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Sundaresan | Die Tochter des Raja | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 525 Seiten

Sundaresan Die Tochter des Raja

Roman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96655-670-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Roman

E-Book, Deutsch, 525 Seiten

ISBN: 978-3-96655-670-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Eine stürmische Liebe in einer bewegten Zeit: Der berührende Liebesroman »Die Tochter des Raja« von Indu Sundaresan jetzt als eBook bei dotbooks. Indien am Vorabend des Zweiten Weltkriegs: Die wunderschöne Mila ist dem Raja von Rurdrakot versprochen, ihr Leben in verschwenderischem Reichtum scheint vorgezeichnet. Doch in dem kleinen indischen Fürstentum zieht ein Sturm herauf, der bald nicht länger ignoriert werden kann: der Unmut der Bevölkerung gegen die britischen Kolonialherren droht in Gewalt umzuschlagen. Da verliebt sich Mila ausgerechnet in den Amerikaner Sam Hawthorne, vorgeblich ein Verbündeter der verhassten Briten, den ein geheimnisvoller Auftrag nach Rurdrakot geführt hat. Während um sie herum eine alte Ordnung zerbricht, weiß die junge Frau nicht, wem sie ihre Loyalität schenken soll - und ihre Liebe ... Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der prachtvolle Liebesroman »Die Tochter des Raja« von Indu Sundaresan. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks - der eBook-Verlag.

Indu Sundaresan ist eine indischstämmige Amerikanerin, die für ihre historischen Romane weltbekannt wurde. Nach einem Studium der Volkswirtschaftslehre an der University of Delaware begann sie mit dem Schreiben. Ihr Werk wurde weltweit in 23 Sprachen übersetzt, heute lebt Indu Sundaresan mit ihrer Familie in Seattle. Bei dotbooks veröffentlichte Indu Sundaresan ihre historischen Romane: »Die Pfauenprinzessin« »Die Kaiserin der Rosen« »Die Tochter des Raja«
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Weitere Infos & Material


April 1963
Irgendwo bei Seattle


An der Hütte

Sam strich die Stufen an, die im Zickzack über die Klippen hinunter an den Strand führten. Er hatte Olivia gefragt, welche Farbe sie haben wolle, und sie hatte sich für Rot entschieden, also strich er die Stufen in viktorianischem Rot – der Farbe, die auch seine atemberaubend kostspielige Crown Imperial-Limousine hatte, Baujahr 1950. Olivia war in jenem Jahr sieben und erinnert sich heute noch daran, dass sie in der warmen Sonne im Sand lag und zu ihrem Vater aufschaute, der sich akribisch genau Stufe für Stufe nach unten arbeitete. Bei Einbruch der Dunkelheit hatte er seine Tochter und sich mit Farbe selbst eingesperrt. Sie liefen zur Hütte hinauf und achteten sorgsam darauf, nicht an das Geländer zu kommen. Dennoch hinterließen sie auf der noch feuchten Farbe der Stufen Fußabdrücke. Diese Schuhe mit den roten Sohlen besitzt Olivia immer noch. Von den Stufen jedoch haben vierzehn Sommer und Winter die Farbe abgelöst und das Holz ausgebleicht. Das Geländer ist verwittert wie das Gesicht einer alten Frau.

Eine Windbö packt Olivias Haare, zerrt sie ihr aus dem Mantelkragen und lässt sie flattern. Eine Strähne weht über ihren Mund und bleibt in den Tränen hängen, die ihr über die Wangen rinnen. Sie schaut in der nahenden Dunkelheit zu den Klippen auf und stellt sich vor, sie sähe ein Licht im Fenster – eins, das ihr Vater zur Begrüßung angezündet hat. Doch Sam ist vor fünf Tagen gestorben; er wird nie wieder herkommen. Die Hündin Elsa stupst Olivia ans Bein, um sie darauf aufmerksam zu machen, dass es hier kalt ist, und klettert die neunundsiebzig Stufen hinauf. Olivia folgt ihr langsam, die Hände in den Taschen, die Schultern bis an die Ohren hochgezogen.

Einmal sagte Sam zu Olivia: »Du siehst aus wie deine Mutter.« Sie hatte gerade ihre hüftlangen Haare gewaschen und, leicht schläfrig vom Bad, den Kopf auf ein Kissen vor dem Holzofen gelegt und die Strähnen zum Trocknen darauf ausgebreitet. Im Nu war sie hellwach. »Ehrlich, Papa?«, fragte sie. »Wie war sie denn?«

»Ich habe sie geliebt, von ganzem Herzen; ich liebe sie noch immer, so wie ich dich liebe.«

»Erzähl mir von ihr. Erzähl mir etwas von meiner Mutter.«

»Später«, sagte Sam. »Später.« Das sagte er immer.

Dann schaute Olivia stets aufmerksam in den Spiegel und versuchte, ihre Mutter an sich zu entdecken – in ihrem ebenholzschwarzen Haar, ihren geschwungenen Augenbrauen, selbst in der länglichen Form ihrer blauen Augen, die sie von Sam geerbt hatte. Ihre indische und ihre amerikanische Seite.

Jeden Sommer kamen sie von Seattle hier heraus zu dieser Hütte, um sich die langen hellen Abende zu vertreiben, an denen Sam nicht unterrichten musste. Er pflegte zu schreiben, und sie angelte planlos im kühlen Wasser der kleinen Bucht, las oder warf Stückchen für Elsa, bis ihr Vater sein Tagewerk beendet hatte und mit ihr in den Laden oder in die Bibliothek gehen konnte. An Spielgefährten in ihrem Alter mangelte es ihr nicht, aber sie legte keinen Wert darauf; sie wollte die Sommer ausschließlich mit ihrem Vater verbringen. An den meisten Wochenenden kam jedoch Oma Maude zu Besuch; dann aßen sie bei Kerzenschein auf der Veranda im Freien, während der Tag zur Neige ging und am sternenfunkelnden Himmel die Nacht heraufzog.

An manchen Abenden zündeten sie am Strand ein Lagerfeuer an und hüllten sich in eine Decke, während Sam ihr Geschichten erzählte. Dann schlief Olivia in der Wärme seiner Arme ein und wurde erst am Morgen im eigenen Bett wieder wach. Sams Geschichten handelten meist von Indien – Rajas auf reichgeschmückten Elefanten, Kamelmärkte in der Wüste, Basare in einer Orgie aus Farben, das Rattern einer Eisenbahnfahrt, Curry, der in seinem Magen brannte. Hin und wieder, sehr spät abends, wenn es ruhig war und der Regen einsetzte und saftige Goldtropfen ins Licht der Hüttenveranda streute, erinnerte er sich an seine erste Reise nach Burma im April 1942, mitten in den Wirren des Krieges, und das waren Geschichten von dichten, undurchdringlichen Dschungeln, Steinpagoden, von öligem Schweiß, Geschützfeuer und Todesqualen.

Als sie an der Hütte ankommt, hat der Regen wieder eingesetzt; der Himmel ist mit einem fleckigen Grau überzogen, dumpf grollt der Donner über den Cascade Mountains, über der glitzernden Stadt Seattle und löst sich dann in der geschützten Bucht im Pudget Sound auf. Olivia macht Feuer im Ofen, zieht sich den Mantel aus und reibt die kalten Hände aneinander. Dann zieht sie die gewaltige, mahagonifarbene Ledertruhe von der Eingangstür an den Läufer vor dem Ofen. Die verbeulten Messingbeschläge an der Truhe schimmern sanft im Feuerschein. Olivia hebt den Deckel an. Die Truhe ist vor fünf Tagen aus Indien eingetroffen – ein Geschenk zu ihrem einundzwanzigsten Geburtstag, von wem, muss sie erst noch herausfinden. Am selben Tag, als diese Truhe kam, starb ihr Vater, und so muss sie die darin befindlichen Geheimnisse nun allein aufdecken.

Sie zieht an den Seidenstoffen, die obenauf liegen, und der Duft nach Jasmin und Rauch verbreitet sich, aus seiner Gefangenschaft in der Truhe befreit. Der Stoff fließt durch ihre Hände, die Farben sind heute noch so lebhaft, wie sie zur Zeit ihrer Herstellung gewesen sein müssen – das blasse Lila jungen Lavendels; das Rosa schwer duftender Rosen; das Gelb fast reifer Mangos. Olivia drückt die kühle Seide an ihre Brust und fragt sich, wie man sich diese langen Stoffbahnen um den Körper schlingen und dennoch elegant aussehen kann. So wie ihre Mutter einst. An den Stoffen selbst hängt nur der Geruch von Mottenkugeln und Sandelholz – es gibt keinen Hinweis auf die echte, lebende Frau, die diese Saris einst getragen hat und die ihr Vater so sehr liebte, bis zum Schluss, über den er aber nie sprechen konnte. Nicht einmal mit ihrem gemeinsamen Kind, nicht einmal mit Olivia.

Sie greift in die Truhe. In einem emaillierten Kästchen findet sie silberne, schwarz angelaufene Fußkettchen, deren winzige Glocken wie leise Windspiele klingen. In einer faustgroßen, mit altem Elfenbein eingelegten Holzschachtel ist eine schwarze Schnur eingerollt. Sie ist zu dick, um von Hand durchgerissen zu werden, und behängt mit kleinen goldenen Amuletten – ein paar goldene Fäden, eine Münze mit einem eingravierten Hund und ein winziger goldener Zylinder, kaum größer als Olivias Fingernagel. Sie legt sich die Kordel mit den ausgefransten Enden um den Hals, aber sie passt nicht. Also ist es keine Kette. Was dann?

In einem durchsichtigen Briefumschlag stecken Fotos. Briefe. Eine Holzpuppe. Drei holzgeschnitzte Affen, die auf eine Handfläche passen. Olivia zieht ein Foto heraus und betrachtet die Frau darauf. Sie hat einen dichten Haarschopf, markante Wangenknochen, ein freundliches Gesicht und ein liebenswertes Lächeln. Wer ist das? Ist es … Wieder schaut sie auf das Foto, und sehnt sich danach, im Gesicht der Frau etwas zu erkennen, das sie, Olivia, auch besitzt. Doch zwischen dem schmalen, länglichen Gesicht der Frau und dem breiten, runden Olivias besteht nur wenig Ähnlichkeit. Sie haben beide langes Haar, schwarz wie Gewitterwolken, obwohl dieser Zufall kaum eine Abstammung begründen kann. Die Haut der Frau ist glatt, als wäre ihr bislang noch nichts zugestoßen. Sie deutet zwar ein Lächeln an, hat aber die Lippen leicht verzogen, was eine gewisse Unzufriedenheit vermuten lässt. Auf dem Schwarzweißfoto ist weder die Farbe der Bluse noch die des über die linke Schulter der Frau drapierten Saris zu erkennen. Ihr Hals ist unverhüllt; kleine goldene Stecker schimmern an ihren Ohren, und in ihrem Nasenflügel blitzt so etwas wie ein Diamant auf. Olivia dreht das Foto um, aber es offenbart nichts, keinen Namen, nur Datum und Ort sind angegeben. RUDRAKOT, MAI 1942.

Wo ist dieses Rudrakot? Werden die Briefe es ihr verraten? Ein dicker, ungeöffneter Umschlag lehnt an der Seitenwand der Truhe. Im Widerschein des Feuers zeichnet sich ein Stapel Papiere im Innern ab. Die Klebeflecken an der Umschlagklappe sind bräunlich verfärbt.

Auf dem Umschlag steht ein Wort. Nazeera. Etwas an diesem Namen kommt ihr bekannt vor; der Klang ist ihr vertraut. Olivia hat ihn irgendwo gehört, irgendwann, aber diese Erinnerung liegt tief in ihr vergraben. Vorsichtig löst sie die Umschlagklappe und nimmt den Brief heraus. Ihr Herz rast. Er ist an sie gerichtet, an Olivia. Hier gibt es also jemanden, der sie Olivia nennt. Wer ist dann Nazeera? Plötzlich stehen ihr drei Namen vor Augen – Olivia, Nazeera, Padmini. Es sind ihre Namen, die sie bei der Geburt erhielt, von denen sie zwei aber nie benutzt hatte, weder für sich selbst noch anderen gegenüber. Und hier, in dieser länglichen, verschnörkelten Handschrift, mussten die Geschichten niedergelegt sein, die alle Lücken in ihrem Leben füllten, die Geschichten, die Sam ihr nie erzählt hatte, die er für eine Zeit aufgehoben hatte, die es nun nie geben würde. Und nun lagen sie vor ihr.

Draußen vor der Hütte legt sich der Sturm so plötzlich, wie er gekommen ist, doch inzwischen ist die Nacht heraufgezogen. Das Feuer im Ofen spuckt etwas Asche aus, die auf dem Steinherd vergeht. Olivia lehnt sich an die Truhe, alle Schätze daraus um sich verstreut, hält die Papiere ans Licht und fängt an zu lesen.

Meine liebe Olivia,

noch während ich die Tinte zu Papier bringe, frage ich mich, ob Du diesen Brief je lesen wirst. Wenn Du ihn jetzt liest, frage ich mich, wie Du wohl aussiehst, was Du schon über uns alle weißt, ob Du überhaupt etwas weißt. Was hat Sam Dir über uns erzählt?

So viele Fragen. Aber alles, was ich in Erinnerung habe, ist ein lächelndes Baby, ein Grübchen auf der Wange, mit langen Wimpern, die alle Frauen hier bewunderten; sie...



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