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Storck | Übertragung und Gegenübertragung | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 142 Seiten

Storck Übertragung und Gegenübertragung

Ein Leitfaden für die psychotherapeutische Praxis
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8444-3207-7
Verlag: Hogrefe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Ein Leitfaden für die psychotherapeutische Praxis

E-Book, Deutsch, 142 Seiten

ISBN: 978-3-8444-3207-7
Verlag: Hogrefe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Bei zahlreichen psychischen Störungen spielen dysfunktionale verinnerlichte Beziehungserfahrungen eine wichtige Rolle und zeigen sich in der therapeutischen Beziehung. Die Konzepte von Übertragung und Gegenübertragung liefern die Möglichkeit, diese Prozesse genauer zu verstehen und für therapeutische Veränderungsprozesse nutzbar zu machen. Das Buch liefert einen praxisorientierten Überblick über psychotherapeutisches Arbeiten unter Einbezug von Übertragung und Gegenübertragung.
Nach einer Einführung in die Grundgedanken der Konzepte von Übertragung und Gegenübertragung beschreibt der Band, wie sich bei unterschiedlichen psychischen Störungen verinnerlichte Beziehungserfahrungen in der therapeutischen Beziehung zeigen können. Der Band geht darauf ein, wie die Reflexion der Beziehungsmuster erfolgen kann, welche diagnostischen Instrumente für die Erfassung von Beziehungserfahrungen vorliegen, welche behandlungspraktischen Entscheidungen zu treffen sind und wo die Grenzen des beziehungsorientierten Vorgehens liegen. Klinische Entscheidungsprozesse werden zunächst auf drei Ebenen dargestellt – nämlich auf der Ebene des therapeutischen Beziehungsangebots, der Konzeptualisierung sowie der therapeutischen Interventionen –, bevor es um Variationen in der Arbeit mit Übertragung und Gegenübertragung bei unterschiedlichen Störungsbildern, Altersgruppen und psychotherapeutischen Settings sowie um Möglichkeiten der Kombination mit anderen psychotherapeutischen Ansätzen geht. Ein ausführliches Fallbeispiel und Ergebnisse der Psychotherapieforschung schließen den Band ab.

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Zielgruppe


Ärztliche und Psychologische Psychotherapeut*innen, Psychiater*innen, Klinische Psycholog*innen, Supervisor*innen, Studierende und Lehrende in der psychotherapeutischen Aus-, Fort- und Weiterbildung.


Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


91  Einführung


Der Band verfolgt das Ziel, den Nutzen einer Arbeit mit denjenigen Mustern des Beziehungserlebens aufzuzeigen, die sich in der therapeutischen Beziehung zeigen. Dabei wird davon ausgegangen, dass es sich um Aktualisierungen internalisierter Muster handelt. Ihre Betrachtung in der therapeutischen Beziehung liefert die Möglichkeit, diese Muster zu reflektieren und zu verändern.

Allerdings soll nicht nur der Nutzen aufgezeigt werden, sondern es sollen auch konkrete Schritte benannt werden,

  • wie die Reflexion der Beziehungsmuster geschehen kann,

  • bei welchen Patient:innen sie erforderlich ist und bei welchen sie eine nebengeordnete Rolle spielt und

  • welche Evidenz es bislang für diese Art der Arbeit in der Psychotherapie gibt.

Wie noch genauer auszuführen ist, kann man die Beziehung zwischen Therapeut:in und Patient:in in der (ambulanten) Psychotherapie auf drei Ebenen betrachten (z.?B. Gelso, 2014): Auf der Ebene der realen Beziehung, der Ebene der Arbeitsbeziehung und der Ebene der Übertragungs-Gegenübertragungs-Beziehung. Diese Unterscheidung ist wichtig: Nicht alles, was sich in der Therapiebeziehung zeigt, ist eine Wiederholung verinnerlichter Muster. Allerdings kann sich die Betrachtung von und die Arbeit mit Übertragung und Gegenübertragung lohnen, um insbesondere die noch nicht erkannten oder noch nicht verbalisierten Aspekte des Beziehungserlebens einzubeziehen.

Merke

In einer Betrachtung der therapeutischen Beziehung können drei Ebenen unterschieden werden: die reale Beziehung, die Arbeitsbeziehung und die Übertragungs-Gegenübertragungs-Beziehung.

Mit den Begriffen Übertragung und Gegenübertragung sind Konzepte berührt, die ihren Ursprung in der psychoanalytischen Theorie haben. Zwei Arbeitsdefinitionen können für die weitere Darstellung herangezogen werden:

  • Unter Übertragung versteht man die (vor allem) unbewusste Wiederholung internalisierter Beziehungsmuster in aktuellen Interaktionen mit anderen. In einer Psychotherapie kann dies gesondert betrachtet und vertieft werden.

  • 10Unter Gegenübertragung versteht man die „Antwort“ (in Gefühlen, Vorstellungen, Fantasien) des Psychotherapeuten oder der Psychotherapeutin auf die Übertragungsprozesse des Patienten oder der Patientin. Davon konzeptuell zu unterscheiden ist die Eigenübertragung – damit sind eigene Übertragungsprozesse auf Therapeut:innen-Seite gemeint, die weitgehend unabhängig von dem Patienten oder der Patientin auftreten (siehe auch Berger et al., 2024).

Merke

Unter Übertragung versteht man die unbewusste Wiederholung verinnerlichter Beziehungsmuster. Die „Antwort“ darauf auf Therapeut:innen-Seite in einer Psychotherapie bezeichnet man als Gegenübertragung.

Prozesse von Übertragung und Gegenübertragung können zentrale Elemente in der psychotherapeutischen Arbeit darstellen, da die Frage, wie jemand sich in Beziehungen zu anderen erlebt, was er dabei fühlt und was er von anderen erwartet, eine große Rolle für die psychische Gesundheit und für das Auftreten psychischer Störungen spielen kann. Auch für therapeutische Prozesse konnte mittlerweile deutlich gezeigt werden, dass die bereits von Strotzka (1975) in einer bis heute oft herangezogenen Definition von Psychotherapie formulierte Annahme, für psychotherapeutische Veränderung sei „in der Regel eine tragfähige emotionale Beziehung“ nötig, einen entscheidenden Teil der Psychotherapie ausmacht. Dabei legt die Betrachtung einer förderlich gestalteten therapeutischen Beziehung konkret im klinischen Geschehen auch die Berücksichtigung der internalisierten Beziehungsmuster nahe.

Allerdings ist zu beachten, dass Prozesse von Übertragung und Gegenübertragung von unterschiedlich starkem Gewicht sind, nämlich in Abhängigkeit

  • vom Störungsbild,

  • von den Behandlungszielen und

  • von der spezifischen Indikation und Behandlungsmotivation.

Diese Ebenen sowie die Frage der behandlungstechnischen Einbettung der Arbeit mit Übertragung und Gegenübertragung gilt es im Weiteren genauer zu betrachten.

1.1  Zur Konzeptgeschichte von Übertragung und Gegenübertragung


An dieser Stelle soll ein knapper Überblick über die Geschichte des Konzepts von Übertragung und Gegenübertragung gegeben werden, der helfen soll, einige allgemeine Linien der möglichen Betrachtung zu unterstreichen (für eine ausführliche Darstellung siehe z.?B. Gödde, 2016; Storck, 2020b; Parth et al., 2017).

11Freud entwickelte das Konzept der Übertragung in der Psychoanalyse in Auseinandersetzung mit seiner Traumtheorie (Freud, 1900, v.?a. S. 568) sowie mit den Erfahrungen in Behandlungen. Dabei ist für ihn die Idee einer „Anheftung“ zentral: Was dem bewussten Erleben nicht zugänglich werden „darf“, weil es unangenehme Affekte hervorrufen würde, heftet sich an „harmlosere“ Vorstellungen an, sodass es über diesen Umweg, allerdings in „entstellter“ Form, doch bewusst werden kann. Diese „Anheftung“ von unbewussten Aspekten des Erlebens an bewusstseinsfähige Vorstellungen nennt Freud „Übertragung“.

Beispiel

So ist es beispielsweise für jemanden unerträglich, sich starken Ärger auf eine geliebte Person einzugestehen (z.?B. den Vater), mit der Folge, dass dieser Ärger nicht bewusst erlebt werden kann. Da damit der Ärger aus der psychischen Welt nicht verschwunden ist, taucht er an anderer Stelle wieder auf, etwa in Form einer Übertragung auf eine andere Person (z.?B. den Chef), wo er im subjektiven Erleben als weniger problematisch empfunden wird (z.?B. weniger Schuldgefühle hervorruft).

Dies bezieht Freud (z.?B. 1905) dann konkret auf das Beziehungsgeschehen in psychoanalytischen Behandlungen. Es komme dort „regelmäßig“ zur Übertragung von Vorstellungen, Affekten, Fantasien u.?a. (heute würden wir zusammenfassend sagen: von internalisierten und dann generalisierten Beziehungsmustern) auf den Therapeuten oder die Therapeutin. So komme es zu „Neuauflagen, Nachbildungen“ (Freud, 1905, S. 279) von Beziehungen zu den frühen Bezugspersonen.

Freud erkennt zunehmend, dass die Übertragung nicht allein „das größte Hindernis“ für Behandlungen ist (eine Annahme, die er macht, weil die Arbeit dadurch komplizierter werde, dass sich heftige Gefühle auf den Behandler richten), sondern zugleich das „mächtigste[.] Hilfsmittel“ (Freud, 1905, S. 281). Denn auf diese Weise kann sich etwas in der Therapiebeziehung zeigen, das nicht verbalisiert werden kann, im Erleben von Patient:innen gleichwohl oft eine wichtige Rolle spielt. Dass dies in der Therapiebeziehung besonders deutlich wird, hat mit dem besonderen Setting einer Therapie zu tun: Hier kann gewissermaßen unter einem Brennglas betrachtet werden, was sich für einen Patienten oder eine Patientin auch in anderen Beziehungen zeigt, nämlich eine Aktualisierung internalisierter und generalisierter Beziehungsmuster. Die Therapiebeziehung ist dabei eine Art Spezialfall dessen, wie verinnerlichte Beziehungserfahrungen das aktuelle Erleben leiten – da dies in vielen Fällen gerade die „problematischen“, also mit unangenehmen Affekten oder negativen Erwartungen verbundenen Aspekte des Erlebens sind, wird der Vorgang einer Übertragung ein relevantes Feld für Psychotherapie.

Konzeptionen generalisierter Beziehungsmuster haben ferner eine Verbindung zum Konzept der Bindungsrepräsentation bzw. dem Bindungsstatus. Auch die Bin12dungsrepräsentation (sicher, unsicher-vermeidend, unsicher-ambivalent, desorganisiert) kann mit dem in Verbindung stehen, was sich in der therapeutischen Beziehung als eine Art von Aktualisierung zeigt...



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