Stratz | Gemischte Prosa | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 388 Seiten

Stratz Gemischte Prosa


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3713-2
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 388 Seiten

ISBN: 978-3-8496-3713-2
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieser Sammelband beinhaltet die folgenden Geschichten des deutschen Romanautors: Der mysteriöse Cavalier Henkerskind Louisabeth Das Paradies im Schnee Friede auf Erden!

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»Ich habe Monsieur ja seinen Namen genannt!« sagte die Gräfin und erschrak für sich. Denn sie hatte den Kalenderheiligen des guten Klostervaters, den sie in der Eile angerufen, selber wieder vergessen. Doch ihr furchtbares vis-à-vis beharrte zum guten Glück nicht darauf, sondern wollte weiter wissen: »Wo ist der Mönch hin?«

»Ei – fort!«

»In welchem Flügel der Abtei hat er seine Zelle?«

»Gar nit!« sagte die Gräfin Amöne und dachte sich: Gelt – daß du ihn umbringen kannst? ... Der Nachtentstiegene vor ihr zuckte bitter die Schultern.

»Wollen Sie meiner spotten, Frau Gräfin?«

»Ist mir weiß Gott nicht zum Lachen zu Muth!« sagte die schöne Frau von Hohen-Sulz und ließ sich geisterblaß auf einen Stuhl sinken.

» ... indem Sie wahrhaben wollen, daß ein Mönch Nachts die Klausur verläßt?«

»Der schon ...«

»... und sich womöglich draußen im Freien umtreibt?«

»Gucke Sie nur: da geht er!«

Die Gräfin Amöne wies durch das Fenster. Draußen bogen sich die Erlenbüsche im Sturm und kräuselte sich das schwarze Wasser in dem Graben. Jenseits des Dammes, der zum Kloster führte, auf dem Thalweg, eilte der Mönch dahin. Seine windflatternde Kutte warf, im bläulichen Mondschein, hinter ihm einen unheimlich flackernden, schwarzen Schatten, als tanzte auf seinen Spuren der Böse. Nun war dieser Pater am Wald, schaute sich um und war im Hui – recht nach Räuberart – mit einem Hirschsprung in dessen Dunkel verschwunden.

»Gottseidank!« sprach der Eingeschlichene, Blutumwitterte, und fügte mit einem Blick zum Himmel die zehn Finger ineinander, und die junge Hohen-Sulz'sche Wittwe schaute ihn starr an und begriff es nicht, daß man ein schnöder Frevler wider Gott und die Menschen sein und doch die Hände falten und den Namen des Herrn anrufen könne ...

»Gottseidank!« wiederholte Jener nochmals laut und feierlich, ohne daß ein Blitz von oben ihn strafte. Dann leuchtete ein warmer und liebenswürdiger Schein über sein Antlitz. Dessen vom Gram junger Jahre gezogene herben Linien wurden weicher. Es blühte in einer Milde und Menschenfreundlichkeit auf, daß sich die Gräfin Sulz vor soviel teuflischer Verstellung entsetzte und schon halb nicht mehr wußte, sollte sie gar dem Lächeln der Güte vertrauen, das diese adelig geschnittenen Lippen besonnte. Der Fremde ergriff die schreckenskalte Rechte der Frau Amöne und drückte sie von Herzen und doch mit der sanften Zurückhaltung und Ehrerbietung des Cavaliers.

»Empfangen die Frau Gräfin meinen Glückwunsch,« sprach er. »Sie sind einer schrecklicheren Gefahr entgangen, als Sie je wohl ahnten!«

»Ei – wodurch?« ...

»... daß jener Finstere und Verwegene Haus und Kloster geräumt hat, das er mit seiner Kutte schändete! Denn nie und nimmermehr, verehrungswürdige Gönnerin, war dieser Mensch ein Mönch – oder auch nur ein Sohn der römischen Kirche! Ich weiß es. Denn ich bin selber papistisch getauft, wenn auch ein freier Geist! Der hinkende Gast an Ihrem Tisch schlug das Zeichen des Kreuzes falsch! Er verstand kein Latein! ...«

»Vielleicht ist's kein Pfäffle! Ich bin fremd hier und ins Land verschlagen, Monsieur! Ich kann den Leuten nicht ins Herz gucken! Muß sie als eine arme Wittfrau nehmen, wie sie gerathen!«

»Narben trägt dieser gottselige Vater am Leibe!« sagte der Fremde wild lachend. »In seinen Pupillen ist Gott Mars ein Altar errichtet! Ich selber bin ein gläubiger Weltbürger und dem Haß und dem Streit der Menschenbrüder von Herzen abhold, – doch aus einem Hause, in dem der Waffendienst seit Alters Usance, und kenne den Blick der Kriegsleute!«

»Mag's denn ein irrender Soldat gewesen sein, Monsieur! Lassen wir ihn traben!«

»Warum aber pürscht er sich hier vermummt und verstellt ein? Warum entfleucht er eilends, wie er sich von mir durchschaut fühlt?«

»Der Herr echauffiert sich pour rien. ... Es lohnt nicht der Müh...«

»Schon drei Posttage von hier,« versetzte der Fremde Wort für Wort mit starkem Nachdruck, »warnt Postillon und Wirth, Reisender und Gensdarm vor den Räubern zur rechten Seite des Rheins, die nach dem Zusammenfall heiligen deutschen Reiches und Unordnung überall, in Massen aus dem Boden entstanden und sich vermehrt haben, wie die Frösche nach dem Gewitterregen. Sonderlich aber waren die hier umliegenden Wälder gefürchtet, als das wahre ungekrönte Fürstenthum eines über das gemeine Maß gewaltigen Verbrechers – Sie, Frau Gräfin, deren Domicil das Schicksal hier statuiert hat – Sie kennen seinen weit verschrieenen Namen besser als ich, wenn Sie auch so wenig wie sonst ein Mensch wissen, wer ihn in Wirklichkeit führt . .«

»... weil der Johannes durch den Wald alleweil eine Larve trägt...«, sagte die schöne Frau Amöne und entsetzte sich hinterher, denn der Johannes durch den Wald saß ihr ja gegenüber.......

Die gute Dame schielte scheu zu dem schmermüthigen Herrn hin, nicht anders, als ob dieser gräßliche Gast ihr gleich an die Gurgel springen müsse. Doch der saß still und, trotz der müden Gelöstheit seiner Gliedmaßen, in einer so noblen Courtoisie des Gehabens in jeder Handbewegung, jedem Seufzer, jeder Neigung des bleichen und schönen Hauptes, daß ihn ein Pagenmeister oder Introducteur bei Hofe darum hätte beneiden müssen, und ihr diese edle Haltung eines traurigen Gemüths ein weibliches Mitgefühl entfachte und ihr in ihrem heimlichsten Innern der Seele noch weit besser gefiel, als die lachende und milde Lebensart des preußischen Husaren, als welcher sich, wie sie sich immer wieder mit Enttäuschung und getränktem Herzen sagte, ja doch nicht ein Nagel breit aus ihr machte! Sie war das nicht gewohnt – die Hohen-Sulz'sche Gräfin! Denn sie war ein schönes und stattliches, in frischer Jugend blühendes Frauenzimmer, und kannte nur zu wohl die rasch von ihrem Liebreiz entzündeten, sehnenden, schmachtenden, lockenden Blicke der Cavaliere, so wie jetzt – das Herz stand ihr stille – der Herr über den Tisch hin sie träumerisch, in einer ehrfurchtsvollen Glückseligkeit ansah, gleich als habe der gefiederte Pfeil Cupido's im Nu mitten in dies schwarze Herz getroffen. ...

Das fehlt noch, daß sich ein Räuberhauptmann in mich verguckt! – dachte sich die Frau Reichsgräfin empört, und dachte weiter: Aber wenn er am End' gar keiner ist? ... Dann hätte sie sich's schon gefallen lassen, daß sie gefiel! Dann war der verhohlene Grandseigneur dort drüben just zur rechten Stund' bei ihr ins Haus und ins Herz getreten, als das auf das heftigste durch den im übrigen so hülfsbereiten Herrn von Arcularius beleidigt war und sein sonst wohlverschlossenes Pförtlein auf kurze Frist weit offen stand.

Da konnte jetzt eben Einer die Gelegenheit wahrnehmen und sich einschleichen, wie ein Dieb in der Nacht – so wie dort überm Tisch der General aller Langfinger und Heermeister aller Nachträuber – Gott steh' uns armen Sündern bei! – der Johannes durch den Wald ...

Dieser Geächtete und Ausgestoßene aber, den seine Thaten verfluchten, – dieser Auswürfling der Hölle nahm ohne Wimperzucken, sondern mit einem sanften Spiel lächelnder menschlicher Wehmuth, seinen eigenen furchtbaren Namen in den Mund und ließ sich vernehmen:

»Vielleicht haben Sie, Frau Gräfin, den Johannes durch den Wald schon einmal gesehen und wissen es blos nicht!«

»Ei – freilich weiß ich's, Monsieur!«

»Wie denn? Höre ich recht . . ?«

»Ja – ist er mir denn nicht übern Weg geritten, gestern im Wald?« rief die schöne Gräfin hitzig und noch nachträglich erbittert über den Verlust ihrer Bagage. »Gelt – vom Rousseau schwatze und mir dabei meine Jupons mause! Menschenrechte – und mein neues sammtenes Camisölche ist heidi ... Eigenthum ist Diebstahl! – Das konnt' ihm passe, dem Herrn Johannes, einer armen Wittwe ihre besten Battisthemdche und Seidenstrümpf' und Morgenschuh' und Anstandsröckche aus den Koffern zu krame! Oh pfui – das war nit schön!«

Dabei flammte sie im Eifer den Herrn drüben aus ihren großen, grauen Augen an, als gelte die Gardinenpredigt ihm. Der aber hob, ehrlich erschrocken, sein unruhiges, adelig geformtes Haupt.

»Ja – reiste die Frau Gräfin denn ohne Schutz?«

Muß ich das dir erzählen? Du warst doch selber dabei! – dachte sich die schöne Frau von Hohen-Sulz, und glaubte es doch selber nicht! In diesem Widerspruch des Verstandes – ach, und mehr schon des Herzens, zuckte die liebe Dame die Schultern und erwiderte:

»Die bei mir habenden Postknechte und Kammerdiener sind entflohen wie die Reichsarmee bei Roßbach! Der Herr von Arcularius aber, der die ganze Zeit neben meinem Kutschenschlag geritten ist, ist eine Viertelstunde vorher umgekehrt!«

»War wenig ritterlich von einem Edelmann!« sprach der Herr mit einem wunderlichen Lächeln.

»... Wenn ihn doch, am Schlagbaum, die gräflich Palmingen'schen Officianten und Landreiter auf keine Weise haben passieren lassen!«

»... Werden wohl gewußt haben, warum ...«

...



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