E-Book, Deutsch, Band 3
Reihe: Die Geheimnisse von Paris
Sue Die Geheimnisse von Paris. Band III
Neuausgabe des ungekürzten Textes in der ursprünglichen Übersetzung 2020
ISBN: 978-3-96130-199-7
Verlag: apebook Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Historischer Roman in sechs Bänden
E-Book, Deutsch, Band 3
Reihe: Die Geheimnisse von Paris
ISBN: 978-3-96130-199-7
Verlag: apebook Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Entführung, Mord und Prostitution: Eugène Sues 'Die Geheimnisse von Paris' entführt die Leser in die elenden Arbeiterviertel und die Unterwelt von Paris im Jahre 1838. In den schmutzigen Spelunken, wo sich die Verbrecher der Stadt treffen, werden finstere Pläne geschmiedet, während sich in den schicken Salons der adligen Oberschicht familiäre Dramen abspielen, aber um jeden Preis die Fassade gewahrt werden muss. Der Moloch Paris lässt hier mit seiner Enge, seinem Dreck und den allgegenwärtigen Verbrechen die Menschen verrohen. Und mitten in diesem Sumpf der zwielichtigen Gassen des Großstadtdschungels erscheint wie aus dem Nichts ein fremder Retter, der sich den Hilflosen und Entrechteten zur Seite stellt, um das Boshafte zur Rechenschaft zu ziehen. Auf insgesamt knapp 2000 Seiten entfaltet sich ein detailreiches und farbenprächtiges Bild des Pariser Alltags Mitte des 19. Jahrhunderts. Dutzende von Figuren aus unterschiedlichen sozialen Ständen und ihre Geschichten werden mit dem Haupthandlungsfaden des Werkes verwoben. Sue verbindet Elemente des Kriminalromans, des Gesellschaftsromans und des Melodrams und erschafft daraus ein bildgewaltiges Epos einer vergangenen Zeit, das durch sein Rachemotiv und die intriganten Verwicklungen zuweilen an den Graf von Monte Christo von Alexandre Dumas erinnert, der von Sue inspiriert wurde. Der Abenteuer-Klassiker liegt hier in der ungekürzten Übertragung ins Deutsche von August Diezmann vor. Zeichensetzung und Rechtschreibung der Erstübertragung wurden teilweise dem heutigen Sprachgebrauch angenähert, teilweise beibehalten. Dies ist der Versuch eines Kompromisses zwischen einem Zugeständnis an die Lesegewohnheiten heutiger Leserinnen und Leser sowie der Bewahrung des damaligen Sprachkolorits, welches wesentlich zur Atmosphäre der Geschichte beiträgt. Dieses ist der dritte von sechs Bänden des monumentalen Werkes. Der Umfang des dritten Bandes entspricht ca. 330 Buchseiten.
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I. Das Urteil.
Der Steinschneider stand verwundert auf, um zu öffnen. Zwei Männer traten ein. Der Eine war groß, hager, hatte ein gemeines blütenreiches Gesicht mit dickem schwarzen Backenbarte, der grau zu werden anfing, hielt in der Hand einen dicken schweren Stock und trug einen aus der Façon gedrückten Hut und einen langen ganz zugeknöpften mit Kot bespritzten grünen Rock. Der abgeschabte schwarze Sammetkragen ließ einen langen roten behaarten Hals sehen. Der Mann hieß Malicorne. Der Andere war kleiner, dick und untersetzt, hatte ebenfalls ein gemeines Gesicht und war mit einem gewissen grotesken Luxus gekleidet. Brillantenknöpfe hielten die Falten seines Hemdes von zweifelhafter Weiße fest, und auf der verschossenen schottischen Weste, die unter einem gelblichgrünen Palletot hervorsah, schlängelte sich eine lange goldene Kette. Dieser Mann hieß Bourdin. »Pfui! Wie das hier nach Armut und Tod stinkt!« sagte Malicorne, der auf der Türschwelle stehen blieb. »Ja, nach Moschus riecht es hier nicht«, entgegnete Bourdin mit einer Gebärde des Ekels und der Verachtung. Dann trat er zu Morel, der ihn ebenso verwundert als unwillig ansah. Durch die halb offen gebliebene Türe hindurch sah man das boshafte, aufmerksame und schlaue Gesicht des kleinen Lahmen, der den Unbekannten gefolgt war, ohne daß sie es wußten, um zu horchen und zu spionieren. »Was wollen Sie?« fragte der Steinschneider barsch, den die Grobheit der beiden Männer empörte. »Hieronymus Morel?« fragte Bourdin. »Der bin ich.« »Steinschneider?« »Der bin ich.« »Gewiß?« »Noch einmal, ich bin es.— Sie stellen meine Geduld auf eine harte Probe; was wollen Sie? — sprechen Sie oder entfernen Sie sich.« »Wozu die Ehrlichkeit?— Ich danke. — Sag' doch, Malicorne«, fuhr der Mann fort, indem er sich an seinen Kameraden wendete, »hier ist nicht viel zu machen, wie bei dem Vicomte von St. Remy.« »Ja; aber wo etwas zu machen ist, findet man den Käfig meist leer und den Vogel ausgeflogen. — Solches Ungeziefer, wie das hier, klebt dagegen in seinem Loche fest.« »Freilich; solche Menschen wünschen nichts mehr als eingesperrt zu werden, weil sie da gefüttert werden müssen.« »Es kostet dem Gläubiger mehr, als die ganze Geschichte wert ist; aber das ist seine Sache.« »Wenn Ihr nicht betrunken wäret«, fiel Morel unwillig ein, »könnte man in Zorn geraten.— Entfernt Euch augenblicklich!« »Sieh da, sieh da«, entgegnete Bourdin mit beleidigender Hinweisung auf den verwachsenen Steinschneider, »der Krumme da ist ein famoser Kerl, denkt, wir wollten in dem Loche da bleiben, in das ich meinen Hund nicht sperren möchte.« »Großer Gott!« rief Magdalene, die so erschrocken war, daß sie bis dahin kein Wort hatte sagen können, »rufe doch um Hilfe; es sind vielleicht Spitzbuben; nimm Deine Diamanten in Acht!« Morel, der die beiden Unbekannten, die nicht eben ehrlich aussahen, immer näher an seinen Arbeitstisch treten sah, auf welchem die Steine noch lagen, fürchtete wirklich eine böse Absicht, ging rasch an den Tisch und bedeckte mit beiden Händen die Edelsteine. Der kleine Lahme, der noch immer horchte und spionierte, hörte die Worte Magdalenens, bemerkte die Bewegung des Handwerkers und dachte bei sich: »Sieh — sieh — sieh —, man sagte, er arbeite in falschen Steinen; wenn sie falsch wären, würde er nicht so sehr fürchten, bestohlen zu werden. — Gut, daß ich das weiß, die Mutter Mathieu, die oft hierher kommt, hat also auch echte Diamanten in ihrem Strickbeutel. — Gut, daß ich das weiß; ich werde es der Eule sagen, der Eule —« »Wenn Sie sich nicht sogleich entfernen, rufe ich die Wache«, sagte jetzt Morel. Die Kinder fingen an zu weinen und die alte Blödsinnige setzte sich auf ihrem Lager auf. »Wenn Jemand das Recht hat, die Wache zu rufen, so sind wir es; hören Sie, Herr Krummer?« antwortete Bourdin. »Weil uns die Wache Beistand leisten muß, um Sie fortzubringen, wenn Sie nicht gutwillig mitgehen«, setzte Malicorne hinzu; »wir haben allerdings keinen Friedensrichter bei uns, wenn Ihnen aber an seiner Gesellschaft etwas liegt, so werden wir Einen ganz warm aus dem Bette wegholen. — Bourdin, geh und hole ihn.« »Ich — ich soll in das Gefängnis?« rief Morel bestürzt. »Ja, nach Clichy —« »Nach Clichy?« wiederholte der Handwerker mit stierem Blicke. »Schulden wegen in das Gefängnis, wenn das deutlicher ist«, entgegnete Bourdin. »Sie — Sie — wären — der Notar — Ach, mein Gott!« Und Morel sank todtenbleich auf seinen Schemel ohne ein Wort hinzusetzen zu können. »Wir sind Diener vom Handelsgericht. — Verstanden?« »Morel — der Wechsel von dem Herrn Louisens! Wir sind verloren!« rief mit herzzerreißender Stimme Magdalene. »Da ist das Urteil«, sagte Malicorne, indem er aus der Brieftasche einen Bogen Stempelpapier nahm. Nachdem er in einer gewöhnlichen eintönigen Art und fast unverständlich einen Theil des Actenstückes verlesen hatte, trug er die letzten nur zu deutlichen Worte höchst vernehmlich vor: »das Gericht verurtheilt demnach den Herrn Morel, unter Androhung persönlicher Haft, dem Herrn Jacob Ferrand, Notar zu Paris, die Summe von dreizehnhundert Francs mit Zinsen vom Tage des Protestes an zu zahlen und verurtheilt ihn überdies zu den Kosten. Gegeben zu Paris, d. 13. Sept. 1838.« »Und Louise? Louise?« rief Morel fast wahnsinnig, ohne, wie es schien, auf die Vorlesung zu hören, »wo ist sie? Hat sie den Notar verlassen — da er mich in das Gefängnis bringen lassen will? Guter Gott, was ist aus Louisen geworden?« »Wer ist Louise?« fragte Bourdin. »So lass' ihn doch reden«, fiel Malicorne brutal ein; »siehst Du denn nicht, daß es nicht recht richtig bei ihm im Kopfe ist? ... Vorwärts«, setzte er hinzu, indem er an Morel trat, »vorwärts, daß wir aus diesem Loche fortkommen; ich muß reine Luft athmen; hier wird man verpestet.« »Morel, gehe nicht; vertheidige Dich«, rief Magdalene außer sich. — »Schlag die Menschen da todt. — Ach, Du bist feige. Du wirst Dich fortführen lassen, Du wirst uns verlassen —« »Tun Sie, als ob Sie zu Hause wären, Madame«, fiel Bourdin höhnend ein, »aber wenn Ihr Mann die Hand gegen mich erhebt, ist es um ihn geschehen —« Morel, dessen Gedanken sich nur mit Louisen beschäftigten, hörte nichts von dem, was um ihn her gesprochen wurde; mit einemmale zeigte sich aber ein Ausdruck bitterer Freude auf seinem Gesichte und er rief aus: »Louise hat das Haus des Notars verlassen, — ich gehe mit leichtem Herzen in das Gefängnis.« Als er aber wieder um sich blickte, setzte er hinzu: »aber wer wird nun meine Frau und ihre Mutter und meine Kinder ernähren? Im Gefängnisse wird man mir keine Steine zum Schleifen anvertrauen; man wird glauben, ich sei wegen schlechten Lebenswandels dahin gekommen; — will der Notar den Tod der Meinigen, unser Aller Tod?« »Noch einmal, wird es bald ein Ende haben?« fiel Bourdin ein. — »Ziehe Dich an, Mann, und mach', daß wir fortkommen.« »Ach, meine guten Herren, nehmen Sie es nicht übel, was ich eben gesagt habe«, rief jetzt Magdalene von ihrem Lager aus. »Sie werden nicht so hartherzig sein, Morel fortzuführen; was sollte aus mir und meinen fünf Kindern und meiner blödsinnigen Mutter werden? Sehen Sie die Arme da, wie sie auf der Matratze kauert! Sie ist verrückt, meine guten Herren, sie ist verrückt.« »Die Alte mit dem geschorenen Kopfe?« »Wahrhaftig, sie ist geschoren«, sagte Malicorne; »ich glaubte, sie hatte eine weiße Nachtmütze auf dem Kopfe.« »Ihr Kinder, kniet hin vor den guten Herrn«, fuhr Magdalene fort, welche durch dieses letzte Mittel die Hartherzigen erreichen wollte, »bittet sie, daß sie Enren armen Vater nicht mit fortnehmen, der Euch Brod giebt.« Trotz dem Befehle ihrer Mutter weinten die Kinder fort und wagten nicht, ihr elendes Lager zu verlassen. Die Blödsinnige fing bei diesem ungewöhnlichen Geräusche und bei dem Anblicke der beiden fremden Männer an, dumpf zu heulen und zu jammern und drückte sich an die Wand. Morel schien alles, was um ihn her vorging, nicht zu beachten; der Schlag, der ihn bedrohete, war so entsetzlich, so unerwartet, die Folgen dieser Verhaftung kamen ihm so furchtbar vor, daß er gar nicht daran zu glauben vermochte. Die Kräfte verließen den schon durch Entbehrungen aller Art erschöpften Mann und er saß da auf seinem Schemel bleich, mit stierem Blicke, in sich selbst zusammengesunken, mit schlafs herabhängenden Armen, den Kopf auf die Brust gesenkt — »Tausend Donnerwetter, wird's nun bald?« rief jetzt Malicorne. Glaubt Ihr denn, wir erbaueten uns hier? Vorwärts, oder ich brauche Gewalt!« Und der Mann packte Morel an der Achsel und schüttelte ihn tüchtig. Diese Drohung, diese Gebärde erregte in den Kindern die höchste Angst; die drei kleinen Knaben krochen aus dem Strohsacke halb nackt heraus, fielen weinend, mit gefaltenen Händen vor den Dienern des Handelsgerichts auf die Knie nieder und riefen mit jammervoller Stimme: »Gnade! Machen Sie unsern Vater nicht todt!« Bourdin wurde bei dem Anblicke dieser armen Kinder, die vor Kälte und Angst zitterten, trotz seiner natürlichen Gefühllosigkeit und der Gewöhnung an solche Auftritte fast gerührt. Sein unbarmherziger Kamerad aber machte roh sein Bein von den umfassenden Armen der Kinder frei, die sich bittend an dasselbe...




