Sudermann | Der Katzensteg | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 388 Seiten

Sudermann Der Katzensteg


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3737-8
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 388 Seiten

ISBN: 978-3-8496-3737-8
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sudermanns historischer Roman spielt zur Zeit des Krieges gegen die Franzosen unter Napoleon. Als die Soldaten in ihre ostpreußische Heimat zurückkehren ist darunter auch der Freiherr von Schranden, dessen Vater mit den Franzosen kooperiert hatte. Schon bald beginnen die Anfeindungen und Probleme innerhalb der Dorfgesellschaft ...

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Im Gasthause zum »Schwarzen Adler« saß in derselben Stunde ein Häuflein Schrandener Bürger und Bürgerssöhne beim Morgenschoppen vereint.

Die Schrandener mußten früh anfangen, wenn sie bis Mitternacht mit ihrem Tagewerk fertig sein wollten, denn hatten sie das Leben in der Schenke schon immer geliebt, so waren sie jetzt vollends aus den Fugen geraten.

Der junge Merckel führte bei allen Gelagen den Vorsitz. Er hatte sich zu einem strammen, breitschultrigen Burschen herausgewachsen, dem der kühn emporgewirbelte Reiterschnauzbart trefflich zu Gesichte stand und dessen Benehmen bei aller Lässigkeit, die in Flegelhaftigkeit ausarten konnte, einer gewissen Anmut nicht entbehrte. Er hatte nach dem Friedensschluß nicht, wie es nahelag, seinen Abschied genommen, sondern war mit einem Urlaub auf ungewisse Zeit in die Heimat zurückgekehrt, wo er sich in Ruhe zu entscheiden gedachte, ob es geraten sei, beim stehenden Heere weiterzudienen. – Sein bisheriger Beruf wenigstens legte diesem Entschlusse nichts in den Weg, denn genau besehen besaß er keinen.

Bis zu seinem vierundzwanzigsten Jahre hatte er sich in den verschiedensten Ländern und Lebenslagen umgesehen, hatte dabei zumeist aus seines Vaters Tasche gelebt und war schließlich froh gewesen, als der ausbrechende Krieg seiner Tatkraft, die sich bis dahin nur in schlechten Streichen hatte äußern können, Zweck und Ziel verlieh.

Wie jener Baumgart war auch er als freiwilliger Jäger in das Heer getreten, war wie jener zur Landwehr übergegangen, war dort zum Leutnant avanciert und trug als Zeichen anerkannter Bravour das Eiserne Kreuz auf stolz geschwellter Brust.

Vorläufig dachte er nicht daran, die Heimat zu verlassen, die ihn jeden Tag aufs neue mit dem Hochgefühl sättigte, ein Held, ein Löwe zu sein.

Er trank, bramarbasierte und half den Haß gegen den Verräter schüren, den Haß, der seit der Rückkehr der siegreichen Soldaten noch einmal in hellen Flammen aufgelodert war. – Auf sein Hetzen hin waren die Schrandener ausgezogen, den Katzensteg zu zerstören und damit den Freiherrn auf seiner Insel einzuschließen.

Daß er vor ihren sehenden Augen, vom Schlage getroffen, zu Boden sinken würde, hatten sie in ihren kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt, und jubelnd zogen sie ab, die Mär im Dorfe zu verkünden.

Daß dem Landesverräter das Begräbnis zu verweigern sei, war ihnen sofort beschlossene Sache. Diesem herrlichen Gedanken zuliebe, der ihrem Haß die Ehrenkrone aufsetzte, feierten sie ein großes Freudenfest, das nun schon drei Tage gedauert hatte und kein Ende nehmen wollte.

Da sie wie ein Mann zusammenstanden, da der Schulze auf ihrer Seite war und der Pfarrer beide Augen zuzudrücken schien, so hatten sie nicht zu befürchten, daß die Obrigkeit gegen sie einschreiten würde.

Daß dem Toten ein Helfer erstehen würde, hatten sie nicht geahnt.

Denn der Junker – Herrgott von Danzig! – wo war der Junker? – Verschollen, verwahrlost gewiß, erstickt in der Schmach seines Namens.

»Da kommt einer mit einer Landwehrmütze«, sagte Felix Merckel, durch eine Spalte der Jalousien auf den Marktplatz hinausschauend, der in der Hitze der Mittagssonne gelb und staubig dalag.

Der Lärm am Zechtische verstummte. Erwartungsvoll schaute man dem Fremden entgegen. – Der junge Merckel streckte die Beine von sich und spielte nachlässig mit seinem Ordenskreuze.

Die Tür ging auf. Ein Lichtstrom flutete hinter dem Eintretenden in den dämmerig kühlen Raum und versiegte sofort.

Ohne die Gäste zu grüßen, trat der Fremde an den Schenktisch, wo eine Dienstmamsell hinter ihrem Strickstrumpf dröselte, und fragte, ob der Schulze zu sprechen sei.

Nein – er sei mal aufs Feld gegangen.

Herr Merckel liebte es, die Bewachung des Schankwesens seinem Sohne zu überlassen, da er entdeckt hatte, daß das Bier im Fasse doppelt so rasch verschwand, wenn er nicht zugegen war. – Felix hatte eine besonders dringliche Art, die Gäste zum Trinken zu animieren, die sich für ihn, den Wirt, nicht gepaßt hätte. »Ein Hundsfott, wer seinen schundigen Rest nicht sauft!« Oder »wer mich mit meinem Anstich im Stiche läßt, der hätt' mich auch vorm Feind im Stich gelassen.« – Und dergleichen Redensarten mehr. – Ihnen nicht Folge leisten, hätte für die Schrandener geheißen, den Respekt vor ihrem Leutnant verletzen – und so kam's, daß Felix Merckel ein wahrer Schatz für seines Vaters Kasse geworden war.

Daß ihm der Fremde mit der Landwehrmütze den Gruß verweigert hatte, wiewohl er die Offiziersabzeichen auf seinem Rocke trug, ärgerte ihn, und er beschloß daher, keine Notiz von ihm zu nehmen.

»Kann ich auf den Schulzen warten?« fragte der Fremde.

»Es ist ja die Gaststube«, erwiderte die Mamsell.

Der Fremde setzte sich in die entgegengesetzte Ecke, so daß er den Zechenden den Rücken zudrehte, legte sein Ränzel auf den Tisch und stützte den Kopf in die Hände.

Herr Felix, der es liebte, angeschaut zu werden, fand in diesem Benehmen eine Art von Herausforderung. Daß der Fremde nichts zu trinken verlangte, empörte überdies den guten Sohn seines Vaters.

»Frag den Herrn, ob er etwas zu verzehren wünscht, Amalie«, rief er mit lauter Stimme zu dem Schenktisch hinüber.

Der Fremde tat, als habe er nichts gehört. Die Mamsell trat an seinen Tisch und stotterte etwas von Schrandener Doppelbier.

»Ich danke – ich trinke nichts«, erwiderte er, ohne aufzuschauen.

Herr Felix biß sich auf die Schnauzbartspitzen. Er war sich klar, daß dieses Betragen Züchtigung verdiente. Sein Angriffsplan war alsbald gemacht.

Er erhob sich, und den Deckelkrug schwingend begann er mit energischem Brustton: »Meine lieben Kameraden und Mitbürger, sowie die geehrten Anwesenden überhaupt! Preußens glorreiche Schlachten sind geschlagen. Unser geliebtes Vaterland hat sich aus dem Staube zu neuem, ungeahntem Glanze wieder erhoben. Die meisten von uns haben auf dem Felde der Ehre geblutet oder doch ihre Brust den feindlichen Kugeln dargeboten. Wer ein preußischer Patriot ist, der trinke mit mir auf Preußens Ruhm und Preußens Ehre!«

Mit hellem Hurrageschrei hoben sie alle die Krüge zu Munde, als ein schneidendes »Halt« des Leutnants sie unterbrach.

»Ich sehe hier jemanden«, rief er, »der sich von dieser Ehrenpflicht auszuschließen scheint.« Er trat mit klirrenden Schritten an den Tisch des Fremden.

»Mein Herr«, wetterte er ihn an, »Sie wünschen nicht auf Preußens Ruhm zu trinken?«

Der drehte sich halb zur Seite und sagte: »Ich wünsche in Ruhe gelassen zu sein.«

»Was, Herr? Sie tragen das Ehrenzeichen des Landwehrmanns an Ihrer Mütze, und weigern sich – – –«

Ein plötzlicher Griff des Fremden nach seiner Ledertasche ließ ihn verstummen.

Im nächsten Augenblicke sah er den Doppellauf eines Reiterpistols in seiner Hand erglänzen, sah ihn aufspringen und schaute zurückweichend in ein blasses, finsteres Gesicht, das er wohl kannte, doch aus welchem zwei Blitze wie diese ihm noch nie entgegengeflammt waren.

Er begriff es rasch: er stand einem Manne gegenüber, der zum Äußersten entschlossen war.

»Sieh mich an, Felix Merckel«, sagte der einstige Freund, »und du wirst wissen, daß ich nichts mit dir zu schaffen habe. Solltest du oder einer von denen, die mit dir sind, es wagen, mir zu nah auf den Leib zu rücken, so sei sicher, daß ich dich oder den ersten, der da kommt, niederschieße wie einen Hund.«

Felix Merckel hatte sich rasch gefaßt.

»Ah, der Herr Baron!« sagte er mit tiefer Verbeugung, »dann freilich wundert's mich nicht, daß Preußens – –«

Das zweimalige Knacken des Doppelhahns ließ ihn innehalten.

»Noch einmal, nimm dich in acht, Felix Merckel, ich bin Offizier wie du!«

Die doppelte Warnung tat ihre Dienste.

»Wenigstens will ich nicht stören!« sagte Herr Felix mit nochmaliger Verbeugung und schritt auf seinen Platz zurück, während die Sporen an seinen Stiefeln leiser erklangen.

Die Schrandener steckten die Köpfe zusammen, und gleich darauf trat der alte Merckel ins Zimmer. Sein feistes, glatt rasiertes Gesicht strahlte von Behäbigkeit und Wohlwollen. In achtsamer Würde, wie es dem Dorfpatriarchen geziemte, schob er sich an den Gläsern und Flaschen des Schenktisches vorüber. Auf die fettglänzende Atlasweste fiel eine dicke, silberne Uhrkette nieder, deren zwei Strähne von einem goldenen Mohrenkopfschieber zusammengehalten wurden und an der ein Bernsteinherz hing.

»Der Herr hat mich zu sprechen gewünscht?« fragte er mit einem tiefen Bückling, der aber gleichsam mitten entzweigebrochen wurde, als die zwei kleinen, grauen Luchsaugen bemerkten, daß der Fremdling kein Glas vor sich stehen hatte. Einem, der nichts verzehrte, brauchte man keine Reverenz zu machen.

...



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