Stone | Western Legenden 37: Vierzig Tage | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 37, 190 Seiten

Reihe: Western Legenden (Historische Wildwest-Romane)

Stone Western Legenden 37: Vierzig Tage


1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-95719-548-7
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, Band 37, 190 Seiten

Reihe: Western Legenden (Historische Wildwest-Romane)

ISBN: 978-3-95719-548-7
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Als der alte Anderson stirbt, steht es nicht gut um die einst so stolze Firebrand-Ranch. Andersons Sohn Waylon ist dem Alkohol verfallen. Rhianna, die Tochter, kehrt aus dem Osten zurück und steht vor einem Haufen Scherben. Nur noch eine Handvoll Cowboys sind auf der Ranch geblieben. Rhianna bekommt eine Frist von vierzig Tagen, um eine Herde zum Verkauf nach Utah zu bringen. Gelingt es ihr, kann die Ranch gerettet werden. Wenn nicht, wird sie versteigert. Die Zeit ist knapp, Rhianna setzt alles auf Luke Dawson.

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Prolog

Den Jahreswechsel von 1910 auf 1911 begleitete ein trostloses, nasskaltes Wetter. Der Himmel bot ein düsteres Grau, und immer wieder prasselten wahre Sturzbäche heftigen Regens auf die Erde herab. Das ging schon seit Tagen so. Eine Besserung war nicht in Sicht. Im Gegenteil; es würde noch kälter werden. Und dann würde der Regen zu Schnee werden.

Als Luke Dawson an jenem Neujahrsmorgen auf die Veranda des Ranchhauses trat, war sein erster Blick hinauf zum Himmel. Dort zogen dunkle Wolken vorbei, angetrieben von einem kalten Wind, der von Norden kam. Im Augenblick regnete es nicht. Doch das würde sich in den kommenden Minuten schlagartig ändern. Luke schüttelte sich und zog seinen breitkrempigen Texashut tiefer in die Stirn. Er fluchte ungehalten, denn diese nasse Kälte liebte er nicht.

Rings um ihn war alles still. Kein Mensch, Luke ausgenommen, hielt sich augenblicklich draußen auf. Weder im Hof noch bei den Corrals. Irgendwo schnaubten ein paar vereinzelte Pferde drüben in den Stallungen. Beim Bunkhouse der Mannschaft waren die Lichter erloschen. Einige der Cowboys hatten den Jahreswechsel tüchtig begossen und schliefen gewiss noch ihren Rausch aus. Neben dem Bunkhouse grenzte ein weiteres Gebäude, das von einem einzelnen Mann bewohnt wurde, der lange Jahre Vormann auf der Firebrand-Ranch gewesen war, bis er vor einem Jahr die Verantwortung an Jim, Lukes Ältesten, abgetreten hatte – Ben Shortcross. Vor drei Monaten hatten sie noch alle Bens Siebzigsten gefeiert. Und da hatte es noch so ausgesehen, als könne ihn nichts aus dem Sattel werfen.

Für eine Weile verharrte Luke Dawsons hochgewachsene Gestalt auf den nassen Brettern der Veranda. Dann ging er rüber zu Ben Shortcross’ Hütte. Die Stiefel versanken dabei fast bis zu den Knöcheln im Matsch. Vor der Holztür blieb Luke stehen. Er lauschte einen Augenblick. Drinnen regte sich nichts. Luke presste die Lippen aufeinander, zögerte einen Augenblick und klopfte an. Als auf sein Zeichen nicht reagiert wurde, trat er ein. Ein übler Geruch schlug ihm entgegen, und er verzog unweigerlich das Gesicht. Er kannte diesen Geruch zur Genüge, wusste genau, was es damit auf sich hatte. Luke machte sich nichts vor. Ben Shortcross lag im Sterben.

Es war kalt in dem Raum, der recht spartanisch eingerichtet war. Ein roh zusammengezimmerter Tisch, drei Stühle, ein paar Regale an den Holzwänden, die alte Kommode, in der Ben seine Habseligkeiten untergebracht hatte und der uralte Holländer-Ofen in der Ecke ... das war’s. Mehr gab es hier drinnen nicht. Ben Shortcross war schon immer ein genügsamer Mann gewesen, einer, der nur das Nötigste zum Leben brauchte. Aber das Wenige, das er besaß, wurde von ihm in Ehren gehalten. Und in der Hütte war es sauber. Alles hatte seinen Platz. Seine tägliche Kleidung hing an einem Wandhaken, die ausgetretenen Stiefel standen neben seinem Bett, in dem er lag. Für Luke sah es im Augenblick aus, als würde der alte Bursche schlafen. Doch das tat er nicht. Sein Gesicht, so weiß wie die Decke, unter der er lag, drehte sich in Lukes Richtung. Ein schwaches Lächeln glitt über die blutleeren Lippen, und er krächzte Luke entgegen: „Ist der verdammte Quacksalber endlich weg?“

Lukes Antwort war ein stummes Nicken. Er warf einen flüchtigen Blick auf den alten Holländer-Ofen in der Ecke, neben dem ein kleiner Stapel Holzscheite lag. Sauber aufgeschichtet, wie es nun einmal Ben Shortcross’ Art war. Im Ofen selbst war noch wenig Glut, kaum ausreichend, um den Raum auch nur annähernd zu wärmen. Luke ging zum Ofen und bückte sich nach ein paar Holzscheiten.

„Lass bleiben, Luke. Mir ist warm genug“, rief ihm Ben Shortcross mit krächzender Stimme zu. „Hitze ertrage ich nicht.“

Luke warf ihm einen fragenden Blick zu. „Hitze? Zur Hölle, Mann! Hier drinnen ist es so kalt wie in ’nem Eisschrank. Willst du dir etwa noch ’ne zusätzliche Lungenentzündung holen?“

Ben Shortcross in seinem Bett lachte rasselnd auf. Er machte eine lapidare Handbewegung. Dann sank sein Arm schlaff herunter. „Pah, Lungenentzündung!“, schnaubte er. „Das würde nichts mehr schlimmer machen, als es schon ist. So, wie’s ist, ist es gut. Und lass den verdammten Ofen einfach Ofen sein.“

Luke zuckte mit den Schultern. „Wie du willst, Ben.“ Er erhob sich, trat vom Ofen weg und ergriff einen Stuhl. Den schob er dicht an Ben Shortcross’ Bett heran und ließ sich rittlings darauf nieder.

„Schmerzen, Ben?“

Shortcross schüttelte schwach seinen aschfahlen Kopf. „Dieser verdammte Quacksalber Ratherlac hat mich mit Morphium so vollgepumpt, dass ich glaube, ich wäre im siebten Himmel. Nein, Luke, ich habe keine Schmerzen. Mach dir deshalb keine Gedanken, alter Freund.“

Luke schluckte mühsam und nickte düster. „Du willst wirklich nicht nach El Vado ins Krankenhaus, Ben? Die Ärzte dort könnten dir ...“

„Niemals! Dieser Tablettenaugust von Ratherlac wollte mir das auch schon die ganze Zeit einreden, und ich habe ihn deshalb bis in die Hölle gewünscht! Hör zu, Luke Dawson! Fast mein ganzes Leben habe ich hier auf der Firebrand verbracht. Das ist mein Zuhause. Hier habe ich gelebt, und hier will ich sterben.“ Ben Shortcross deutete mit symbolischem Blick zur Decke. „Wenn der da oben mich holen will – und das wird bald sein –, dann soll er’s hier tun! Und nicht in so ’nem verdammten Krankenhaus, wo mich keine verdammte Menschenseele kennt. Rhianna, du und die Kinder ... ihr seid so was wie meine Familie. Das verstehst du doch, alter Junge, nicht wahr?“

„Ja, Ben.“ Lukes lassonarbige Rechte legte sich um Bens dünne Hand. Sie war kalt. Kalt wie der Tod. Er räusperte sich und raunte ihm zu: „Wahrscheinlich würde ich’s genauso sehen. Würd viel dafür geben, wenn wir beide noch mal auf Wildjagd gehen könnten, wie in alten Zeiten.“

Ben Shortcross lächelte schwach. „Wir hatten ’ne verdammt schöne Zeit – all die Jahre, Luke. Möchte nicht eine Sekunde davon missen. Aber mit dir noch einmal auf die Jagd zu gehen, dafür bleibt uns keine Zeit mehr. Das wissen wir beide doch ganz genau, nicht wahr?“

Ja, sie wussten es beide.

Und dennoch ...

Luke presste die Lippen aufeinander. Er spürte, wie seine Augen brannten, eine unsichtbare Hand schien sich um sein Herz zu krampfen. Die tückische Krankheit hatte den kleinen Mann eingeholt, und er war am Ende seines Weges angelangt. Es war nur noch eine Frage von vielleicht ein paar Tagen, Stunden oder gar Minuten. Daran gab es nichts mehr zu rütteln, und keine Macht der Welt vermochte es zu ändern.

Luke versuchte ein Grinsen, was ihm nicht so recht gelang. „Von unserem Silvesterschmaus ist noch ’ne ganze Menge übrig geblieben. Wie wär’s, Ben: Rhianna könnte dir doch ...“

„Lass gut sein, alter Junge. Ich habe keinen Hunger. Bin nur verdammt müde. Das ist alles.“

„Soll ich dich allein lassen?“

Ben schüttelte leicht den Kopf. „Nein, bleib noch ’n Weilchen und erzähl mir was ... irgendwas. Könnt ’n verdammten Whiskey vertragen. Steht hier nicht noch irgendwo ’ne Flasche rum?“

Seltsam, dass der alte Ben diesen Wunsch verspürte. Aber es machte kaum einen Unterschied aus. Luke erhob sich von seinem Stuhl und blickte sich um. Auf einem Holzregal über der Kommode erblickte er eine Whiskeyflasche. Sie war ziemlich angestaubt. Luke trat an das Regal heran, nahm die Flasche und pustete den Staub weg. Er erinnerte sich, dass er Ben diese Flasche zu dessen fünfundsechzigstem Geburtstag geschenkt hatte. Das war vor sechs Jahren gewesen, und sie war noch nicht einmal zur Hälfte geleert worden. Auch das war bezeichnend für die Genügsamkeit dieses kleinen Mannes.

Luke zog den Korken heraus und reichte Ben die Flasche, der sie in beide Hände nahm. Luke sah, wie sie zitterten. Ben hatte große Mühe, die Flasche an seine Lippen zu setzen, so schwach waren mittlerweile seine Arme. Er schaffte ein paar großzügige Schlucke, dann sanken seine Arme mitsamt Flasche kraftlos auf die Bettdecke herab. Luke nahm ihm die Flasche ab und stellte sie neben das Bett auf den lehmigen Boden.

„Tat verdammt gut“, war Bens Kommentar. „Aber länger hätte ich das Ding nicht mehr halten können. Verdammt, Luke, ich bin einfach zu schwach.“ Sein Kopf sank erschöpft zurück ins Kissen. Luke nickte nur, sagte aber nichts. Was hätte er schon darauf antworten sollen? Vor ihm lag ein Mann, der wusste, dass seine Zeit gekommen war. Nichts konnte etwas daran ändern – gar nichts. Eine Weile sahen sie sich nur stumm an. Jeder wusste, was der andere dachte, und diese Gedanken zogen sich über viele Jahre eines gemeinsamen Lebens hinweg.

Allmählich wurden Ben die Augenlider schwer. Ein paar Male versuchte er, dagegen anzukämpfen, bis ihm schließlich die Augen zufielen. Lautes Schnarchen verriet, dass er eingeschlafen war.

Eine Zeit lang stand Luke einfach nur da und blickte auf das kranke, eingefallene Gesicht des kleinen Cowboys nieder. Irgendwie wirkte dieses Gesicht entspannt. Luke glaubte sogar, ein leichtes Lächeln auf Ben Shortcross’ Lippen zu sehen. Ben schien den Tod nicht zu fürchten. Er hatte sich in seinem Leben noch nie vor irgendetwas gefürchtet. Das war einer, der selbst dem Teufel lachend ins Gesicht gesprungen wäre.

Für einen kurzen Augenblick kam es Luke in den Sinn, sich aus der Flasche zu bedienen. Doch das tat er nicht. Er ließ sie auf dem Boden stehen und verließ den Raum. An der Tür drehte er sich noch einmal um. So, als wolle er sich Ben Shortcross’ Bild noch einmal genau einprägen. Dann trat er ins Freie.

Draußen hatte es wieder zu regnen...



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