E-Book, Deutsch, 135 Seiten
Sudermann Jons und Erdme
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7392-3316-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 135 Seiten
ISBN: 978-3-7392-3316-1
Verlag: BoD - Books on Demand
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Hermann Sudermann (30.9.1857 - 21.11.1928) war ein deutscher Schriftsteller und Bühnenautor. Schon vor seinem Durchbruch als Dramatiker hatte Sudermann sich einen Namen als Erzähler gemacht.
Autoren/Hrsg.
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4.
Hausbauen! Leicht gesagt, wenn man für den Winter noch nichts zu essen hat!
Die Tage werden heiß. Erst muss die Kartoffelsaat geschafft sein.
Jons berechnet die Bodenfläche, die im ersten Frühjahr allenfalls in Arbeit genommen werden kann, Erdme leiht sich eine Moorhacke aus, und nachdem die Quergräben gezogen sind, die die weitere Trockenlegung verlangt, kann das Urbarmachen beginnen.
Ein Freitagmorgen ist es zu Ende Mai – wenn man das Morgen nennen kann, denn noch stehen die Sterne am Himmel –, da schultern sie Hacke und Spaten und ziehen hinaus auf das kahle Moor, dorthin, wo die vier Kiefernstangen lang ausgestreckt für ihr künftiges Amt auf Vorrat schlafen.
Rohrhalme, gestern noch eingesteckt, bezeichnen die Grenzen des Ackers, der nun werden soll.
Den beiden ist bang und feierlich zumute. Gemeinsam zu beten getrauen sie sich nicht, weil sie ein schlechtes Gewissen haben, und darum spricht jeder von ihnen sein Vaterunser ganz im geheimen, als ob er wunder was Unrechtes täte.
Und dann geht es los.
Die oberste Schicht des Moores, die aus lebendigen Pflanzenstoffen besteht, muss zerkleinert und heruntergeschält werden – »abplacken« nennt man es –, weil der darunter liegende Boden erst dann, wenn sie mit ihm gemischt ist, die natürliche Fruchtbarkeit erhält, die eine Aussicht auf künftige – wenn auch spärliche – Ernten eröffnet.
Die paar Stunden der Frühe vergehen im Fluge. Dann muss er ja weg, um mit dem Tagelohn Bargeld nach Hause zu bringen.
Denn wo soll all der Stoff zum Hausbau sonst herkommen?
Es ist gar nicht auszudenken, was alles fehlt. Zuerst die Latten oder Schwarten, mittels deren die Eckpfeiler verbunden werden, damit so das Viereck entsteht, das den Grundriss des Hauses bilden soll.
Dann die Sparrbalken – die Sparren selbst – die Ziegel für die Feuerstätte und so noch vieles, was nur zum Teil gemaust werden kann.
Ein jeder sorgt auf seine Art, und keiner will hinter dem andern zurückstehen. Von einem, dessen Tagwerk um drei Uhr früh beginnt und um acht Uhr abends endet, kann niemand auf Erden sagen, er habe es sich zu knapp bemessen.
So kommt der Acker rasch voran.
Eines Vormittags, als Erdme sich aufrichtet, um sich den rieselnden Schweiß aus den Augen zu wischen, sieht sie den Moorvogt hinter sich stehen.
Sie erschrickt sehr, denn die zwölf Mark Pacht, die für das erste Jahr gezahlt werden sollen – später werden es dreißig –, sind noch nicht abgeliefert.
Er sagt: »Es ist spät im Jahr. Werdet ihr mit der Aussaat zurechtkommen?«
Und sie antwortet: »Wie Gott will.«
»Gott will, wie der Mensch will«, sagt er. »Wenn er erst weiß, dass ihr tüchtig seid, wird er euch nichts in den Weg legen.«
Dann prüft er die vier Kiefernstämme, die, schon geschält, wie Silber in der Sonne funkeln.
»Schöne Stangen habt ihr da«, sagt er und sieht Erdme dabei mit schiefem Munde halb von der Seite an, als sei ihm nicht einer ihrer nächtlichen Gänge verborgen geblieben.
In ihrer Verlegenheit streicht sie sich mit den Sohlen den schwarzen Schlamm von den Beinen, denn sie wartet, dass er nun nach dem Ursprung fragen werde; aber die Frage bleibt aus.
Auch ein Haufen Schwarten liegt schon da, die Jons sich für billiges Geld unter den Abfällen des Holzplatzes hat aussuchen dürfen.
Der Moorvogt betrachtet sie einzeln, und die untauglichen zeichnet er mit der Spitze seines Hakenstocks.
»Denen sieht man es an, dass sie redlich erworben sind«, sagt er und wendet sich ohne Gruß wieder dem Wege zu.
»Da geht er hin wie der liebe Gott«, denkt Erdme und ist sehr froh, mit heiler Haut davongekommen zu sein. Vieles an ihm begreift sie nicht, aber beim lieben Gott geht es einem ja ebenso. –
Auf dem Wochenmarkt hat Jons drei Scheffel Saatkartoffeln gekauft, glasblank und dünnschalig, wie sie für den Moorboden gut sind. Die werden in Hälften geschnitten und in die flachen Rücke gleichsam obenauf gelegt, denn nicht weit darunter sitzt immer noch das quatschende Wasser.
»Auch die sind redlich erworben«, sagt Erdme mit Stolz. Und darum brauchen sie sich nicht zu schämen, über der frischen Saat ein Bittgebet zu tun.
Aber noch muss viel zusammengegrapscht werden!
Denn die Hölzer, aus denen man die Sparrbalken zurecht hackt, mit blankem Gelde zu bezahlen, während sie freundlich in den Wäldern herumliegen, wäre ein Wahnsinn gewesen. Aber vorsichtig muss man schon sein, darum wird Jons auch diesmal die erste Ladung nach allen Regeln käuflich erstehen und ärgert sich bloß, dass er den Schein dafür nicht gleich vor den Mützenschirm stecken kann.
Jetzt und auch bei den nächsten Fahrten hernach, wenn alles an Ort und Stelle ist, fragt niemand mehr. Höchstens der Moorvogt hätte ein Recht dazu, aber der fragt ja nicht, wie man weiß.
Eine Nacht um die andere ziehen sie los, denn ab und zu schlafen muss doch der Mensch.
Der fromme Taruttis ahnt immer noch nichts. Ihm hat der Kaufschein die Augen verblendet. Nur dass sie sich die nötige Zeit zum Beten nicht nehmen, quält sein mildes Gemüt, und darum betet er fleißig für sie, während sie auf seinem Handwagen das gestohlene Gut mit Hupp und Hopp nach Hause fahren.
Und die Taruttene, die unzufrieden ist, wenn sie ihn nicht übertrumpfen kann, steht sogar im Finstern schon auf, um ihnen was Warmes bereitzuhalten.
So nehmen die Dinge ihren guten Verlauf, und die Baukasse wird kaum einmal magerer.
Endlich ist auch der Tag nahe, an dem die Aufrichtung des Hauses vonstattengehen kann. Hierzu genügen die Kräfte zweier Menschen nun freilich nicht, und darum entschließt sich Erdme auf Taruttis Rat, bei den Nachbarn herumzugehen und sich eine Talka zusammenzubitten.
»Talka« heißt auf Deutsch »Arbeitsgemeinschaft«, und auf solchen gemeinsamen Hilfeleistungen beruht vieles, was unter diesen armen Menschen, die gemietete Hände niemals bezahlen könnten, an Tüchtigem zustande kommt. Dafür erweist man sich dann später dankbar, wenn der Ruf an einen selber ergeht, und alles schließt mit einer fröhlichen Bewirtung, so viel oder so wenig der Bittende zu geben vermag.
Taruttis bezeichnet der Erdme mit der Hand die Häuser, in denen sie vorsprechen kann, und die, an denen sie vorbeigehen muss. Dort wohnt einer, der hilft nicht, aber dort wohnt einer, der hilft, weil man ihm selber geholfen hat.
Zu dem, der wohl hundert Schritt weiter auf der anderen Seite des Weges sein kleines Anwesen hat, geht Erdme zuerst.
Er heißt Witkuhn, stammt aus dem Goldapschen und ist weit in der Welt herumgewesen. Sogar die Moorwirtschaft im Westen soll ihm bekannt sein, so dass er schon manchem der Langeingesessenen einen guten Ratschlag hat geben können.
Erdme findet einen blonden, scheuen Mann zu Mitte der Dreißig, der die Gewohnheit hat, beim Reden irgendwohin ins Leere zu blicken, und dabei zittert ihm immer der Unterkiefer. Wie er die Erdme daherkommen sieht, die frisch von der Arbeit weg, mit hochgebundenem Rock und aufgeschlagenen Ärmeln, über die Äcker schreitet, macht er große Augen vor ihrer Glieder Pracht, um dann erst – gleichsam erschrocken – den Blick von ihr wegzuwenden.
Er spricht ein richtiges, aber fremdklingendes Litauisch, etwa wie die Pfarrer sprechen, die es erst später gelernt haben, und sieht überhaupt aus wie ein verkappter Deutscher. Aber er ist gut und höflich zu ihr – nur, dass er sie nicht ansehen kann.
Seine Frau kommt später zum Vorschein. – Eine Halblitauerin ist auch sie, klein und kümmerlich – ach Gott, wie sehr! –, mit grauer Gesichtsfarbe und abgemüdeten Augen. Sie wirft einen neidischen Blick auf Erdmes kräftige Gestalt, begrüßt sie dann aber ganz freundlich.
»Wenn wir nun Nachbarn werden«, sagt sie, »möge Gott geben, dass Frieden zwischen uns bleibt.« Und dabei sieht sie nicht Erdme, sondern ihren Mann an, der auch vor ihr den Blick zur Seite wendet.
»An uns soll es wahrhaftig nicht liegen«, sagt Erdme und verabschiedet sich. Sie fühlt sich zu den Leuten hingezogen, obgleich, wie man ja sehen kann, das Unglück im Hause sitzt.
Ein anderer, an den sie durch Taruttis gewiesen ist, hat sein Eigentum dicht neben dem kleinen Moorwalde, der auf einer Sandnase sitzt und so niedrig ist, dass man bloß auf eine Fußbank zu steigen braucht, um darüber hinwegzublicken. Diese Wirtschaft sieht schon etwas vorgeschrittener aus. Ein Stall ist da, und an den grünen Simsenbüscheln rupfen zwei magere Kühe.
Der Besitzer heißt Smailus und hat vor kurzem schon die zweite Frau begraben. Er ist ein großer, starker Mann, dem die Tür bis an die Schultern reicht, mit einem kühnen Polengesicht und langhängendem Hetmansschnurrbart, aber seine Augen haben einen stumpfen und schläfrigen Blick, als ob die ganze Welt ihn nichts anginge.
Umso leuchtender kuckt das Marjellchen ins Leben, das sich dicht hinter ihm aus dem Hause drängt. Etwa zwölf Jahre kann sie sein, höchstens dreizehn, geht barfuß und ziemlich verlumpt, aber unter dem Halse hat sie eine goldene Brosche sitzen. Sie mischt sich auch gleich ins Gespräch und sagt, sie sei zwar nur die Tochter von einem kleinen Besitzer, aber eine Besitzerstochter sei sie immerhin, und was sie tun könne, um Frischzugezogenen das Leben zu erleichtern, das solle gewiss geschehen.
Erdme sieht ganz verblüfft auf das kleine Ding, das mit dem Maulwerk vorneweg ist wie eine Alte. Aber der Vater tut, als ob das nicht anders sein kann, und sagt bloß: »Ja, ja, das Bauen und das Begraben muss man schon immer gemeinsam verrichten.«
»In dem Begraben hat er wohl Übung«, denkt die Erdme, sich bedankend, und die Kleine begleitet sie noch ein Stück und...




