Suter | Das tausendjährige Bild | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 330 Seiten

Suter Das tausendjährige Bild

Ein Basler Krimi, Historien- und Zukunftsroman
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-3723-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Basler Krimi, Historien- und Zukunftsroman

E-Book, Deutsch, 330 Seiten

ISBN: 978-3-6957-3723-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das tausendjährige Bild. Ein Basler Krimi, Historien- und Zukunftsroman.

Rudolf Suter, Kunsthistoriker, Kunstkritiker, Stadtführer in Basel.
Suter Das tausendjährige Bild jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Konrad Schnitter, 1498–1541


Konrad Schnitter passierte missmutig das Kunos Tor, überquerte den Stadtgraben und betrat neben dem Burghof die St. Alban-Vorstadt. Obwohl er innerlich getrieben war, gab er vor, gemächlich zu gehen. Es war ein heißer und trockener Sommer, und bei der Hitze, die sich jetzt, Anfang August, schon am Morgen ankündigte, wäre sein scheinbar beschaulicher Schritt auch verständlich gewesen. Doch es war nicht die Temperatur, die ihn bremste. Stattdessen wollte Schnitter verhindern, dass das Metall in dem Lederbeutel, den er in seiner Kleidung verbarg, bei einer zu raschen Bewegung klirrte. Zudem hatte er wirklich keine Eile, an sein Ziel zu gelangen. Aber er musste dorthin. Widerwillig bog er links in die steil abfallende Straße ein, die weiter unten im Tal zwischen der Stadtmauer und dem Kloster zu St. Alban verlief, nahm den Durchgang unter dem Gebäude quer zur Straße und ging auf Heinrich Krugs Sägerei am Dalbedych zu.

Er fühlte sich elend und wusste weder aus noch ein. Am liebsten hätte er sich in seinem Haus verkrochen. Dort wäre er vor den Blicken der Menschen geschützt gewesen, doch auch das hätte seine missliche Lage nicht gebessert. Ende des letzten Jahres schon hatte er geglaubt, am tiefsten Punkt seines Lebens angelangt zu sein. Doch nun war er in einen Abgrund geschleudert worden, der geradewegs in den Höllenschlund führte.

Schnitter besaß ein Haus im Stadtzentrum. Er hatte es 1525 noch als junger Mann geerbt. Damals – es war jetzt vier Jahre her – starben seine Eltern aus unerklärlichen Gründen kurz hintereinander. Es hieß, sie seien aus Kummer über ihren missratenen Sohn aus dem Leben geschieden. Sie waren als Holzhändler zu einem bescheidenen Wohlstand gekommen und konnten das Haus günstig kaufen, da der vorige Besitzer in Schulden geraten war und Geld brauchte. Sie waren rechtschaffene Leute, aber der Sohn geriet nicht nach ihrem Wunsch. Er ließ keinen Willen erkennen, ein solides Handwerk zu erlernen. Der Jüngling verdingte sich zunächst als Tagelöhner, einen Tag hier, einen Tag dort. Immer häufiger arbeitete er als Säger in einem Betrieb beim Kloster zu St. Alban. Es trieb ihn nicht dorthin, weil ihm dieses Handwerk besonders gut gefallen oder er eine besondere Geschicklichkeit darin bewiesen hätte. Nein, der Grund lag beim Meister der Sägerei, jedenfalls am Anfang. Heinrich Krug war viel älter als er – er hätte sein Vater sein können –, pflegte aber einen ähnlichen Lebenswandel. Beide waren träge, lagen lieber auf der faulen Haut oder saßen in den Trinkstuben herum, anstatt den ganzen Tag Bretter und Balken zu sägen. Oft reichte es kaum, um den Mönchen im Kloster den Zins für die Sägerei, die Krug als Lehen genommen hatte, zu bezahlen. Kurz nachdem Schnitter zum ersten Mal in der Werkstatt erschienen war, steigerte sich die Anziehungskraft der Sägerei um ein Vielfaches: Er hatte ein Auge auf Krugs Tochter Theresa geworfen. Da er und ihr Vater gute Kumpel waren, hielt er es nicht für unmöglich, dass er dereinst die Einwilligung zur Heirat mit ihr erhalten würde.

Um bei Heinrich Krug einen besseren Eindruck zu schinden, hatte sich Schnitter doch noch für eine Lehre in der Sägerei entschlossen. Als Säger musste er, wie sein Meister, der Zunft zu Spinnwettern beitreten. In den darauffolgenden Jahren wurde er Zeuge, wie die Evangelischen den Ablass verwarfen, einfachere Gottesdienste forderten und die Säuberung der Kirchen von Heiligenbildern verlangten. An einem einfacheren Gottesdienst war ihm zwar nicht gelegen, da er ohnehin nicht oft in die Kirche ging. Er ärgerte sich jedoch über den Zwang, Totenmessen für die verstorbenen Angehörigen lesen zu lassen und auch noch dafür bezahlen zu müssen. Nach dem Tod seiner Eltern waren Priester zu ihm gekommen und hatten ihm mit viel Geschick ins Gewissen geredet, um eine Totenmesse zu stiften. Er fand es auch ungerecht, dass sich Reiche mit dem Ablass freikaufen konnten. Er hingegen musste im Jenseits mit einem längeren Aufenthalt im Fegefeuer oder sogar mit der ewigen Verbannung in der Hölle rechnen – fallses überhaupt stimmte, was die Pfaffen über das Leben nach dem Tod predigten.

Über Mönche und Nonnen ärgerte er sich. Krugs Sägerei gehörte dem Kloster zu St. Alban. Während sein Meister Zinsen an das Kloster und er selbst Steuern an die Stadt entrichten musste für das Wenige, das er verdiente, konnten die Mönche sich den Wanst vollschlagen. Er musste jeden Tag um sein Überleben kämpfen, das heißt, er musste dafür sorgen, dass er etwas zu essen kaufen und sein geerbtes Haus unterhalten konnte. Darüber hinaus musste er die Zeche in den Trinkstuben und die Dirnen bezahlen. Die Mönche arbeiteten zwar auch, aber sonst hatten sie den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als zu beten und sich einem sorgenlosen Leben hinzugeben. Er hätte nichts dagegen gehabt, wenn Mönche und Nonnen aus der Welt verschwunden wären. Außerdem spekulierten sein Meister und er darauf, dass sie sich die Sägerei kostenlos unter den Nagel reißen könnten, nachdem die Mönche nach einer vollzogenen Reformation davongejagt worden wären.

Wie andere Zünfte bestimmte auch seine Zunft, dass ein junger Mann erst nach vielen Lehrjahren heiraten durfte. Daher begann er, nachts die käuflichen Frauen auf dem Kohlenberg aufzusuchen. In dieser Gegend fand er neben Dirnen auch Kumpane, mit denen er trinken und spielen konnte. Oft verlor er Geld, doch ab und zu gewann er auch, was ihn dazu anstachelte wiederzukommen.

Eine Zeit lang trieb ihn die Leidenschaft für eine ganz bestimmte Liebesdienerin auf den Kohlenberg. Magdalena war hübsch, modebewusst, trug ihre Stirn nackt, mit ausrasierten Haaren, war weit herumgekommen und wusste viel, viel mehr als Schnitter. Sie war anders als die anderen. Bei ihr hatte er das Gefühl, eine Stütze zu haben. Wenn er nicht weiterwusste, fragte er sie um Rat. Meistens konnte sie ihm helfen. Er ging häufig zu ihr, nicht nur weil ihn ihre weiblichen Reize lockten, sondern um einen Menschen zu haben, mit dem er reden und der ihm Hilfe geben konnte.

Eines Nachts erzählte sie ihm ihre Lebensgeschichte. Als junges Mädchen lebte sie in einer weit entfernten Stadt. Dort diente sie bei wohlhabenden und frommen Leuten als Magd. Sie und Heinz, der gleichaltrige Sohn der Familie, verliebten sich heftig ineinander, und er verbrachte die Nächte heimlich in ihrer Kammer. Als sie schwanger wurde, wurde sie von Heinz’ Eltern verstoßen. Heinz wollte Magdalena heiraten und mit ihr weggehen, wenn sie fortgeschickt würde. Doch die Eltern blieben hart: Dass er ihr folgen wolle, sei der Beweis, dass sie ihn verhext habe. Sie hätten ihren Sohn im reinsten christlichen Sinne erzogen, und er ließe sich niemals von sich aus mit so einer Metze ein. Sie zwangen Heinz, im Haus zu bleiben, und drohten Magdalena, sie als Hexe anzuklagen, falls sie nicht freiwillig die Stadt verließe.

Wegen ihres unehelichen Kindes musste Magdalena in Schimpf und Schande leben. Das Kind starb im Alter von drei Jahren. Sie aber wurde weiterhin geächtet. Sie wechselte häufig die Stadt, arbeitete mal hier, mal dort, hatte aber oftmals nicht genug zu essen. Es kam vor, dass sie aus Hunger stahl. Sie wurde deswegen ins Gefängnis geworfen und nachher aus der Stadt vertrieben. In der Verzweiflung ließ sie sich von einem Frauenwirt anwerben. Sie liebte diese Arbeit nicht, aber als junge und hübsche Frau war sie bei den Männern begehrt, und sie konnte sich ein halbwegs gutes Leben leisten. Sie hielt es nie lange am gleichen Ort aus, zog von einer Stadt in die andere und begleitete auch Reisläufer in die Schlacht. Dann verschlug es sie nach Basel, wo sie im Frauenhaus auf dem Kohlenberg aufgenommen wurde. Sie hätte auch die Möglichkeit gehabt, ihr Gewerbe reuig aufzugeben und in ein Kloster einzutreten. Doch seit der Erfahrung mit Heinz’ Eltern hielt sie nichts mehr von einem frommen Leben, und die Zurückgezogenheit in einem Kloster entsprach auch gar nicht ihrer Natur. Eigentlich sei sie lebens- und abenteuerlustig, gestand sie, und ihre Arbeit als Dirne gewähre ihr kein schlechtes Einkommen, das überdies vom Gesetz geschützt sei. Dieses sorge dafür, dass sie weder ausgenutzt noch übers Ohr gehauen werde, etwa wenn sie Kleider kaufen wolle. Die Frauenwirtin besorge ihr die Kleider und dürfe nichts daran verdienen.

Schnitter war gerührt von Magdalenas Schicksal. Da Heinrich Krugs Einwilligung in die Ehe mit Theresa nach wie vor unsicher war – der Vater setzte offensichtlich auf eine lukrativere Partie für seine Tochter –, erwog er ernsthaft, Magdalena zu heiraten, wenn er denn einst die Erlaubnis dazu erhalten sollte. Doch eines Tages eröffnete sie ihm, dass sie sich verpflichtet habe, Söldnern zu folgen, und Basel bald verlassen werde. Nach ihrer Abreise sah er sie nie mehr wieder und erhielt auch keine Nachricht mehr von ihr. Er konnte nichts über ihr Schicksal in Erfahrung bringen. Er wusste nicht, ob sie bei einer Schlacht, die ihre Soldaten verloren hatten, umgekommen oder nach dem Ende der Verpflichtung in eine weitere fremde Stadt gezogen war. Schnitter fühlte sich verlassen.

Auf dem Kohlenberg machte Schnitter auch Bekanntschaft mit Dieben. Sie...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.