E-Book, Deutsch, Band 20, 202 Seiten
Stone Western Legenden 20: Die Hand am Colt
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-95719-420-6
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 20, 202 Seiten
Reihe: Western Legenden (Historische Wildwest-Romane)
ISBN: 978-3-95719-420-6
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die Geschichte zweier ungleicher Männer, die das Schicksal immer wieder zusammenführt. Cord Farrell, der vor seiner Vergangenheit flieht, und El Compasino, der verschlagene Pistolero mit seinen schnellen Colts. Einer ist für den anderen da. Doch als Cord einen Siedlertreck nach Oregon führen will, stehen sie auf verschiedenen Seiten. Am Columbia River treffen sie aufeinander und müssen sich entscheiden, ob sie Freunde oder Feinde sind.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. Kapitel
Nach einem langen Ritt erreichte Cord Farrell im Frühjahr 1879 die Ausläufer des Great Devide Basins in Wyoming. Die Sonne versank als dunkelroter Feuerball hinter den Hügeln und tauchte sie in schwarze Silhouetten, die wie gezackte Kämme aufragten. Ein frischer Westwind trug den Geruch von Alkali und Salbei.
Hinter diesen Hügeln, wusste Cord, lag Wainwrights Handelsstation – die einzige im Umkreis von fünfzig Meilen. Dort würde er sich und sein Pferd versorgen und Proviant kaufen, bevor der Ritt am frühen Morgen weiterging.
Cord verfolgte kein bestimmtes Ziel. Aber hinter dem hochgewachsenen, dunkelblonden Mann mit dem hageren Gesicht und den wasserblauen Augen lag eine Vergangenheit, die es zu verwischen galt. Eine rauchige Vergangenheit.
Pferd und Reiter erreichten eine Anhöhe, von der aus Cord Wainwrights Handelsstation am Grund einer Talsenke sehen konnte. Sie lag inmitten einer Einöde, umgeben von Hügeln und einigen bewaldeten Flächen. Ein kleiner Creek schlängelte sich an ihr vorbei und mündete irgendwo in den Felsen des Great Devide Basins.
Aus Augen, rot vor Staub und Hitze, spähte Cord ins Tal hinab. Doch dort unten war weder Mensch noch Tier zu erkennen. Die Station lag einsam und verlassen da. Kein Licht, trotz der nahenden Dunkelheit.
Irgendetwas stimmte nicht. Es konnte unmöglich sein, dass die Station verlassen worden war.
Misstrauisch näherte sich Cord den vier Gebäuden. Die Witterung hatte über Jahre die Holzfassaden verblassen lassen.
Etwa fünfzig Meter vor der Station zog Cord sein Pferd in den Stand und griff in die Brusttasche seines abgetragenen, verwaschenen Flanellhemdes. Er angelte sein Rauchzeug hervor. Aus den letzten Krümeln Tabak rollte er sich eine dünne Zigarette, ohne seinen Blick von der Station zu lösen.
„Teufel, Manolito“, brummte Cord seinem Schecken zu, der über viele Jahre Einsamkeit sein bester Freund geworden war. Er entfachte ein Streichholz am Sattelknauf und führte es in der hohlen Hand an die Zigarette. „Irgendetwas stinkt da gewaltig.“
Als hätte er die Worte seines Herrn verstanden, schnaubte Cords Schecke leise und trat einmal mit dem rechten Vorderhuf auf den staubigen Boden auf. Cord tätschelte seinem treuen Tier den Hals, dann stieg er wieder auf, doch erst als er die Zigarette zu Ende geraucht hatte, gab er Manolito einen sanften Schenkeldruck und ritt langsam weiter in die breite Hofeinfahrt hinein. Noch immer regte sich nichts. Noch immer lagen die Gebäude dunkel und schweigend da.
Verlassen?
Daran wollte Cord nicht glauben. Denn der gesamte Durchgangsverkehr – ob einzelne Reiter oder Kutschen – war auf diese Station angewiesen.
Das Tor zum Corral stand sperrangelweit offen. Drinnen hörte Farrell ein Pferd schnauben. Doch im Inneren gähnte tiefe Dunkelheit, sodass er den Corral nicht einsehen konnte.
Cord schwang sich aus dem Sattel und zog gleichzeitig seinen Revolver. Langsam bewegte er sich auf das Haupthaus zu, über dessen Veranda ein Schild mit der schiefen Aufschrift Wainwright Station im Wind hin und her schwang. Die rostigen Ketten, an denen es aufgehängt war, quietschten dabei leise. Nirgendwo sonst hätte Cord diesen Geräuschen großartig Bedeutung beigemessen. Jetzt, da alles dämmrig und unheimlich ruhig vor ihm lag, zerrte es an seinen Nerven.
Je näher er sich dem verwitterten Store näherte, desto mehr verspannte er sich. Er witterte die Gefahr. Hinter sich hörte er Manolito nervös mit den Vorderhufen aufschlagen.
Cord spannte den Hahn seines Revolvers, drängte sich dicht an die Holzwand und rief: „Verdammt, ist hier keiner? Haltet ihr Siesta?“
Es blieb totenstill – wie erwartet. Langsam umfasste Cords Linke den Türgriff und drückte die Tür vorsichtig nach innen. Sie gab nach. Er konnte nicht vermeiden, dass sie beim Öffnen übel quietschte – schlimmer noch als das Schild.
Cord löste sich von der Wand und spähte ins Innere.
Dunkelheit.
„Sie können Ihr Eisen wieder einstecken Mister!“, sagte plötzlich eine leise, ruhige Männerstimme. „Außer mir ist hier keiner mehr. Ich bin allein.“
Die Stimme klang friedfertig – was Cords Misstrauen allerdings erhöhte. „Ich?“, fragte er vorsichtig, „Wer, zum Teufel, ist ich?“
Drinnen wurde ein Streichholz entfacht. Kurz darauf brannte eine Petroleumlampe. Cord blickte vorsichtig in den Raum. Er erkannte die Umrisse des Mannes, der ihn angesprochen hatte.
„Kommen Sie rein und schließen Sie die Tür, Mister! Ich beiße schon nicht.“
Cord grinste schief, blieb aber vorsichtig. Langsam trat er ein. Die Blicke seiner Augen wanderten wachsam umher. Wie es aussah, war dieser Mann wirklich allein. Er saß an einem Tisch und hatte vor sich eine Flasche Whisky stehen. Der Aschenbecher quoll fast über, woraus Cord schloss, dass der Bursche sich hier schon eine ganze Weile aufhalten musste. Cord wandte sich ihm zu. Im Schein der Lampe erkannte er die scharfen Konturen eines dunklen Gesichtes, offenbar mexikanischer Abstammung. Die Augen des Mannes lagen immer noch im Halbschatten verborgen; Nase und Lippen verliefen geradlinig, wie aus Stein gemeißelt. Auf seinem Mund lag ein leicht spöttischer Zug, und seine Kleidung passte überhaupt nicht in diesen Landstrich: Unter dem schwarzen Anzug stach ein blütenweißes Hemd hervor, das eine dunkle Krawatte zierte. Der Hut war flachkronig und ebenfalls schwarz.
„Haben Sie mich jetzt genug gemustert?“, wehte es mit einer Samtstimme zu Cord heran, die nicht unangenehm klang. Cord fand, dass diese Stimme gut zu dem Aussehen des Mannes passte. Irgendwie wirkte alles recht perfekt an diesem Mann.
Zu perfekt, wie Cord empfand.
„Wo sind die Bewirtschafter dieser Station?“, fragte Cord, ohne auf die Frage des anderen einzugehen.
„Tot!“
„Tot?“
„Das sagte ich.“
Cords Augen verengten sich zu Schlitzen. Der Mexikaner goss sich einen Whisky ein und schob ihm die Flasche entgegen. „Ein Glas müssen Sie schon selber holen! Dort rechts im Regal stehen noch welche. Bedienen Sie sich!“
Cord holsterte seinen Revolver, drehte sich um und fischte ein Glas aus dem Regal. Er blies den Staub ab, zog den Korken aus der Flasche und schenkte sich einen Drink ein. Er trank und fühlte, wie der Staub aus der Kehle gespült wurde. Wärme breitete sich in seinem Magen aus.
„Bin vor ein paar Stunden hier angekommen“, erklärte sein Gegenüber währenddessen. „Da lagen der Besitzer und seine Frau hier auf dem Boden. Ihm hatte man ein ganzes Magazin ins Gesicht geballert. Ganz schöne Sauerei. Die Frau lag dort drüben hinter der Theke. Die starb nicht so schnell.“
Cord schüttelte den Kopf und starrte den Mexikaner fragend an. Der fuhr schleppend fort: „Schätze, man hatte noch ein bisschen Spaß mit ihr, bevor sie in die Jagdgründe geschickt wurde. Vermutlich waren sie zu dritt. Habe draußen im Hof die Pferdespuren angesehen. Schätze, die Geschichte ist vor ein oder zwei Tagen passiert!“
Er sagte dies wie beiläufig im Plauderton und Cord schauderte.
„Ich sehe aber keine Leichen“, sagte er, nachdem er sich eine fertig gedrehte Zigarette zwischen die Lippen gesteckt hatte.
„Hab sie begraben. Hinterm Haus“, antwortete der andere wie beiläufig. Und spöttisch fügte er hinzu. „Woll’n Sie nachsehen?“
„Kein Interesse.“ Cord glaubte die Geschichte. Weshalb sollte dieser Bursche vor ihm in der eleganten Kleidung eines Städters ihn auch anlügen? Und selbst wenn – was ging es ihn an? Er hatte eigene Probleme.
„Ist das Ihr Pferd im Corral?“
Der Mexikaner nickte. Wieder schob er Cord die Flasche hin. Der schenkte sich erneut ein und kippte den scharfen Whisky hinunter. „Weshalb haben Sie sich hier in der Dunkelheit versteckt gehalten?“
Prompt kam die Gegenfrage: „Weshalb hätte ich denn Licht machen sollen? So gab ich jedenfalls keine gute Zielscheibe ab.“
„Zielscheibe? Für wen?“
„Nun, für Sie beispielsweise. Ich habe Sie schon lange Zeit über die Ebene kommen sehen, Freund. Vielleicht sind Sie ja der Mörder dieser beiden armseligen Kreaturen, die ich hier beerdigt habe.“
„Das können Sie ganz schnell vergessen, Mann!“
„War auch nur ein Scherz.“
„Ein verdammt schlechter.“
Der Mexikaner beugte sich vor, sodass Cord seine Augen erkennen konnte. Sie waren dunkel, fast schwarz – und kalt. Im Schein der Petroleumlampe erkannte Cord auch die kleine, dünne Narbe an der rechten Braue.
„Und weshalb vergeuden Sie hier so viel Zeit?“, fragte er. „Bringen zwei Menschen unter die Erde, um anschließend in aller Ruhe Zigaretten zu rauchen und Whisky zu trinken? Wieso sind Sie nicht weitergeritten?“
Der Mexikaner zuckte mit den Achseln und winkte lässig ab. „Hab’s nicht sonderlich eilig.“
„Sie kommen nicht aus der Gegend, stimmt’s?“
„Sie auch nicht.“
„Das ist richtig. Also: Woher?“
„Sie sind sehr neugierig, Freund. Das muss man schon sagen.“
Cord nahm noch einen tiefen Zug von der Zigarette, bevor er sie im Aschenbecher ausdrückte. „Liegt in meiner Natur“, sagte er. Dabei ließ er den hageren, gut gekleideten Burschen am Tisch nicht eine Sekunde unbeobachtet.
„Okay, will kein Geheimnis daraus machen. Wozu auch? Ich stamme aus Matamoras. Liegt am Rio Grande. Falls Ihnen das was sagt.“
Das tat es, und Cord nickte. „Verdammt weit weg von Zuhause,...




