E-Book, Deutsch, 312 Seiten
Suter Schwindelfrei
erste Auflage 2017
ISBN: 978-3-85990-324-1
Verlag: Edition 8
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 312 Seiten
ISBN: 978-3-85990-324-1
Verlag: Edition 8
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ist Reichtum nur ehrlich erworben, wenn harte Arbeit dahinter steckt? Tom Vonwiller würde das verneinen. Seinen fast märchenhaften Aufstieg zum Immobilienkönig, Financier und Mäzen von Start-ups verdankt er einer guten Nase, dem sicheren Gespür für die Balance zwischen Risiko und Voraussicht – und beinahe unverschämtem Glück.
Tom ist der Sohn einer ledigen Mutter aus gutem Haus, die ihren Fehltritt mit dem Ausschluss aus der Familie büssen musste, und er wächst daher in einfachen Verhältnissen auf. Trotzdem eignet er sich spielerisch vollendete Umgangsformen an und damit ein Auftreten, das ihm alle Wege ebnet. So fällt ihm unverhofft aus dem Nachlass einer reichen Freundin eine Villa am Zürichberg zu, die zum Grundstein für sein Vermögen wird.
Absichtslos und mit der sicheren Eleganz eines Seiltänzers schafft er Schritt für Schritt in seiner Karriere zum jüngsten Multimillionär der Stadt – bis eine unerwartete Wendung ihm Bodenkontakt aufzwingt: Plötzlich muss er sich einer Verantwortung stellen, die sein bisheriges Leben gehörig durcheinanderwirbelt.
Mit dem Roman Schwindelfrei, den Daniel Suter vor seinem Tod noch fertiggestellt hat, findet die ›Zürcher Trilogie‹ ihren Abschluss. Diese zeichnet Porträts aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft: einen Banker (›Der Insider‹), der in den folgenden Romanen als Nebenfigur auftritt, einen hohen Beamten (›Die ägyptische Tochter‹) und hier den Geschäftsmann. In allen drei Büchern zeigt sich der Autor als profunder Kenner der Stadt.
Zielgruppe
alle
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Villa Korrodi »Thomas, wir müssen etwas ändern«, sagte Franziska. Wir lagen nebeneinander auf dem Rücken und starrten an die Dachschräge meiner Mansarde. »Und was?« Ich drehte den Kopf und küsste ihre Schulter. Unwillig entzog sie sich mir. »Mir ist es ernst. Jetzt, wo Roger in London ist, kannst du nicht mehr hierbleiben. Das würde auffallen.« So erschrocken fuhr ich auf, dass Franziska halb abgedeckt wurde. »Du schmeisst mich raus?« »Jetzt hör doch erst mal zu.« Seufzend fischte sie ihren BH vom Hocker neben dem Bett. Zum Schliessen beugte sie sich leicht vor und eine Schraffur waagrechter Fältchen umgürtete ihren flachen, sommerbraunen Bauch. »Ich habe was anderes für dich.« Sie schwang ihre Beine aus dem Bett und drehte mir den Rücken zu; als sie aufstand, spannte sich schon der schwarze Slip über ihren Hintern. »Du könntest am Zürichberg oben wohnen, im Haus meiner Tante.« Und während sie sich mit knappen Bewegungen ankleidete, erfuhr ich, dass sie schon mit ihrer Tante gesprochen hatte und diese bereit war, mich kennenzulernen. »Also, überleg es dir. Du kannst mir morgen sagen, ob dich das Angebot interessiert. Und wegen dem Ausziehen – ich lass dir schon Zeit, bis du was gefunden hast. Tschüss.« Nackt und verlassen sass ich auf meinem Bett in der Mansarde, die ich bald verlieren sollte. Andererseits: Zürichberg? Wo die wirklich Reichen wohnen? Das klang wie eine Verheissung. Tatsächlich war es eine Villa, vor der mich Franziska an einem Samstagnachmittag ablud. »Und sag Tante Stéphanie, es tue mir leid, aber das Geschäft … sag: ein Notfall – ach, dir wird schon was einfallen.« Damit liess sie mich auf der Aurorastrasse zurück. Das Erste, was mir auffiel, war die Totenstille hier oben. Kein Verkehrslärm, kein Stadtleben, keine menschliche Stimme war zu hören. Auch kein Spatzenkeifen oder Taubengurren. Nur diese Stille rings um mich her. Schweigende Häuser hinter Mauern und Hecken. Die Villa der Tante lag bergseits und sah mit spitzer Dachhaube wie eine Nonne auf mich herab. Vom schmiedeeisernen Gartentor führte eine steile Treppe zwischen den Büschen des Vorgartens hoch zur Haustür. »H. & S. Korrodi-Robert« stand am altersdunklen Metallschild neben der Klingel. »Ja? Sie wünschen?« In der halboffenen Tür stand ein dürrer Mann mit Habichtaugen unter gesträubten Brauen. Darauf war ich nicht vorbereitet. Franziska hatte immer nur von der Tante gesprochen, nie aber von ihrem Mann. Meine hellrosa Rosen waren für eine Dame bestimmt, nicht für den Hausherrn. »Guten Tag, Herr Korrodi, ich bin …« »Ich bin nicht Herr Korrodi«, unterbrach er schroff und wollte die Tür gleich wieder schliessen. Durch den verengenden Spalt rief ich: »Franziska Hardegger schickt mich – zu ihrer Tante muss ich …« Der Alte reckte seinen Rücken. So, wie er mir die Tür aufhielt und beiseite trat, musste er eine Art Butler sein. »Merci, Monsieur Hänni«, hörte ich eine weiche Frauenstimme mit französischem Akzent aus den unsichtbaren Tiefen der Höhle. Madame Stéphanie Korrodi – auch ihr Name hatte einen Akzent – empfing mich im Salon. Vom Sofa aus streckte sie mir eine Hand entgegen, von der tiefblaue Steine eines goldenen Armbandes wie reife Beeren herabhingen. Eine verwirrte Sekunde lang dachte ich, sie erwarte vielleicht einen Handkuss. Ich verbeugte mich und drückte die Hand nur sachte. Weich und unterkühlt war sie, als reichte das Blut nicht mehr so weit hinaus. Warm aber war das Lächeln von Madame, und wehmütig blickten die grauen Augen auf meinen Strauss. »Mon Dieu, so schöne Rosen hat mir schon lange keiner mehr gebracht.« Franziska hatte es übertrieben gefunden und mich ausgelacht, mit den sieben langstieligen Rosen käme ich wie ein Liebhaber daher oder wie ein Heiratsschwindler. Aber ich wollte einen guten Eindruck machen und ich war überzeugt, dass jemand, der an der Aurorastrasse oben wohnte, den Unterschied zwischen einem billigen und einem teuren Strauss sofort erkannte. Und wie sich erwies, hatte ich mich nicht geirrt. Madame Korrodi schloss mich von Beginn an ins Herz. Umgekehrt erging es auch mir so. Diese alte Dame mit ihren neugierigen Augen und mit dem spitzen Hexenkichern hätte ich mir als Grossmutter gewünscht. Eine liebe Hexe, keine böse, wie meine richtige Grossmutter. Wir tranken Tee, den uns Monsieur Hänni servierte. Er war ein ehemaliger Chef de Service des Waldhauses Dolder, wo er Madame Korrodi regelmässig bedient hatte. Seit seiner Pensionierung kam er an drei Nachmittagen der Woche in ihre Villa- und füllte die Vorräte auf. Er war auch der Grund, weshalb Madame Korrodi mich kennenlernen wollte. Herrn Hännis alter Rücken durfte keine schweren Einkaufstaschen mehr tragen; zu seiner Entlastung suchte sie deshalb einen jungen Mann. Dass es ganz praktisch sein könnte, wenn dieser gleich bei ihr in der Villa wohnte, hatte sie erst nach Franziskas Anruf bedacht. »Selbstverständlich müssen Sie für das Zimmer nichts bezahlen, und für Ihre Arbeit bekommen Sie einen Lohn.« Das traf bei mir einen empfindlichen Nerv. Almosen hatte ich nicht mehr nötig, ich verdiente keinen Lehrlingslohn mehr, sondern das stattliche Anfangsgehalt eines Junior-Anlageberaters. Damit hätte ich mir durchaus eine kleine Wohnung in einem Aussenquartier leisten können, jedoch keine an dieser guten Adresse. »Vielen Dank, aber das könnte ich nicht annehmen. Es wäre nicht richtig, wenn … Verstehen Sie mich nicht falsch: Gerne kaufe ich für Sie ein, das habe ich schon bei Fran – Frau Hardegger gemacht. Aber fürs Wohnen möchte ich Ihnen gerne Miete zahlen. Sonst komme ich mir vor wie … wie ein …« »… wie ein Knecht? Ja, ich verstehe.« Ich hatte zwar um das Wort Diener herum gesucht, aber Knecht traf es genauer. Ich konnte nur stumm nicken. »Also machen wir einen Vertrag – aber vielleicht gefällt Ihnen das Zimmer gar nicht?« Ihr Lachen hüpfte auf Zehenspitzen. »Sie haben es ja noch nicht gesehen. Kommen Sie.« Keine Dienstbotenkammer im Dachgeschoss war es. Solche gab es auch, sogar drei davon, wie ich später merkte. Aber die alte Dame zeigte mir ein Eckzimmer im Erdgeschoss, gleich neben dem Salon. Es musste einmal das Esszimmer gewesen sein, verbunden durch die Schiebetür, die ich im Salon gesehen hatte. Auf dieser Seite aber war der Durchgang von einer weissen Holzplatte verdeckt, die in die Türfüllung geschraubt war, und davor stand ein breiter Bauernschrank mit verblasstem Blumendekor. Sonst war das Zimmer leer. Von zwei Seiten flutete so viel Licht herein, dass die weissen Wände blendeten, und honigwarm schimmerte das alte Parkett. In der Luft hing der säuerliche Duft frischer Dispersionsfarbe, grundiert von herbem Bohnerwachs. »Ich habe es ein bisschen zurechtmachen lassen. Das Zimmer meines Mannes, in seinen letzten drei Jahren. Er war im Rollstuhl.« Sie zeigte auf den Spalt unter der Tür. »Keine Schwelle. Aber nächste Woche bringt der Schreiner eine neue.« Mir wurde etwas unbehaglich. »Und Sie sind sicher, dass Sie dieses Zimmer …« »Absolument! Hohe Zeit, dass es endlich wieder lebt! Ich wusste nur nicht, wie – da hatte Franziska die Idee … Gefällt es Ihnen?« »Ja, schon … Doch! Sehr sogar.« »Sie dürfen auch Besuch mitbringen.« Leicht anzüglich kicherte sie. »Wir waren auch keine Schäfchen, mein Herbert und ich.« Ich schrak zusammen. Wusste sie von Franziska und mir? »Nein, ich glaube … Nein, Besuche habe ich eher keine.« Ich vermied es, in diese listigen Augen zu blicken. Ende September zog ich vom Römerschloss in die Villa Korrodi, wie ich meine neue Adresse nannte und auch in meinen neuen Stempel setzen liess. Schweizerhof »Ich ruf dich an. Irgendwann. Im Büro«, sagte Franziska, als ich ihr die Schlüssel abgab. Ein Streifkuss links-rechts-links war der Abschied, so flüchtig, dass auch Roger ihn hätte sehen dürfen. »Und sei nett zu meiner Tante Stéphanie!«, rief sie mir noch ins Treppenhaus nach. Die Entscheidung über das Wie und Weiter unserer Verbindung überliess ich ihr. Nicht dass Franziska mir gleichgültig oder ich ihrer gar überdrüssig geworden wäre, nein, mir war ausgesprochen wohl in dieser Balance zwischen Vertrautheit der Körper und Fremdheit der Seelen. Nie redeten wir über unsere Gedanken oder Gefühle, es zählte nur, was unsere Leiber wollten, und dafür brauchte es kaum Worte. Dass diese gebieterische Frau nach mir verlangte, schmeichelte mir sehr. Bald schon nicht mehr Lehrling,...




