Strobl / Sedlacek | Der Attentäter | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 96 Seiten

Reihe: Historical Diamond

Strobl / Sedlacek Der Attentäter

Roman
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7528-2709-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, Band 1, 96 Seiten

Reihe: Historical Diamond

ISBN: 978-3-7528-2709-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



"Eine Bombe," murmelte er, "eine Bombe! Da haben wir's. Jetzt geht es bei uns auch schon so ..." Und noch schreckensbleich, aber im Vollgefühl seiner Verantwortung für alles, was nun folgen mußte, begann er Glassplitter und Tapeziernägel mit den Händen zusammenzufegen ... Der Titel "Der Attentäter" ist der Band 1 in der Buchreihe "Historical Diamond". Der österreichischer Autor Karl Hans Strobl zählt neben Gustav Meyrink und Hanns Heinz Ewers in der Literaturwissenschaft heute zu den großen Drei der deutschen Phantastik im 20. Jahrhundert. In dieser Buchreihe werden die Juwelen bedeutender klassischer Autoren in einer qualitativ hochwertigen, aber preiswerten Buchausgabe in ungekürzter Form neu herausgegeben. Das Themenspektrum umfasst spannende Romane, u. a. historische Romane, Krimis, Fiktion, Abenteuer und Entdeckungsreisen.

Der österreichischer Autor Karl Hans Strobl zählt neben Gustav Meyrink und Hanns Heinz Ewers in der Literaturwissenschaft heute zu den großen Drei der deutschen Phantastik im 20. Jahrhundert.
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Am Abend des 30. August wurde gegen den bekannten Reichsrats- und Landtagsabgeordneten Doktor Posolda ein Bombenattentat verübt. Gegen halb zehn Uhr, eben als der Hausmeister in Unterhosen und Schlappschuhen über das Vorhaus ging, um das Haustor zu schließen, tat es hinten, im dunkeln Winkel unter der Stiege, einen mörderischen Krach. Gleich darauf quoll eine dichte Rauchwolke über den Flur hin.

Der Hausmeister Wenzel Lefenda hatte bei der Artillerie gedient und noch immer sang er beim Stiefelputzen das Lied vom heldenmütigen Kanonier Jawurek. Aber trotzdem erschrak er im ersten Augenblick so, daß er gegen die Wand taumelte und einen Schlapfen verlor. Dann aber faßte er sich und schnupperte in die Luft. Im Bereich des Scheines der Straßenlaternen wogte weißer Rauch ...

... Pulverrauch ...!

Jemand riß die Türe der Hausmeisterwohnung auf und schrie: »Jeschisch Maria!«

»Bring Licht, Alte!« brüllte Wenzel Lefenda, wütend, weil er vor Verwirrung und Eifer in das Stiegengeländer hineingerannt war.

»Was is los? Was is g'schehn?« fragte eine Menge von Stimmen von oben herunter. Da stand in jedem Stockwerk ein Haufen von Menschen bestürzt, erregt, neugierig, schadenfroh.

»Es hat sich jemand erschossen!«

»Hausmeister, holen S' die Rettungsgesellschaft.«

»Ich geh' hinunter, nachschauen,« sagte Herr Abendgeleit, der Reserveoffizier war.

Aber Frau Ottilie packte ihn sogleich an der Rockfalte: »Nein ... ich laß dich nicht ... daß dir was geschieht!«

Inzwischen hatte Frau Lefenda Licht gebracht. Wie ein Känguruh sah sie aus, wie sie so dastand, mit dem stark entwickelten Unterleib und dem verkümmerten Oberkörper, über dem sie die Arme hielt wie Hasenpfoten.

Wenzel hatte ihr die Küchenlampe aus der Hand gerissen und leuchtete umher. Da lag eine verbogene und zerrissene Sardinenbüchse mit einem schwarzen Satz verbrannten Pulvers, und ringsherum war eine Menge von Glassplittern und kleinen Tapezierernägeln ausgestreut. Zuerst betrachtete Herr Lefenda diese Dinge mit nicht geringem Erstaunen, dann tat es in seinem Kopfe einen Knall, fast ebenso mächtig wie der der Sardinenbüchse vorhin. Er erinnerte sich auf einmal der Schreckensnachrichten aus Rußland, der in die Luft gesprengten Generale, der zerrissenen Polizeimeister, der erschossenen Großfürsten und verstümmelten Präfekten. »Eine Bombe,« murmelte er, »eine Bombe! Da haben wir's. Jetzt geht es bei uns auch schon so ...« Und noch schreckensbleich, aber im Vollgefühl seiner Verantwortung für alles, was nun folgen mußte, begann er Glassplitter und Tapezierernägel mit den Händen zusammenzufegen und in die Sardinenbüchse zu schaufeln.

Dann lief er die Stiegen hinauf und drängte sich durch die Neugierigen im Mezzanin, indem er die Sardinenbüchse hochhob, wie ein Speisenträger in einem überfüllten Wirtshausgarten seine Teller.

»Was is das? Zeigen S', Herr Lefenda!« rief man ihm zu.

»Eine Bombe,« schrie er zurück und lief schon die Treppe zum ersten Stock hinauf.

Lächerlich ... a Sardinenbüchsen!« sagte Herr Abendgeleit.

»Kann auch a Malheur geschehn!« erwiderte Frau Ottilie.

Im ersten Stock erwartete der Hausherr Doktor Posolda seinen getreuen Beschließer. Er schob ihn ohne weiteres vor sich her in die offenstehende Türe seiner Wohnung; die anderen Leute, die da herumstanden, brauchten nicht zu hören, was er mit Lefenda zu verhandeln hatte.

Doktor Posolda war allein zu Haus. Frau und Kinder befanden sich noch auf Landaufenthalt. Sonst pflegte der Doktor um diese Zeit erst vom Nachtmahl zu kommen; heute aber war er schon daheim, einer dringenden Arbeit wegen, denn es galt, die Stellung des Jungtschechenklubs für die bevorstehende Einberufung des Reichsrates in einem Leitartikel klar zu umschreiben. Auf dem Schreibtisch lagen im Bereich einer Husbüste und des begeisternden Blickes eines Palackybildes einige Manuskriptblätter, eine Anzahl von Zeitungen, und neben einer Aschenschale stand eine Flasche Bordeauxwein mit dem dazugehörigen Glas.

Doktor Posolda richtete sich hoch auf, wie ein Mann, der einen historischen Moment mit vollem Bewußtsein durchlebt. Sein glattrasiertes Bauerngesicht war ernsthaft und gespannt. So nahm er aus den noch immer zitternden Händen Lefendas die Sardinenbüchse entgegen.

»Das ... das ist es gewesen ...« sagte der Hausmeister.

»Das da? ... diese Sardinenbüchse.« Doktor Posolda roch an ihr: »Pulver!« sagte er.

»Eine Bombe!« nickte Lefenda.

»Eine Bombe ... natürlich eine Bombe.« Und nach einem kleinen Sinnen fügte der Doktor hinzu: »Ein Attentat auf mich, mein Lieber ... ein regelrechtes Attentat.«

Dieser Gedanke war Lefenda bisher noch nicht gekommen. Aber nun, da es der Doktor gesagt hatte, war es unzweifelhaft, daß es so war. Lefenda war stolz darauf, einem Mann wie Doktor Posolda zu dienen, einem Nationalhelden, einem Politiker von solcher Bedeutung, einem zukünftigen Minister, dem es vorbehalten war, alle Slawen Österreichs zu einem großen Bund zu vereinigen, diesem scharfsinnigsten und klügsten Mann, dessen Reden man bloß zu lesen brauchte, um zu wissen, was man an ihm besaß. Der Gedanke, daß man auf diesen Mann einen Anschlag verübt hatte, versetzte Lefenda in eine maßlose Wut. Er knirschte mit den Zähnen, ballte die Fäuste und rollte die Augen: »Man sollte diese Deutschen alle zerreißen ... man sollte sie niederschießen wie Hunde ...«

»Hast du eine Ahnung, wer es gewesen sein kann? Hast du jemanden gesehen?«

»Nein. Ich habe niemanden gesehen. Ich habe zuerst den Gashahn abgedreht ... und bin dann zum Haustor gegangen ... absperren ... und da hat es diesen Krach getan ... wie aus einer Pistole ... aber, wie soll man jemanden finden ... wir haben ja das ganze Haus voll Deutsche ...«

»Ich werde alle Deutschen hinausschmeißen,« sagte der Doktor.

Sein Zorn ließ Lefenda alle Trinkgelder und gelegentlichen Schnäpse vergessen, die er von den Parteien im Haus erhalten hatte: »Das wäre recht,« murmelte er, »die müssen alle hinaus. Und ich werde ihnen dazu aufspielen ...«

»Wir sprechen morgen noch darüber ... die Bombe laß mir da ... und morgen sprechen wir noch darüber ... denke nach, vielleicht fällt dir ein, wer es gewesen sein kann.«

Als Wenzel Lefenda sich hinausgeschoben hatte, nahm Doktor Posolda sein Tischtelephon und gab der Redaktion seines Blattes die Nachricht, daß man gegen ihn ein Attentat verübt habe. Ein großes Metallgefäß, gefüllt mit Glas- und Eisenstücken, war genau zu der Zeit im Flur seines Hauses explodiert, zu der er sonst aus dem Wirtshaus heimzukommen pflegte. Und wenn er nicht eben an diesem Abend zufällig schon viel früher an seinem Schreibtisch gesessen hätte, so wäre den ruchlosen Buben ihr Anschlag sicher gelungen. Seinem Glück und seinem Eifer im Dienst der Nation habe er es zu verdanken, daß es bei schweren Sachbeschädigungen und bei der Demolierung seines Stiegenhauses geblieben sei. Es werde sich nun zeigen, ob die Polizei mit demselben Eifer dahinter her sei, wie wenn es sich um die Verhinderung einer harmlosen Straßendemonstration des tschechischen Volkes handle. Diese Nachricht sollte der Welt, entsprechend breit und weit und dick und fett gedruckt, gleich zum Frühstück mitgeteilt werden.

Dann rief Doktor Posolda noch die Polizei an und erstattete auch ihr seine Meldung. In ironischem Ton fügte er bei, er hoffe, daß es ihr gelingen werde, die Verbrecher auszuforschen. Und als er den Hörer angehängt, lehnte er sich behaglich zurück und zündete eine der deutschen Zigarren an, die er bei seiner letzten Reise von München über die Grenze geschmuggelt hatte. Ein Lächeln spannte sich über sein Gesicht, von einem Backenknochen zum andern, und die dicke Nase saß in diesem Lächeln wie ein Knödel im Fett. Er beglückwünschte sich selbst. Gewisse Anzeichen hatten darauf hingedeutet, daß seine Gefolgschaft nicht mehr so unbedingt mit ihm ging. Nun – gab es vielleicht ein besseres Mittel, eine schwindsüchtige Beliebtheit wieder zu beleben, als ein Attentat?

*

Der deutsche Jugendbund hatte sein Heim im dritten Stock eines alten Hauses der Radetzkystraße. Es gab viele alte Häuser hier herum, und wenn eines von ihnen abgerissen wurde, so fand man bei den Grundarbeiten für das neue ganz gewiß und sicher unter den alten Gewölben und Mauern Tontöpfe und Krüge und manchmal sogar eine Handvoll Silbermünzen. Das wanderte dann alles ins städtische Museum, und die Nachbarschaft sah aus solchen Funden mit historischen Schauern, wie alt die Häuser eigentlich waren, in denen man wohnte.

Das Haus des Jugendbundes war aber vielleicht eines der ältesten unter diesen alten Häusern. Wenn man durch die Haustüre trat, so kam man ins leibhaftige Mittelalter. Da wölbte sich einem der Flur über dem Kopf und zog sich mit...



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