E-Book, Deutsch, Band 2, 375 Seiten
Reihe: Die große Caldwell Saga
Summers Die Caldwell Girls - Zeiten der Entbehrung
2. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8412-2463-7
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 375 Seiten
Reihe: Die große Caldwell Saga
ISBN: 978-3-8412-2463-7
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Es gibt zwei Arten von Krieg: Den Krieg an der Front und den Krieg in dir. Und beide werden Opfer fordern.
Eine schreckliche Tragödie hat die Familie Caldwell auseinandergerissen und die Caldwell Girls in alle Richtungen zerstreut: Imogen hat sich dem Kriegsdienst angeschlossen. Elsie scheint ihr Glück in der Ehe zu finden. Und Daisy? Daisy fühlt sich verloren ... Mittlerweile lebt sie weit weg von zu Hause und vermisst ihre Familie. Sie findet zwar neue Freunde, geht aus und flirtet, aber überall breiten sich die Schrecken des Krieges weiter aus. Tod. Krankheiten. Verwundete. Schmerzen. Die Arbeit als Krankenschwester bringt Daisy zusehends an ihre Grenzen. Während das Chaos des Zweiten Weltkriegs immer heftiger wütet und ihr eigenes Leben in Scherben zerfällt, träumt Daisy von wahrer Liebe, echter Freundschaft und von der Hoffnung auf ein anderes, besseres Leben. Aber hat sie dafür noch die Kraft?
Rowena Summers ist das Pseudonym der britischen Schriftstellerin Jean Saunders, geb. 1932 als Jean Innes. Sie war Autorin zahlreicher Liebesromane und Kurzgeschichten und schrieb unter ihrem verheirateten Namen und Mädchennamen sowie unter den Pseudonymen Rowena Summers, Sally Blake und Rachel Moore. Die Autorin verstarb 2011.
Weitere Titel der Autorin im Aufbau Digital Programm:
Die Caldwell Girls - Jahre des Umbruchs
Die Caldwell Girls - Jahre der Entbehrung
Die Caldwell Girls - Augenblicke der Hoffnung
Die Caldwell Girls - Momente des Glücks
Die Bannister Girls
Weitere Infos & Material
1
Unter staunenden Blicken der kleinen Jungs vollführte Daisy eine Pirouette, so glanzvoll wie jede berühmte Filmschauspielerin im kleinen Vorstadtkino. Das Mädchen, das auf dem Vorleger mit der Flickenpuppe spielte, schniefte nur abschätzig und nahm keine Notiz von ihr. Daisy würde sie ihrerseits ignorieren. Diese eingebildete kleine Göre. Vanessa! Wer hatte für ein Mädchen aus dem Elendsviertel je einen solchen Namen gehört? Kein Wunder, dass sie Allüren hatte und sich für etwas Besseres hielt.
»Also, was meint ihr?«, fragte Daisy ihren kleinen Bruder und die zwei kleinen Jungs, die evakuiert worden waren und bei ihnen wohnten. »Wie würde es euch gefallen, von Schwester Daisy Caldwell in eurem Krankenhausbett gepflegt zu werden?«
»Du bist doch noch keine richtige Krankenschwester«, gab Norman, der ältere der zwei Brüder, mürrisch zurück. »Du bist bloß ein Mädchen, das sich mit einer schicken Uniform herausgeputzt hat. Nicht wie unser Dad. Unsere Mum sagt, er hat jetzt eine richtige Uniform …«
Vanessa johlte. »Dein Dad ist schon vor Jahren abgehauen und hat deine Mum sitzen lassen, Dummerchen. Die einzige Uniform, die er jetzt trägt, hat wahrscheinlich Streifen, wie die der Knackis in meinem Beano-Comic.«
Daisy sah sie wütend an, während der jüngere der Brüder heulte: »Unser Dad sitzt nicht im Knast! Der fliegt eins von diesen Bombenflugzeugen und tötet Jerrys! Das macht er. Nessa Brown, du bist eine blöde Gans!«
»Ach ja? Erzähl das den Feen, du Spatzenhirn. Und nenn mich nicht Nessa! Ich wette, dein Dad hat keinen einz’gen Deutschen bekommen, sondern verrottet in irgendeinem grässlichen Gefängnis. Und dann stirbt der wahrscheinlich an Schwindsucht«, fügte sie hinzu, um noch mehr Eindruck zu schinden.
»Halt den Mund, Vanessa«, fuhr Daisy sie an. »Du weißt nicht, was du da redest.«
»Und ob ich das weiß, du neunmalkluge Scheinschwester«, gab das Mädchen triumphierend zurück. »Meine alte Oma ist dran gestorben, deshalb.«
Daisys ganze Freude an ihrem neuen Lernschwesternkleid verflog schlagartig. Sie versuchte sich daran zu erinnern, dass dieses nervtötende Mädchen nicht wissen konnte, dass Daisys beste Freundin an Schwindsucht litt – oder an TB, wie es von denen genannt wurde, die auf dem Laufenden waren, dachte sie mit einem kurzen Anflug von Überlegenheit – und dass ihre Prognose schlecht war. Sehr schlecht sogar. Nachdem es zu Anfang der Krankheit so ausgesehen hatte, als würde Lucy bald genesen, waren ihre Überlebenschancen nun so gut wie nicht existent. Sie tendierten gen null.
Das war alles so ungerecht. Warum musste Lucy sterben? Womit hatte sie das verdient? Alle wussten, dass die Deutschen sich in halb Europa austobten und jetzt Menschen töteten, seit dieser aufgeblasene Mr Chamberlain vor sechs Monaten sein Ultimatum gestellt und sie in einen Krieg mit Deutschland gestürzt hatte.
»Politiker«, schnaubte Tante Rose stets verächtlich, da sie für sie als Gattung nichts übrighatte. »Mischen sich immer in das Leben der Menschen ein und vermasseln es meist.«
Aber das hier war etwas anderes. Das mit Lucy war etwas anderes. Sie war kein anonymes Gesicht, das Daisy nicht kannte. Sie gehörte nicht zu den verwundeten Soldaten, die jetzt ins Weston General gebracht wurden und aufgeräumt beteuerten, wie gern sie Daisys hübsches Gesicht sahen – obwohl einige aus Augen, die ihnen weggeschossen oder grauenhaft verbrannt worden waren, gar nichts sehen konnten und andere grausige eiternde Wunden und keine große Chance mehr hatten, je wieder ein normales Leben zu führen.
Mit ihnen konnte Daisy größtenteils umgehen, weil es ihre Aufgabe war und sie ihre Arbeit liebte. Aber Lucy war ihre beste Freundin, die in einem elendigen Sanatorium im tiefsten Wales festsaß und mit nur siebzehn Jahren langsam an TB starb, und niemand konnte etwas dagegen tun.
»Unser Dad fliegt Flugzeuge und tötet Jerrys, damit du’s weißt«, schrie Norman jetzt Vanessa wütend an, während sein Bruder zu schluchzen begann. »Genau wie dein Freund, stimmt’s, Daisy?«
Sie reagierte ungehalten, da sie nicht zu viel darüber nachdenken wollte, dass sie so lange nichts mehr von ihrem Kavalier gehört hatte.
»Vielleicht. Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ihr jetzt lieber dieses Durcheinander aufräumt, während ich mich wieder umziehe. Dann könnt ihr mir bei den Vorbereitungen zum Abendessen helfen, bevor Tante Rose von ihrem Strickzirkel nach Hause kommt.«
Wieder blickte Vanessa verächtlich drein. »Warum will sie überhaupt rumsitzen und Socken für Soldaten stricken, die sie nicht mal kennt? Warum können das nicht ihre eigenen Mütter für sie machen?«
»Als jemand, dessen Mutter meines Wissens noch nie für irgendjemanden etwas gestrickt hat, solltest du es dir zweimal überlegen, bevor du andere Menschen verurteilst«, sagte Daisy gewitzt zu ihr, da sie wusste, dass es Tante Rose nicht gefiele, wenn sie erfuhr, dass sie eine Zwölfjährige getadelt hatte, die aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen worden war und weit weg von zu Hause lebte. Aber manchmal war das Mädchen einfach unmöglich.
In Tante Roses bunt zusammengewürfeltem Haushalt waren alle weit weg von zu Hause, stellte sie fest. Auch wenn es für ihren jüngsten Bruder Teddy und sie selbst, die nach dem Tod ihrer Mutter aus ihrem Haus in Bristol hierher nach Weston gezogen waren, nicht gerade weit war.
Das war natürlich nur vorübergehend – sie hatten immer noch ihr altes Zuhause in der Vicarage Street, in das sie jederzeit zurückkehren konnten. Nur dass »vorübergehend« dauerhafter geworden war, als ursprünglich geplant. Einen Teil davon – aber nicht alles – hatten sie Mr Hitler zu verdanken.
Nach dem schrecklichen Unfall ihrer Mutter war es nur vernünftig gewesen, Teddy fortzuschicken. Mit seinen fünf Jahren war er noch zu klein gewesen, diesen Schicksalsschlag zu verkraften, und Tante Rose und Onkel Bert hatten ihm nur allzu gern ein liebevolles Zuhause geboten. Daisy hingegen hatte von sich aus entschieden, ebenfalls herzukommen. Ihre älteren Schwestern wohnten noch bei ihrem Vater in Bristol, und Baz – nun, Gott allein wusste, wo ihr Bruder Baz jetzt steckte, dachte Daisy mit einem Lächeln. Angesichts seiner hochfliegenden Pläne, zur See zu fahren, wahrscheinlich irgendwo im Mittelatlantik, aber viel wahrscheinlicher auf einem Trawler in den irischen Fischfanggebieten.
Nach dem kleinen Streit mit den Blagen meldete sich ihre gewohnte Frohnatur wieder. Auch wenn Vanessas Benehmen dem Fass manchmal wirklich den Boden ausschlug. Daisy musste sich immer wieder daran erinnern, dass sie aus einem zerrütteten Elternhaus stammte, wie man es nannte. Und wenn das stimmte, was der Beamte von der Unterkunftsvermittlung gesagt hatte, dann war es aufgrund ihrer flatterhaften Mutter und ihres betrunkenen Vaters unwahrscheinlich, dass es nach dem Krieg überhaupt noch ein richtiges Zuhause für sie gäbe, in das sie zurückkehren konnte.
Was in Ordnung wäre, wenn Tante Rose sie dauerhaft als Untermieterin gewollt hätte, aber so war es eigentlich nicht geplant. Daisy konnte mehr oder weniger verstehen, warum ihre Tante und ihr Onkel, die kinderlos waren, das Haus mit Kindern hatten füllen wollen, als sich die Gelegenheit ergab. Selbst wenn es einen Krieg gebraucht hatte, damit ihnen endlich geschenkt wurde, was ihnen stets verwehrt geblieben war.
Evakuierte Kinder waren nicht in jedem Haushalt willkommen, vor allem wenn man sie unterbringen musste, ob man wollte oder nicht. Tante Rose liebte sie ausnahmslos, aber Lucys Eltern waren nicht sehr begeistert gewesen, als ihnen auf ihrem Hof ein Geschwisterpaar, ein Junge und ein Mädchen, zugewiesen worden waren.
Insgeheim fand Daisy, dass sich das noch als Segen erweisen könnte, wenn ES so weit war. Inzwischen dachte sie nur noch in Großbuchstaben an Lucys Prognose und nannte sie ES, da sie nicht in der Lage war, sie in Worte zu fassen.
»Was gibt’s denn zum Abendessen?«, fragte Vanessa sie missmutig, als sie ihre Uniform wieder abgelegt hatte und in die Stube zurückkam.
»Dünn mit Margarine bestrichenes Brot, und sei froh, dass du das bekommst«, antwortete Daisy fröhlich, so wie Onkel Bert sonst immer.
»Ist das alles?«
Daisy seufzte. »Vanessa, wieso kannst du nicht ab und zu einfach mal nett sein? Wir müssen alle miteinander auskommen, ob es uns gefällt oder nicht.«
»Du bist so goldig, stimmt’s?«, fuhr das Mädchen sie an. »Ein richtiger verflixter Engel. Tja, ich helfe nicht bei den Essensvorbereitungen, und damit hat sich’s. Ich spiel für keinen das Dienstmädchen.«
»Ich verlange nicht von dir, das Dienstmädchen zu spielen, du Dummkopf. Schneid einfach das Brot, und stell dich nicht so an.«
»Warum können wir nie Pie mit Kartoffelbrei essen, wie meine Mutter es immer in dem Pie-and-Eel-Shop an der Ecke gekauft hat?«
Daisy erschauderte. »Weil es nicht geht. Schneidest du jetzt das Brot, oder soll ich Tante Rose sagen, dass du dich mal wieder nicht kooperativ verhältst?«
Das Mädchen starrte Daisy an, bis sie ihrem Blick auswich. Mit den hohen Wangenknochen und den großen braunen Augen würde sie zu einer Schönheit werden, wenn sie etwas älter war. Wie ein verflixter Filmstar, dachte Daisy und gebrauchte eines der Lieblingswörter des Mädchens.
»Wenn ich wüsste, was dieses ›koopitiv‹ verflixt noch mal bedeutet, wär ich vielleicht beunruhigt!«, meinte Vanessa, stolzierte zur Besteckschublade und...




