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Sutherland | House of Hollow - Ein Horror-Fantasy-Roman | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Sutherland House of Hollow - Ein Horror-Fantasy-Roman


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98676-229-2
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

ISBN: 978-3-98676-229-2
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Als Iris und ihre älteren Schwestern Vivi und Grey noch Kinder waren, ist ihnen etwas zugestoßen, an das sie sich nicht erinnern können. Sie verschwanden einen ganzen Monat lang.
Danach veränderten sie sich: Zuerst wurden ihre dunklen Haare weiß, dann färbten sich ihre blauen Augen langsam schwarz …
Die Menschen finden die Hollow-Mädchen beunruhigend schön und irgendwie gefährlich.
Iris ist inzwischen 17. Sie hat versucht, die dunklen Erinnerungen zu verdrängen, die in ihr lauern wie klebriger Teer. Doch als Grey spurlos verschwindet, erwacht die Wahrheit und Iris begreift: Grey hat all die Jahre vor ihren jüngeren Schwestern ein schauriges Geheimnis verschwiegen. 

Melissa Albert: »Dieses eindringliche moderne Märchen wird Sie wie ein glitzernder Nebel einhüllen, bevor es Ihnen an die Gurgel geht.« 

PopSugar: »Wunderbar gruselig und voll beunruhigender übernatürlicher Schnörkel.« 

Kirkus Reviews: »Eine rasante Geschichte, die Themen wie Trauer und Verlust mit Elementen der Folklore und sehr einfallsreichen Body-Horror verbindet. Das allgegenwärtige Gefühl des Grauens steigert sich bis zu einer schockierenden Wendung.«

Publishers Weekly: »Sutherlands düsteres Werk strotzt vor unheimlicher Atmosphäre.« 

Dawn Kurtagich: »Ein berauschender, herrlich grotesker Fiebertraum voll unerträglichem Gestank von Aasblumen, verwunschenen Waldwegen und Türen, die nirgendwohin führen. Ein wunderschön geschriebenes, süchtig machendes, düsteres Märchen mit Hörnern!«

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Weitere Infos & Material


1

Mir stockte der Atem, als ich das Gesicht meiner Schwester sah, das mich vom Boden aus anstarrte.

Greys schmale, hakenförmige Narbe war nach wie vor das Erste, was einem an ihr auffiel, und direkt danach, wie schmerzhaft schön sie war. Die Vogue – ihr drittes US-Cover in ebenso vielen Jahren – musste mit der Post gekommen und mit ihrem Gesicht nach oben direkt auf dem Flurläufer gelandet sein, wo ich sie im silbrig-geisterhaften Morgenlicht vorfand. Der Schriftzug ›Die Geheimnisvolle‹ schwebte in Moosgrün darunter. Ihr Körper war dem Fotografen zugewandt, ihre Lippen zu einem Seufzer geöffnet, die schwarzen Augen blickten direkt in die Kamera. Ein Geweih erhob sich aus ihrem weißen Haar, als wüchse es aus ihrem Kopf empor.

Für einen kurzen, bestrickenden Moment hatte ich geglaubt, sie wäre tatsächlich leibhaftig hier. Die berühmte, berüchtigte Grey Hollow.

In den vier Jahren, seit sie unser Zuhause verlassen hatte, war meine älteste Schwester zu einer hauchzarten Frau herangewachsen, mit Haaren wie Zuckerwatte und einem Gesicht, das der griechischen Mythologie entsprungen sein könnte. Selbst auf statischen Bildern hatte sie etwas Durchsichtiges, Flüchtiges an sich, so als würde sie jeden Moment in den Äther aufsteigen und sich wie Dunst auflösen.

Vielleicht war das der Grund, wieso die Journalisten sie ständig als ätherisch beschrieben, auch wenn Grey für mich immer eher diesseitig und erdnah gewesen war. Kein Artikel erwähnte je, dass sie sich im Wald am meisten zu Hause fühlte oder wie gut sie darin war, Dinge zum Wachsen zu bringen. Pflanzen liebten sie. Der Blauregen draußen vor ihrem Zimmer war nachts oft durch das offene Fenster hereingeschlängelt und hatte sich um ihre Finger gerankt.

Ich hob die Zeitschrift vom Boden auf und blätterte zur Titelstory vor.

Grey Hollow hüllt sich in ihre Geheimnisse wie in feinste Seide.

Als ich die Designerin in der Lobby des Lanesborough Hotels treffe (Hollow lässt Journalisten niemals in die Nähe ihres Apartments, und wenn man den Gerüchten glauben darf, veranstaltet sie auch keine Partys oder lädt Gäste zu sich ein), trägt sie eine ihrer eigenen, charakteristisch rätselhaften Kreationen. Überladen mit Stickereien und Hunderten von Perlen, mit Garn, das aus echtem Gold gesponnen wurde, und einem Tüllstoff, der so leicht ist, dass er wie Rauch um sie schwebt.

Hollows Couture wird gern als Mischung aus Märchen und Nachtmahr beschrieben, eingehüllt in einen Fiebertraum. Ihre Roben sind voller Blätter und welkender Blüten, auf dem Catwalk tragen ihre Models Geweihe von Rehkadavern und die Pelze gehäuteter Mäuse, und sie besteht darauf, dass ihre Stoffe über Holz geräuchert werden, bevor die Schnitte daraus entstehen, sodass ihre Modenschauen vom Duft eines Waldbrands durchzogen sind.

Hollows Kreationen sind wunderschön und dekadent und seltsam, aber es ist das Verborgene, die Heimlichkeit, die ihren Stücken innewohnt, was sie so rasch so berühmt gemacht hat. Geheime Botschaften sind von Hand ins Futter einer jeden Robe gestickt – aber das ist längst nicht alles. Stars berichten, dass sie eingerollte Papierfetzen gefunden haben, die in die Verstärkung ihres Mieders eingenäht waren, dass neben Edelsteinen auch geschnitzte Knochensplitter tierischen Ursprungs an den Kleidern appliziert oder Runensymbole mit Geheimtinte aufgemalt und Miniaturphiolen mit Parfüm eingenäht wurden, die mit einem Knacken wie Leuchtstäbe brechen, wenn die Trägerin sich in dem Kleid bewegt, und Hollows gleichnamigen, berauschenden Duft freisetzen. Die Bildsprache, die sich in ihren Stickereien findet, ist fremdartig, bisweilen verstörend. Man denke an Blumen, die ihren genetischen Code sichtbar auf den Blütenblättern zeigen, oder skelettierte Minotauren mit Gesichtern ohne Haut.

Genau wie ihre Schöpferin ist jedes dieser Stücke ein komplexes, verschachteltes Rätsel, das geradezu darum bettelt, gelöst zu werden.

An dieser Stelle hörte ich auf zu lesen, denn ich wusste bereits, was im Rest des Artikels stehen würde. Ich wusste, darin würde etwas über die Sache stehen, die uns als Kindern zugestoßen war, über den Vorfall, an den sich keine von uns erinnern konnte. Ich wusste, es würde etwas über meinen Vater drinstehen, über die Art und Weise, wie er gestorben war.

Ich berührte die Narbe an meiner Kehle mit den Fingerspitzen. Jene Narbe, die ich mit Grey und Vivi gemeinsam hatte. Die Narbe, bei der sich keine von uns erinnern konnte, wie sie uns zugefügt worden war.

Ich nahm die Zeitschrift mit hinauf in mein Zimmer und schob sie unter mein Kissen, damit meine Mutter sie nicht fand, sie nicht in der Küchenspüle verbrannte wie die letzte.

Bevor ich das Haus verließ, öffnete ich die Find-Friends-App und überprüfte, ob sie eingeschaltet war und meinen Standort übertrug. Für meine allmorgendlichen Laufrunden war es Bedingung, dass meine Mutter meinen kleinen, orangefarbenen Avatar verfolgen konnte, während er in Hampstead Heath umherhüpfte. Tatsächlich war es Bedingung, wenn ich das Haus verlassen wollte, dass meine Mutter meinen kleinen, orangefarbenen Avatar verfolgen konnte, während er wo auch immer umherhüpfte. Cates eigener Avatar schwebte immer noch weiter südlich an der gleichen Stelle, beim Royal Free Hospital, weil ihre Schwesternschicht in der Notaufnahme sich wie üblich in den Überstundenbereich hinzog.

Ich lauf jetzt los, schrieb ich ihr.

Okay, ich hab dich im Blick, kam ihre umgehende Antwort. Schreib mir, wenn du wieder sicher zu Hause bist.

Ich trat hinaus in die winterliche Kälte; es war noch vor der Morgendämmerung.

Wir wohnten in einem hohen Haus mit Spitzdach, die Fassade mit weißem Stuck verziert und von Bleiglasfenstern durchsetzt, die mich an Libellenflügel erinnerten. Die letzten Schatten der Nacht hingen noch unter den Dachvorsprüngen und sammelten sich wie Pfützen unter dem Baum in unserem Vorgarten.

Es war nicht die Art von Haus, die sich eine alleinerziehende Mutter mit einem Schwesterngehalt unter normalen Umständen leisten könnte, aber es hatte den Eltern meiner Mutter gehört, die beide bei einem Autounfall starben, als sie mit Grey schwanger war. Sie hatten es zu Beginn ihrer Ehe erworben, während des Zweiten Weltkriegs, als die Grundstückspreise in London aufgrund der Bombenangriffe eingebrochen waren. Sie waren damals noch Teenager, kaum älter als ich heute. Das Haus war einst erhaben und prachtvoll gewesen, allerdings hatte die Zeit es absinken und sich ducken lassen.

Auf meinem Lieblingsfoto des Gebäudes, das irgendwann in den 60ern in der Küche aufgenommen worden war, lag der Raum im prallen, trägen Sonnenlicht; die Art von Licht, das in den Sommermonaten stundenlang nachklingt und an den Baumkronen klebt wie goldene Heiligenscheine. Meine Großmutter blickte mit zusammengekniffenen Augen in die Kamera, ein Kaleidoskop aus glitzerndem Grün auf ihrem Gesicht, das von einem Buntglasfenster hervorgezaubert wurde, das inzwischen längst zerbrochen war. Mein Großvater stand neben ihr, hatte den Arm um sie gelegt, eine Zigarre im Mund, der Gürtel seiner Hose saß sehr hoch, und er trug eine Aschenbecherbrille auf der Nase. Die Luft um sie herum schien warm und dunstig, und meine Großeltern lächelten beide. Sie sahen gelassen aus, entspannt. Wenn man ihre Geschichte nicht kannte, konnte man glauben, dass sie glücklich waren.

Meine Großmutter war viermal schwanger gewesen, hatte viermal ausgetragen, aber nur ein lebendiges Baby zur Welt gebracht, und das ziemlich spät: meine Mutter Cate. Die Zimmer dieses Hauses waren für Kinder gedacht gewesen, aber leer geblieben, und meine Großeltern hatten nicht lange genug gelebt, um mitzubekommen, wie ihre Enkelkinder geboren wurden. In jeder Familie gibt es Dinge, über die nicht gesprochen wird. Geschichten, von denen man weiß, ohne genau zu wissen, woher man davon weiß. Erzählungen über schreckliche Dinge, die lange Schatten werfen, über die Generationen hinweg. Adelaide Fairlights drei tot geborene Babys machten eine solche Geschichte aus.

Eine weitere war die Sache, die uns zustieß, als ich sieben war.

Ich hatte noch nicht einmal das Ende der Straße erreicht, als Vivi anrief. Ich nahm den Anruf über meine AirPods entgegen, denn ich wusste, dass sie es war, ohne auf mein Display zu schauen.

»Hey«, sagte ich. »Du bist ja früh auf. Es kann doch noch nicht Mittagszeit sein in Budapest.«

»Haha.« Vivis Stimme klang gedämpft, abgelenkt. »Was tust du gerade?«

»Ich bin eine Runde laufen. Du weißt schon, das, was ich jeden Morgen tue.« Ich wandte mich nach links und rannte den Fußweg entlang, vorbei an leeren Sportplätzen und den Gerippen der Bäume, die hoch aufragten, nackt und bloß in der Kälte. Es war ein grauer Morgen, und die Sonne gähnte träge in den Himmel hinein, halb verhüllt hinter einem Bahrtuch aus Wolken. Die Kälte stach wie feine Nadeln, wo sie freiliegende Haut fand, ließ meine Augen tränen und meine Ohren mit jedem Herzschlag schmerzen.

»Igitt«, machte Vivi. Ich hörte eine Flugansage im Hintergrund. »Wieso tust du dir so was an?«

»Ist der letzte Schrei, um die Herzkranzgefäße gesund zu halten. Bist du am Flughafen?«

»Ich komme doch heute mit dem Flieger für einen Gig nach London, schon vergessen? Bin gerade gelandet.«

»Nein, davon weiß ich nichts. Hast du mir definitiv nicht erzählt.«

»Ich bin sicher, das habe ich.«

»Nee, negativ.«

»Egal, ich bin jedenfalls hier, und Grey kommt ebenfalls heute mit dem...


Sutherland, Krystal
Krystal Sutherland stammt ursprünglich aus Australien, lebte u. a. in Amsterdam und Hongkong und wohnt derzeit in London.
Ihr erster Roman OUR CHEMICAL HEARTS wurde in über 20 Ländern veröffentlicht und 2020 mit Lili Reinhart und Austin Abrams verfilmt. Auch ihre weiteren Romane wurden Bestseller.

Ihre Website: www.krystalsutherland.com/



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