E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Reihe: Fischer Schatzinsel
Stuckmann Pestmarie
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-10-400989-6
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Reihe: Fischer Schatzinsel
ISBN: 978-3-10-400989-6
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wen die Pest verschont, der muss mit dem Teufel im Bunde sein.
Schwaben zur Zeit der Bauernkriege: 'Pestmarie, Hexenkind, Teufelsbalg' – das sind die Worte, die Marie hinterhergezischt werden, wenn sie in den Gassen von Rottweil unterwegs ist. Mit ihren feuerroten Haaren und den katzengrünen Augen gilt sie als Ausgeburt des Teufels. Schließlich muss Marie vor den Hexenjägern fliehen und wird die Magd einer Marketenderin. Doch auch hier ist sie nicht sicher. Wird Marie einen Platz im Leben finden und jemanden, der sie liebt?
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Prolog
Mit der Dämmerung kam die Furcht zurück. Frost biss sich durch die zerlumpten Kleider und ließ Hände und Füße taub werden. Der Bursche betrachtete seinen Atem, der vor dem Mund zu weißen Wolken gerann.
Jakob stolperte. Er fand es schwierig, seinem so viel älteren Bruder durch den dichten Wald zu folgen, zumal er den Weg nicht kannte. Und wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er ihn auch nie kennengelernt, denn er folgte dem , wie man ihn nannte, nicht freiwillig. »Du bist alt genug, um etwas zum Unterhalt beizutragen«, hatte ihr Vater gesagt und ihm befohlen, den Bruder auf seinem Zug durch die Gemeinde zu begleiten. »In Zeiten wie diesen muss die Stadt wissen, welcher Hof noch bewirtschaftet wird und für welchen man neue Pächter braucht. Der Rat zahlt gutes Geld für ein paar Tage herumstrolchen, das wird dir schon nicht schaden. Oder hast du etwa Angst?«
Natürlich hatte er Angst, und wie! Warum sonst nannte man ihn wohl den ? Außerdem war er erst zehn und sein Bruder schon siebzehn! Doch kein Bitten und Betteln half, er musste mit hinaus in das von der Pest gebeutelte Land, schließlich wurde jeder Heller gebraucht. So stolperte Jakob ergeben und müde hinter dem Starken Hans her, obwohl die Furcht vor der Pest ihm schier den Atem rauben wollte
»Träum nicht, Jakob, wir sind gleich da!« Hans wies mit der Hand in Richtung Sonnenuntergang. »Das da ist der letzte Hof auf unserer Liste; wenn wir uns sputen, könnten wir es heute noch zurück nach Hause schaffen.«
Jakob folgte dem Finger in banger Erwartung: Was würden sie wohl dieses Mal vorfinden? Pächter vielleicht, die sie für Vagabunden hielten und mit Knüppeln um sich schlugen, so wie gestern? Oder Plünderer, die um ihre Beute bangten? Vielleicht gar die Pest selbst, den Schwarzen Tod, den Bruder des Teufels, wie der Pfarrer die todbringende Krankheit nannte?
Jakob zauderte, griff nach einer Strähne seines honiggelben Haares und steckte sie gedankenverloren in den Mund. Ob es wohl stimmte, dass der Teufel in den Ecken der von Pest befallenen Häuser wartete? Ihn schauderte, und so zog er die Arme näher an den Körper, hielt sich damit fest, als fürchtete er, auseinanderzufallen. Dann erst riskierte er einen Blick auf den Hof.
Die Hütte war alt und zerfallen, die Tür bereits mehrfach geflickt. Kein Brett glich dem anderen. Neben dem Haus häufte sich Unrat, und über allem lag ein übler Geruch von Moder, Fäulnis und Dreck. Jakob atmete durch den Mund, um seinem Bruder keinen Anlass zum Spotten zu geben.
Vergeblich suchte Jakob nach einem Zeichen, dass dieser Hof noch bewohnt wurde und sie unverrichteter Dinge wieder gehen durften. Doch im Stall brüllte das Vieh vor Hunger, und hinter den geschlossenen Läden brannte kein Licht. Selbst einen wütend bellenden Hund, der sein Anwesen verteidigte, hätte er jetzt erleichtert begrüßt, doch da war keiner.
»Ausgeflogen«, raunte Hans, der die Situation gelassen nahm. »Der Pächter hat es wohl mit der Angst zu tun bekommen und ist fortgelaufen – nicht schlecht, so können wir uns bedienen.«
Ängstlich schaute Jakob hinauf zum Dach – und erschrak: Dort baumelte ein Fetzen aus grobem Tuch mit einem aufgemalten schwarzen Kreuz.
»Hans, sieh doch!« Zitternd zog er den Bruder am Ärmel, bis dieser seinem Blick folgte. »Da, die Pestfahne – hast du sie nicht gesehen?«
Der aber zuckte nur kurz mit den Schultern.
»Stell dich nicht so an«, raunte er und öffnete die Tür.
Drinnen war alles dunkel. Es dauerte eine Weile, ehe Jakob mehr als nur Schemen erkennen konnten. Fauliger Gestank nahm ihm fast den Atem. Aus einem Winkel drang leises Wimmern.
»Eine Katze!« Jakobs Augen leuchteten. »Lass sie uns mitnehmen, Hans, bitte! Allein wird sie sterben!«
»Das wird sie so oder so«, antwortete Hans und begann, die Stube nach Brauchbarem zu durchwühlen »Besser wär’s, du steckst sie in einen Sack und wirfst sie in den Brunnen. Der Winter steht vor der Tür, und füttern wird sie hier niemand mehr, der Hof ist zweifellos verlassen.«
Jakob aber hörte nicht zu, sondern bückte sich, um nach dem Kätzchen zu suchen. Vorsichtig tastete er im Halbdunkeln herum. »Nein, du sollst nicht sterben«, flüsterte er. »Ich nehm dich einfach mit zu uns, da kannst du bleiben, so lange du willst.«
Wieder das Wimmern, näher diesmal. Es schien aus dem dunklen Winkel neben der Kleidertruhe zu kommen. Wenn er doch nur etwas sehen könnte ...
Jakob stellte sich vor, wie das Tierchen wohl aussehen mochte. Eine Glückskatze wünschte er sich, dreifarbig und verschmust, wie seine Mutter eine hatte, bevor sie bei der Geburt seiner einzigen Schwester im Kindbett starb.
Natürlich würde diese hier anders sein, überlegte er, mager und verdreckt vermutlich, denn so wie die Stube aussah, hatte schon lange niemand mehr nach der Katze gesehen.
Jakobs Herz flatterte wie ein junger Vogel, sein Atem ging schnell. »Wo bist du, Katze?«, flüsterte er möglichst leise, um den Bruder nicht zu verärgern. Dabei stießen seine suchenden Finger an etwas Feuchtes, Weiches, das sich bewegte und leise klagende Laute von sich gab. Was auch immer das sein mochte, eine Katze war es nicht.
Wieder wimmerte es, und der Laut erinnerte Jakob an seine kleineren Geschwister. Er schrie auf. »Hans, hier ist etwas«, rief er. »Ich glaub, es ist ein Kind. Und – es lebt noch!«
»Aber die hier leben nicht mehr«, antwortete der sonst so unerschrockene Bruder aus der anderen Ecke. »Bleib in deinem Winkel und rühr dich nicht, bis ich dich rufe!«
Schweigend sah Jakob zu, wie Hans etwas Dunkles, Schweres unter Decken begrub. Erst später begriff er, dass das wohl die Leichname der toten Familie waren, deren Anblick Hans ihm ersparen wollte.
In Jakob kämpfte es. Der Geruch des Todes war überall, und niemand musste ihm sagen, welcher Krankheit die Toten zum Opfer gefallen waren. Dieses Kind zu seinen Füßen aber hatte überlebt, als einziges offenbar. War es richtig, sich so darüber zu freuen? Wer sollte ein Kind der Pest jetzt aufnehmen? Wo sollten sie mit ihm hin?
Jakob überlegte weiter. Bei ihnen im Steinmetzhaus konnte es nicht bleiben, gab es doch seit dem Tod seiner Mutter keine Frau mehr im Haus. Nicht einmal eine Magd hatte der Vater sich leisten können, schließlich war er nur ein einfacher Mann und konnte neben den eigenen Kindern keinen zusätzlichen Esser mehr durchfüttern, schon gar nicht einen, der so viel Fürsorge brauchen würde.
Und dennoch – verzückt starrte der Junge auf das strampelnde Etwas, das nun aus seinem Dämmerschlaf erwachte und lauthals schrie. Wie sehr hatte er sich immer eine kleine Schwester gewünscht!
Schließlich nahm er allen Mut zusammen und strich dem Kind mit dem Finger die verschwitzten Haare aus dem Gesicht. Sie waren rot. Rot wie das Feuer, das Hans nachher entfachen würde, um sie zu wärmen und ihnen etwas zum Essen zu bereiten. Die runden Kinderaugen glänzten grün wie der Fischweiher im Frühling, wenn die Entengrütze blüht und die Wasservögel ihre Küken ausführen. Sie folgten Jakob bei jeder Bewegung, und wo das alte Tuch verrutschte, blitzte helle Haut mit rötlichen Sprenkeln auf.
Jakob erschrak. Sommersprossen! Ein Zeichen des Teufels – ob sie doch besser umdrehen und davonlaufen sollten?
Doch das Wimmern des Kindes rührte ihn. »Na, Kleines, was hast du denn?«, fragte er daher und biss sich fast auf die Zunge, als Hans ihn unsanft zur Seite stieß.
»Was soll es schon haben«, brummte der. »Siehst du das nicht selbst, Schwachkopf? Das Tuch, in dem es liegt, ist nass und seine Lippen trocken, bestimmt hat es seit Ewigkeiten nichts mehr getrunken. Wir müssen Wasser und Milch besorgen und eine trockene Decke, dann wird es Ruhe geben, und wir können darüber nachdenken, was wir mit ihm machen.«
Jakob nickte und staunte. Was sein Bruder alles wusste: Was ein kleines Kind brauchte, wie man es halten, legen und drehen musste, um ihm nicht weh zu tun ... So lag das Kind wenig später frisch gewaschen und in eine trockene Decke gehüllt neben ihnen und schlief.
»Es ist ein Mädchen«, sagte Hans in ihr Schweigen hinein, »höchstens ein Jahr alt. Wenn es das alles hier überleben will, braucht es noch eine gehörige Portion Glück. es überlebt.«
»Aber sie hat doch Glück«, strahlte Jakob, plötzlich von tiefer Zuversicht erfüllt. »Sie hat doch uns, oder etwa nicht? Schließlich hast du sie gewaschen und gewärmt und ihr zu essen gegeben, dir wird auch für alles andere etwas einfallen. Bestimmt!«
Hans sagte nichts dazu.
»Es ist zu spät, um heute noch nach Hause zu gehen«, erklärte er später. »Wir werden wohl hierbleiben und uns für die Nacht rüsten müssen. Am besten du machst ein Feuer, und ich kümmere mich um etwas zu Essen.«
»Und was machen wir jetzt mit ihr?« Schläfrig saß Jakob wenig später mit vollem Bauch und warmen Füßen im Stall, die Reste des Feuers und der geschlachteten Hühner immer im Blick. Das Kind lag still unter seiner Decke und rührte sich nicht. Von der körperwarmen Ziegenmilch, die Hans ihm in den Mund geträufelt hatte, war das meiste danebengelaufen.
»Was wird nun, Hans? Nehmen wir sie mit?«
Hans schwieg – kein gutes Zeichen, fand Jakob.
»Sag was!«, drängelte er daher, nicht gewillt, sich ohne eine Antwort schlafen zu legen.
»Hier lassen können wir sie nicht«, antwortete sein Bruder schließlich. »Nicht, solange sie noch lebt. Gott würde es nicht gefallen, und er könnte uns dafür...




