zurück. Sie war zu einem Vampir geworden und ernährte sich vom Blut kleiner Kinder. Dr. Van Helsing, Quincey Morris, Dr. Seward und Arthur Holmwood standen vor einer grauenhaften Entscheidung. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als Lucy einen Holzpflock durch das Herz zu treiben, um ihre arme Seele zu befreien.
Kurz darauf wurde ich nachts von Graf Dracula überfallen. Daraufhin schworen wir einen heiligen Eid, den Vampir zu jagen und auszulöschen, um die Welt von dem Bösen zu befreien, das er über sie brachte. Und so taten wir uns zusammen und verfolgten Graf Dracula bis zu seinem Schloss in Transsilvanien. Dort fiel Quincey Morris im Kampf, allerdings nicht, bevor er Dracula heldenhaft ein Messer ins Herz gestoßen hatte. Das Ungeheuer ging vor unseren Augen in Flammen auf und zerfiel im Licht der untergehenden Sonne zu Staub.
Endlich waren wir frei – oder so glaubte ich jedenfalls. Doch ein Jahr nach Deiner Geburt wurde ich immer häufiger von entsetzlichen Albträumen heimgesucht. Dracula verfolgte mich bis in meine Träume. Da erinnerte mich Dein Vater an die Warnung des Fürsten der Finsternis und daran, dass er ausgerufen hatte: »Meine Rache hat erst begonnen. Ich habe sie auf Jahrhunderte verteilt, und ich habe die Zeit auf meiner Seite.«
Von dem Tag an konnten Dein Vater und ich keinen Frieden mehr finden. All die Jahre hindurch haben wir immer wieder ängstliche Blicke hinter uns geworfen. Und jetzt, so fürchte ich, fehlt uns endgültig die Kraft, um Dich vor dieser üblen Kreatur zu beschützen.
Mein Sohn, um nicht dem Bösen zum Opfer zu fallen, das nun Jagd auf Dich machen wird, musst Du mir vertrauen. Mach Dir die Wahrheit zu eigen, die ich Dir auf diesen Seiten enthülle. Blicke tief in Dein Inneres und sei tapfer, so wie Dein Vater und ich es einst waren, denn uns blieb keine andere Wahl. Dracula ist ein kluger und durchtriebener Feind. Fliehen kannst Du nicht vor ihm, und es gibt auch keinen Ort auf der Welt, wo Du Dich verstecken könntest. Du musst Dich ihm stellen und kämpfen.
Viel Glück, mein geliebter Sohn, und fürchte Dich nicht. Wenn Van Helsing recht hat, dann sind Vampire in der Tat Dämonen, und Gott wird Dir beistehen.
Sei meiner unsterblichen Liebe versichert.
Deine Mutter Mina
Erstes Kapitel
Meere von Liebe, Lucy.
Diese Inschrift war das Einzige, worauf sich Dr. Jack Seward konzentrieren konnte, während die Finsternis ihn allmählich einholte. Finsternis bedeutete Frieden – kein grelles Licht würde mehr auf das fallen, was von seinem Leben übrig geblieben war. Jahrelang hatte er mit ganzer Kraft versucht, die Finsternis im Zaum zu halten. Jetzt gab er sich ihr kampflos hin.
Nur nachts gelang es Seward, seinen Frieden mit der Erinnerung an Lucy zu machen. In seinen Träumen spürte er noch immer, wie sie ihn in die Arme schloss. Einen flüchtigen Augenblick lang konnte er nach London zurückkehren, in glücklichere Zeiten, als er noch einen Sinn gesehen hatte in seiner Arbeit, als er noch zufrieden gewesen war mit seinem Platz in der Welt. Das war das Leben gewesen, das er mit Lucy hatte teilen wollen.
Die Karren von Milchlieferanten, Fischverkäufern und anderen Händlern klapperten über die Pflasterstraßen des frühmorgendlichen Paris und schreckten Seward aus seinen Träumen. Die raue Wirklichkeit holte ihn ein. Mühsam öffnete er die Augen. Sie brannten schlimmer als frisches Jod in einer offenen Wunde. Während die rissige Decke des heruntergekommenen Zimmers, das er in Paris angemietet hatte, allmählich Gestalt annahm, sann er darüber nach, wie sehr sich sein Leben doch verändert hatte. Es stimmte ihn traurig, wenn er sah, wie kraftlos seine Muskeln geworden waren. Sein Bizeps war schlaff – er glich einem dieser neumodischen, von Hand genähten Teebeutel aus Musselin, nachdem sie aus der Kanne genommen worden waren. Die Venen an seinem Arm sahen aus wie Flüsse auf einer zerfledderten Landkarte. Er war nur noch ein Schatten seiner selbst.
Seward betete inständig, der Tod möge ihn rasch ereilen. Seinen Leichnam hatte er der Wissenschaft vermacht, damit er in einem Lehrsaal seiner Universität seziert werde. Der Gedanke, dass...




