E-Book, Deutsch, Band 172, 280 Seiten
Reihe: Das Schwarze Auge
Stritter Pardona 1 - Kind des Goldenen Gottes
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96331-871-9
Verlag: Ulisses Spiele
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Schwarze Auge Roman 172
E-Book, Deutsch, Band 172, 280 Seiten
Reihe: Das Schwarze Auge
ISBN: 978-3-96331-871-9
Verlag: Ulisses Spiele
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mháire Stritter ist das Gesicht des Videokanals Orkenspalter TV. Seit 2009 berichtet sie aus dem Herzen der deutschen Rollenspielszene, liefert Spielleiter-Tipps und veranstaltet Spielrunden. Sie ist außerdem langjährige Abenteuer-Autorin für Das Schwarze Auge mit den Schwerpunkten Myranor, Solo-Abenteuer und Rahja-Glauben. Man kennt sie auch als 'die Frau, die früher bei PC Games moderierte', wenn man früher ebenfalls in Münster studierte oder Vampire Live spielte oder aus diversen DSA-Fanfilmen. Wenn Mháire nicht als Rahjani auf LARPs unterwegs ist, spricht sie Hörbücher ein, übersetzt Computerspiele oder trinkt Wein mit Werner Fuchs. Sie lebt gemeinsam mit fünf Seeottern und einem Mykoniden namens Fungbert in ihrer Phantasie.
Autoren/Hrsg.
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Wo kaltes Leben ruht,
worin Amadena Verbündete findet, Gegensätze vereint und
das Herz eines Drachen berührt.
Der feine Eisnebel, der die frisch geschlüpfte Kreatur umgab, füllte langsam den Saal unter den Bäumen. Acuriën stand zwischen zwei weiteren Suchern, Imenkala und Nispharmion, die mit hinter dem Rücken verschränkten Armen jedes Detail des Wesens studierten.
»Und dies kam aus einem Drachenei«, stellte Imenkala fest, sichtlich irritiert. Bevor Acuriën antworten konnte, wichen die Neugierigen am Eingang des Raumes zur Seite und ließen Ometheon sowie seinen Bruder Emetiel herein. Der Gründer des Turms ließ einmal seinen Blick im Rund schweifen und dann auf Amadena ruhen, die gelassen hinter ihrer Schöpfung stand.
Wortlos ging Ometheon zu dem Insekt, das ein Drache werden sollte, und neigte sich darüber. Mit raschen, schwebenden Handgesten und gesungenen Formeln unterzog er es einer Untersuchung durch seine übernatürlichen Sinne. Emetiel sah zu, die Hände in den Ärmeln verborgen, eine schmale Falte zwischen den Brauen.
Mit einem Rascheln seiner grauen Roben richtete Ometheon sich ruckartig auf.
»Zer’taubra«, verkündete er beherrscht, »die Widerkunst.« Er trat zurück und wandte sich Amadena zu. »Ist dies die Botschaft des Pyr’Dakon? Sind ihm die Elemente der Natur nicht genug, dass es ihn jetzt auch nach denen des Chaos verlangt?«
»Ihr schließt einiges aus wenigen Beweisen«, stellte Amadena gelassen fest. »Ich habe eine Essenz der Ungeschaffenen verwendet, um ein Wesen zu kreieren. Das Ungeschaffene zur Schöpfung gemacht. Am Anfang stand vielleicht zer’taubra, aber am Ende steht Leben.«
»Widernatürliches Leben«, warf Emetiel ein.
»Widernatürlich, so wie grünende Bäume in einem Reich des Eises?« Amadena breitete ihre Arme aus und richtete ihre Worte mehr an die Zuschauer im Saal als an Ometheon und seinen Bruder. »Wie eine Stadt dort, wo kein Leben möglich sein sollte? Wir sind hier, weil wir uns die Elemente gefügig machen können und diese Welt keine Herausforderungen kennt, denen die fenvar, die höchsten der fey, nicht gewachsen sind. Unser Wille ist unser Antrieb und unsere Zauberkraft unser Werkzeug.«
Ringsum erklangen leise Laute der Zustimmung. Acuriën richtete seine Aufmerksamkeit auf das Drachenwesen, das inzwischen von den meisten ignoriert wurde. Es bewegte seine Fühler wie Fächer und schien die Luft kosten zu wollen, während sein Oberkörper langsam hin und her pendelte. Es wirkte im Gegensatz zu den meisten Dämonen nicht wie eine chaotische, ungeschaffene Kreatur, sondern eher wie ein eleganter und durchaus sinniger Entwurf. Allein die übernatürliche Kälte, die in seiner Nähe die Gräser und Kräuter rings um die Baumwurzeln mit Reif überzog und verdorren ließ, verriet seine Herkunft.
»Ich habe nichts weiter getan, als meinem Willen folgend Magie und zer’taubra zu verwenden, um ein Problem zu lösen«, fuhr Amadena fort. »Und ja, es war mein Wille und nicht der des Pyr’Dakon. Denn ich gestehe, dass was ich hier gesehen habe … beeindruckend ist.«
Sie streckte eine Hand in Richtung Ometheon aus, beschwörend. »Der Drache selbst, der göttliche Hüter der Schlüssel der Elemente, hat den Schlüssel des Eises verloren und nimmt seither an, dass es nur dieser Schlüssel sein wird, der ihm die Macht über das Element wiedergibt. Aber ihr hier – ihr alle – beherrscht das Land des Eises nur mit eurem Willen und eurem Geist. Warum kann ein Gott nicht, was ihr könnt?«
Es herrschte einen Moment Schweigen und Acuriën lehnte sich leicht vor, um die Reaktion aller im Rund einschätzen zu können. Amadena hatte nur ausgesprochen, was sich so manche, speziell die Sucher, schon gefragt hatten. Nur hatte niemand damit gerechnet, dass ausgerechnet die Botschafterin und Priesterin ihre Gedanken wiederholen würde.
»Exakt«, murmelte Nispharmion. Er tauschte einen zufriedenen Blick mit Imenkala und Acuriën.
Ometheon hob eine Hand und alle Anwesenden verfielen wieder in respektvolles Schweigen. »Dies ist ein Experiment«, betonte er, »und bislang sind unsere Erfolge vielversprechend. Ein endgültiger Sieg – der ließe sich vielleicht in einigen Jahrhunderten verkünden. Ich gebe aber durchaus zu, dass in Experimenten auch manches gewagt werden muss.«
Er wechselte einen Blick mit Emetiel, der nickte.
»Acuriën«, rief Ometheon in die Runde. »Du warst Zeuge der Erschaffung?«
Acuriën zuckte überrascht zusammen, trat dann aber vor. »Ja. Ich lieh der Botschafterin meine Kraft und erlebte ihr Wirken direkt mit.«
»Würdest du ihr Vorgehen als unüberlegt oder chaotisch beschreiben?«
Acuriën sah zu Amadena, die ungerührt neben dem vor Kälte dampfenden Wesen stand, das nun mit seinen Fühlern ihre Säume betastete, wie ein neugieriges Kätzchen etwas mit den Pfoten anstupsen würde.
»Nein«, erklärte er entschieden. »Jedes Wort, jeder Gedanke und jede Handlung war klar vorab formuliert und durchdacht. Zu jedem Zeitpunkt hatte sie die absolute Kontrolle über das Geschehen und den Einsatz unserer Kraft.«
Ometheon faltete die Hände und wiegte den Kopf leicht hin und her, als ließe er seine Gedanken und mögliche Antworten von Seite zu Seite wandern. Schließlich nickte er entschlossen.
»Euer Vorgehen ist erlaubt«, sagte er knapp zu Amadena. »Aber nur von Euch, nicht von Euren Helfern. Überwacht alle solche Aktivitäten. Und was dieses Wesen und mögliche weitere angeht«, er sah hinab auf die Kreatur, die von einem Kreis aus toten Pflanzen umgeben war, »meldet mir alle Erfolge und bringt sie so unter, dass sie keinen Schaden anrichten. Wendet Euch an die Bauer, sie arbeiten ohnehin an Glas und Kristallen, die extremen Bedingungen standhalten, um das Meer in unseren Turm zu bringen.«
Er hob den Blick und richtete sich an die Zuschauer. »Ihr seid entlassen.«
Acuriën steuerte wie alle anderen auf den Ausgang zu, warf aber noch einen letzten Blick über die Schulter zurück. Ometheon war näher an Amadena herangetreten und schien ins Gespräch mit ihr vertieft, während Emetiel danebenstand und das verwandelte Drachenkind nachdenklich beobachtete.
»Du hast ihr also Kraft geliehen«, sprach ihn Nispharmion an, kaum dass sich das Portal zum Saal hinter ihnen geschlossen hatte. »Was musstest du tun, damit sie dich mitarbeiten lässt?«
»Sie hat mich gefragt«, verbesserte Acuriën verwirrt. Er blieb stehen und versuchte, Blickkontakt mit Nispharmion aufzunehmen, der zwar ebenfalls innehielt, jedoch den Blick über die wispernde Menge sich zerstreuender fenvar wandern ließ. »Ich war zum richtigen Zeitpunkt da und sie war sich meiner Fähigkeiten als einer der Leiter der Sucher bewusst.«
Jetzt sah ihn Nispharmion an. Einen Moment lang schien er seine Worte abzuwägen, dann lächelte er schmal und sagte: »Und welche verdiente Position das doch ist.«
Ohne weitere Erklärung wandte er sich ab und ging.
Etwas verunsichert von Nispharmions halb ausgesprochener Anschuldigung, sich in Amadenas Wirken und Pläne eingeschlichen zu haben, hielt Acuriën nach kurzem Zögern selbst auf eines der zentralen Treppenhäuser zu.
Die Eintönigkeit der Stufen und das sanfte Glimmen der magischen Lichter beruhigten ihn und er fand sich zu seiner eigenen Überraschung auf der Ebene mit den gefangenen Tieren und Menschen wieder und nicht bei der ihm zugewiesenen Zimmerflucht. Er beschloss, dem Instinkt zu folgen und seine Gespräche fortzusetzen – oder besser die Versuche von Gesprächen.
Er ging vorbei an den Zellen mit schlafenden weißen Bären und Wölfen, Robben, Füchsen und einem der mit Stoßzähnen bewährten, riesigen Rüsseltiere, die sich im Frühjahr nahe ans Eis wagten. Die Tür der Menschen war die einzige, hinter der Geräusche hervordrangen, die aber allesamt verstummten, als er sie öffnete.
Er trat ein und ließ die Tür bewusst etwas offen stehen – eine Flucht aus der Zelle ergab für die Menschen keinen Sinn und ein wenig Offenheit, ein wenig frische Luft konnte nicht schaden.
Die breiten Gesichter mit ihren kleinen Augen sahen ihn misstrauisch an. Die Menschen saßen alle in einem Kreis beisammen in einer der hinteren Ecken und schienen sich bis soeben rege unterhalten zu haben. Acuriën hob die Hände, um Harmlosigkeit zu signalisieren, und setzte sich. Niemand sprach.
Nach einer ganzen Weile tauschten die Menschen ihre kollernden, stolpernden Worte aus – immer so zäh über die Zunge genuschelt wie ein Nager, der Körner in die Backentaschen schob – und der, der vermutlich Kil-gann oder ähnlich hieß, stand auf und ging zu Acuriën. Einen weiteren langen Moment sah er von oben auf den fenvar herab, seine Miene unlesbar. Schließlich setzte er sich jedoch hin.
»Ausgezeichnet!«, verkündete Acuriën und setzte ein übertriebenes Lächeln auf, um die Bedeutung zu transportieren. »Ich würde gerne mehr über euch lernen. Nicht nur...




