E-Book, Deutsch, 236 Seiten
Stratz Herzblut (Kommentiert)
2. improved Auflage 2016
ISBN: 978-80-268-6706-7
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erweiterte Ausgabe. Ein Gesellschaftsroman über Liebe, Ehre und Schuld im Deutschen Kaiserreich
E-Book, Deutsch, 236 Seiten
ISBN: 978-80-268-6706-7
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses eBook: 'Herzblut' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Aus dem Buch: '...Nun bitte aber deutlich, Herr Hauptmann! Meine Geduld ist zu Ende!' 'Meine auch!' Der Hauptmann Ansold hatte bis. her langsam und bedächtig überlegt gesprochen. Jetzt, wo die Hitze über ihn kam, konnte er die Worte nicht mehr wählen - er stieß sie abgebrochen, beinahe stotternd heraus: 'Wenn meine Frau von mir, weil sie sich so unglücklich fühlte, fortgegangen wäre, zu einem guten, ehrenhaften, anständigen Mann - ich liebe sie immer noch, in meiner Art - aber gerade darum hätte ich mich schließlich fügen müssen und Ja und Amen gesagt. Aber daß da einer daherkommt wie Sie und sie mit allem Vorbedacht toll macht und dann hier in Berlin aufs Pflaster schmeißt und denkt, so - nun könn' er ruhig seiner Wege gehen und anderswo von vorn anfangen - ne, Herr von Wölsick - ne - ne - so lasse ich mich nicht abspeisen ... ich bin Offizier ...' Rudolf Stratz (1864-1936) war ein erfolgreicher Romanschriftsteller, Theaterkritiker und Essayist.
Weitere Infos & Material
II
Jakobes Brief erreichte den Hauptmann Ansold am Abend des dritten Manövertags, als er in einem kleinen verregneten märkischen Nest mit seinem Freunde, einem anderen Kompaniechef, in einem kahlen Stübchen zusammen saß, fror, rauchte, auf die Quartiermacher schimpfte und nach der Uhr sah, ob das Gepäck denn noch nicht käme und man sich endlich menschlich machen und zum Essen gehen könne. Draußen dämmerte es. Der ewige Gleichschritt immer neu einrückender Truppenteile dröhnte auf dem nassen Pflaster, Batterien rasselten und schüttelten langsam vorbei, irgendwo in der Nähe putzten Regimentsmusiker ihre feucht gewordenen Blechinstrumente und entlockten ihnen sonderbare, kurze, heulende Probetöne, der Bursche war verschwunden, um die Pferde Gott weiß wo unterzubringen, und Leopold Ansold, der sonst während des Manövers immer in besonders guter Laune war, ging unwirsch im Zimmer auf und nieder, und sein Gefährte, der Häuptling der Sechsten, gähnte nur, weil er zu faul war, zu reden, und sich außerdem Mittags wütend über den Major geärgert hatte. Eine Weile schwiegen beide und horchten mißgestimmt auf das Prasseln der Regentropfen, die der Herbstwind gegen die Scheiben trieb, und dabei hellte sich das Gesicht des Hauptmanns Ansold ein wenig auf. Da nahte der Feldwebel – das war doch etwas – nun kam die Geschichte allmählich in Gang, und er nickte dem Eintretenden freundlicher als sonst zu und warf einen Blick auf die Dienstsachen, die jener brachte, und auf einen Brief mit den Schriftzügen seiner Frau, der obenauf lag, und öffnete den zerstreut. Eigentlich hätte er es lieber nachher getan – die militärischen Angelegenheiten gingen vor – er wollte auch nur dem Feldwebel Zeit lassen, seinen abgebrochenen Bleistift wieder zu spitzen – und dann sagte er plötzlich dumpf vor sich hin: »Wa – was?« und ließ die Hand mit dem Schreiben sinken und stand da und rührte sich nicht mehr.
Sein Untergebener wagte nicht, ihn anzureden. Endlich begann er doch: »Herr Hauptmann, der Herr Stabsarzt sagt, das sei gar kein Knöchelbruch, womit der Einjährige Funk sich dicke täte, sondern einfach 'ne Sehnenzerrung und ...« aber da verstummte er schon wieder, so sonderbar geistesabwesend sah ihn sein Kompaniechef an und so wunderlich murmelte er: »So .. so .. der Funk ... schön ... gehen Sie nur wieder, Krause, mit allen Ihren Wischen!« und kaum war der Feldwebel aus dem Zimmer, so schnallte der Hauptmann sich seinen Säbel um, stülpte den Helm auf, fuhr in die feuchten Handschuhe, den feuchten Mantel, und stürzte davon, quer über die Straßen, in der Dunkelheit fast rennend, zu der Wohnung des Obersten, der ihn bei seinem Eintritt erstaunt frug: »Na – was ist denn los? Brennt's bei Ihnen, Ansold?«
»Herr Oberst – ich muß auf der Stelle nach Berlin!«
»Ja – warum denn?«
Und der andere stieß hervor: »Meine Frau ist auf einmal dort und will nicht wieder zu mir! Ich verstehe das einfach nicht ... verzeihen Herr Oberst ... ich bin wie vor den Kopf gehauen ... ich ...«
Ihm fehlten die Worte. Er schaute verwirrt seinem Vorgesetzten ins Gesicht und schämte sich plötzlich, daß er das alles gesagt habe. Auch der Oberst blieb einen Augenblick still, in raschen und sehr ärgerlichen Gedanken. Wäre er doch lieber im Sommer dem Rat seiner Frau gefolgt, daß für das Ehepaar Ansold eine gründliche Lüftung – eine Versetzung an die Weichsel oder die Vogesen, das gesündeste sei! Und er hatte immer wieder gezaudert und sich zu dem Bericht an höherem Ort nicht entschließen können. Nun hatte er den Lohn seiner Vogelstrauß-Politik.
Und der große schwere Hauptmann ihm gegenüber, den er ja freilich nie für den Klügsten gehalten, wiederholte ganz mechanisch: »Ich begreife gar nicht, wie so was möglich ist ... ich fürchte, meine Frau hat den Verstand verloren!«
Da nahm ihn der Oberst an der Hand und ließ ihn neben sich auf das Sofa sitzen und sprach mit ihm, halblaut und eindringlich wie ein Freund. Und das Gesicht des anderen wurde allmählich schreckensvoll, mit vor Staunen halboffenem Munde, da er jetzt, als der letzte, zu spät, das alles erfuhr, was seit Monaten die sämtlichen Menschen seiner Umgebung und im Städtchen über ihn gedacht und hinter seinem Rücken gesprochen hatten, und er tat einen schweren Atemzug, während der Regimentskommandeur schloß: »Da habe ich Ihnen nun reinen Wein eingeschenkt und gezeigt, wie der Verkehr Ihrer Frau mit Herrn von Wölsick sich vor den Außenstehenden widerspiegelte, und wie er von denen beurteilt wurde, ob mit Recht oder Unrecht, das weiß ich nicht! Aber es schien mir besser, Sie sind doch ein bißchen aufgeklärt und vorbereitet, ehe Sie diese schwere Reise nach Berlin antreten. Umso ruhiger werden Sie dort auftreten können! Wir wollen doch vor allem um Gottes willen nicht unnötig die Öffentlichkeit beschäftigen – nicht wahr? Das liegt in unser aller Interesse und nicht zum mindesten in dem des Regiments! Nun reisen Sie, Ansold! Kopf hoch! Beurlaubt sind Sie natürlich für die nächsten Tage ...«
Es war dem Hauptmann Ansold wie ein Traum, daß er stumm dem Oberst die Hand drückte und wieder durch die regennassen dunklen Gassen schritt und mit Mühe im Wirtshaus ein Fuhrwerk auftrieb, das rasch angespannt wurde und ihn die Stunde Wegs bis zur nächsten Eisenbahnstation brachte. Da mußte er wieder lange warten, und dann fuhr er die halbe Nacht hindurch in einem Kleinbahnzug, der alle fünf Minuten hielt, und fröstelte in seinen feuchten Sachen und schaute, einsam im Abteil, durch die Scheiben in die finstere Nacht hinaus und grübelte dumpf und halb geistesabwesend über den Blitzschlag aus heiterem Himmel, der ihn getroffen, und erreichte endlich die Schnellzugsstation und saß wieder lange Zeit zwischen einem Haufen Volks in einer schmutzigen Bahnhofswirtschaft und trank wie die andern im Morgengrauen Kaffee und hörte, wie der Mecklenburger Inspektor neben ihm am Tisch zwei anderen Ökonomen in Pelzmützen und Wasserstiefeln sein Leid über die winterliche Zuckerrübenkampagne klagte, und wunderte sich über den Menschen. Alle Leute kamen ihm heute wundersam vor, alle Dinge neu und unbegreiflich, Berlin, das er endlich erreichte, schien ihm eine fremde Stadt, durch die er teilnahmlos hindurchfuhr, bis zu dem Kritzingschen Hause. Da stieg er empor und klingelte und frug das öffnende Mädchen mit einer rauhen und lauten Stimme, so, als wolle er ein gestohlenes Eigentum zurückfordern, nach seiner Frau.
Fräulein von Kritzing empfing ihn in ihrem kleinen Salon. Es verstimmte ihn, daß sie ihm zur Begrüßung in stummer Teilnahme wie einem Witwer die beiden Hände entgegenstreckte und dann gleich eifrig mit ihrem Trost begann: »Es wird ja noch alles gut – glauben Sie mir, lieber Hauptmann Ansold – wir müssen nur Geduld haben ... Sie ist in einer Krisis, die wird sich lösen ... dann findet sie ihren Halt wieder ... in solch einer Stimmung, wie sie jetzt ist, kann ja kein Mensch auf die Dauer bleiben ...«
»Wo ist sie denn?«
»Sie wird gleich kommen! Seien Sie nur mild gegen die Arme! Glauben Sie mir: das ist die beste Arznei!«
Fräulein von Kritzing sah dabei zuversichtlich zu ihrem Gegenüber empor, mit einem Schimmer von Hoffnung auf ihrem rotwangigen, weißumrahmten Gesicht. Und der Hauptmann Ansold hätte ihr so gerne geglaubt. Aber er konnte es nicht – was wußte sie, die alte Jungfer, von derlei? Und er wiederholte in gereiztem Ton: »Wo bleibt sie denn?«
Und Fräulein von Kritzing antwortete etwas verletzt: »Aber, lieber Herr Hauptmann, es ist jetzt dreiviertel acht Uhr Morgens. Wir waren ja noch gar nicht auf Ihr Kommen gefaßt. Jakobe muß sich doch ein bißchen zurechtmachen ...«
Leopold Ansold brummte etwas Unverständliches und ging in dem Stübchen auf und nieder, auf dessen Teppich er noch die Spuren der Manövererde der Mark mitgebracht hatte. Dann blieb er plötzlich stehen und versetzte hastig: »War dieser Herr von Wölsick etwa schon hier, seit Sie Jakobe aufgenommen haben?«
»Ich bitte Sie! ... Er ist schon seit vier Wochen im Ausland ... Auf der Insel Wight. Jetzt soll er mit befreundeten, englischen Großindustriellen ins schottische Hochland gegangen sein – auf die Jagd ...«
»Und von dort kommen Briefe hierher ... und Jakobe beantwortet sie ...?«
»Er weiß nicht, daß Jakobe hier ist ... er weiß überhaupt nichts von ihr ... die beiden sind, seit er damals von Ihnen fort ist, außer jedem Verkehr ...!«
Der Hauptmann Ansold setzte sich, stellte seinen Helm daneben auf den Boden, lachte dumpf auf und sagte, zwischen den Zähnen: »Kinder ... macht keine Witze ... ne, bitte, bitte ... die Zeit ist zu ernst ... macht keine Witze mit mir! Da bin ich doch nicht dumm genug dazu, das zu glauben ...«
»Es ist aber doch so, lieber Herr Hauptmann!«
»Warum wäre sie denn dann in des Teufels Namen von zu Hause weg?«
»Das sagt sie mir auch nicht! Das sei etwas, das ich nicht verstünde! ... damit mußt' ich bisher zufrieden sein!«
Die Türe zum Nebenraum öffnete sich und Jakobe trat ein. Ihr Mann sprang hastig auf. Die beiden Gatten schauten sich stumm ins Auge.
Das alte Fräulein zog sich leise zurück. Im Hinterhaus läutete schon durchdringend die Schulglocke und harrte ihrer die Literaturstunde in der Selekta, wenn sie auch fühlte, daß sie heute die ganze Zeit, statt an das Verhältnis Leonores zu Tasso an den Hauptmann Ansold und seine Frau würde denken müssen, und daran, daß es Menschen gab, die nach Schmerzen dürsteten, die sich selber Wunden schlugen, nur um zu fühlen, daß sie lebten – Menschen, wie Jakobe da drüben ...
Im Zimmer, das sie...




