Stratz | Der weiße Tod & Montblanc (Kommentiert) | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 370 Seiten

Stratz Der weiße Tod & Montblanc (Kommentiert)

Erweiterte Ausgabe. Zwei fesselnde Bergromane
2. Auflage 2016
ISBN: 978-80-268-6710-4
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erweiterte Ausgabe. Zwei fesselnde Bergromane

E-Book, Deutsch, 370 Seiten

ISBN: 978-80-268-6710-4
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieses eBook: 'Der weiße Tod & Montblanc' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Aus dem Buch: 'Vorwärts - vorwärts! Unter den Hufen gleitet der Boden mit seinem zischelnden Zwergpalmengestrüpp und den weißblumigen Dornenhecken im Fluge dahin, vor den Augen tanzen Turbane und Flintenläufe, flatternde Mäntel und bezopfte Kabylenschädel, um die Ohren brandet in Sturmstößen der Höhenwind Marokkos, wie er von den wildgezackten, wolkenumzogenen Bergklippen des Kleinen Atlas hernieder in die Täler fährt. Vorwärts im grauen Abenddämmern auf schaukelndem Sattel, unter sich die unermüdlich galoppierende weiße Berberstute, hinter sich die kleine Karawane mit ihrem Rossegetrampel und Maultiergeschnarch und dem stöhnenden 'Ärra - ärra! rrrschât!' der treibenden Knechte, und da vorne die weite Welt ...' Rudolf Stratz (1864-1936) war ein erfolgreicher Romanschriftsteller, Theaterkritiker und Essayist.

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II


Es war schon beinahe dunkel, als sie die knarrende Tür der Klubhütte öffneten.

Drinnen brannte Licht. Eine im Luftzug flackernde Kerze warf ihren Zitterschein über die ärmliche Umgebung. Das mächtige Strohlager, das, unten durch eine Holzdiele abgeschlossen und oben mit einem halben Dutzend zusammengerollter Pferdedecken geschmückt, wohl drei Viertel des Raumes einnahm, den grob gezimmerten Tisch und die Holzstühle, den kleinen behaglich glühenden Kanonenofen und den Schrank, in dem sich das Reserveseil, eine Laterne, der Medizinkasten und allerhand Küchengerät befand.

»Schönen guten Abend!« sagte Elisabeth mit heller Stimme im Eintreten, »da kommen späte Gäste!«

Eine breitschultrige, kraftvolle Gestalt erhob sich von dem Tische.

»Guten Abend, mein gnädiges Fräulein ...« erwiderte der Fremde rauh, in leicht süddeutsch gefärbtem Dialekt, aber mit der Verbeugung eines Weltmannes. Dann reichte er dem alten Zum Brunnen die Hand und fuhr ihn barsch an: »Jetzt ... was is denn das wieder für ein Unsinn?«

Der Alte sah ihn fragend an.

»Mit der ungeübten Dame da die Krähenwand hinunterzuklettern! ... Meint Ihr, ich hab' kein Perspektiv bei mir?«

Ein ganz gutes Gewissen schien der alte Christen nicht zu haben. Er nestelte an seinem Sack und brummte vor sich hin: »Die Dame geht schon guet über die Berge!«

»Das hab' ich gesehen ... !« erwiderte der finstere Herr, »deswegen ist's und bleibt's doch ein Unsinn ...«

Elisabeth sah ihn neugierig an. Ein Mann zwischen fünfunddreißig und vierzig, trug er das englische Montanistenkostüm, wollenen Gürtelrock, wollene Kniehosen und hohe Gletscherstrümpfe, in denen das Spiel der strotzenden Muskeln sich deutlich abzeichnete. Er mußte eine ungeheure Körperstärke besitzen.

Aber schön war er wirklich nicht zu nennen. Ein energisches rauhbärtiges Gesicht, in dem etwas von finsterem Trotze lag, eine mächtige gefurchte Stirne und darunter ein Paar großer grauer Augen, die jetzt durch den goldgefaßten Zwicker durchdringend blitzten und dann wieder, als er das Glas abnahm, einen seltsam müden Ausdruck gewannen.

Der alte Christen stieß sie an und reichte ihr aus dem Tornister das buntseidene Reservehemd und ein Paar Wollstrümpfe nebst dünnen Hausschuhen.

Natürlich genierte sie sich, derlei in Gegenwart des fremden Herrn in Empfang zu nehmen. Aber der war schon an der Tür.

»Lassen Sie sich Zeit zur Toilette, meine Gnädigste«, sagte er, »dem Christen und mir schadet die Abendluft nichts ... Nur ... um der Form zu genügen« – er machte nochmals eine kurze, unwirsche Verbeugung – »mein Name ist Doktor Freiherr von Gündlingen ...« Damit ging er mit dem Führer hinaus.

Vor der Hütte lehnten sie sich im Dämmerlicht an einen Felsen, zündeten sich, der eine eine Zigarre, der andre seine Pfeife an und schauten tiefsinnig hinab in das Nebelbrauen des Gletschers.

Lange sprach keiner ein Wort.

Endlich sagte der Herr mißmutig mit einem Blick nach rückwärts: »Wer ist's denn?«

Der alte Christen schwieg darauf längere Zeit und sog eifrig an der Stummelpfeife, die er zwischen den eingefallenen Kiefern hin und her drehte. Und als er sich endlich zu reden entschloß, sagte er nur stumpfsinnig: »Ja ... die is schon guet!« Denn mehr wußte er auch von seiner Dame nicht. Die zog sich inzwischen um. Ihr Herz klopfte, wenn sie durch den rohen, spärlich beleuchteten Raum sah.

War das alles denn wirklich kein Traum? Befand sie sich wirklich zur Nachtzeit in einer Schnee- und Eiswüste des Hochgebirges, stundenweit von jeder menschlichen Wohnung entfernt?

Es war kein Zweifel. Draußen auf den Schneefeldern hoch oben hörte sie das Stöhnen des Windes und vor der Tür die schweren Tritte der beiden Männer, die, um sich vor der Kälte zu schützen, langsam auf und ab gingen. Sie beeilte sich, fertig zu werden. Viel war ja auch nicht zu machen. Sie mußte lachen, wenn sie daran dachte, daß sie jetzt um diese Zeit unten in Grindelwald hätte mit Hilfe ihrer Kammerjungfer in die Table-d'hote-Toilette schlüpfen müssen. Während hier ... ja ... an der einfachen Wollbluse, dem kurzen Knierock und den darunter sich bauschenden Pantalons, den hirschledernen Gamaschen und niedrigen Schuhen war beim besten Willen nicht viel zu ändern und zu verschönern.

Das Brenneisen, das sie schon an der Kerze warm gemacht hatte, ließ sie unschlüssig wieder sinken. Schließlich lohnte sich das kaum! Ein besonderer Verehrer des weiblichen Geschlechts schien ihr Hüttengenosse ja nicht zu sein. Wenigstens hatte sie alles andre als gerade Vergnügen über ihre Ankunft in seinen Zügen lesen können.

Und dann wollte sie die draußen auch nicht zu lange warten lassen. Es war so still, so totenstill draußen. Wenn die beiden nun davongingen ... sie allein in dieser schrecklichen Einsamkeit zurückließen ... Eine unbestimmte Angst erfaßte sie. Sie rannte zur Tür und riß sie weit auf.

»Sind Sie noch da?« rief sie mit schwankender Stimme in das Dunkel.

Gleich darauf traten die Männer ein. Der alte Christen hockte am Boden nieder und begann, die mitgeführten Eßwaren und die Blechflaschen mit dem Wein auszupacken. Der Fremde aber setzte sich neben den Ofen, auf dem ein Topf mit Schneewasser summte, rauchte seine Zigarre, zu der er mit schweigender Frage ihre Genehmigung eingeholt, und sah gedankenvoll vor sich hin.

Ihre herbe, blonde Schönheit schien für ihn nicht zu existieren. Kaum, daß zuweilen ein Blick flüchtig und gleichgültig über sie hinglitt.

Nach einer Viertelstunde stand der Herr plötzlich auf, holte einen grauen länglichen Gegenstand aus der Tasche und zerbröckelte ihn in Krumen, die er in das brodelnde Wasser warf.

Alsdann verbreitete sich der Geruch von Erbssuppe im Zimmer.

Elisabeth sah sehnsüchtig auf. Sie hatte Hunger und erwog, ob sie nicht den finsteren Hochgebirgswanderer um ein bißchen von seiner Suppe bitten sollte, da trat dieser schon mit zwei gefüllten Tellern an den Tisch und schob ihr, sich setzend, den einen höflich zu.

»Ist das für mich?« sagte sie kühl.

Er nickte: »Das ist besser, als was Ihnen der alte Christen zusammenkocht. Und Hunger werden Sie schon haben!«

Das war richtig. Sie nahm dankend von dem Brot, das er ihr reichte, und begann eifrig zu löffeln, ja, sie duldete es, daß er zum Ofen ging und ihren Teller zum zweitenmal füllte.

Dann brachte der alte Christen das Poulet, das Hauptstück ihrer Marschprovision. Sie bot ihrem Tischgenossen davon an. Aber der dankte stumm und begnügte sich mit einem Stück Käse, das er aus dem Rucksack holte.

Dabei warf er einen Blick auf das Glas, das sie sich eben aus der Blechkapsel mit Wein füllte. »Das taugt schon gar nichts!« sprach er, »Rotwein in den Bergen ... he ... Christen ... warum hat man euch denn im Hotel keinen ordentlichen Weißen mitgegeben ... ?«

»Wir haben schon!« knurrte der Alte und zog eine zweite große Blechflasche hervor.

Sie ließ sich eingießen und sah dabei ihr Gegenüber halb ärgerlich, halb belustigt an. »Sie scheinen recht an das Befehlen gewöhnt!« meinte sie spitz.

Der zuckte die breiten Schultern. »... Wenn man so viel Unerfahrenheit sieht! ... aber auf meinen Gütern muckst mir keiner ... das ist schon richtig ... dafür bin ich der Herr ...«

»Wo liegen denn Ihre Güter?«

»Droben am Main«, sagte er kurz, und beide verstummten wieder. Während sie schweigend ihre Mahlzeit verzehrten, warf Elisabeth einen prüfenden Blick auf seine Hand. Da war kein Goldreif zu sehen. Er mußte also ledig sein.

Er verstand ihren Blick falsch. »Von dem Käs bekommen Sie nichts!« sprach er und wickelte das übriggebliebene Stück in Papier, »das ist nichts für so 'nen zarten Magen. Und der Magen ist immer das erste, was im Hochgebirg rebelliert.« Der alte Christen hatte indessen abgeräumt und stand jetzt mißmutig neben seiner Herrin, um etwaige weitere Befehle in Empfang zu nehmen. Das war seine Führerpflicht. Aber sehr behaglich schien dem alten grämlichen Gesellen der Gedanke nicht zu sein, hier den Kammerdiener einer jungen Dame zu spielen.

Sie sah ihn an und lachte. »Legen Sie sich nur schlafen. Ich brauche nichts mehr.«

Das ließ sich Zum Brunnen nicht zweimal sagen, sondern kroch unverzüglich hinauf in das knisternde Stroh und rollte sich dort in der Ecke zu einem undefinierbaren Knäuel zusammen.

Nun saßen sich die beiden allein am Tisch gegenüber. Zwischen ihnen flackerte die Kerze in dem Windhauch, der durch die Mauerritzen drang. Man hörte nichts als draußen das eintönige, jetzt nach dem Scheiden der Tageswärme mehr und mehr versiegende Plätschern der Wasser und aus der Ecke das Schnarchen des Alten.

Elisabeth mußte lachen, als sie hinschaute. Er hatte sich ein feuerrotes Wolltuch um den Kopf gewickelt, das sich grell von dem Lederbraun des verschrumpften, bartlosen Gesichtes abhob. »Jetzt sieht er doch genau wie ein altes Weib aus!« sagte sie nachdenklich zu ihrem Gefährten.

Der bejahte durch eine schweigende Kopfneigung die Tatsache, und wieder saßen sie stumm beisammen. Sie sah auf die Uhr. Es war erst halb acht. Das konnte ein schöner Abend werden ...

Da plötzlich schaute der andre auf. »Jetzt sagen S' mir nur«, sprach er, »was haben Sie da oben zu suchen?«

Sie warf mit rascher Bewegung den Kopf zurück. Es sprühte aus ihren großen blauen Augen.

»Was ich hier suche?« rief sie, »die Freiheit suche ich! Ich will einmal ich selbst sein!«

Er...



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