E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Suchanek Stolen Kisses
23001. Auflage 2023
ISBN: 978-3-492-60446-8
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Einfühlsame Gay-Romance, die mitten ins Herz trifft
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-492-60446-8
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andreas Suchanek, 1982 geboren, veröffentlicht seit mittlerweile zehn Jahren in den Genres Science-Fiction, Fantasy, Krimi, Kinderbuch und Lovestory. Der in Karlsruhe lebende Autor verfasste schon in seiner Jugend eigene Geschichten und Romane. Er machte sein Fachabitur, schloss erfolgreich eine Ausbildung im IT-Bereich ab und absolvierte ein Studium der Informatik. Den bislang größten Erfolg feierte er mit seiner Urban-Fantasy-Reihe »Das Erbe der Macht«, die unter anderem den Deutschen Phantastik Preis in der Rubrik Beste Serie gewann.
Autoren/Hrsg.
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1. Kapitel
Jannis
Ich genoss das Gefühl von Wärme und Geborgenheit, das mit dem Aufwachen einherging. Das Prasseln des Regens gegen die Scheibe war schwächer geworden. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ich die Stille registrierte. Mein Arm tastete wie von selbst nach rechts. Im nächsten Moment schoss ich in die Höhe.
Kai war fort.
Mein Herz begann zu rasen. Ich konnte nicht einmal genau sagen, warum. Das Gefühl von unendlicher Leere und Einsamkeit schlug über mir zusammen, und weil es so unvorbereitet kam, dauerte es einen Augenblick, bis ich mich wieder beruhigt hatte.
»Natürlich ist er weg.« Ich zog die Beine an, presste die Stirn auf die Knie und ließ meinem Puls Zeit, von Sprint auf Spaziergang zurückzuwechseln.
Hatte er vielleicht seine Nummer hinterlassen?
Hatte er nicht. Sicherheitshalber suchte ich auch in der Ritze zwischen Nachttisch und Bett – man kannte das ja aus Filmen. Am Ende warteten beide auf den Anruf des anderen, und es gab unzählige Missverständnisse, bis sie sich schließlich auf einer Brücke in Paris umarmten, unter der die Seine entlangplätscherte. Ich wäre schon mit der Spree zufrieden.
Meine Uhr leuchtete mir entgegen, und ich stöhnte auf. Walk of Shame war gar kein Ausdruck für das, was mir bevorstand. Ich schlüpfte in meine Unterhose und den ganzen Rest meiner noch immer im Zimmer verstreuten Kleidungsstücke, natürlich im Zeitlupentempo wegen Koffeinmangel.
In meinem Magen saß der Kloß eines Berliner Morgens, der jede Wärme vertrieb. Kein Weichzeichner mehr, nur noch harte Linien und Kanten.
Genau das erwartete mich auch vor dem Hotel. Die Menschen eilten durch die Straßen, jeder hatte Angst vor dem nächsten Regenschauer. Oder Schnee. Mein Atem kondensierte in der Luft, zumindest bis ich die U-Bahn-Haltestelle erreichte. Der vertraute Geruch von Gummi, Metall und Dingen, die ich lieber ignorierte, drang an meine Nase. Kais Meinung dazu kannte ich ja, nach dieser Nacht. Ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen, doch ich verdrängte es sofort.
Ich stieg ein und sank auf einen der Sitze, wenigstens musste ich nicht umsteigen. Die Bahn fuhr ruckelnd an, als wollte sie dafür sorgen, dass ich auch ja nicht versehentlich einschlief.
Minuten später schlurfte ich die Treppenstufen einer U-Bahn-Haltestelle hinauf und betrat den vertrauten Kiez. Kreuzberg. Die Straßen um mich herum füllten sich immer schneller, die Markthalle war bereits geöffnet. Kurz darauf stand ich vor unserem Haus. Es strahlte etwas aus, das irgendwo zwischen Künstlercharme und Abrissbude einzuordnen war. Der hüfthohe Metallzaun rostete vor sich hin, und der Vorgarten war ein Dschungel. Die Eingangstür war in diesem Monat gelb gestrichen, mit roten Punkten darauf.
Leise schob ich den Schlüssel ins Schloss, öffnete die Tür und betrat das Haus. Der Geruch von frischen Krapfen drang in meine Nase, Fett brutzelte in der Pfanne.
Ich fluchte innerlich.
»Ich habe Krapfen gemacht«, trällerte es aus der Küche.
Niedergeschlagen ließ ich die Schultern sinken. Ich nahm mir extra lange Zeit, die Sneaker an die Seite zu kicken.
»Es bringt dir gar nichts, es hinauszuzögern«, rief meine Mutter.
Der Flur war mit einem verschlissenen Teppich ausgelegt, an den Wänden hingen Bilder, die sie in ihrer Frühphase angefertigt hatte. Alle zeigten Silhouetten, gekleidet in bunte Kleckse, die Blusen, Pullis, Jeans oder andere Kleidungsstücke darstellten.
Unweigerlich sah ich eine Silhouette mit schwarzen Jogginghose, Hoodie und welligem, dunklem Haar vor mir.
»Ist er abgehauen?«, erklang die Stimme meiner Schwester.
»Das würde er seiner ihn liebenden Mutter nicht antun«, kam es sofort und extralaut. »Schließlich habe ich mich stundenlang vor den Herd gestellt, um ihm Krapfen zu machen.«
Was bedeutete, dass sie die Backmischung herausgeholt und in die Pfanne gekippt hatte. Unter Anleitung meiner Schwester natürlich, denn sobald Mama etwas tat, das ihr keinen Spaß machte, schweiften ihre Gedanken zu Modeentwürfen. Mit fatalen Folgen für die aktuelle Tätigkeit. O ja, Zucker konnte in der Pfanne brennen. Und wenn sie das nächste Mal einen Smoothie mixte, sollte der Pfeffer nicht in der Nähe stehen.
»Da ist er ja.« Mit einem Satz war sie bei mir und riss mich in eine Umarmung.
Ich schob sie genervt von mir. Fehlte nur noch, dass sie mir in die Wange kniff.
Sie kniff mir in die Wange. »Wie war es?«
»Wir hatten doch darüber gesprochen.« Meine Stimme war ein Knurren.
»Normalerweise bist du nicht so lange weg«, rief meine Schwester vom Küchentisch.
Sie war die kleine Ausgabe meiner Mutter. Beide besaßen einen dichten Lockenkopf und genau wie ich eine Menge Sommersprossen. Während meine Mutter zu poppigen Farben neigte – heute trug sie ein geblümtes Kleid und darunter eine Hose und Stiefel –, bevorzugte Rebecka gedeckte Töne. Das wusste ich, weil man im Haus einer Modedesignerin gewissen Fachbegriffen nicht entkam. Meine Schwester war wohl ein Herbsttyp.
»Setz dich.« Sie klopfte auf den Stuhl neben sich.
Teller, Krapfen, Ahornsirup und Nutella standen bereit. Daneben eine große Tasse mit dampfendem Kaffee und einem Schuss Hafermilch darin. Diese Kombination war der auf mich zugeschnittene, perfekte Köder. Mit Nutella bekamen sie mich immer, das war sozusagen mein Kryptonit. Um sicherzugehen, hatten sie den Deckel bereits abgeschraubt und einen Löffel dazugelegt.
»Ich hasse euch«, verkündete ich grummelig.
»Aber das geht doch gar nicht, mein Schatz.« Meine Mutter streckte die Hand aus, um meine Haare zu wuscheln, aber ich konnte darunter wegtauchen. »Du liebst uns.«
»Darüber habe ich noch nicht final entschieden.«
»Wie war er?«, fragte meine Schwester, zwei Sekunden nachdem ich mich gesetzt hatte.
Dass sie nicht einmal wartete, bis ich den Löffel in der Hand hielt, sagte einiges über sie aus. »Das geht dich nichts an.« In diesem Haus gab es keine Privatsphäre.
»Du siehst ganz zerknautscht aus«, bemerkte meine Mutter. »In diesen Hotelbetten schläft man nie gut.«
»Ging schon.« Ich kniff die Augen zusammen. Verdammt!
»Also Hotel.« Becks nickte zufrieden. »Das ist ein Punkt für mich.«
An welcher Stelle hatte mein Leben eigentlich diesen Verlauf genommen? Vermutlich vor fünfundzwanzig Jahren, am Tag meiner Geburt. »Ihr habt schon wieder gewettet?!«
»Wetten ist das falsche Wort. Wir haben uns nur unterhalten«, korrigierte meine Mutter. »Schließlich …« Sie sah Hilfe suchend zu Becks, die immer die besseren Ausreden parat hatte.
»… haben wir uns Sorgen um dich gemacht«, nahm diese elegant den Faden auf, während sie gleichzeitig gedankenverloren ein Papier studierte.
In diesen Augenblicken rechnete ich ihr keinerlei Chancen aus, jemals als Schauspielerin Fuß zu fassen.
»Sportlich oder Business?«, fragte sie.
»Sportlich«, erwiderte ich reflexartig.
»Der Punkt geht an mich«, stellte meine Mutter klar.
Ich verdrehte die Augen und steckte den Löffel ins Nutellaglas. Die Nugatcreme landete in Form von Klecksen und Punkten auf dem Krapfen, als hätte ich sie mit einem Pinsel dorthin geschleudert. Moderne Kunst war das allemal. Schnell stopfte ich mir den Mund damit voll.
»Passt es dir mit dem großen Löffel?«, fragte meine Schwester. »Oder brauchst du einen kleinen? Welcher Löffel ist dir lieber?«
Ich warf ihr einen tödlichen Blick zu und machte damit klar, dass ich diese Frage nicht beantworten würde.
»Berliner oder Tourist?«, fragte sie weiter.
Ich deutete auf meinen Mund und zuckte mit den Schultern. »Forry.«
»Mensch, Becky, jetzt lass ihn doch mal kauen«, sagte meine Mutter. »Mit vollem Mund …«
Meine Schwester setzte bereits zum Protest an. Sie hasste es,...




