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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, Band 2, 581 Seiten
Reihe: Die Sterne Indiens
Sundaresan Die Kaiserin der Rosen
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96655-671-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, Band 2, 581 Seiten
Reihe: Die Sterne Indiens
ISBN: 978-3-96655-671-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Indu Sundaresan ist eine indischstämmige Amerikanerin, die für ihre historischen Romane weltbekannt wurde. Nach einem Studium der Volkswirtschaftslehre an der University of Delaware begann sie mit dem Schreiben. Ihr Werk wurde weltweit in 23 Sprachen übersetzt, heute lebt Indu Sundaresan mit ihrer Familie in Seattle. Bei dotbooks veröffentlichte Indu Sundaresan ihre historischen Romane: »Die Pfauenprinzessin« »Die Kaiserin der Rosen« »Die Tochter des Raja«
Weitere Infos & Material
Kapitel 2
»Sie hatte indes einen eklatanten Fehler.
Sie war eine Frau … Und nach dem Vorurteil der damaligen Zeit spielten Frauen in der Öffentlichkeit keine Rolle; Ehrgeiz war das Vorrecht der Männer.«
Abraham Eraly, The Last Spring: The Lives and Times of the Great Mughals
Während Mehrunnisa und Ruqayya die Nacht hindurch redeten, näherte sich ein Mann von innen dem Hathi Pol, dem Elefantentor auf der Westseite des Forts von Agra. Einen Augenblick lang blieb er stehen und beobachtete die beiden Wachen, die schlafend an den im harten Boden steckenden Speeren lehnten ? Marionetten ohne Fäden, deren Gestalten sich vor den aufragenden Sandsteinmauern abzeichneten. Der Mann hustete, und die Wächter wurden schlagartig wach. Der eine taumelte rückwärts, um seinen Speer auf Brusthöhe des Mannes zu heben, wobei die Spitze nur ein paar Zentimeter vor dessen mit Goldbrokat verziertem Mantel Halt machte. »Gebt Euch zu erkennen.«
Der Mann hob beide Hände. Das gut geölte Haar, das ihm bis in den Nacken reichte, schimmerte im Schein der Lampen. »Mahabat Khan«, sagte er schlicht, darauf bauend, dass seine Stimme und der Name ein Übriges taten.
Die Wache ließ den Speer fallen und verneigte sich tief. »Mirza Mahabat Khan, ich bitte um Vergebung, ich habe Euch nicht erkannt«, sagte er, vor Not über seine Worte stolpernd. »Aber wie … ich dachte, Ihr hättet das Fort um diese Zeit längst verlassen …«
Mahabat schüttelte den Kopf mit der Nachsicht eines Mannes, der es nicht gewohnt war, befragt zu werden. »Eine solche Fürsorge zum Wohle des Herrschers ist lobenswert. Doch ihr müsst wissen, wen ihr fragt. Macht die Tür auf.«
»Freilich, Mirza Khan. Ich bitte um Verzeihung. Ich meinte nur …« Er eilte zur Seitentür neben den riesigen Toren und drückte sie auf. Die weiteren Entschuldigungen der Wache verhallten, als Mahabat Khan das Fort verließ. Er ging mit sorgsam bemessenen Schritten davon, die Sohlen seiner Lederstiefel knirschten auf dem unbefestigten Pfad.
Mahabats Hand ruhte leicht auf dem Dolch, der in seinem Kummerbund steckte. Sein Blick tauchte ein in die Schatten der Straßen, glitt hinweg über die schnarchenden Trunkenbolde in den Ecken und wartete auf eine Regung, die Gefahr signalisierte. Als Mahabat vorbeikam, schnüffelten die Straßenköter mit zitternden Nüstern an ihm und knurrten. Doch niemand, ob Mensch oder Tier, näherte sich ihm, keine Stimme erhob sich, keine Hand forderte den dicken Perlenstrang um seinen Hals oder den Rubin in seinem Turban, groß wie eine Murmel. Es war, als wüssten alle, dass Mahabat Khan der Lieblingsminister des Großmoguls Jahangir war, sein Vertrauter. Mahabat ging durch die Straßen. Sein Weg führte ihn zu Mohammed Sharif.
Das Haus lag ein Stück abseits der Hauptstraße von Agra am Yamuna-Fluss, im Schatten uralter Mangobäume. Es hatte ein flaches Dach, und an der Vorderseite erstreckte sich eine breite Veranda mit pfirsichfarbenen, gekalkten Säulen. Mahabat stieg die vordere Treppe hinauf und klopfte an die schwere Holztür, die mit ziselierten Silberplatten beschlagen war. Ein Diener, der wie gewöhnlich mit dem Rücken an der Tür auf dem Boden schlief, öffnete die Riegel und spähte hinaus. Er verbeugte sich, als er den Minister sah.
»Tretet bitte ein, huzoor.« Er sprang zurück, um Mahabat einzulassen. »Ich werde dem Herrn Bescheid geben, dass Ihr hier seid.«
»Das ist nicht nötig«, sagte Mahabat, »sag mir nur, wo er ist.« Noch während er sprach, drang das dumpfe Schlagen einer tabla aus dem Innern des Hauses an sein Ohr. Keine Musikbegleitung, nur das Trommelgeräusch.
»Im inneren Hof«, erwiderte der Junge.
»Schläft er?«
»Nein, Herr.«
Also fand Sharif auch keinen Schlaf. Mahabat streifte die Stiefel ab und machte sich auf den Weg durch das Labyrinth von Gängen und Innenhöfen ins Privatheiligtum. Sharifs Gemahlinnen waren nicht bei ihm, sonst hätte der Sklavenjunge es erwähnt, und Sharif wäre zu Mahabat hinausgekommen. Er betrat den Hof, blieb stehen und lehnte sich an eine Säule, um Sharif zu betrachten.
Der Großwesir des Mogulreichs lag zurückgelehnt auf einem Diwan, der Kopf ruhte auf einem Kissen, die Arme auf der Brust. Seine kurzen, stämmigen Beine reichten kaum bis ans Ende des Diwans. Seine gesamte Haltung strahlte innere Ruhe und Wohlbefinden aus. Er hatte die Augenlider halb geschlossen und machte einen trägen Eindruck, doch Mahabat wusste, dass dies nur eine Pose war.
Eine junge Sklavin in dünnen Musselinröcken, Mieder und Schleier wiegte sich im Rhythmus der Trommelschläge. Der Spieler der tabla saß außer Sichtweite hinter einer der Säulen des Hofes, und der Klang seiner Trommeln erfüllte die schwere Luft, langsam, eindringlich, verlockend. Das Mädchen war schlank und mit der breiten Nase, die fast das ganze Gesicht einnahm, nicht besonders hübsch. Doch was die Natur ihr versagt hatte, war mit Hilfe von Kosmetika annähernd zu Schönheit verfeinert worden. Die Augen waren mit Kajal umrahmt, wodurch sie groß und tief wirkten, die Lippen karminrot, Hände und Füße mit Hennablüten tätowiert. Der Körper schien sich kaum zu bewegen, doch ihre Gesten waren vom Rhythmus durchdrungen. Die Klänge brandeten um Mahabat. Sein Atem stockte, als sie die Hand an das Mieder legte und einen Holzknopf öffnete, dann den nächsten, den dritten, und langsam über die blaue Seide strich. Dabei wandte sie sich vom Großwesir ab und erblickte Mahabat.
Mit leicht wiegenden Hüften hielt sie inne; ohne seinem Blick auszuweichen, zog sie das hauchzarte Stück Musselin von den Brüsten und schlüpfte mit den Armen aus den Ärmeln. So jung sie auch war, sie hatte ihr Handwerk gut gelernt. Mahabat lachte laut auf, und seine Stimme klang heiser vor Erleichterung, da sich die Spannung gelöst hatte. Unter dem Mieder trug die junge Frau noch ein Stück Musselin, das kaum die Brüste bedeckte. Er sah es; Sharif, der den Rücken des Mädchens betrachtete, konnte es nicht sehen. Mahabat applaudierte. »Gut gemacht!« Er schaute zu Sharif hinüber. Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn und glitzerten auf der Oberlippe, wo sie die federkieldünne Linie durchtränkten, die er gern einen Schnurrbart nannte. Sharifs Nasenflügel bebten angesichts der Störung, und seine Augen funkelten bereits vor Wut, die ihn rasch überkam. Da erkannte er Mahabat, und seine Gesichtszüge glätteten sich wieder.
»Mahabat«, sagte Sharif in vorwurfsvollem Ton. »Noch eine Minute, dann …«
»Du hättest nichts gesehen, mein Freund«, sagte Mahabat. Er ging zu dem Mädchen und drehte es herum, wobei seine Hand warm auf ihrer Schulter lag.
Dann griff er tief in seinen Kummerbund und warf ihr in hohem Bogen drei Goldmünzen zu. Gekonnt fing das Mädchen sie nacheinander mit einer Hand auf und hielt sie fest. Sie verbeugte sich vor den beiden Männern.
Mohammed Sharif gab ihr ein Zeichen, sich zu entfernen. »Geh nicht zu weit weg.« Er wandte sich an seinen Freund. »Und was führt dich her?«
Mahabat Khan überquerte die Marmorfliesen des Innenhofs und setzte sich neben Sharif auf den Diwan. Ein Weinkelch wurde in seine Reichweite gestellt. Er entließ den Diener mit einer Handbewegung und deutete dann mit dem Kopf in die Richtung des tabla-Spielers. Die Musik hörte auf, und die Diener gingen unter Verbeugungen und auf leisen Sohlen hinaus. Mahabat nahm den Kelch und blickte starr in den Wein.
»Muss man sich wegen der neuen Monarchin Sorgen machen, Sharif?«
Überraschung und Belustigung leuchteten in rascher Folge in Sharifs Gesicht auf. »Eine Frau? Grund zur Sorge? Du beliebst zu scherzen, Mahabat.«
»Du hast gesehen, was heute Morgen auf der jharoka passiert ist. Sie stand vor uns, schamlos wie eine Frau von der Straße. Du hast es gesehen, und du glaubst nicht, dass wir uns Sorgen machen müssen?«
Mohammed Sharif stützte sich auf einen Ellbogen. »Ach, du bist verstimmt, weil Seine Majestät einen deiner Bittsteller zurückgewiesen hat. Ihre Gegenwart auf der jharoka war eine Überraschung, das ist alles ? wahrscheinlich das Ergebnis einer Nacht voller Freuden für den Mogulkaiser, Mahabat. Es wird nicht wieder Vorkommen.«
»Nichts hat mich verstimmt, Sharif«, sagte der Minister, wenn auch mit Bitterkeit, denn ihm war nicht wohl. Wären nicht die leisen, gedämpften Worte in Jahangirs Ohr gewesen, dächte Mahabat nicht so. »Siehst du denn nicht, dass diese Heirat anders ist? Jahangir hat sie aus Liebe geheiratet.« Er verzog den Mund. Frauen hatten zwar durchaus ihren Nutzen für Mahabat, doch Liebe gehörte nicht zu den Gefühlen, die er ihnen entgegenbrachte. »Diese Kaiserin hat kein königliches Blut in den Adern.«
»Sie ist die Tochter von Ghias Beg, dem Schatzmeister des Reiches, Mahabat. Er ist als Schatzmeister für unsere Gehälter zuständig. Man schätzt ihn sehr, und vor allem ist er als ehrenwerter Mann bekannt.«
Sharif sagte die Wahrheit. Ghias Beg war als mittelloser Adliger auf der Flucht aus seinem persischen Heimatland nach Indien gekommen. Mogulkaiser Akbar hatte ihn an seinem Hofe aufgenommen, und als Akbar starb, hatte Jahangir ihn zum Schatzmeister des Reiches erhoben. Die neue Frau des Monarchen war Ghias Begs viertes Kind, geboren auf seiner Reise von Persien nach Indien vor vierunddreißig Jahren. In Mahabats Augen war sie eine alte Frau; er würdigte eine Frau über dreißig kaum eines Blickes. Es war, als würde man die Mutter oder eine Tante heiraten. Dennoch war der Mogulkaiser in sie verliebt.
»Was macht sie eigentlich so anziehend?«, fragte Sharif und fasste damit Mahabats Gedanken in...




