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E-Book

E-Book, Deutsch, 252 Seiten

Suter Amerikanerin werden

Tagebuch einer Annäherung
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-85869-806-3
Verlag: Rotpunktverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Tagebuch einer Annäherung

E-Book, Deutsch, 252 Seiten

ISBN: 978-3-85869-806-3
Verlag: Rotpunktverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Nach zwanzig Jahren Bedenkzeit hat sich die Journalistin Lotta Suter endlich entschlossen: Sie will Staatsbürgerin der USA werden, ihre politische Mündigkeit einfordern. Den Entscheid fällt sie kurz nach der Vereidigung Donald Trumps zum Präsidenten und ausgerechnet in dem Museum in Washington, das an die Unterdrückung der Schwarzen in der Geschichte erinnert. Das ist auf den ersten Blick paradox. Was sie an diesem Land am meisten liebt, sind die Weite und der persönliche Bewegungsspielraum. Die Freiheit, heute so und morgen ganz anders zu sein. Doch wie kann man heimisch werden in einem Land, das sich mit Mauern gegen die Außenwelt abschottet? Wie wird man Bürgerin in einem Staat, der hart erkämpfte Bürgerrechte wieder infrage stellt? So freundlich und großzügig die Mitmenschen sind, so gehässig und vergiftet ist das politische Klima in der Hauptstadt. Wie lebt man mit dieser Spannung? Lotta Suter hat ein Jahr lang Tagebuch geführt, um diesen Fragen in ihrer Umgebung und in sich selbst nachzugehen. Dabei verflechten sich unscheinbare Details des Alltags in Vermont und weltpolitische Überlegungen zu einem Sittengemälde der USA von heute.
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Januar 2017


Lily for President!


1. Januar


»First Night« heißt hier in den USA nicht bloß die Premiere im Theater oder im Konzertsaal, sondern auch der Übergang vom alten ins neue Jahr. Für mich ist es das erste Silvester in meiner Wahlheimat Vermont.

Es ist ländlich ruhig hier. Die Landschaft liegt tief verschneit. Ich schnalle meine Schneeschuhe an, rufe meinen Hund und folge den Spuren, die meine sportliche Nachbarin offenbar vor kurzem erst in das weiche Feld gelegt hat. Ich stampfe den Hügel hinauf und blicke zurück auf unser rotes Backsteinhaus mit den grauen Holzschindeln und auf die waldigen Anhöhen, in die es eingebettet ist. Die Aussicht ist nicht so dramatisch wie in den Schweizer Alpen. Die »grünen Berge«, die dem kleinen Bundestaat an der kanadischen Grenze seinen Namen gegeben haben, ähneln dort, wo sie besonders schroff sind, den Voralpen, in sanfteren Regionen erinnern sie an finnische Seenlandschaften. Mir gefällt ganz einfach, wie abwechslungsreich und angenehm die Hügel und Täler für das Auge sind. Wie geborgen ich mich, die ich in einem Tal inmitten von Bergen geboren und aufgewachsen bin, in dieser Landschaft fühle, die die Sicht auf die Welt nicht ganz versperrt, jedoch einrahmt und so die endlose Weite auf ein menschliches Maß reduziert.

Der Himmel ist diesig. Es schneit nur leicht, aber stetig. Mein Hund und ich sind seit ungefähr einer Stunde unterwegs, als ich auf meine Nachbarin und ihren Hund treffe. Sie gesteht mir, dass sie sich verlaufen und jede Orientierung verloren habe. Wir stehen nun vor der Wahl: Wir können auf unseren alten Spuren den sicheren Heimweg antreten. Oder wir können versuchen, uns mithilfe von zwei Mobiltelefonen und verschiedenen Apps in bekannte Gefilde zurückzulotsen. Wir entscheiden uns für die gewagtere, aber auch interessantere zweite Variante. Es ist erstaunlich schwierig, im tiefverschneiten und ziemlich verwilderten Wald Erhebungen und Senkungen auszumachen. Das lückenhafte Funknetz erlaubt uns außerdem nur gelegentliche Blicke auf den digitalen Kompass. Keine Spur von Zivilisation. Bloß Fährten von Rehen, von Hasen, von Vögeln. Die Bären ruhen zurzeit hoffentlich alle in ihrem Winterquartier.

Unvermittelt enden Bäume und Unterholz, und wir stehen in einer kleinen Siedlung mit sauber geräumten Pfaden und bekannten Namen. Es ist schon dämmerig, als wir wieder von der Straße abzweigen und über weite Felder heimwärts ziehen. Jede in ihre eigene gut geheizte Stube. Mit den allerbesten Wünschen zum neuen Jahr.

Ich habe an diesem Silvesternachmittag gelernt, dass ich noch kein sicheres Gespür für meine neue Umgebung entwickelt habe – und dass ich mich in dieser Lage nicht unbesehen auf andere verlassen sollte. Die Erkenntnis ist für mich als gestandene Bergsteigerin und Tourengängerin natürlich nicht neu. Doch die Lektion bedurfte offenbar einer Auffrischung.

Dabei könnte ich es belassen, wenn mein Bezug zum Jahreswechsel nicht hoffnungslos sentimental, ja fast ein wenig abergläubisch wäre. So aber nehme ich den abenteuerlichen Auftakt zur »ersten Nacht« als bedeutsames Omen für mein erstes Jahr in Vermont – das auch mein erstes Jahr unter dem neugewählten Präsidenten Donald Trump sein wird.

3. Januar


»The Twelve Days of Christmas« – gemeint sind die zwölf Weihnachtstage vom 25. Dezember bis zum 6. Januar – ist eines der ersten Lieder in englischer Sprache, die meine Kinder vor zwanzig Jahren nach unserem ersten Umzug in die USA auswendig lernten. Der Zählreim aus dem 18. Jahrhundert nennt immer ausgefallenere Geschenke, die sich der Geliebte für seine Angebetete zu Weihnachten ausdenkt: ein Rebhuhn in einem Birnbaum, zwei Turteltauben, drei französische Hennen, vier Drosseln, fünf goldene Ringe, sechs eierlegende Gänse, sieben schwimmende Schwäne, acht melkende Mägde, neun tanzende Damen, zehn hüpfende Herren, elf pfeifende Pfeifer und zwölf trommelnde Trommler. Zum Vergnügen meiner jungen Sängerinnen und Sänger gab es für sämtliche zwölf Verse – vor allem aber für die eierlegenden Gänse – eine passende Gebärde. Der Versuch, diese kuriosen Liebesgaben in der richtigen Reihenfolge zu gestikulieren, ergab eine ausgelassenere Feststimmung als »Stille Nacht«. Doch wir sangen natürlich auch dieses klassische Weihnachtlied. Außerdem stimmten wir Melodien aus Paul Burkhards »Zäller Wiehnacht« an, die die Kinder noch vom Schweizer Schulbesuch her kannten. »Was isch das für e Nacht! Hät eus de Heiland bracht und us de arme Mänsche riichi gemacht.«

Kulturell mischten und ergänzten sich europäische und amerikanische Festtagstraditionen von Anfang an ziemlich problemlos. Mir gefällt es, dass sich die hier über fast zwei Wochen erstreckt und wir so mehr Zeit haben, um auch entfernter lebende Freunde und Familienmitglieder zu empfangen oder zu besuchen. Wenn Einladungen sehr kurzfristig sind oder wenn sehr viele Gäste kommen, behilft man sich mit einem »Potluck Dinner«, einem Essen, zu dem jeder und jede etwas beisteuert. Das ist nicht immer ein kulinarischer Höhepunkt – Potluck bezeichnet schließlich das, was zufällig gerade im Kochtopf ist. Doch solche spontanen und etwas chaotischen Zusammenkünfte ergeben oft die interessanteste und fröhlichste Gesellschaft. Das habe ich hier in Vermont bereits mehrmals erlebt. Ich nehme mir für das neue Jahr vor, meine gutschweizerischen Bewirtungsansprüche etwas zu lockern und Potlucks im neuen Jahr endlich auch bei mir zu Hause einzuführen!

Bereits kurz nach unserem ersten Umzug in die USA in den Neunzigerjahren hatte ich die Schulkameraden meiner Kinder mit dem Dreikönigskuchen bekannt gemacht; denn auch in einer ausgesprochen antiroyalistischen Gesellschaft wie den USA wird fast jede gerne ab und zu gekrönt und verwöhnt. Unsere Familie lernte schnell, dass der Austausch von lokalem Brauchtum den Integrationsprozess beschleunigen oder überhaupt erst erschließen kann. Das Fremde wirkt in solch folkloristischem Zusammenhang unbedrohlich, die Neugier auf Andersartiges ist geweckt, auch wenn das Andere zunächst eher oberflächlich, ritualisiert und unpolitisch daherkommt.

In diesem Jahr sind die zwölf Weihnachtstage im Familienkreis für mich persönlich auch eine Schonfrist. In nur zwei Wochen wird der im November überraschend gewählte Donald Trump als Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt werden. Ich bin immer noch schockiert, deprimiert und verunsichert. Laut quake ich – nun nicht mehr mit meinen Kindern, sondern zusammen mit meinen schweizerisch-amerikanischen Enkelinnen – als eierlegende Gans. Auf dass die melkenden Mägde, tanzenden Damen, hüpfenden Herren, pfeifenden Pfeifer und trommelnden Trommler bald eine bessere Zukunft verkünden.

5. Januar


Heute Morgen habe ich zum zweiten Mal mit Laura Flanders geskypt. Ich kenne und schätze Laura als Berufskollegin. Die gebürtige Britin kam als junge Frau nach New York und hat sich dort in den letzten dreißig Jahren eine beeindruckende Karriere als unabhängige Medienschaffende aufgebaut. Als mich die Wochenzeitung WOZ Ende Dezember bat, für das vierteilige Monatsinterview im Januar einen geeigneten Gesprächspartner oder noch lieber eine interessante Gesprächspartnerin zu finden, dachte ich gleich an Laura Flanders.

Heute sprechen wir über unsere eigene Arbeit. »Je länger ich journalistisch tätig bin, desto weniger will ich bloß abbilden, was geschieht«, sagt Laura via Skype. »Wir linken Medienschaffenden müssen nicht bloß neue interessante Leute ins öffentliche Gespräch bringen, wir müssen dieses öffentliche Gespräch auch gestalten. Zeigen, wie man Fragen stellt, wie man Informationen herausholt, wie man engagierte Personen und ihre Anliegen miteinander verbindet.« Lauras Traum ist ein internationales Medienportal, das zum großen Teil von den Bewegungen selbst gestaltet wird. Bereits heute moderiert Laura eine wöchentliche Fernsehsendung, die »Laura Flanders Show«, wo sich Aktivistinnen und Aktivisten in langen Gesprächen austauschen. Das widerspricht natürlich den Mediengewohnheiten der Tweet- und Instagram-Generation. Und ich gestehe, dass auch ich selber die nötige Geduld für solch gründliche Diskussionen nicht immer aufbringen kann. Doch dieses Nachdenken ist um einiges gesünder als die fiebrige Aufgeregtheit und der ermüdende Sensationalismus, die die großen Medien seit November verbreiten.

Im ersten Skype-Interview, das aus produktionstechnischen Gründen just heute in der WOZ erscheint, fragte ich Laura Flanders natürlich nach ihrer Reaktion auf die Wahl des Rechtspopulisten Donald Trump. Ich tat es eher ungern, denn bisher haben derartige Gespräche mit Bekannten und Kolleginnen die eigene Mut- und Hilflosigkeit eher noch verstärkt. Auch Laura Flanders begann ihr Fazit in Untergangsstimmung: »Ich komme eben von einem Besuch bei...



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