Summers | Verloren sind wir nur allein | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

Reihe: ONE

Summers Verloren sind wir nur allein

Roman
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7325-8573-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

Reihe: ONE

ISBN: 978-3-7325-8573-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nach einem schweren Schicksalsschlag zieht Sky mit ihrer Mutter nach Texas. Ihre Mom will endlich alles hinter sich lassen, doch Sky kann und will vor ihrem Schmerz nicht davonlaufen. Sie fühlt sich so verloren wie nie zuvor. Doch dann trifft sie den 18-jährigen Jeff, und mit ihm stiehlt sich ganz zaghaft wieder mehr Licht in Skys Leben. Aber auch Jeff hat mit schrecklichen Erlebnissen aus seiner Vergangenheit zu kämpfen. Können die beiden sich gegenseitig retten?



Mila Summers wurde 1984 in Würzburg geboren, wo sie auch heute noch mit ihrer Familie lebt. Sie studierte Europäische Ethnologie, Geschichte und Öffentliches Recht und erfüllte sich mit der Veröffentlichung ihres ersten Romans einen großen Traum. Wenn sie nicht gerade reist oder in den Büchern auf ihrem SuB schmökert, gilt ihre ganze Leidenschaft dem Schreiben von Liebes- und Jugendromanen.
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Kapitel 1


Verunsichert sehe ich mich in dem kahlen Raum um, in dem mich, bis auf ein alter Holzschrank, nur Leere empfängt. Vier weiße Wände starren mich an. Ich starre zurück.

Das ist es nun also. Mein neues Zuhause.

»Oh, Schatz, du bist ja schon in deinem Zimmer! Ist es nicht wunderschön?« Mom rauscht herein, natürlich ohne anzuklopfen, und eilt zu dem breiten Fenster auf der gegenüberliegenden Seite des Raums. »Es ist das schönste im ganzen Haus!« Sie öffnet die beiden Flügel und lässt neben dem orangefarbenen Abendlicht auch eine frische Sommerbrise herein. Die Scharniere quietschen. Einzelne weiß lackierte Holzsplitter des Rahmens bröckeln zu Boden, und ich frage mich unweigerlich, ob man den schönsten Raum des Hauses wirklich so verkommen lassen würde.

Ich sage kein Wort. Die ganze Situation überfordert mich völlig. Erst vor wenigen Wochen schleppte Mom Roger an. Ihr neuer Freund ist im Gegensatz zu dem Loser, den sie davor gedatet hat, ein absoluter Glücksgriff. Roger ist Rancher. Sein Anwesen ist so groß wie der gesamte Block, in dem wir in Boston gelebt haben. Die Betonung liegt auf gelebt haben, denn Mom hatte nichts Besseres zu tun, als unsere Zelte vollkommen überstürzt abzubrechen und zu Roger auf seine Ranch nach Lewisville in Texas zu ziehen. Roger züchtet nämlich Rinder und Pferde. Und anscheinend ist er damit so erfolgreich, dass Geld von nun an kein Problem mehr für uns sein wird. Wie praktisch.

»Sky, Liebes, jetzt schau doch nicht so.« Mom kommt zu mir rüber, legt ihren Arm um meine Schulter und zieht mich in eine feste Umarmung.

Ich seufze und sorge für ein wenig Abstand zwischen uns. »Wie schaue ich denn?« Ich kann ihr nicht in die Augen sehen, also wende ich meinen Blick zum Fenster. Auf einer Koppel grasen ein paar Pferde, und das Gras ist so grün wie unser Haus in Boston.

»Du schaust wie damals, als du noch klein warst und Dad dir erklärt hat, dass wir doch nicht ins Disneyland fahren können.«

Ein Stich durchfährt mein Herz, als Mom von Dad spricht. Es sind nun genau zwei Jahre und einundfünfzig Tage, seit er für immer von dieser Welt gegangen ist. Und allein der Gedanke an ihn schmerzt noch immer so qualvoll wie an dem Tag, als er während eines Baseballspiels zusammengebrochen und nicht mehr aufgestanden ist.

Ich winde mich ganz aus ihrer Umarmung. »Lass gut sein, Mom. Ich werde mich mit der Situation schon irgendwie arrangieren.«

So, wie ich mich in den letzten zwei Jahren und einundfünfzig Tagen mit allem abgefunden habe, was sie für richtig hielt und mir gänzlich gegen den Strich ging. Schon knapp ein halbes Jahr nach Dads Tod hat Mom wieder begonnen, Männer zu treffen, ist ausgegangen, hatte Spaß.

Für mich kommt das einem Verrat gleich. Einem Verrat, den sie an allem begeht, was unsere Familie ausgemacht hat. Die feste Einheit, die wir mit Dad gebildet haben, gibt es nicht mehr. Anstatt an einem Strang zu ziehen, scheinen Mom und ich in unterschiedliche Richtungen zu laufen.

Während ich versuche, die Erinnerung an ihn zu bewahren, hat Mom nach Dads Tod schnell damit begonnen, alles, was einmal ihm gehörte, nach und nach in den Keller zu räumen. Außer den Bildern und den Baseballpokalen in der Wohnzimmervitrine erinnerte in unserer alten Wohnung schon bald nichts mehr an ihn. Ganz so, als hätte es ihn nie gegeben.

Dabei steckte so viel von Dad in unserer Wohnung. Immer hatte er irgendwelche Ideen, um unser Heim zu verschönern. Ich sehe ihn vor mir, wie er uns verschwitzt und mit strahlenden Augen sein neuestes Projekt präsentiert. Er war schon immer so. Als Mom ihm erzählte, dass sie mit mir schwanger war, hatte er sofort damit begonnen, aus dem Büro ein Kinderzimmer zu machen. Für die Menschen, die er liebte, hätte er alles getan. Tränen steigen in mir auf, und ich schlucke gegen den Kloß an, der sich in meinem Hals bildet.

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Mom mich durchdringend anschaut. »Liebes, keiner erwartet von dir, dass du ihn vergisst. Es ist nur langsam an der Zeit, wieder nach vorne zu blicken und nicht immer nur in der Vergangenheit zu leben. Ich bin auch furchtbar wütend und traurig darüber, dass das Schicksal nichts Besseres auf Lager hatte, als ihn uns wegzunehmen. Aber es ist nun mal nicht zu ändern. Dad wird nicht mehr lebendig, auch wenn du dich mit Händen und Füßen dagegen wehrst, es zu akzeptieren. Er kommt nicht mehr zurück.«

Noch immer sehe ich den Pferden zu, wie sie unbekümmert auf der Wiese stehen und sich kein bisschen darum sorgen, was gewesen ist oder was sein wird. Wie ich sie beneide! Mom und ich haben schon so oft darüber gesprochen. Doch mit dieser Härte hat sie es noch nie auf den Punkt gebracht. Egal, was ich tue, egal, was ich sage, er kommt nicht mehr wieder. Nie mehr.

Stumm nicke ich, senke meinen Blick und starre auf den Fußboden. Das helle Laminat lässt den üppigen fast leeren Raum noch eine Spur größer wirken. »Man kann bestimmt viel aus dem Zimmer machen«, murmele ich und hoffe, dass es wenigstens etwas nach der Begeisterung klingt, von der ich kein bisschen verspüre. Als ich mich zu ihr umdrehe, strahlt Mom mich an. Anscheinend habe ich genau die Worte gefunden, die sie unbedingt hören wollte.

»Das ist mein Mädchen. Du wirst sehen, hier in Lewisville wirst du schnell Anschluss finden. Das letzte Jahr an der Highschool schaffst du spielend, und danach steht dir die Welt offen.«

Stellt sich nur die Frage, ob ich das überhaupt will. Will ich, dass mir die Welt offensteht? Ehrlich gesagt ist mir die Welt gerade ziemlich egal.

Mom strahlt eine gewisse Zuversicht aus, die ich nicht mit ihr teilen kann. Sie sieht der Zukunft positiv entgegen und hat sich damit arrangiert. Den Ballast, den Frust, die Trauer der letzten Jahre – all das hat sie abgelegt, wie ein löchriges T-Shirt, das sie aussortiert hat. Für mich ist das unmöglich.

Als könnte Mom meine Gedanken lesen, mustert sie mich von Kopf bis Fuß. »Ach, da fällt mir ein: Bevor die Schule anfängt, sollten wir dringend mal einkaufen gehen. Deine Klamotten sind … Ich finde, sie erwecken einen falschen Eindruck von dir.«

Ich schlucke und blicke auf meine verblichene schwarze Jeans und die ausgetretenen Chucks hinunter. »Schämst du dich etwa für mich? Was ist an meinen Klamotten bitte schön falsch?«

Ich hasse es, mich mit Mom zu streiten. Sosehr ich sie für ihr Verhalten verurteile – sie ist alles, was mir auf dieser Welt noch geblieben ist. Aber ich habe das Gefühl, dass wir in letzter Zeit kein einziges richtiges Gespräch mehr miteinander geführt haben. Jeder Versuch endet immer nur in Vorwürfen und enttäuschtem Seufzen.

»Natürlich schäme ich mich nicht für dich.« Mom lächelt mir aufmunternd zu. »Du bist mein einziges Kind und gleichzeitig der wichtigste Mensch in meinem Leben.«

Ich sollte es lassen, aber da ist diese Stimme in mir, die Konter geben will. Sie ist so übermächtig und lässt sich nicht länger unterdrücken. »Ach, tatsächlich?«, bricht es aus mir heraus. »Warum sind wir dann aus Boston weggezogen? Warum sind wir hier in Lewisville gelandet, wo ich nichts und niemanden kenne, wenn ich für dich ja ach so wichtig bin? Warum mussten wir so überstürzt weg, dass ich nicht mal mehr mein letztes Highschooljahr an meiner alten Schule machen kann?«

Alles in mir brodelt, und die Gefühle, die ich die ganze Zeit weggeschoben habe, machen sich jetzt Raum. Ich könnte platzen vor Wut, Trauer und Enttäuschung. Seit sie mir zum ersten Mal mit diesem Leuchten in den Augen von Roger und seiner Ranch im kanadischen Blockhausstil erzählt hat, habe ich mich wirklich bemüht, mich für meine Mom zu freuen. Doch es geht einfach nicht. Sosehr ich auch will, ich kann kein Teil in ihrem Happily-Ever-After sein. Denn ich gehöre hier einfach nicht hin. Ich fühle mich wie ein Schmutzpartikel, der Moms heile Welt befleckt und ihre Idylle mit Roger stört. Schließlich bin ich das Sinnbild für ihre glücklichen Jahre mit Dad.

Wenn ich im nächsten Sommer achtzehn werde, gehe ich weg von hier. Zurück nach Boston. Zurück zu Dad und meinen Erinnerungen an ihn. Beinahe jede Woche bin ich in den vergangenen zwei Jahren auf dem Friedhof gewesen, habe frische Blumen auf Dads Grab gelegt und mit ihm gesprochen. Das war der einzige Ort, an dem ich mich ihm nahe gefühlt habe, an dem ich gespürt habe, dass er mich nicht ganz verlassen hat. Aber nun sind wir hier, Hunderte von Meilen entfernt, und da ist nur noch diese Leere in mir, die sich durch nichts und niemanden füllen lässt. Mom hat mir durch den Umzug die allerletzte Möglichkeit genommen, ihm nah zu sein. Das werde ich ihr nie verzeihen.

Ich funkle Mom wütend an, die einen Schritt zurückweicht. Ihre eben noch so freudige Miene ist wie weggewischt. Sie wirkt verletzt. Unwillkürlich umfasse ich meine Mitte, wie um mir selbst etwas Halt zu geben. Unter meinen Fingern spüre ich kleine Stoffknötchen auf meinem T-Shirt und streiche darüber. Es fühlt sich beruhigend an...



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