Stone | Western Legenden 25: Blutiger Winter | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 25, 200 Seiten

Reihe: Western Legenden (Historische Wildwest-Romane)

Stone Western Legenden 25: Blutiger Winter


1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-95719-535-7
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, Band 25, 200 Seiten

Reihe: Western Legenden (Historische Wildwest-Romane)

ISBN: 978-3-95719-535-7
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Der Winter 1879 in Wyoming ist hart und unerbittlich. Viele Leichen liegen unter dem Schnee begraben, doch daran ist nicht nur die Kälte schuld. Nachdem Luke Dawson ins Tal gekommen ist, sollte es noch mehr Tote in diesem Winter geben.

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Prolog

Durch das schmutzige Fenster sah Luke Dawson die ersten Gebäude von Sunbow Falls vorbeiziehen, während der Zug sein Tempo verlangsamte. Das Quietschen der Bremsen setzte ein, vermischte sich mit dem monotonen Stampfen der Lokomotive.

„Sunbow Falls“, dröhnte die nasale Stimme des Schaffners durchs Abteil. „Weiterfahrt nach Rock Springs über Wamsutter und Table Rock in einer Stunde.“

Luke zog seine Taschenuhr hervor, ließ den Deckel aufspringen, warf einen Blick auf das Ziffernblatt und nickte anerkennend. Genau zwölf Uhr. Dieser Zug kam also pünktlich auf die Minute an. Die Uhr wanderte zurück in die Westentasche. Der kleine Bursche ihm gegenüber streckte sich auf seinem Sitz. Er riss die dünnen Arme hoch, gähnte laut und sah Luke dabei schuldbewusst an. Ein entschuldigendes Lächeln zog sich über sein pausbackiges Gesicht, das Luke nur mit einem leichten Kopfnicken erwiderte. Der Kleine war in Dryfork zugestiegen, und kaum dass er Platz genommen hatte, auch schon eingeschlafen. Etwas, das Luke nie in den Sinn gekommen wäre. Er hatte lieber die vorbeiziehende Landschaft betrachtet, die sich seit damals kaum verändert hatte. Eine flache Leere, durch die der Zug Stunde um Stunde nach Westen gebraust war. Nur manchmal waren draußen die Umrisse eines Corrals vorbeigehuscht, noch seltener eine Ranch aus den Tiefen der Prärie aufgetaucht. Dies waren nur kurze, winzige Unterbrechungen einer Monotonie, welche die Einsamkeit einer Welt betonten, die sich in ihrer ungeheuren Weite verlor. Und dennoch lag gerade darin der besondere Reiz für einen Mann wie Luke Dawson, der mittlerweile die fünfundsiebzig erreicht hatte. Während der dreistündigen Fahrt – Luke war in Laramie in den Zug gestiegen – hatte er kaum den Blick vom Fenster abgewandt.

Ein Rucken ging durch das Abteil, als der Zug endlich zum Stehen kam. Der kleine Bursche ihm gegenüber machte einen Hüpfer und wäre Luke fast in den Schoß gefallen. Wieder dieses entschuldigende Grinsen. Luke schüttelte nur den Kopf. Dampf zischte laut aus den Kesseln. Weiße Wolken zogen draußen am Fenster vorbei, vernebelten die Sicht. Der kleine Bursche rückte mit linkischen Bewegungen seinen Anzug zurecht, der, wie es Luke schien, eine Nummer zu groß war. Er murmelte etwas, das Luke nicht verstand, und verließ mit seltsam wackeligen Schritten das Abteil. Andere Reisende erhoben sich ebenfalls von ihren Sitzen. Luke hatte keine Eile. Er wartete, bis der letzte Fahrgast das Abteil verlassen hatte. Dann ergriff er seine Tasche und trat hinaus auf die eiserne Plattform. Ein hochgewachsener Mann, der trotz seines fortgeschrittenen Alters ganz und gar nicht wie ein alter Greis wirkte, und der zeitlebens an gewissen Gewohnheiten festgehalten hatte. Damals wie heute. So war er nie ein Mann gewesen, den man in einem Anzug bewundern konnte, von sehr wenigen Ausnahmen einmal abgesehen. Seine Kleidung, die er trug, war schlicht. Unter seiner braunen Wildlederweste stach ein blassblaues Flanellhemd hervor. Seine blauen Jeans steckten in abgetragenen Stiefeln, deren Absätze schon bessere Tage gesehen hatten. Wer ihn kannte, der wusste, dass diese derbe Kleidung auch schon in Lukes jüngeren Jahren von ihm bevorzugt worden war. Ein ganz besonderes Merkmal an ihm war sein schwarzer Texashut, den er nur dann ablegte, wenn er schlafen ging. Diesen Hut trug er auf eine bestimmte Art, und zwar so, dass die Krempe etwa zwei Zoll über den Augenbrauen lag. Es gab dabei nur einen kleinen Unterschied zum Luke Dawson von damals: Das Holster mit dem 45er darin brauchte er schon lange nicht mehr. Er blinzelte ein paar Mal gegen die Sonne, bis sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten. Dann glitten die Blicke seiner rauchgrauen Augen in die Runde. Der Bahnhof war nicht groß, dafür überfüllt mit Menschen, die sich emsig über die Bretterbohlen bewegten. Vor fünfunddreißig Jahren war daran nicht zu denken. Denn zu jener Zeit war Sunbow Falls ein kleines Nest gewesen, mit ein paar Häusern, einer Kirche, hier und da einem kleinen Geschäft, einem Saloon und – daran konnte sich Luke noch gut erinnern – einem kopfsteingepflasterten Marktplatz. Schienen hatte es keinesfalls gegeben, geschweige denn einen Bahnhof. Das kam wohl alles viel später – sehr viel später. Und der Grund, weshalb er damals den weiten Weg von Texas nach Sunbow Falls ins Sweetwater County gekommen war, hatte wahrhaftig nichts Erfreuliches gehabt. Genauso wenig, was daraufhin geschehen war – zwangsläufig geschehen musste. Dennoch gab es Erinnerungen an jene Tage, die ihn dazu trieben, nach all den langen Jahren wieder einmal zurückzukehren. Und ein Versprechen, das er gegeben hatte, bislang aber nie einlösen konnte. Ein Lächeln zog sich durch Lukes wettergegerbtes und zerfurchtes Gesicht, das ein eisgrauer Schnurrbart zierte. Denn über das wann war damals nie ein Wort über seine Lippen gekommen. Ob sich heute noch jemand hier an jene, rauchigen Tage erinnern würde? Lukes Erinnerungen jedenfalls tauchten in klaren Bildern vor seinen Augen auf. So klar, als lägen die damaligen Ereignisse noch nicht allzu lange zurück. Dabei waren es Jahrzehnte, die das Jetzt vom Damals trennten. Luke stand immer noch auf der Plattform des Waggons, während seine Blicke rastlos umherschweiften, um jeden einzelnen Eindruck, mochte er auch noch so unbedeutend sein, gierig aufzusaugen.

Ein Mann in der Uniform eines Bahnbeamten trat zu ihm heran, sah zu ihm auf und sagte: „Kann ich Ihnen helfen, Sir?“ Offensichtlich deutete dieser Mann Lukes Verharren auf der Plattform des Waggons völlig falsch. Luke blickte mit zusammengezogenen Augen auf den Mann herab, der ihm schon die Hand zur Hilfe bot. „Kumpel“, raunte er ihm zu, „sehe ich etwa wie ein Mann aus, der nicht in der Lage ist, vom Zug zu steigen? Mag vielleicht nicht mehr der Jüngste sein. Aber glaube mir, Mann: In mir steckt noch so viel Saft, dass ich den ganzen verdammten Zug anschieben würde, wenn’s darauf ankommen sollte.“ Luke sprang die Plattform mit einem eleganten Satz hinab, ohne die Stufen zu nehmen, und ließ den Bahnbediensteten einfach stehen. Der zog seine Hand schnell zurück, als hätte er sie plötzlich an irgendetwas verbrannt, und starrte dem alten Mann verdutzt hinterher.

Nun, Sunbow Falls hatte sich verändert und um ein Vielfaches vergrößert. Jedenfalls war der Fortschritt auch hier nicht stehengeblieben, wie es schien. Nichts, aber auch gar nichts, glich dem der längst vergangenen Zeit. Zahlreiche Gebäude waren hinzugekommen. Vieles, was er von damals in Erinnerung hatte, existierte nicht mehr oder war erneuert worden.

Jetzt war das Jahr 1915, und man hatte Pferdewagen und Kutschen gegen motorisierte Fahrzeuge eingetauscht. Etwas, an das sich Luke nicht so recht gewöhnen konnte. Weder hier, noch in New Mexico, wo er seit über fünfundzwanzig Jahren mit Rhianna und seinen Kindern auf der Firebrand-Ranch sein Zuhause gefunden hatte. Nun, auch dort hatte man sich ein Automobil angeschafft. Dennoch zog er es immer wieder vor, in den Sattel eines Pferdes zu steigen, statt sich hinter das Lenkrad seines Fords zu setzen. Er war eben so, würde auch nie anders sein: Ein Fossil einer längst vergangenen Zeit, die es nie wieder geben würde. Rhianna liebte den Fortschritt und die damit verbundenen Bequemlichkeiten. Luke hingegen nicht. Ja, er fühlte sich so manches Mal damit tüchtig überfordert.

Vielleicht, so sinnierte er in Gedanken, während er über den Gehsteig schritt und hier und da eiligen Passanten ausweichen musste, die seinen Weg kreuzten, ist dies auch einer der Gründe, weshalb ich mich immer wieder damit beschäftige, alten Erinnerungen nachzujagen. Zum Teufel mit diesem neumodischen Kram.

Ein altes Backsteingebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite erregte sein Interesse. Er verließ den Gehsteig, schritt über die Straße und wäre dabei fast vor ein herankommendes Auto gelaufen. Der Fahrer riss das Lenkrad herum, steuerte das speichenrädrige Fahrzeug wild hupend an Luke vorbei. Ein junger Bursche, wie Luke erkannte, der ihm drohend die Faust entgegenhob und ihm aus dem offenen Fenster entgegenschrie: „Sperr deine verdammten Augen auf, Opa! Schaff dir ’ne Brille an!“

Luke Dawson blickte dem davonfahrenden Auto stirnrunzelnd hinterher, schüttelte dabei nur den Kopf.

Rücksichtslos, diese Jugend heutzutage! Meint wohl, ihnen gehört die Welt, mit ihren albernen Benzinkutschen. Zu meiner Zeit ... Er winkte in Gedanken ab, ging weiter und erreichte die andere Gehsteigseite. Vor einem Backsteingebäude blieb er stehen. Ein Gemischtwarenladen, wie er unschwer erkannte. Früher einmal war hier das Marshal Office gewesen. Vor seinem geistigen Auge tauchte das Bild eines schlanken Mannes auf, mit dem er dieses Gebäude sofort in Verbindung brachte. An den erinnerte sich Luke noch sehr genau. Frank Burdette, ja so hieß der Bursche, der hier Marshal gewesen war. Damals in den Mittvierzigern und mit ein paar mächtigen Problemen belastet.

Was wohl aus dem geworden ist?, fragte sich Luke und betrat den Laden. Vielleicht, so hoffte er, würde ihm dort jemand Auskunft über verschiedene Dinge geben können, die ihn brennend interessierten. Ein schrilles Glöckchen an der Tür kündigte seine Ankunft an. Niemand außer einem kahlköpfigen Mann, der sich hinter der Theke befand, hielt sich in dem Laden auf. Der Kahlkopf war vertieft in ein paar Notizen, die er mit einem Bleistift auf einen Schreibblock kritzelte. So sehr, dass er erst zu Luke Dawson aufsah, als dieser direkt vor dem Tresen stand. Der Bleistift wanderte sorgfältig neben das Notizbuch. Der Kahlkopf blickte auf, rückte seine dicke Brille...



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