E-Book, Deutsch, 340 Seiten
Stratz Das Licht von Osten (Historischer Roman)
1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-7583-898-8
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bereicherte Ausgabe. Ein Spiegelbild des Ersten Weltkriegs
E-Book, Deutsch, 340 Seiten
ISBN: 978-80-7583-898-8
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In 'Das Licht von Osten' nimmt der Autor Rudolf Stratz die Leser mit auf eine fesselnde Reise ins historische Byzanz. Der Roman zeichnet sich durch seinen detailreichen und atmosphärischen Schreibstil aus, der es dem Leser ermöglicht, in die prächtige Welt des Oströmischen Reiches einzutauchen. Stratz verwebt geschickt historische Fakten mit fiktiven Elementen und schafft so eine lebendige Darstellung des Alltagslebens im Byzantinischen Reich. Der Leser wird von der ersten Seite an in den Bann der politischen Intrigen, kulturellen Reichtümer und tragischen Schicksale gezogen. 'Das Licht von Osten' ist ein Meisterwerk des historischen Romans, das sowohl geschichtlich interessierte Leser als auch Liebhaber spannender Geschichten gleichermaßen begeistern wird. Rudolf Stratz, ein renommierter Schriftsteller und Historiker, ist bekannt für seine gründliche Recherche und seine Fähigkeit, vergangene Epochen zum Leben zu erwecken. Durch seine fundierten Kenntnisse der Geschichte und sein Talent für lebendige Charaktere gelingt es Stratz, den Leser mit jedem Kapitel tiefer in die Welt des Byzantinischen Reiches einzutauchen. 'Das Licht von Osten' ist ein Muss für alle, die sich für die Geschichte des Oströmischen Reiches interessieren und gerne in fesselnde Geschichten eintauchen. Dieses Buch wird Sie fesseln und begeistern, und Sie werden sich wünschen, noch mehr von Rudolf Stratz zu lesen.
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2.
Du meine Heimat ... der schwere Brandungsschlag der Ostsee klang in feierlichem, gleichmäßigem Rollen an Waldemar Kerkhuß' Ohren und an sein unruhiges Herz, dies Wiegenlied des grauen Meeres, das schon den Knaben in den Schlaf gesungen, dieser Sang der Schwermut, der zu der tiefen Einsamkeit dieses Landes gehörte. Du meine Heimat, seit Jahr und Tag nicht geschaut, in fremden Städten, unter fremden Menschen halb vergessen – du äußerstes Thule, du letzter deutscher Strand, in Deutschland selbst so unbekannt, so weltenfern in deiner Weltabgeschiedenheit ... Waldemar Kerkhuß vernahm durch das Brausen des Windes den klagenden Schrei der Möwen unter sich, das dumpfe Rollen der Wagenräder und hatte das plötzliche, beruhigte Herrengefühl der Heimkehr: diese Einsamkeit hier ist mein. Dieser Boden da unten bin ich. Diese karge, steinige Erde gehört schon seit einer Stunde Wegs zu der Herrschaft Kerreküll und zu meinem Geschlecht.
Er hatte sich, nach seiner Art, den Dingen ihren Lauf zu lassen, nicht erst angemeldet und auf der kleinen hölzernen Station, inmitten des Waldes, in dem er den Zug verließ, den ersten besten Esthen anspannen heißen. Die drei zottigen Bauerngäule trotteten dahin, ein scharfer, bitterer Herdrauch stieg aus dem im Schafpelz gekrümmten Rücken des Undeutschen auf dem Bock. Der Baron Kerkhuß verscheuchte den Dunst durch das bläuliche Wehen der Papyrossen und ließ, unter der schwarzen Lammfellmütze, die seinen blonden Schopf deckte, die großen blauen Augen mit dem Gleichmut des Besitzenden über das esthnische Land schweifen, über dies stille Gewimmel weißer Birkenstämme, die unabsehbar unter dem niederen, grauen Himmel in den schwarzen Wasserlachen der Sümpfe standen.
Es war ein Frieden für den, der von draußen wieder in das Reich seiner Väter kam. Die donnernde, blutende, stöhnende Wirklichkeit der Zeit schien wie ein Traum. Hier war alles so, wie es gestern und wie es vor Jahrhunderten gewesen. Selbst der große Bauernaufruhr vor zehn Jahren hatte äußerlich keine Spuren mehr hinterlassen. Wie immer dehnten sich die weiten Weidesteppen, säumten die niederen Steinmauern den Weg, zwischen denen man jetzt im Winter nicht wie sonst alle Augenblicke jemanden aus dem Wagen steigen lassen mußte, um ein Viehgatter zu öffnen, lagen die großen Findlingsblöcke aus schwedischem Granit inmitten der verschneiten Felder. Leichte Flocken stäubten hernieder. Waldemar Kerkhuß wickelte sich fester in seinen Pelz. Der Wagen fuhr jetzt dicht am Meer. Hart neben dem Weg stürzte sich der Glint, die esthnische Küstenmauer, senkrecht hinunter in die Tiefe. Eisschollen lagen da am Strande und trieben weißlich auf dem weißen Gischt der Wellen, der um die Klippen strudelte. Weiter hinaus war die See bleifarben, grau wie die kalte Luft, grau wie die fliegenden Wolken an dem niederen Himmel, grau wie das ganze Esthland, die nördlichste, die kleinste, die fernste der drei baltischen Provinzen.
Dann richtete sich Waldemar Kerkhuß in dem klapperigen Fuhrwerk auf und schirmte die Augen gegen das Schneegestöber mit der Hand. Auf windumpfiffenem, möwenumflattertem Hügel hart am Meer hob sich das Gespenst einer Kirche. Die kahlen Mauern, die längst kein Dach mehr trugen, schienen in dem Sturm zu schwanken, der durch die offenen Spitzbogenfenster brauste, und standen doch so schon seit Hunderten von Jahren. Iwan der Schreckliche hatte bereits das Gotteshaus St. Annen mit seinen Moskowiterhorden eingeäschert. Die drei dampfenden Pferdchen schwenkten ein. Plötzlich verlor sich der eisige Salzhauch der See. Der Wagen rollte zwischen einer Doppelreihe alter Ulmen einem mächtigen Gebäudeklotz zu, der ganz hinten im Park, rings von stillen, dunklen Seespiegeln umschlossen, auftauchte. Er hatte die zahlreichen kleinen Fensterreihen eines alten Klosters, aber ein kriegerischer, mächtiger Wehrturm säumte rechts die vielstöckige Wasserburg ein. Die Kerkhuß hatten sich den einstigen Mönchssitz ritterlich ausgebaut. Ställe und Höfe, Brauerei und Brennerei der riesigen Herrschaft lagen weit entfernt, dem Blick entzogen, jenseits der Wasserflächen. Der Esthe trieb seine Gäule über die Brücke und hielt vor dem Schloßeingang.
Ein junger russischer Offizier stand auf der Freitreppe. Er war blaß. In der einen Hand trug er ein Jagdgewehr. Der linke Arm lag in einer Schlinge. Waldemar Kerkhuß stieg aus. Die Brüder küßten sich.
»Robin! Du hier?«
»Wie denn nicht? Du siehst ja...«
»Du bist verwundet.«
Hier, in der esthnischen Einsamkeit, sprachen sie laut Deutsch. Der Petersburger Gardekavallerist warf seine Zigarette in den Schnee.
»Viel blieb von unseren Kürassieren in Ostpreußen nicht übrig!« sagte er. »Die Deutschen sind fixe Kerle. Sie verstehen ihr Handwerk.«
»Und was machst du hier?«
»Was soll ich tun?... Ich wollte auf die Jagd jehn ... Ich versuche mit meiner Hand zu schießen...«
»Sind Elche da?«
»Es sind da. Man sah einen starken Schaufler, unten am Moor. Man kann nicht hin. Es sollte Kälte jeben, daß die Sümpfe frieren.«
»Bären?«
»Der alte Wiffenhausen will einen Bären haben. Er lud mich ein. Es ist noch zu früh. Man wird sehen!«
»Auch Wölfe?«
»Wölfe jenug! Sie bellen die janze Nacht in der Heide. Mama klagte jestern. Niemand wußte, daß du kommst! Die Eltern schlafen!«
»Was ist mit den Brüdern?«
»Was soll sein? Michael ist in Kronstadt. Da liegen sie mit der Flotte. Man hat es da näher nach Petrograd als gegen die Deutschen. Axel ist in Wladiwostok! Nun... zahle den Kerl und tritt ein!«
Mächtige Elchschaufeln spreizten sich, gleich aufgereckten gelbbraunen Riesenhänden, an der Wand der Schloßhalle zu beiden Seiten des acht Fuß hohen, hundertfach im bunten Gewimmel der Wappen auf vergilbtem Pergament verästelten Stammbaums, der Ahnenreihe der Kerkhuß, von dem Tage ab, da der Meister der »Swert Brudern« dem Theodoricus miles de Kukenoys den Ordensmantel mit einer Schnur um den Hals befestigt: »dis Schwert entfange von miner Handt, zu schützen Gotts- und Marienlandt!« – Durch die Zeiten der ersten Schlacht von Tannenberg bis jetzt zur zweiten, an die Robin von Kerkhuß, der Kavallerist, unwillig dachte, während er den verwundeten Arm prüfend in der Schlinge wiegte.
»Jräßlich ist die Langeweile hier!« sagte er. »In acht Tagen jehe ich zur Truppe! Ich kann die Zügel in der rechten Hand halten!«
»Erbarme dich! Womit willst du den Säbel führen?«
»Wozu ein Säbel? Ich kann auch so mitreiten. Man wird mich als Galopin verwenden!«
»Warum eilst du so?«
»... weil ich nicht zu spät kommen möchte! Haseldorp hatte noch, ehe er fiel, mit Manuchin jewettet, daß wir spätestens zu Weihnachten alten Stils in Königsberg sein werden! Es jab ja Mißjeschick... jewiß doch... aber jetzt zieht der Großfürst hinter Sievers' Truppen eine neue Einfallarmee zusammen. Drei Millionen haben wir in Polen jejen Schlesien... Was willst du?«
Auf den hübschen Zügen des Barons Robin lag der Hochmut der auserlesenen Petersburger Gardetruppe zu Pferd, in der neben jungen Großfürsten des Kaiserhauses und den Sprossen altrussischer Fürstengeschlechter auch baltischer Adel diente. Seit Menschenaltern gedient hatte. Viele der Ahnenbilder an den Wänden trugen russische Uniform. Waldemar Kerkhuß faßte die gesunde Hand des Bruders mit einem rauhen Griff und zog ihn vor den Stammbaum.
»Ist das nicht eine Narrheit, Robin?« sagte er. »Hier, von den ersten Vorfahren da oben, von uns und Ode Oberdieck und Anna von Bekkerwerde bis heute, sind da nur deutsche Namen! Und du jaloppierst mit den Asiaten jejen Deutschland?«
»Wie denn? Ich bin Offizier. Man befahl es. Ich tue meine Pflicht!«
»Das mußt du. Aber was denkst du dir dabei?«
»... daß ich das tue, was wir immer taten! Wir haben immer jedient. Unser Ururjroßvater war Feldmarschall unter der alten Katharina.«
Was die Ahnen getan hatten, war wohlgetan. Die Ahnen lebten in diesen Räumen. Sie gaben den Seienden Maß und Sinn des Seins. Der junge russische Offizier nutzte seinen Vorteil.
»Dich wird man auch holen!« sagte er lässig. »Vorige Woche erst haben die örtlichen Behörden nach dir jefragt!«
»Mein Knie ist lahm. Das weiß man!«
»Man kann auch auf einem Bein stehen. Irgendwie wird man dich schon verwenden. Wer jetzt nicht mitmacht, ist auf Lebenszeit unmöglich jeworden ... Willst du hier sitzen und mit Maman und der dwatschen Muhme Whist spielen, während wir kämpfen?«
Waldemar Kerkhuß fühlte sich von hinten umschlungen und rasch rechts und links auf die Wangen geküßt. Sein Vater, der Majoratsherr Konstantin von Kerkhuß, war, die hohe und schlanke Gestalt trotz seiner siebzig Jahre noch elastisch aufgerichtet, unhörbar mit dem leichten und wiegenden Gang des alten Weltmanns die teppichbelegten Treppenstufen hinabgeeilt. Seine langen grauen, parfümierten Favoris, die mit ausrasiertem Kinn das längliche, lebhafte Gesicht mit den großen grauen Augen umrahmten, umwehten den Sohn. Ein ganz feiner Duft der Vornehmheit, von Kölnischwasser, von edelsten Zigaretten, ging von ihm aus. Er nahm den Kopf des Jüngeren zwischen seine langen, weißen, gepflegten Hände und betrachtete ihn lächelnd.
»So hat dich Gott zurückjebracht!« sagte er. »Komm zu Mama und dann hinauf zu mir!«
Baron Konstantin Kerkhuß' Arbeitskabinett lag in dem großen Turm. Helle Fenster waren, wie um der Gegenwart Licht und Luft hereinzulassen, in die sechs Schuh dicken Wehrmauern gebrochen. Auf dem mächtigen...




