E-Book, Deutsch, 128 Seiten
Suffrage ... also nachm Regenbogen um sechs Uhr abends
2. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7407-1883-1
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 128 Seiten
ISBN: 978-3-7407-1883-1
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
VICTORIA SUFFRAGE schreibt seit vielen Jahren, hat aber erst 2013 den Schritt in die Öffentlichkeit gewagt und den Erzählband "Mein wundervolles Pariser Mädchen" veröffentlicht. Ein Jahr später erschien der Roman "Das Murmelglas", den sie gemeinsam mit Enya Kummer geschrieben hat. Wer sich auf Geschichten von Victoria Suffrage einlässt, sollte wissen, dass er keine Heile-Welt-Lektüre vorfindet. Aber - es sind keine Geschichten, die von Ausweglosigkeit erzählen. Einmal in die nachdenkliche, manchmal auch melancholische Welt der Autorin eingetaucht, wird der aufmerksame Leser ob des hohen Wiedererkennungswertes auch Trost in diesen sorgfältig erzählten und komponierten Geschichten finden.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 3
Es dauert eine Ewigkeit, bis Alex ins Wohnzimmer zurückkehrt. Er weicht meinem Blick aus. Sieht er denn nicht, dass ich tausend Fragen habe? Und tausend Ängste? Mindestens. Ich fühle mich ausgeliefert. Das ist ein guter Junge, beruhige ich mich, was mir nicht gelingen will. Der Pfleger hantiert in der Küche. Wenn ich die Geräusche richtig deute, gibt er Nuschi Futter. Das Leckerli, ich darf es nicht vergessen.
Ich kann mich auf mein Gehör verlassen, ich habe es gerade getestet. Ela höre ich zufrieden grunzen.
Mit zwei Bechern Kaffee kommt er zurück und setzt sich in den Sessel an der Seite. Er hat Lissys Tasse, das ist bestimmt ein gutes Zeichen. Wenn er daraus trinkt, dann wird er sicher Lissys guten Geist aufnehmen. Er wird uns beschützen. Schließlich ist er der Einzige, der aus dieser Tasse trinken darf. Jetzt rede doch, flüstere ich immer wieder in Gedanken. Sage mir, dass Lissys Geist schon wirkt.
»Ich habe einen Kollegen angerufen, der übernimmt meinen Patienten um halb neun.« Alex schaut mich ernst an. Das passt gar nicht zu ihm. »Paul, so kann das nicht weitergehen. Das ist zu viel für Sie allein. Mit Ela und so.«
»Ach Junge …«
Alex lässt mich nicht ausreden. »Ich weiß, ich bin noch nicht mal halb so alt wie Sie und hab noch nicht viel gesehen. Sie könnten mein Großvater sein. Aber ich bin Altenpfleger, ich weiß, wovon ich rede.«
»Würdest du deinem Großvater sagen, dass es so nicht mehr geht? Was passiert denn dann? Soll der Großvater ins Pflegeheim gehen? Kaserniert werden? Oder gleich abdanken …?«
Alex schweigt und schaut auf seine Kaffeetasse. Ob ihn meine Frage überrascht hat? Oder denkt er einfach nur nach?
»Wenn du nicht antworten willst, dann musst du nicht.« Ich glaube, ich war zu schroff zu dem Jungen. Er meint es nur gut, das weiß ich ja.
»Nein.«
»Das ist in Ordnung. Ich hätte nicht fragen sollen, nicht diese Frage.«
»Meine Antwort ist Nein. Ich würde meinen Großvater nicht in ein Pflegeheim lassen.« Jetzt schaut der Junge mich an.
Er ist ein hübscher, junger Mann. Gut, er entspricht nicht unbedingt dem, was Lissy und mir damals beigebracht wurde. Er hat lange Haare, weit über die Schultern, die er mit einem dünnen Gummi zum Pferdeschwanz bindet. Dazu trägt er einen Bart, den er in der Mitte immer zwirbelt. Während seine Haare braun sind, ist sein Bart rötlich, fast orange. Einen Ohrring trägt er auch und an den Armen hat er Tätowierungen, obwohl er nie im Knast war oder zur See gefahren ist. Aber er hat ein gutes Herz.
»Siehst du.« Seine Antwort tut mir gut. Alex will etwas sagen, aber ich lasse ihn nicht. »Ela und ich haben dich und damit kommen wir zurecht.«
»Paul, ich komme nur noch drei Mal. Eigentlich zwei Mal, wenn ich heute nicht mehr mitrechne. Morgen und am Montag.«
»Wieso denn das?« Jetzt bin ich völlig verwundert. »Haben Sie wieder Urlaub? Ich gönne Ihnen das wirklich.«
»Nein, ich höre bei dem ambulanten Pflegedienst auf. Ich habe es Ihnen erzählt und Sie haben es sich aufgeschrieben.« Alex nimmt meinem Zettel vom Tisch und hält ihn mir hin.
Ich will ihn jetzt nicht lesen, weiß gerade nicht, wo meine Brille ist. Außerdem schmerzt mein Kopf von der Bekanntschaft mit der Futterdose. Es wird schon stimmen. Weiß ich. Wenn ich jetzt nicht daran denke, dann sind die Probleme nicht da, die ohne Alex kommen werden. Er ist unsere einzige Hoffnung.
»Wenigstens für Ela müssen Sie eine Lösung finden, Herr Riemenschneider. Sie kann nicht den ganzen Tag liegen, muss mobilisiert werden. Zwei Mal lagern und die Matratze reichen nicht, sie liegt sich ganz wund. Sie ist doch eine Prinzessin.«
Alex soll schweigen. Was weiß er denn? Ich bin wütend, kralle meine Hände in die Sofadecke, dass sie schmerzen. Ich will nicht daran denken, jetzt nicht. Am liebsten nie.
»Wir haben versucht, was für unsere Ela zu finden, die Lissy und ich. Weißt du, wo unser Kind hinsollte? In ein Pflegeheim mit lauter alten Menschen, wo man mich jetzt auch einsperren will. Sie braucht doch Kinder um sich.«
Alex nickt schweigend, aber ich weiß nicht, ob dies Zustimmung oder Ablehnung bedeutet.
»Und ich will schon gar nicht in so ein Heim. Ich bin … ich bin noch lange nicht so weit!«
»Ela ist dreiundvierzig. Sie ist kein Kind mehr, sondern eine erwachsene Frau.«
»Das ist egal, sie bleibt immer unser Kind. Ich habe der Lissy versprochen, dass wir zusammenbleiben. Ihr Vormund bin ich, das habe ich schwarz auf weiß.« Und das lasse ich mir auch von ›denen‹ nicht nehmen, nur weil ich mal nicht weiß, was das Stündlein geschlagen hat.
Wo waren denn die ganzen gelehrten Menschen in all den Jahren, als Lissy und ich um Unterstützung für Ela gebeten, nein, gebettelt haben?
Ihr Kind kann nicht in den Kindergarten, das kann man den anderen Kindern nicht zumuten.
Ihr Kind ist nicht beschulbar, da können wir nicht helfen.
Ihr Kind kann nicht in die Werkstatt, da wird gearbeitet und nicht rumgelegen!
Und jetzt, jetzt wissen alle besser, was für mich und Ela gut ist. Scheint eine Frage des Alters zu sein, ob man interessant genug ist. Für das Leben war es Ela nicht, aber für ein Pflegeheim reicht es, dort pflegt man sie dann für den Tod.
Nicht aufregen, Paul. Das macht nur hohen Blutdruck. Stand in der ›Apotheken Umschau‹. Ich trinke vom Kaffee und schlucke mit ihm alle Zweifel hinunter. Mit Alex reden, ja, das würde ich gern. Wenn ich ihm sage, wie es um uns steht, vielleicht überlegt er es sich noch mal. Er ist ein guter Junge. Bestimmt hat er schon genug überlegt. Aber vielleicht …
Ela wimmert im Schlafzimmer. Sie spürt, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Eigentlich müsste ich jetzt zu ihr gehen und sie beruhigen. Wenn niemand kommt, wird sie bald schreien.
»Ich gehe schon.« Alex steht auf, als hätte er meine Gedanken gelesen. Kaum hat er die Tür zum Schlafzimmer geöffnet, springt Nuschi im Zimmer herum. Sie spaziert abwechselnd in Richtung Fenster und zur Wohnungstür. Sicherlich will sie hinaus ins Freie, die alte Streunerin. Ich verstehe das, mich kitzeln die schwachen Strahlen der Märzsonne, auch wenn sie nur vereinzelt durch das Fenster fallen. Zuviel Sonne mag ich nicht, da verbrenne ich mich sofort. Früher, als meine Haare noch nicht weiß waren, da hatten sie einen rötlichen Schimmer. »Mein Füchschen« hat mich Lissy manchmal gerufen. Ich bin gern das Füchschen, so gern.
Heute geht es nicht mit der Nuschi. Ich schaffe die eine Etage nach unten nicht, um sie in den Garten zu lassen und später wieder zurückzuholen. Zweimal zwölf Stufen bis ins Erdgeschoss und dann die gleiche Anzahl wieder hoch sind einfach zu viel für Tage wie heute.
»Ich bringe die Nuschi raus, Paul.« Alex hat die Katze gepackt und das clevere Viech weiß genau, was er vorhat. Sie fixiert mich mit ihren grünen Augen. So geht das, will sie mir wahrscheinlich in ihrer Art sagen. Ich möchte ja auch, dass sie hinauskann. Wenn ich noch könnte, würde ich einen Spaziergang machen.
An Lissys Grab wäre ich gern. Wir sind ja halb zusammen.
Im Dezember war ich das letzte Mal vor der Tür, wenn ich mich richtig erinnere. Es schneite an dem Tag, winzige Flocken, nein, Sternchen waren es. Die wollte ich für Ela holen, die Kleine kennt doch keinen Schnee. Also nicht so richtig. Stattdessen fiel ich vor der Haustür hin. Die Nachbarin unten, die immer klopft, hat wahrscheinlich den Krankenwagen gerufen. Rausgekommen ist keiner, aber alle haben sie an den Fenstern gestanden. Sechs große Fenster, hinter fünf davon standen Augen und sahen mir dabei zu, wie ich nicht wieder hochkam. Nur an unserem Fenster stand niemand. Lissy war woanders, und Ela schrie nur, weil ich nicht bei ihr war.
Erst als der Arzt da war, hat der Nachbar oben rechts sein Fenster aufgerissen. »Nehmt den Alten mit und das plärrende Balg gleich dazu. Eine Zumutung ist das. Ich arbeite den ganzen Tag, und wenn ich abends meine Ruhe haben will, ist hier Terror im Haus. Früher hätte man das Problem anders gelöst!« Er knallte das Fenster zu, bis unten habe ich das Klirren vom Glas gehört.
Der Arzt hat nichts gesagt und mir mit den Pflegern wieder in die Wohnung geholfen. Verständnisvoll war er sogar, dachte ich. Keine zwei Tage später standen fremde Menschen vor der Tür und stellten sich als ›Medizinischer Dienst der Krankenkasse‹ vor.
Ich darf niemandem trauen, das habe ich mir dann gleich auf den Zettel geschrieben. Jetzt weiß ich nur nicht mehr, wo ich den Zettel hingelegt habe. Aber das vergesse ich sowieso nicht.
»Paul, haben Sie gehört? Ich bringe die Nuschi runter, in Ordnung?«
Dem Alex kann ich trauen, der ist ein guter Junge. Trotzdem möchte ich ihm nicht sagen, dass ich es heute nicht schaffe, sie wieder hochzuholen. Morgen ist es sicherlich besser. Der Pfleger schaut mich immer noch an und wartet auf...




