E-Book, Deutsch, 144 Seiten
Struhar Farben der Vergangenheit
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-99047-039-8
Verlag: Wieser Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 144 Seiten
ISBN: 978-3-99047-039-8
Verlag: Wieser Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Stanislav Struhar, 1964 in Gottwaldov (heute Zlín) geboren, versagte sich dem Anpassungsdruck des tschechoslowakischen Regimes in den 1980er Jahren. 1988 floh er schließlich mit seiner Frau nach Österreich. Sein bisheriges literarisches Schaffen wurde durch Stipendien unterstützt, und er erhielt zahlreiche Anerkennungen. Stanislav Struhar lebt heute in Wien. Zuletzt bei Wieser: Fremde Frauen (zwei Erzählungen, 2013), Das Gewicht des Lichts (Roman, 2014), Die vertrauten Sterne der Heimat (Roman, 2015, erschien soeben auch auf Tschechisch).
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Die Stille der alten Steine
1
Die Nacht war mondhell und warm, und die Hügel schwiegen, wie in Schlaf versunken lag das Tal, fabelhaft strahlte der Sternenhimmel über Apricale.
»Bist du schon fertig?«, fragte Fulvio, und flüchtig strich er über sein Haar, das braun glänzte. Ja, antwortete Domenico nur, den Blick in die Tiefe des Tals gerichtet, wo kleine Fenster leuchteten. In Eile verließen sie die Wohnung und stiegen, von uralten Häusern umgeben, zum Hauptplatz hinauf. Er hole etwas zu trinken, sagte Fulvio vor der Theaterbühne, ehe er sich entfernte, in der Menschenmenge verschwand, und Domenico ging weiter.
»Domenico?«
»Patrizia, was machst du denn hier?«, sagte er, nicht weniger überrascht, auch er lächelte. Sie war nicht mehr mädchenhaft schlank, wie ihr Kleid zu erkennen gab, doch ihr Haar, schwarzlockig und lang, war unverändert geblieben. Seit wann er in Apricale sei, fragte sie. Eine Woche schon sei er hier, übermorgen müsse er aber zurück nach Turin. Sie sei vorgestern gekommen, mit einer Freundin sei sie da, werde aber nur vier Tage bleiben. Ob seine Mutter auch hier sei? Nein, sie sei in Turin. Ob sie noch die Bar in Turin hätten? Klar, antwortete er und fragte, wie es ihr auf der Universität gehe. Sie sei mit dem Studium bereits fertig, und vor einem Jahr habe sie sogar ihren Traumjob gefunden.
»Hast du wirklich mit Architektur zu tun?«
»Ja«, antwortete sie, und er sah zur Bühne, fragte dann, was das für eine Firma sei, wo sie arbeite. Sie sah auch zur Bühne, doch kaum hatte sie geantwortet, kam schon Fulvio. Er begrüßte sie und reichte Domenico ein Glas Wein, danach ging er zurück ins Café. Und Domenico fragte Patrizia, ob sie Lust hätte, spazieren zu gehen.
Das Zimmer lag im Morgenlicht, duftete nach Parfüm, als er seine Augen öffnete. Er drehte sich um und sah sie an. Ihre Finger drückten leicht seinen Arm, und sie stützte den Kopf in die Hand.
»Du bist ein richtiger Mann geworden.«
»Ein richtiger Mann?«, murmelte er, und sie strich über sein Haar.
»Als ich klein war, habe ich mir genau solche blonde Haare gewünscht«, sagte sie, und er äußerte den Wunsch, nach draußen zu gehen. Ob er glaube, dass Fulvio in seinem Zimmer sei, dass er noch schlafe, fragte sie. Ja, antwortete er, und so still sie in der Nacht gekommen waren, verließen sie das Haus. Sie gingen durch Gassen, liefen an Gärten vorbei, und bald schon gelangten sie zur Straße, die am Dorf vorbeiführte. Musik, die aus einem alten Auto kam, brachte sie zum Stehen, und ein betagter Mann, der am Steuer saß, grüßte sie. Sie überquerten die Straße und nahmen den Weg, der zum Bach hinunter führte. Zusammen stiegen sie dann ins Wasser, und ihre Blicke wanderten über Bäume, die sie umschlossen.
»Die Menschen hier mussten sehr einsam gewesen sein«, sagte Patrizia, als sie zu der Hausruine sah, die im Schatten des Laubes stand. Vielleicht seien sie gar nicht so einsam gewesen, meinte er, und sie bat ihn, nach Genua zu ziehen. Das sei nicht so einfach. Doch, es sei einfach, er müsse es nur wollen.
»Wie warm der Bach ist«, sagte er wenig später, als er aus dem Wasser stieg, dann zog er sich an und setzte sich auf einen Stein, der vor der uralten Brücke lag. Sie schlüpfte in ihr Kleid und kam zu ihm, ließ sich auf seinen Schoß fallen und brachte ihr Handy ans Ohr. Während sie mit Gianna, ihrer Freundin, telefonierte, putzte er ihr Kleid von den Blätterresten, die daran klebten, und als sie das Handy einsteckte, rief er Fulvio an. Sie starrte zum Himmel, und er betrachtete ihre nackten Beine, die auf unbekümmerte Weise schaukelten, so herrlich glatt waren. Leise verabschiedete er sich von Fulvio, und sachte strich er über ihr Knie. Sie habe eine Idee, sagte sie, und wieder nahm sie ihr Handy. Dann erhob sie sich, ging auf die Brücke, und als sie zurückkam, schaltete sie das Handy aus und sagte, sie seien zum Essen eingeladen.
»Wer hat uns denn eingeladen?«
»Komm, sonst verpassen wir den Bus.«
Lang war der Weg zur Straße hinauf, voll heißer Sonnenstrahlen die Luft, und der Bus stand schon an der Haltestelle. Der Busfahrer wartete auf sie, grüßte und lächelte, und nachdem sie Platz genommen hatten, fuhr er los. Vor jeder Kurve hupte er, bremste sanft, erst in der Tiefe des Tals beschleunigte er das Tempo, und Pigna und Castelvittorio erhoben sich aus dem satten Grün des Hinterlandes. Ob er sich noch erinnern könne, wie er mit seiner Mutter nach Pigna gefahren sei? Er nickte, und Patrizia fragte weiter, ob seine Mutter immer noch eine Ferienwohnung in Ligurien suche. Nein, erwiderte er, und sie legte ihre Finger auf seine Hand. Träge rollte der Bus aus Pigna, und Berge ragten auf. Die Sonne verschwand, und Buggio erschien im Schatten der Ferne.
»Hier würde man bestimmt eine günstige Wohnung finden«, sagte Patrizia, als sie in die erste Gasse kamen. Nur zwei alte Männer saßen auf dem Hauptplatz, kein Geräusch drang aus den Häusern, und der Himmel über ihnen lag wolkenlos, rein und blau, vollständig geöffnet. In der nächsten Gasse blieb Patrizia stehen, und dann klopfte sie an eine Haustür.
»Es ist offen«, tönte es aus dem Fenster über der Tür.
»Giuseppina!«, rief Patrizia aus, und strahlend lief sie in die Wohnung. Sie schloss Giuseppina in die Arme, strich über ihr ergrautes Haar und sah sie noch einmal an, danach stellte sie ihr Domenico vor.
»Wie geht es deiner Mutter?«, fragte Giuseppina, Patrizia wieder zugewandt.
»Es geht ihr gut. Möchtest du sie anrufen? Sie würde sich freuen.«
»Vielleicht später«, antwortete Giuseppina und schlenderte ins Wohnzimmer. Dort wartete schon das Essen, schön auf den Tellern hergerichtet, und in der Luft hing der Duft des Kaffees. Domenico nahm als Erster am Tisch Platz, und die eingerahmte Fotografie eines Mannes, die unter einem Kruzifix auf einem kleinen Schrank stand, zog seinen Blick an. Giuseppina wünschte einen guten Appetit, und Patrizia fing an, von ihrem neuen Architekturprojekt zu erzählen.
»Ist das Ihr Mann gewesen?«, fragte Domenico nach dem Essen. »Ich meine, die Fotografie, dort, auf dem Schrank.«
»Ja, das war mein Francesco«, antwortete Giuseppina, und dann erzählte sie, wie sie mit einer Freundin in Mailand gewesen war, Francesco das erste Mal gesehen hatte.
2
Kaum war er aus dem Zug gestiegen, sah er sie schon. Er ließ seine Taschen fallen, und sie legte ihre Arme um seinen Hals. Jacqueline habe angerufen, es sei doch eine Stelle bei ihnen frei, sagte sie, und dann gingen sie zur Bushaltestelle. Im Bus erzählte sie, was alles sie in den vergangenen Tagen gemacht hatte, doch nachdem sie ausgestiegen waren, wurde sie still. In Eile verließen sie die Straße, und der Schatten einer schmalen Gasse umfing sie. Ein düsteres Treppenhaus öffnete sich ihren Augen, und im zweiten Stock betraten sie eine kleine Wohnung. Sie dürfe aber nicht schwanger werden, flüsterte sie, und ihre Lippen berührten sein Ohr.
Der Abend war schon angebrochen, als sie hinausgingen. Noch war der Himmel hell, doch viele Fenster leuchteten bereits, geöffnet oder geschlossen, so seltsam still, in den winkligen und scheinbar endlosen Gassen verborgen. Als Kind habe sie die Altstadt nicht gemocht, als Erwachsene aber lieb gewonnen, sagte Patrizia, und der Hafen erschien. Ein reges Treiben herrschte auf dem Platz vor dem Aquarium, Kinder schrien freudevoll, doch das Meer lag ruhig, einem Spiegel gleich. Lächelnd betrat Patrizia den nächsten Gastgarten, und als sie sich beide an einem Tisch niederließen, erzählte sie darüber, wie sie sich hier früher manchmal mit ihren Freundinnen getroffen hatte. Die Sonne war nicht mehr zu sehen, das Wasser widerspiegelte die Lichter des Kais, und die Schiffe glänzten, standen still, als seien alle hier zur Schau gestellt. Ob man von hier aus sehen könne, wo sie wohne, fragte er. Nein, antwortete sie.
»Wann lädst du mich zu euch ein?«
»Wir müssen meinen Eltern noch Zeit lassen.«
»Wie ist denn diese Jacqueline?«
»Sie ist nett, aber noch zu jung, zu naiv.«
»Wie jung ist sie?«
»Zweiundzwanzig.«
»Also nur zehn Jahre jünger als wir.«
»Nur?«
»Und wie geht es ihr so?«
»Ich glaube, es geht ihr gut, aber manchmal hat sie es nicht einfach. Ich meine, als eine Ausländerin, die keine Ausbildung hat.«
»Wo kommt sie her?«
»Aus Frankreich. Aus Menton. Sie war sechzehn, als sie hier nach Genua kam. Ihre Mutter hat nämlich einen Genuesen geheiratet. Jacqueline versteht sich aber nicht mit ihm. Deswegen ist sie von daheim ausgezogen. Übrigens, sie wohnt einen Stock über...




