E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Sutherland Wer fliegen will, muss schwimmen lernen
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-23487-4
Verlag: cbj
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman - Verfilmung „Chemical Hearts“ ab 21.08.2020 auf Amazon Prime Video verfügbar
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
ISBN: 978-3-641-23487-4
Verlag: cbj
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Herzklopfen, Schlaflosigkeit, Gefühlschaos. Wenn man sich verliebt, steht die Welt Kopf. Aber als Henry auf Grace trifft, ist alles anders. Sie ist so gar nicht, wie er sie sich vorgestellt hat, seine erste große Liebe. Doch ihre Zerbrechlichkeit und ihr Anderssein machen sie in Henrys Augen nur noch schöner. Und er verliebt sich in sie. Unsterblich, bedingungslos. Aber Grace verbirgt etwas vor ihm, ein tragisches Geheimnis, das zwischen ihnen steht …
„Wer fliegen will, muss schwimmen lernen“ ist das mitreißende Debüt von Krystal Sutherland, die durch ihren außergewöhnlichen Stil begeistert. Ein bewegender Roman über die erste Liebe – witzig und tragisch-schön zugleich.
Die Hardcover-Ausgabe erschien unter dem Titel »Unsere verlorenen Herzen« bei cbt.
Krystal Sutherland ist in Townsville, Australien, geboren und aufgewachsen, einem Ort, der noch nie einen Winter gesehen hat. Bevor sie 2011 nach Sydney zog, lebte sie in Amsterdam, wo sie als Auslandskorrespondentin gearbeitet hat, und in Hongkong. Krystal war auf der Shortlist für den Queensland Young Writers Award. Sie hat keine Tiere und keine Kinder, dafür aber ein Hollandrad mit dem Namen Kim Kardashian, und einen kleinen, aufblasbaren Dinosaurier namens Herbert. Ihr Debütroman war auf Anhieb ein großer Erfolg, wurde in mehr als zwanzig Länder verkauft und unter dem Titel »Chemical Hearts« mit Lili Reinhart verfilmt.
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Kapitel 3
Grace wartete schon vor Hinks Büro, als ich dort eintraf. Wieder trug sie Jungsklamotten, allerdings nicht dieselben wie gestern. Aber heute sah sie etwas sauberer und gesünder aus. Ihre blonden Haare waren frisch gewaschen und gebürstet. Die Wirkung war enorm, auch wenn ihr Haar jetzt völlig ungleichmäßig über ihre Schultern fiel und aussah, als hätte sie es eigenhändig mit einer rostigen Gartenschere geschnitten.
Ich setzte mich neben sie auf die Bank und war plötzlich so verlegen, dass ich nicht mehr wusste, wie man sich lässig hinsetzt, weshalb ich erst mal nachdenken musste, was ich mit meinen Armen und Beinen anstellen sollte. Ich brachte keine anständige Pose zustande, also beugte ich mich unbeholfen nach vorne, mit dem Ergebnis, dass mein Nacken wehtat. Aber ich traute mich nicht, mich noch mal zu bewegen, weil ich merkte, dass sie mich von der Seite ansah.
Grace hatte die Knie bis zur Brust hochgezogen und den Stock zwischen die Beine geklemmt. Sie las in einem Buch, dessen abgegriffene Seiten so gelblich waren wie von Kaffee verfärbte Zähne. Ich konnte den Titel nicht entziffern, sah aber, dass es ein Gedichtband war. Grace bemerkte, dass ich ihr über die Schulter blickte, und ich rechnete damit, dass sie das Buch zuklappen oder es wegdrehen würde, aber stattdessen hielt sie es so, dass ich besser hineinschauen konnte.
Das Gedicht, das sie gerade las – und offenbar nicht zum ersten Mal, denn die Seite hatte ein Eselsohr, diverse Essensflecke und war auch sonst ziemlich ramponiert –, war von einem Typen namens Pablo Neruda, den ich nicht kannte. Es hieß »Ich liebe dich nicht«, das machte mich neugierig. Ich fing an zu lesen, obwohl nicht mal Hink es bisher geschafft hatte, mich für Lyrik zu begeistern.
Zwei Verse waren mit Leuchtstift markiert:
Ich liebe dich, wie man gewisse dunkle Dinge liebt,
heimlich, zwischen Schatten und Seele.
Im diesem Moment kam Hink aus seinem Büro, und Grace schlug das Buch zu, sodass ich nicht weiterlesen konnte.
»Ah, schön, ihr habt euch schon kennengelernt«, sagte Hink, als er uns nebeneinander auf der Bank sitzen sah.
Hastig stand ich auf, froh, endlich aus meiner unbequemen Sitzhaltung erlöst zu werden. Grace rutschte an die Kante der Bank und verlagerte beim Aufstehen ihr Gewicht gleichmäßig auf den Gehstock und ihr gesundes Bein. Zum ersten Mal fragte ich mich, wie schwer ihre Verletzung war. Wie lange hatte sie diese Behinderung schon? War ihr Bein von Geburt an so oder hatte sie in ihrer Kindheit einen tragischen Unfall erlitten?
»Na, dann kommt mal rein.«
Hinks Büro befand sich am Ende eines Gangs, der irgendwann in den frühen Achtzigern als modern und ansprechend durchgegangen wäre. Hellrosa Wände, Neonlicht, künstliche Pflanzen, denen man schon von Weitem ansah, dass sie unecht waren, dazu diese komische Art von Linoleum-Boden, der wie Granit aussehen soll, aber eigentlich nur aus einer durchsichtigen Laminatschicht mit Hunderten kleinen Plastik-Kieseln besteht. Ich folgte Hink etwas langsamer als sonst, damit Grace neben mir gehen konnte. Nicht weil ich wollte, dass sie neben mir ging, sondern weil ich mir vorstellte, dass es schön für sie wäre, Schritt halten zu können. Aber obwohl ich mich im Schneckentempo fortbewegte, blieb sie zurück und humpelte immer zwei Schritte hinter mir her, sodass es mir irgendwann vorkam, als würden wir ein Wettrennen im Langsamlaufen austragen. Hink war inzwischen schon zehn Schritte voraus, deshalb ging ich schneller und ließ Grace hinter mir, wobei ich vermutlich wie der letzte Vollidiot aussah. Als wir das Büro erreicht hatten (klein, kahl, grünstichig und trostlos – man hätte glatt auf die Idee kommen können, dass dort an den Wochenenden ein Fight Club stattfindet), führte Hink uns zu zwei Stühlen vor seinem Schreibtisch und forderte uns auf, Platz zu nehmen. Während wir uns hinsetzten, überlegte ich stirnrunzelnd, wieso er Grace zu dem Gespräch gebeten hatte.
»Sie können sich bestimmt denken, warum Sie hier sind. Der Grund ist Ihr außerordentliches Schreibtalent. Als es darum ging, die Posten der Chefredakteure für unsere Zeitung zu besetzen, habe ich daher sofort an Sie beide …«
»Nein«, fiel Grace ihm ins Wort.
Ihre Stimme traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Erst da fiel mir auf, dass ich sie noch nie zuvor sprechen gehört hatte. Sie hatte eine kräftige, klare, dunkle Stimme, die so gar nicht zu ihrer gebrochenen und furchtsamen Erscheinung passte.
»Wie bitte?«, fragte Hink verdattert.
»Nein«, wiederholte Grace, als gäbe es dem nichts hinzuzufügen.
»Ich … ich verstehe nicht«, sagte Hink und warf mir einen flehentlichen Blick zu.
Ich hörte förmlich, wie er lautlos um Hilfe rief, aber ich konnte nur mit den Schultern zucken.
»Ich will keine Redakteurin sein«, erklärte sie. »Es ist wirklich sehr nett, dass Sie an mich gedacht haben, aber nein, danke.« Grace nahm ihre Tasche, die sie am Boden abgestellt hatte, und stand auf.
»Miss Town. Grace. Martin hat mich noch vor Beginn des Schuljahres aufgesucht und mich gebeten, einen Blick auf Ihre Arbeiten von East River zu werfen. Wenn ich mich nicht irre, sollten Sie dieses Jahr dort eigentlich die Redaktion der Zeitung übernehmen.«
»Ich schreibe nicht mehr.«
»Das ist sehr schade. Ihre Arbeiten sind ausgezeichnet. Sie haben ein Talent, mit Worten umzugehen.«
»Und Sie haben ein Talent, Klischees zu verbreiten.«
Hink war so perplex, dass ihm die Kinnlade herunterklappte.
»Tut mir leid«, fügte Grace etwas sanfter hinzu. »Aber das sind alles nur Worte, die keinerlei Bedeutung haben.«
Grace sah mich mit einem missbilligenden Ausdruck an, der mich überraschte und den ich nicht verstand, dann schulterte sie ihren Rucksack und humpelte hinaus. Hink und ich saßen schweigend da und versuchten, uns einen Reim auf das zu machen, was gerade passiert war. Es dauerte ganze zehn Sekunden, bis ich merkte, wie wütend ich war, aber dann schnappte ich mir meine Tasche, sprang auf und eilte zur Tür.
»Können wir morgen weiterreden?«, fragte ich Hink, dem wohl klar war, dass ich ihr nachgehen wollte.
»Ja, ja, natürlich. Komm einfach vor dem Unterricht zu mir«, sagte er und scheuchte mich hinaus.
Ich rannte den Gang entlang und stellte überrascht fest, dass Grace schon weg war. Als ich durch die Tür nach draußen trat, hatte sie schon fast das Schulgelände verlassen. Sie konnte verdammt schnell sein, wenn sie wollte. Ich spurtete hinter ihr her, und als ich in Hörweite war, rief ich: »Hey!«
Sie drehte sich kurz um, musterte mich von Kopf bis Fuß, funkelte mich finster an und stapfte weiter.
»Hey«, wiederholte ich atemlos, als ich sie schließlich eingeholt hatte und mit ihr zusammen weiterging.
»Was denn?«, fragte sie, ohne langsamer zu werden. Ihr Gehstock klackte bei jedem Schritt auf der Straße. Hinter uns hupte ein Auto. Grace deutete energisch auf ihren Stock und winkte das Fahrzeug vorbei. Wenn ich die Art beschreiben sollte, wie das Auto uns überholte, fiele mir nur das Wort belämmert ein.
»Also …«, fing ich an, aber dann wusste ich nicht mehr weiter. Ich konnte zwar ziemlich gut schreiben, aber reden? Den Mund aufmachen und Laute hervorbringen? Das war eine ganz andere Nummer.
»Also was?«
»Also … so weit habe ich unser Gespräch nicht vorausgeplant.«
»Du scheinst sauer zu sein.«
»Ich bin sauer.«
»Warum?«
»Weil es Leute gibt, die sich seit Jahren den Arsch aufreißen, um Redakteur zu werden, und du spazierst einfach zu Beginn des Abschlussjahrs herein, kriegst den Posten auf dem Silbertablett serviert und lehnst ihn ab?«
»Bist du auch einer von denen, die sich den Arsch aufgerissen haben?«
»Das kannst du laut sagen. Seit ich fünfzehn bin, habe ich mich bei Hink eingeschleimt und so getan, als wäre ich ein gepeinigter Jungschriftsteller, der sich für einen zweiten Holden Caulfield hält.«
»Na dann, herzlichen Glückwunsch. Ich kapiere nicht, wieso du sauer bist. Normalerweise gibt es nur einen Chefredakteur, oder? Dass ich Nein gesagt habe, kann dir doch völlig egal sein.«
»Aber … ich meine … warum sagst du zu so etwas Nein?«
»Weil ich den Job nicht will.«
»Aber …«
»Ohne mich kannst du alle Entscheidungen allein treffen und die Zeitung so gestalten, wie du es dir wahrscheinlich schon zwei Jahre lang ausgemalt hast.«
»Tja … ich schätze … aber …«
»Das ist eine echte Win-Win-Situation. Du brauchst mir nicht zu danken, hab ich gern gemacht.«
Ein paar Minuten lang gingen wir schweigend weiter, bis meine Wut verflogen war und ich mich fragte, warum ich ihr überhaupt hinterhergehetzt war.
»Was willst du noch hier, Henry Page?«, fragte sie und blieb mitten auf der Straße stehen. Es schien ihr völlig egal zu sein, dass uns jeden Moment ein Auto über den Haufen fahren konnte. Mir fiel auf, dass sie meinen vollen Namen kannte, obwohl wir uns nie vorgestellt worden waren und auch noch nie ein Wort gewechselt hatten.
»Du weißt, wie ich heiße?«, fragte ich.
»Ja. Und du weißt, wie ich heiße. Also tu nicht so, als wärst du überrascht. Wieso läufst du mir immer noch nach?«
»Das kann ich dir sagen, Grace Town. Wir sind schon ein ganzes Stück von der Schule entfernt und vermutlich ist mein Bus längst weg. Ich habe die ganze Zeit nach einer guten Möglichkeit gesucht, dieses Gespräch zu beenden, aber mir ist nichts eingefallen, also habe ich mich meinem Schicksal ergeben.«
»Und das wäre?«
»In diese Richtung...




