Straub | Das spanische Jahrhundert | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Straub Das spanische Jahrhundert


1. Auflage 2009
ISBN: 978-3-641-01060-7
Verlag: Siedler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-641-01060-7
Verlag: Siedler
Format: EPUB
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Vom Verlust des Weltreichs bis zur Ankunft in Europa: das unruhige spanische Jahrhundert

Viele spanische Intellektuelle verzweifelten im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts an der Geschichte ihres Landes als einer Geschichte des unvermeidlichen Niedergangs: auf Grund trotziger Sonderwege und eines Sonderbewusstseins, das Spanien in Gegensatz zu Europa brachte. Als 1898 mit Kuba die letzte Kolonie und damit auch der letzte Ausdruck von Spaniens Anspruch, eine Weltmacht zu sein, verloren ging, richtete sich der Blick auf den eigenen Kontinent: Nun wurde Europäisierung zur Voraussetzung für eine Regeneration Spaniens erhoben.
Damit geriet Spanien stärker als bisher in Zusammenhang mit den Wechselfällen der europäischen Geschichte: Obwohl es sich aus beiden Weltkriegen heraushielt, schlug sich die Krise des Liberalismus auch hier nieder, experimentierte das Land mit der Monarchie, mit der Republik und der Diktatur wie andere Staaten Europas auch. Aber es tat dies in einem anderen Rhythmus und mit anderen Zäsuren. Das spanische zwanzigste Jahrhundert beginnt bereits 1898 und endet 1975, mit dem Tod des Diktators Franco und dem friedlichen Übergang zur Demokratie, der das Land endlich zur ersehnten Übereinstimmung mit den Nachbarn brachte.
Eberhard Straub, »ein Kenner und Könner, ein brillanter Schreiber« (Bayerischer Rundfunk), erzählt das turbulente, schwierige spanische Jahrhundert im Zusammenhang der europäischen Ideen- und Politikgeschichte und weitet damit den Blickwinkel über Bürgerkrieg und Franco-Zeit hinaus: auf ein Land, das im zwanzigsten Jahrhundert zugleich zum Vorreiter, Spiegel und Nachzügler der Entwicklung auf dem Kontinent wurde.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1;Inhalt;6
2;Einleitung;10
3;»Wir sind anders!« - 1898 oder Ein spanischer Sonderweg in die Katastrophe?;22
4;Eine Gesellschaft im Umbruch Spanien auf der Suche nach einem geeigneten Staat;52
5;»Maura No!« Das Scheitern der konservativen Revolution Antonio Mauras;84
6;Der Aufstand gegen die Politik und die Politiker - Primo de Riveras Diktatur der »nationalen Konzentration«;114
7;Der Götterfunke republikanischer Freude - Illusionen und ideologische Verhärtungen zwischen den Parteien;146
8;Ohne Hüter der Verfassung - Die Selbstzerstörung des politischen Systems;182
9;Franco oder Die vollendete konservative Revolution - Der autoritäre Staat mit pluralistischen Elementen;226
10;Vom Nutzen und Nachteil der Immobilität - Francos Politik der Entpolitisierung einer in Bewegung geratenen Gesellschaft;260
11;Die Wiedergeburt Spaniens aus dem Geist der Demokratie - Der Übergang von Francos Neuem Staat zur Monarchie von Volkes Gnaden;296
12;Zeittafel;326
13;Ausgewählte Literatur;336
14;Namenregister;344


(S. 145-146)

AM 20. MÄRZ 1931 WURDE DER PROZESS gegen die inhaftierten Mitglieder des Revolutionären Komitees eröffnet, das die – gescheiterte – Provisorische Regierung der Republikaner repräsentierte. Das Verfahren entwickelte sich von vornherein zu einem Schauprozess. Aber nicht die in den Putschversuch vom Dezember verwickelten Politiker standen im Mittelpunkt, sondern der König. Die Verteidigung verstand es, unter dem Beifall des Publikums denKönig anzuklagen, der die Verfassung verletzt habe und nach absoluter Macht strebe. Der König war es, der den Umsturz plante.

Die politischen Rebellen handelten als Patrioten, im Einklang mit der öffentlichen Meinung, die der Tyrannis desKönigs und seiner Diktatoren längstmüde war. Begleitet wurde der Prozess von massiven Studentenunruhen, die von der Straße aus den Übergang zur Republik erzwingen wollten. Der unvermeidliche Ortega y Gasset stand an der Seite der Studenten und diente als geistreicher Tonverstärker für die ohnehin nicht leise vorgetragenen republikanischen Erwartungen.

Vom General Dámaso Berenguer hatte sich Alfons XIII. im Februar getrennt. Verzweifelt bemühte er sich um eine neue Koalition, die den Rückweg zur Verfassung und zu Wahlen vorbereiten sollte. Der parteilose Admiral Juan Bautista Aznar, nur von unbeirrbaren Monarchisten unterstützt, stellte sich für den Übergang zur Verfügung. Gutmütig und ahnungslos vertraute er darauf, dass die Ergebnisse korrekter Wahlen ganz von selbst zu einer allgemeinen Beruhigung führen würden. Er glaubte, es handelte sich um eine der vielen Regierungskrisen, die doch jedes Mal hatten beigelegt werden können.

Die »alten Politiker« sahen es nicht anders. Sie unterschätzten den Überdrussamalten System, das durch denKönig symbolisiert wurde. Es ging gar nicht mehr darum, die Verfassung wieder in Kraft zu setzen, die Öffentlichkeit wollte vielmehr zu einer neuen Verfassung gelangen. Die Republikaner und Liberalen hatten das Zugeständnis erreicht, vor den Parlamentswahlen erst einmal Gemeindewahlen abzuhalten, um die Kommunalverwaltung von den Anhängern Primo de Riveras zu säubern und damit die Voraussetzung für einen neutralen und freien Wettbewerb bei den Wahlen für die Nationalversammlung zu schaffen.

Zum ersten Mal erlebte Spanien einen leidenschaftlichen Wahlkampf, geführt als Kampf um Stimmen und Meinungen. Paradoxerweise hatte ausgerechnet die Diktatur der Massendemokratie den Weg geebnet. Ungeachtet der Zensur – die mal gründlicher, mal lässiger gehandhabt wurde – gab es mehr Zeitungen und Zeitschriften als vor 1923. Rundfunk und Kino kamen als populäre Medien hinzu. Die Binnenwanderung verschaffte den Städten Zulauf, der wirtschaftliche Aufschwung gab dem Mittelstand mehr Gewicht, der seinerseits über Schulen, Fachhochschulen und Universitäten, durch die Ausbildungspolitik Primo de Riveras geistig beweglicher geworden war.

Bildung war unter der Diktatur allmählich zu einem »Massenartikel« geworden, was sie Ortega y Gasset sofort verdächtig machte. Es ist das Spanien Primo de Riveras, das ihn zum »Aufstand der Massen« inspirierte. Der Diktator hoffte auf die systemstabilisierende Kraft der Bildung. Doch Bildung als Sphäre der Freiheit ist unberechenbar. Es waren gerade die Gebildeten, die das System verwarfen, das diktatoriale, aber auch das frühere bürgerlich-liberale.


Straub, Eberhard
Eberhard Straub, geboren 1940, studierte Geschichte, Kunstgeschichte und Archäologie. Der habilitierte Historiker war bis 1986 Feuilletonredakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und bis 1997 Pressereferent des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. Heute lebt er als freier Journalist in Berlin. Zu seinen bekanntesten Veröffentlichungen zählen „Die Wittelsbacher“ (1994), „Eine kleine Geschichte Preußens“ (2001) und zuletzt „Das zerbrechliche Glück. Liebe und Ehe im Wandel der Zeit“ (2005).



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