E-Book, Deutsch, 236 Seiten
Strauß Teufels Küche
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7526-1899-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
und andere Reiseziele
E-Book, Deutsch, 236 Seiten
ISBN: 978-3-7526-1899-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andrea Strauß, geboren 1968 in München, studierte nach der Ausbildung im Verlag Germanistik, Geschichte und Geographie. Sie arbeitet hauptberuflich als Journalistin und veröffentlichte gut zwanzig Sachbücher zu den Themen Reisen und Outdoor. Viele ihrer Reiseeindrücke werden in Zeitschriften veröffentlicht, die im deutschsprachigen Raum und in Übersetzungen in Europa erscheinen.
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Dieb in Arusha
Die rote Sporttasche, die der Buskondukteur über der Schulter trug, war noch größer als jene, die während der Schulzeit mein ständiger Begleiter gewesen war. Meine hatte drei Streifen gehabt, seine hatte nur zwei. Dafür war seine mit dicken Bündeln von Geldscheinen gefüllt und in meiner waren Turnschuhe, Socken, T-shirts und Wasserflaschen gewesen.
Als Kondukteur im Überlandbus vom kenianischen Nairobi nach Arusha in Tansania brauchte man eine große Sporttasche. Beide Länder hatten eine eigene Währung und in beiden herrschte Inflation – in Tansania noch mehr als in Kenia. Jeder Fahrgast zahlte für die gut fünfstündige Fahrt im „Expressbus“ mit einem Geldbündel, das in keine normale Brieftasche mehr passte. Während der Kondukteur die Reihen abkassierte, füllte sich der Bauch der gefräßigen Sporttasche immer mehr.
Wie ein zweibeiniger Geldtransporter musste sich der junge Mann vorkommen. Trotzdem war er nicht um seine eigene Sicherheit besorgt, sondern um unsere. „Wechseln Sie an der Grenze nach Tansania kein Geld! Das ist alles schwarz. Da bekommen Sie nur Ärger!“
Dabei waren auch die Scheine, mit denen wir ihm die Überfahrt bezahlt hatten, schwarz getauscht. Unter den Augen der kenianischen Grenzbeamten. Vor zwei Tagen erst hatten wir bei der Einreise nach Kenia von Uganda kommend unsere restlichen Ugandaschillinge in einer „Bank“ in Keniaschillinge tauschen wollen. Der Grenzort – auf der Karte so groß verzeichnet wie die Hauptstadt – bestand aus jeweils einer Zeile grauer Baracken, die die Durchgangsstraße säumten. Die Neonröhren einiger Imbissbuden mussten als Straßenbeleuchtung und Grenzstrahler herhalten. Auch im Büro des Grenzbeamten bestand der einzige Luxus aus dem gerahmten Bild des Präsidenten Daniel arap Moi. Sonst ein nackter Schreibtisch, ein dickes Registrierbuch, ein Kugelschreiber, ein Stempel und ein Stempelkissen. Unsere Frage nach einer Bank beantwortete er mit der Gegenfrage: „Warum?“ Der nächste und letzte Satz, den er zu uns sprach, hieß: „Wie viel?“ Dann bildeten sich kleine Schweißperlen auf seiner Stirn. Er verließ das Büro, kam nach einer Minute mit einem jungen Mann zurück, der so wenig offiziell aussah, wie das nur möglich war, und unter den Augen der Grenzpolizei wurden unsere Ugandaschillinge schwarz zu Keniaschillingen.
Zur Mittagszeit kamen wir am Busbahnhof in Arusha an. Alles ging sehr schnell. Da ein Teil der Fahrgäste Touristen waren, schulterte jeder seinen Rucksack und auch der sonst auf Bussen überbordende Dachständer war im Nu leer. Im Menschengewirr der Busbahnhöfe war trotzdem immer höchste Aufmerksamkeit angesagt. Mit unseren vier schweren Gepäckstücken waren wir gefordert. Jeder hatte einen großen Rucksack und zusätzlich ein blaues 60 Liter-Chemikalienfass. So war die Ausrüstung wassersicher, druck- und stossgeschützt und abschließbar. Nur tragen ließen sich die Fässer kaum.
Ein Anschlussbus für die Weiterfahrt nach Moshi stand schon bereit. Für einen Geldtausch blieb keine Zeit mehr, den Bus würden wir mit den restlichen schwarzen Keniaschillingen zahlen müssen.
Bargeld blieb auch für die folgenden eineinhalb Wochen das Thema, afrikanischen Sozialismus hin oder her. Vor allem wenn es die Chance gab, Touristen aus Europa oder USA zu melken, kannten sich sowohl staatliche Stellen wie Privatpersonen in Tansania erstaunlich gut mit den Vorzügen des Kapitalismus aus.
Vor Monaten schon hatten wir bei der Nationalparkverwaltung des Kilimandscharo angefragt, ob man die Besteigungsgebühr für den höchsten Gipfel in Afrika auch direkt bei ihnen bezahlen könne. Nach einigen Wochen hatte uns ein Kuvert erreicht, auf dessen Vorderseite Adresse und Briefmarken kaum Platz fanden. Mr. Dattomax von der Nationalparkverwaltung teilte uns darin mit, dass die Besteigung über ein lokales Reisebüro zu buchen sei, zum Beispiel in Mombasa, in Arusha oder auch vor Ort in Moshi. Die Nationalparkgebühren seien überall gleich, die Leistungen der Reisebüros ähnlich. Nochmals drei Wochen später erreichte uns ein weiteres Kuvert aus Tansania. Abgesehen von den Agenturen könne er uns auch direkt die Besteigung organisieren, am besten kämen wir zu ihm persönlich. Gezeichnet Mr. Dattomax. Nur der Briefkopf des Nationalparks fehlte dieses Mal.
Mit einem Sammeltaxi holperten wir zur Nationalparkverwaltung am Fuß des Kilimandscharo. Immerhin wollten wir der Direktbuchung eine Chance geben. Der schmale Grat zwischen Korruption und Hilfsbereitschaft eines Beamten, zwischen aufgeblähtem Dienstleistungsangebot der Vermittler und Unterstützung der Unternehmer vor Ort ist manchmal schwer durchschaubar. Wir wollten es darauf ankommen lassen und uns selbst ein Bild machen.
„Dattomax? No, sorry.“ Ihr Chef sei heute nicht da, erklärte uns eine kleine, resolute Rangerin in Uniform. Ob sie uns weiterhelfen könne? Am Ende des Gesprächs kamen wir überein, dass die Direktbuchung ein seltener, ja, unüblicher Vorgang wäre, aber nicht verboten sei. Sie stand auf, öffnete die Fliegentür zur Terrasse, pfiff durch die Finger und sprach mit dem herbeieilenden jungen Mann für eine Weile. „William. Er ist euer Guide“, stellte sie ihn uns vor, denn ohne offiziellen Führer ging im Nationalpark nichts.
Wir hatten nicht damit gerechnet, heute schon alle Formalitäten erledigen zu können. Travellerschecks hatten wir, eine Kreditkarte und ein paar Keniaschillinge. Für die teuren Nationalparkgebühren reichte das nicht. Ob wir mit „Karte“ zahlen könnten? „Was heißt das?“, fragte die Rangerin nach. Wir zeigten ihr die VisaCard. Sie studierte sie, drehte sie auf die Rückseite und blickte wieder uns an. Ihr Gesichtsausdruck lag zwischen Verwunderung und Belustigung. „Was mache ich damit?“ William kam zu Hilfe: „Das habe ich in Nairobi schon einmal gesehen. Man steckt es in einen Kasten und bekommt dafür Geld.“
Mit großem Gottvertrauen zahlten wir William später am Abend in Moshi die Nationalparkgebühr und einen Vorschuss für die Träger, das Taxi und ihn selbst. In bar. In Dollar. Denn wenn es um viel Geld ging, waren Dollar doch die wesentlich praktischere Währung. Die Nationalparkverwaltung nahm ohnehin nichts anderes.
Für die rund 4000 Höhenmeter vom letzten Dorf bis auf den Gipfel des Kilimandscharo und für den Abstieg auf dem Normalweg hatten wir sechs bis sieben Tage geplant. Die lange Tour und die große Höhe wollten wir nicht mit überflüssigem Gewicht belasten und tauschten daher keine dicken Geldbündel mehr ein. In den blauen Fässern steckten zudem ausreichend Lebensmittel, wir waren autark.
Unser letztes Bargeld liehen wir Bruce, seiner Frau Susan und seinem Sohn, einer englisch-kenyanischen Familie, die im letzten Lager vor dem Gipfel am Nachmittag ankam. Sie hatten weder Führer noch Träger dabei, waren also illegal im Park und hatten wohl nicht damit gerechnet, auf eine andere Gruppe zu treffen. Unser Führer witterte sofort eine Chance. „Den Verstoß muss ich melden. Sie haben kein Permit!“ Nach längerem war er bereit, gegen Zahlung einer Gebühr auch die Führung der Familie zu übernehmen. Auf dem Papier. Was blieb ihnen anderes übrig? Wie in einer Laienkomödie zückten sie den Geldbeutel, leerten ihn und schüttelten ihn sogar mit der Öffnung nach unten durch, ob nicht doch noch irgendwo, in einer Ritze, einem Geheimfach …
Unser Führer war mit dem Ergebnis aus Bruce Geldbörse aber nicht zufrieden. Schließlich lieh sich die Familie bei uns ein wenig Bargeld, um zumindest 40 Dollar abdrücken zu können. Bestechungsgeld auf der einen Seite und eine Investition in ein deutsch-britisch-kenyanisches Freundschaftsband andererseits. Wir würden die Familie am nächsten Morgen in der Dämmerung nochmals kurz sehen, dann würden wir zum Gipfel weitersteigen, während sie über die Western Breach direkt ins Tal absteigen sollten.
Vom Kilimandscharo zurück wollten wir rasch wieder aus Tansania ausreisen. Trotzdem war noch der Überlandbus zurück nach Kenia zu zahlen. Das letzte Bargeld hatte im Hochlager den Besitzer gewechselt. Jetzt hatten wir noch Travellerschecks zu 100 DM.
100 Mark tauschen und an der Grenze wieder schwarz zurücktauschen? Oder 100 Mark tauschen, sich aber die Hälfte in Mark oder Dollar auszahlen lassen? Während ich am Busbahnhof in Arusha über unsere Rucksäcke und die Fässer wachte, ging Andi zur Bank. Wie zu erwarten gewesen war, wollte die Schalterbeamtin nur den Gesamtbetrag in Tansaniaschilling auszahlen. Auch bei einem zweiten Wechselbüro hatte er nichts anderes erreichen können. Ich erinnerte mich an einen weit gereisten 50 Mark-Scheck. Mit dem wollte nun ich mein Glück versuchen. Während dieses Mal Andi am Busbahnhof die Rucksäcke und Fässer wie zu einer Wagenburg im Wilden Westen gruppierte, machte ich die Bankenrunde.
Schneller als erwartet hatte ich Erfolg und Bargeld in der Hand. Nun...




