E-Book, Deutsch, 235 Seiten
Sutter / Greenberg Praxis der Emotionsfokussierten Therapie
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-497-61546-9
Verlag: Ernst Reinhardt Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein transdiagnostischer Leitfaden
E-Book, Deutsch, 235 Seiten
ISBN: 978-3-497-61546-9
Verlag: Ernst Reinhardt Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Prof. Leslie S. Greenberg, PhD, emeritierter Leiter der Klinik für Psychotherapeutische Forschung, York University, Toronto, Kanada, begründete die Emotionsfokussierte Psychotherapie.Dr. Marielle Sutter ist Psychotherapeutin in eigener Praxis in Bern und Dozentin an psychologischen Instituten. Mit Prof. Leslie S. Greenberg leitet sie das Schweizerische Institut für Emotionsfokussierte Therapie in Bern.
Zielgruppe
PsychotherapeutInnen, PsychologInnen, Ärzte und Ärztinnen, (Sozial-)PädagogInnen
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
3Praxis der Emotionsfokussierten Therapie
Dieses Kapitel widmet sich der Praxis der EFT. Der Aufbau orientiert sich an den Prinzipien emotionaler Veränderung (Kap. 2.5). Die einzelnen Abschnitte beginnen jeweils mit einem allgemeinen Teil, gefolgt von spezifischen Aufgaben und Interventionen, durch welche die Prinzipien realisiert werden können.
3.1Mit Emotionen arbeiten
Das wichtigste übergeordnete Prinzip in der EFT ist, Emotionen im Hier-und-Jetzt bewusst zu erleben. Dieses Prinzip mag auf den ersten Blick banal klingen, in Anbetracht dessen, dass unser emotionales Gehirn einen großen Teil der Emotionen unbewusst verarbeitet und unwillkürlich somatische und viszerale Reaktionen auslöst, ist es jedoch von großer Wichtigkeit. Novizen haben die Tendenz, EFT mit Stuhlarbeit gleichzusetzen. Dabei wird vergessen, dass man zuerst bei einem Gefühl ankommen muss, bevor man es verändern kann.
Emotionen sind wie das rote Lichtlein auf dem Armaturenbrett unseres Autos. Wir müssen unseren Klienten helfen, sich diesem Lichtlein zuzuwenden. Dieser Prozess ist häufig aversiv und macht Angst. Viele Klienten haben unbewusst gute Strategien entwickelt, um sich vom blinkenden Lichtlein abzulenken. Sie drücken aufs Gaspedal, stellen das Radio lauter, vertiefen sich in ein belangloses Gespräch mit dem Beifahrer, beschimpfen den Fahrstil eines anderen Autofahrers.
Unsere Aufgabe als Therapeuten ist es, diese Ablenkungsmanöver als Schutzstrategien wohlwollend aufzufangen, dem Klienten Sicherheit, Vertrauen und Zuversicht zu vermitteln und zu verstehen geben, dass es eine Notwendigkeit ist, sich mit dem Lichtlein zu befassen, wenn das Auto noch längere Zeit fahrtüchtig bleiben soll. Als Therapeuten ist unsere wichtigste Aufgabe zu Beginn der Behandlung, einen sicheren, emotionsförderlichen Kontext zu schaffen, in dem sich der Klient eingeladen fühlt, auf sein Erleben zu fokussieren und den emotionsfokussierten Blick konsistent einzuhalten. Zudem ist es wichtig, Klienten darüber zu informieren, dass das Erleben von Emotionen kein Zeichen der Schwäche ist, sondern dass tieferes Erleben Zugang zu Sensibilitäten und Vulnerabilitäten erlaubt und den ersten Schritt zur Problemlösung darstellt (Greenberg & Rhodes, 1991).
Um Emotionen verarbeiten zu können, müssen diese zugänglich sein und erlebt werden. Emotionale Verarbeitung beinhaltet Prozesse wie: Annähern (statt Vermeiden), Erlauben (statt Verbieten), Bewusstwerden (statt Ignorieren), Tolerieren (statt Unterdrücken), Akzeptieren (statt Bewerten), Symbolisieren (statt Nicht-Verstehen), Differenzieren (statt Überflutet-Sein), Transformieren (statt Steckenbleiben) (Greenberg, 2019). Das Konzept produktiver emotionaler Verarbeitung wurde in Kap. 2.2.2 vorgestellt.
Der therapeutische Prozess der emotionalen Verarbeitung verläuft in vier Phasen. Die erste Phase beinhaltet die Annäherung an schmerzhaftes Erleben, die zweite Phase das Erlauben des Erlebens, die dritte Phase das Tolerieren und die vierte Phase das Symbolisieren schmerzhafter Gefühle. Therapeuten unterstützen ihre Klienten in jeder Phase wohlwollend, aber fokussiert (Abb. 3.1).
Abbildung 3.1: Der Prozess der emotionalen Verarbeitung von Schmerz (adaptiert nach Bolger, 1999; Greenberg & Bolger, 2001; Pascual-Leone, 2016)
Emotionale Verarbeitung führt kurzfristig dazu, dass sich Klienten schlechter fühlen, weil sie sich mit schmerzhaftem Erleben auseinandersetzen. Nach der emotionalen Verarbeitung geht es ihnen jedoch signifikant besser als Klienten, die ihre Emotionen nicht verarbeiten und der Effekt ist auch nachhaltiger. Man muss sich also zuerst schlechter fühlen, damit man sich danach besser fühlen kann (Pascual-Leone & Greenberg, 2007). Oder in den Worten von Hunt (1998) „The only way out is through“.
Emotionale Verarbeitung führt auch zu erhöhter emotionaler Flexibilität. In erfolgreichen Therapien erhöht sich das emotionale Repertoire der Klienten, sie haben Zugang zu zuvor abgespaltenen Emotionen (wie Ärger, Selbstmitgefühl oder Traurigkeit) (Pascual-Leone & Greenberg, 2007). Psychotherapie ist vergleichbar mit dem Erlernen eines Musikinstrumentes. Zu Beginn beherrscht man nur ein paar Töne, mit der Zeit lernt man die gesamte Bandbreite an Tönen und Tonleitern kennen und kann immer schönere und schwierigere Stücke spielen.
| ! | Die wichtigste Voraussetzung dafür, dass sich Klienten ihren schmerzhaften Erfahrungen zuwenden und diese verarbeiten, ist eine vertrauensvolle Therapiebeziehung (Greenberg et al., 1993; Greenberg, 2015, 2019, 2021; Elliott et al., 2013). |
3.2Erleben zugänglich machen und erlauben
Die Rolle der Therapeutin
Menschen schützen sich davor, schmerzhafte Emotionen zu erleben (Greenberg & Rhodes, 1991; Weston, 2018). Sie haben Angst, auseinanderzufallen, wenn sie sich dem Schmerz zuwenden, Angst, die Kontrolle zu verlieren oder sie schämen sich für ihre Gefühle (auch vor der Therapeutin) (Bolger, 1999; Bolger & Greenberg, 2001; Greenberg & Rhodes, 1991). Häufig überlegen sich Klienten vor der Sitzung, was und wie viel sie in dieser Sitzung von sich offenbaren wollen. Die hohe Kunst in der EFT ist es also, Klienten in ihrem Selbstschutz abzuholen und sie neugierig auf die Exploration ihres Erlebens zu machen. Ob dies gelingt, hängt maßgeblich von der Haltung und der Reaktion der Therapeutin ab. Wenn Therapeutinnen wohlwollend, neugierig und zuversichtlich sind und sich selbst mit dem Erleben des Klienten wohlfühlen, unterstützen sie damit eine annäherungsorientierte und explorative Haltung ihrer Klienten. Wenn Therapeutinnen jedoch ängstlich oder defensiv reagieren (weil sie z. B. Angst vor der starken Emotion ihres Klienten haben, sich unsicher oder angegriffen fühlen), senden sie unbewusst und nonverbal Signale aus, die den Selbstschutz des Klienten verstärken. Der Klient wird mit einer hohen Wahrscheinlichkeit in einen externalen Modus wechseln und seine Mauer des Selbstschutzes verstärken (Greenberg & Rhodes, 1991; Pascual-Leone, 2016). Dieser Mechanismus wird in Abb. 3.2 dargestellt.
Abbildung 3.2: Emotionale Verarbeitung des Klienten in Abhängigkeit der Therapeutenreaktion (adaptiert nach Greenberg & Rhodes, 1991; Pascual-Leone, 2016; Sutter, 2007)
Wir versuchen mit unseren Klienten eine Haltung zu kultivieren, die nicht durch Angst, Scham und Selbstschutz geprägt ist („ich darf nicht zeigen, wer ich wirklich bin“), sondern durch eine neugierige, offene und annäherungsorientierte Haltung.
Fokus auf (implizite) Emotionen und Erleben richten
Die meisten Klienten messen ihrem Erleben und ihren Emotionen keinen wichtigen Stellenwert bei. Von der ersten Minute an machen EFT-Therapeutinnen zwei fundamental wichtige Dinge:
1.Sie fokussieren auf das (implizite) Erleben.
2.Sie geben dem Erleben eine wichtige Bedeutung, heißen es willkommen und geben ihm explizit Erlaubnis da zu sein.
Viele Klienten haben die Tendenz, ihr Erleben herunterzuspielen oder zu bagatellisieren. Sie messen ihm keine Wichtigkeit bei und empfinden es als unangenehm. Diese Haltung möchten wir verändern, indem wir vom ersten Moment an auf das Erleben fokussieren, implizites, körperlich gefühltes Erleben explizieren und ihm eine wichtige Bedeutung geben. Wir möchten vor allem diejenigen Emotionen fördern, welche sich körperlich manifestieren und noch nicht im Bewusstsein abgebildet sind. Emotionen entstehen im limbischen System und werden von einem älteren Teil des Gehirns, dem Hirnstamm über den Vagusnerv zum Körper überführt. Die Hirnrinde (der Cortex) ist maßgeblich an der Entstehung des Bewusstseins beteiligt. Sie ist nicht direkt mit dem limbischen System verbunden. D. h. der Transfer einer Emotion vom limbischen System in den Körper erfolgt unbewusst (Damasio, 2003). Erst wenn wir unsere Aufmerksamkeit darauf richten, wird die Emotion bewusst. Wenn ein Klient einen traurigen Blick hat oder sich eine Träne bildet, wird dies durch die Therapeutin gespiegelt („Während Sie das sagen, bildet sich eine Träne.“). Die Therapeutin gibt der Emotion einen wichtigen Stellenwert („Es ist eine wichtige Träne, ist es okay, dieser Träne einen Moment lang Gesellschaft zu leisten?“) und sie versucht, die Bedeutung dieser Emotion zu explizieren („Können Sie der Träne Worte geben? Was würde die Träne sagen, wenn sie sprechen könnte?“). Wir Therapeuten versuchen, dem körperlichen Empfinden Ausdruck zu verleihen und das somatische Erleben durch Sprache zu symbolisieren.
Therapeutin: „Wenn Sie in diesem Moment nach innen schauen, da wo Sie Ihre Gefühle spüren, was ist der Schmerz, der da hochkommt?“
Erleben erlauben und Wichtigkeit geben
Für viele Menschen ist es einfacher, rational zu sein und sich intellektuell mit etwas zu beschäftigen als auf ihr Erleben zu hören und diesen Raum zu geben. Emotionen sind kondensierte Informationspakete. Sie informieren uns darüber, was uns wichtig ist, worauf wir sensibel reagieren, was uns fehlt, was wir uns wünschen. In der EFT versuchen wir, diese Informationsquellen zu erschließen und die Weisheit der Emotionen zu nutzen.
Wenn wir mit Gefühlen arbeiten, ist es wichtig, nicht nur auf Emotionen zu fokussieren, sondern diese auch ein Stück...




