Stratz | Madlene | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 229 Seiten

Stratz Madlene


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3710-1
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 229 Seiten

ISBN: 978-3-8496-3710-1
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In diesem historischen Roman beleuchtet Stratz den Reichsritteraufstand unter von Sickingen. Ritter Felix schert aus dessen Verband aus und kämpft bald an der Seite der Bauern gegen seinesgleichen.

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XII.


Den weißen Morgenschwaden fluchend, die zwischen der Burg und den Schlangen ihre schützenden Schleier zogen, umstapfte Herr Wolfgang Kirschenbeißer mit einem Trupp der Seinen die Feindesmauern und blieb da, wo der Hügel sich zum Flußdickicht hinabsenkte, betroffen stehen.

Eine Spur zerstampfter Erde zog sich durch die feuchten, leicht dampfenden Schollen, die Eindrücke ausgeglitschter Pferdehufe und gespornter Stiefel durcheinander.

"Sie haben sich davongetan!" rief er, indem sich sein Bulldoggenantlitz verklärte, und trabte schwerfällig zum Lager zurück. "Ihr frommen Bauern – das Haus ist leer!"

Lange standen zögernd die Sturmhaufen vor den schweigenden Zinnen. Sie hatten einen Wagen mit Leitern herangefahren, aber keiner unternahm es, als der erste in den Graben hinab- und die Mauer hinaufzusteigen, bis endlich Pfaff Kirschenbeißer selbst sich des Wagestücks vermaß. Die anderen sahen ihm nach, wie sein massiger Leib waffenlos, einer schwarzen Kröte nicht ungleich, an der senkrechten Steinwand emporkroch, sich über deren Brüstung wälzte und verschwand.

Nach kurzer Zeit tauchte der grimmige Bauernschädel wieder auf. "Haus Wolframstein steht heut noch und nimmermehr! Der Feind hat es in unsere Hand gegeben!" – –

Da begann ein Klimmen und Klettern von allen Seiten. wie gespenstische Schatten huschten durch das Morgengrau auf leisen Bastschuhen die Bettlergestalten über die Höfe, in denen sie sonst nur mit abgezogener Kappe als elende Hörige gestanden, ihre gierigen Schwärme flogen die Stufen hinauf durch Kammern und Säle, in Keller und Boden und begannen eilfertig und hirnlos das Werk des Zerstörens.

In dem herniederwehenden Bergwind stäubten, ein tausendfaches Gewimmel, die Federflocken der aufgerissenen Betten durch die Luft; der weiße Mehlstaub quoll aus zerschlitzten Säcken; in den Gewölben sprudelte aus eingehauenen Fässern der edle Rotwein des Schwabenlandes. Hell klirrten die bleigefaßten, gemalten Spitzbogenscheiben der Kapelle, deren Gold und Silber, zu Klumpen gebogen, als papistischer Greuel im Säckel des Beutemeisters verschwand; aus den Fenstern flogen Waffen und geschnitzter Hausrat, Zinnkruge, Kleider, Linnen unter die johlenden Weiber im Hof.

Ganz unten in den tiefsten Gängen des Schlosses leuchtete man mit flackernden Fackeln nach verborgenen Schätzen und stieg, trunken vom Wein und erhitzt ob der vergeblichen Mühe, wieder ans Tageslicht empor.

Dabei stolperte einer von Herrn Jäckleins Gesellen, ein wüster junger Winzer, beim Aufgang zum Stall. Die Fackel fiel aus seiner Hand und teilte in fortlaufenden Funkenfäden ihre Glut den rings verstreuten Heuballen mit.

Wie Pulver flammten die auf. Vom Sturm entfacht, erhob sich langsam eine mächtige Feuersäule und wandelte den Kornböden zu, deren lose gehäuftes Getreide sie knatternd und krachend empfing. Im Augenblick lohte der ganze Giebel. Und von seiner brausend aufsteigenden Brunst fuhren im Pfeifen der Windsbraut flackernde Fetzen triumphierend durch die Luft dahin und ließen sich wie Raubvögel auf Sparrenwerk und Schindeln der umliegenden Dächer nieder. Dort nisteten sie sich ein. Vom Winde hingepeitschte Rauchwirbel entqualmten dem Trichter, den sie gierig in das trockene Gehölz der Türme und Häuser fraßen, und schon blähte sich, weit von ihnen entfernt, überall der Qualm des Feuers, das im Hause selbst, ein wütender Gast, über die Gänge hin, die Treppen auf und nieder eilte, bis der Dunst in eins zusammenschlug. Unter der schweren, die Sonne verfinsternden, funkendurchsprühten, schwarzen Wolke spielten die blutroten Flammen zitternd und hüpfend über allen Zinnen und Giebeln des Hauses Wolframstein.

"Feuer!" Die Weiber schrien es in wirklichem Schrecken, die Männer johlten dazu und lachten in trunkenem Mut. Das Schloß wäre ja ohnedies gen Himmel geschickt worden! Schlimm war es nur, wenn man etwas an Beute darin lassen mußte. "Tummelt euch!" donnerte Pfaff Kirschenbeißer mit seiner mächtigen Stimme. "Eilt euch und fegt das schändliche Haus zu Grunde aus, ehe uns die Flammen ganz über den Hals kommen!"

Um ihn herum wogte das Getümmel. Die Beute hinter sich herzerrend, zu dritt und viert dahinschlepppend, stoben die Scharen der Plünderer durch Qualm und Aschenregen hin und her, den Ausgang suchend und doch immer wieder zurückkehrend, um der Glut ein letztes Raubstück zu entreißen.

Der Pfarrherr trat, mit den Händen die Funken von seinem Chorrock streichend, unter die Männergruppen, die noch allein den sich leerenden Burghof erfüllten. "Ist auch alles durchgesucht?" fragte er. "Habt ihr im Bergfried nichts gefunden?"

"Man kann nicht in den Turm!" schrie ein rauchgeschwärzter Bursche. "Die Leiter ist zerschlagen!"

"Dann haben sie ihre Kleinodien in den Turm geborgen –" tobte der Kirschenbeißer – "getrösten sich, daß das feste Mauerwerk dem roten Hahn widersteht! Rennt, christliche Brüder – schafft eine Leiter vom Wagen an. Die Feuersnot leidet's noch!"

Als die Leiter angelehnt war und der rußige junge Knecht als erster axtbewehrt sich hinaufhaspelte, zischte es oben aus einer schräg nach unten geneigten Schießscharte, und ein greller Aufschrei hallte im Hofe wider.

"Schaut nicht hinaus, Madlene!" sprach Herr Felix finster. "Ich hab' den Schalksknecht durch und durch geschossen."

Wolfgang Kirschenbeißer unten legte die hohlen Hände an den Mund. "Steigt flugs herab –" brüllte er, "und gebt Euch uns auf Gnad' und Ungnad'! Tragt Ihr Sporen, müßt Ihr sterben! Weib und Kind sichere ich, der Pfarrherr von Gottwoltshausen, christliches Geleit!"

Der Trugenhofer sah seiner Gefährtin ins Gesicht: "Steigt hinab, Madlene, so seid Ihr des Gebens gewiß. Hier oben weiß ich nicht, was stärker sein wird, der Turm oder die Flammen!"

"Ich weiß eins, das ist stärker als beides, Turm und Flammen!" Madlene setzte sich nieder. "Das ist die Treu! Ihr habt sie mir bewiesen! Ich schuld' sie Euch und will sie wahrlich halten!"

"Steigt hinab!" herrschte sie der Ritter an. Sie schüttelte das Haupt.

Aus dem Qualm drang von unten wieder die finstere Stimme. "Macht voran! Wir sind in Gefahr Leib' und Lebens wie ihr!"

Ritter Felix ergriff das junge Weib am Arm. "So schlepp' ich Euch mit Gewalt über die Treppe", knirschte er, "und lass' mich von den Bauern erwürgen!"

Sie entriß sich ihm und flog an die Schießscharte.

"Kennt Ihr meine Stimme, Pfaff Kirschenbeißer?" rief sie hell durch Rauch und Funken hinab.

"Großer Gott!" Der Pfarrherr trat erschüttert zurück. "Frau, seid Ihr oben?"

"Ich bin oben!" klang wieder der helle Ton in die glühende Nacht. "Ich mit meinem Freund und Gesellen, will mit ihm leben oder verderben, wie's Gott gefällt!"

"Kommt herab, Frau!" jammerte Herr Kirschenbeißer. "Ladet uns nicht Euren Mord aufs Gewissen und bedenkt ..."

Ein betäubender Krach unterbrach seine Worte. Der Seitenturm am Palas, der schon die ganze Zeit, die lodernde Krone auf dem Haupte, wie betäubt hin und her geschwankt war, knickte in sich zusammen und prasselte, ein Haufe dampfendes Mauerwerk, hernieder, daß die Bauern unten in wilden Sätzen entflohen. Unmittelbar hinter ihnen schloß sich die Flammenwand um den Hof, auf dem mit kahlen, gespenstisch lodernden Ästen die uralte Linde zum Himmel wies. Trotzig starrte der Bergfried aus dem glühenden Tuftmeer empor, das mit brausenden Schwingen seine Quadern umkreiste und als erstickend heißer Schein hell in sein Inneres und die stummen Menschen darin leuchtete. Ein Knattern und Krachen wie das einer Feldschlacht hallte aus dem Kampf zwischen Flamme und Menschenwerk, und in das tanzende Gewühl der Feuergeister hauchte aus vollen Backen der Frühlingssturm seinen kalten Hauch, daß der Wald wogender Flammenwipfel sich schauernd vor ihm beugte und weithin flüchtend, mit blutigen Funkentropfen übersät, die schwarzen Schwaden zogen.

"Hält der Bergwind an, so sind wir gerettet!" sprach Ritter Felix zu Madlene, die, seine Hand umklammernd, mit ihm in das gewaltige Rauschen des Flammenmeeres zu ihren Füßen hinabstarrte. "Er treibt den Rauch zum Neckar, daß wir ihn nicht zu schlucken brauchen, sondern die klare Waldluft aus Busch und Matten!"

"Aber der Bergfried kann einstürzen wie die anderen Mauern!"

"Der ist für die...



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