E-Book, Deutsch, Band 2, 480 Seiten
Reihe: Cat & Cole
Suvada Cat & Cole 2: Ein grausames Spiel
19001. Auflage 2019
ISBN: 978-3-522-65399-2
Verlag: Planet!
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sci-Fi-Roman-Reihe ab 14 Jahren
E-Book, Deutsch, Band 2, 480 Seiten
Reihe: Cat & Cole
ISBN: 978-3-522-65399-2
Verlag: Planet!
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Emily Suvada wurde in Australien geboren, wo sie einen Abschluss in Mathematik gemacht hat. Wenn sie nicht gerade Algorithmen entwickelt oder sich dem Schreiben widmet, findet man sie beim Wandern, Fahrradfahren oder bei chemischen Experimenten in ihrer Küche. Im Moment lebt sie zusammen mit ihrem Ehemann in Portland, Oregon.
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1
Es ist Mitternacht, aber das letzte Licht des Sonnenuntergangs wird gerade erst von der Dunkelheit verschlungen, der Tag verlängert durch die nördlichen Breiten, in denen wir uns aufhalten, und die Neigung der Erdachse. Millionen Wandertauben fliegen über mich hinweg. Ihr Federkleid leuchtet schwach, wie ein Schwarm Glühwürmchen. Sie schießen zwischen den Bäumen hindurch, ihre Bewegungen schnell und geschickt, eine Konstellation aus winzigen Lichtern vor dem sich verdunkelnden Himmel. Das Echo ihrer Rufe hallt von den steilen Bergen zurück und erfüllt die Nacht mit einem Hurrikan aus Geräuschen.
Die Tiere dieses Schwarms sind ganz anders als die, an die ich mich aus der Hütte erinnere. Sie bilden eine neue Unterart, mit ihren eigenen Mutationen und Besonderheiten. Ihre Rufe sind schrill, unterlegt von einem komplexen Klicken und Sirren. Die Tiere werden mit jeder Generation klüger.
Es ist fast, als würden sie das Sprechen lernen.
»Lockerer. Augen auf mich«, sagt Leoben, der in einem engen Kreis um mich herumschleicht.
Ich verlagere mein Gewicht auf die Zehenballen und reiße meinen Blick von den Tauben los. Meine Fäuste sind erhoben, mein Haar hängt wirr um meine Schulter. Wir halten uns tief im Wald auf, und das Gras um uns herum ist schlammig und zertrampelt. Ich schmecke Blut im Mund, meine Haut ist dreckig und fast jeder Zentimeter meines Körpers tut weh.
»Bleib wachsam, Sepia.«
Ich zucke leicht zusammen. »Hast du mich gerade genannt?«
Ein leises Lächeln umspielt Leobens Lippen, und mein Magen verkrampft sich. Er wird sich wieder auf mich stürzen – das erkenne ich an seinen Augen. Er ist unbewaffnet – und ich weiß, dass er mich nie wirklich verletzen würde –, aber er ist trotzdem ein Blackout-Agent. Eine voller Sorgfalt geschaffene Cartaxus-Waffe, seit seinen Kindheitstagen darauf trainiert zu kämpfen. Jede seiner Bewegungen ist präzise und tödlich. Unter der tätowierten Haut seiner Arme bewegen sich sehnige Muskeln. Leoben legt den Kopf schräg, beginnt zu grinsen, dann stößt er sich ab und wirft sich so schnell nach vorne, dass ich ihn nur noch verschwommen sehe.
Mir bleibt keine Zeit zum Nachdenken. Ich werfe mich zur Seite, um der Faust auszuweichen, die auf meine Rippen zielt, doch seine andere Hand schießt direkt auf meine Kehle zu. Ich reiße ein Knie hoch, ramme ihm einen Ellbogen gegen das Kinn, doch bevor ich zum nächsten Schlag ausholen kann, hat er bereits einen Fuß hinter mein Bein gestellt.
Mehr braucht er nicht. Nur einen einfachen Hebel, um mich aus dem Gleichgewicht zu bringen. Obwohl ich weiß, dass ich gleich stürzen werde, kann ich nicht anders, als Leobens Eleganz zu bewundern. Seine Finger bleiben um meine Kehle geschlossen, führen mich nach unten, als ich nach hinten kippe und so fest auf den Boden knalle, dass es mir den Atem raubt.
Leoben tritt zurück und reibt sich das Kinn, während ich mich keuchend auf die Seite rolle.
»Gut«, sagt er mit einem Nicken.
Ich stemme mich auf die Knie, immer noch keuchend. »Gut? Ich habe dich kaum berührt.«
Er streckt die Hand aus, um mir auf die Beine zu helfen. »Du wirst besser, aber du musst aggressiver vorgehen. Du musst auch einmal angreifen.«
Leise schwankend stehe ich da und versuche, gegen die silbernen Punkte an den Rändern meines Sichtfeldes anzublinzeln. Wir machen das jetzt schon seit Tagen, und nach jeder Übungsstunde komme ich mir vor, als hätte mich ein Auto gerammt. Aber er hat recht – ich werde besser. Meine Reaktionszeit reduziert sich, meine Sinne werden schärfer und ich spüre neu gebildete, sehnige Muskeln in meinen Schultern und Unterarmen. Ich habe mich noch nie so machtlos gefühlt wie im Kampf gegen Leoben, aber dieses Training ist gerade das Einzige in meinem Leben, das mir noch ein wenig Kontrolle gibt.
»Geht es dir gut?«, fragt Leoben und mustert mich genauer. »Du siehst nicht so aus.«
Ich reibe mir die Augen. »Ja, ja. Alles okay.«
Er schüttelt den Kopf. »Du bist eine wirklich schlechte Lügnerin. Komm. Cole sollte bald vom Beobachtungsposten zurück sein. Wir sollten für heute aufhören, sonst tritt er mich in den Hintern, weil ich dich so zugerichtet habe.«
»Ich habe sein Schutzprotokoll deaktiviert.«
»Ich weiß«, antwortet Leoben. »Aber er wird mich trotzdem in den Hintern treten.«
Leoben schlingt einen Arm um meine Schulter und führt mich zu unserem improvisierten Camp zurück. Unsere zwei Jeeps sind auf einer schlammigen Lichtung geparkt. Wir haben eine Tarnplane zwischen ihnen aufgespannt. Die Bäume um uns herum sind hoch, mit dichtem Blätterdach und Moos an den Stämmen, die von Farnen umwuchert werden. Wir sind seit einer Woche hier, versteckt tief im Wald, ungefähr eine Stunde vom Zarathustra-Labor entfernt. In der ersten Nacht, nachdem ich die Genkits in die Luft gejagt habe, sind wir auf dem Parkplatz geblieben, doch dann ist eine Truppe von Cartaxus-Soldaten gekommen und hat uns in den Wald vertrieben. Keiner von uns wollte in der Nähe des Gefängnisses bleiben, in dem wir unsere Kindheit verbracht haben, aber wir waren zu schwer verletzt, um uns auf den Weg zu machen. Und außerdem wussten wir sowieso nicht, wo wir hinsollten.
Also sind wir hiergeblieben, um uns auszuruhen und zu heilen. Wir essen gefriergetrocknete Rationen und schlafen in unseren Jeeps. Die Soldaten sind immer noch am Labor, und wahrscheinlich ist es nicht clever, sich in ihrer Nähe aufzuhalten. Aber die Schwarze-Kuppel-Chips der Jeeps verbergen unseren Aufenthaltsort. Außerdem ist der Taubenschwarm jeden Tag größer geworden. Ihre Schreie erfüllen die Luft, und ihre glühenden Federn bieten uns mehr als genug Deckung vor mit Kameras ausgestatteten Drohnen.
Leoben öffnet die Heckklappe seines Jeeps und zieht zwei Metallflaschen heraus. »Ich meine es ernst. Du musst dich ausruhen. Du siehst wirklich nicht gut aus, Sepia.«
»Du kannst mich nicht Sepia nennen«, erkläre ich.
Er wirft mir eine der Flaschen zu. »Bei dir gibt es so viele Regeln. Ich darf dich nicht Sepia nennen, ich darf dich nicht Kartoffel nennen. Du bist meine Schwester und du bekommst einen Spitznamen.«
»Cole hat auch keinen Spitznamen.«
Leoben verdreht die Augen. »Weil sein Name ist.«
Ich öffne die Flasche und nehme einen ordentlichen Schluck Wasser, um mir das Blut aus dem Mund zu spülen. Dann spucke ich es aufs Gras. »Und wie kommst du auf Sepia?«
»Kopffüßer können ihre DNA verändern, ein wenig wie du. Ich habe davon gelesen.«
»Wow.« Als ich den Kopf in den Nacken lege, nehme ich noch einen Schluck, um gegen den Schwindel anzukämpfen. »Ich weiß nicht, ob ich mich beleidigt fühlen oder beeindruckt sein soll.«
Er verschränkt stolz die Arme und grinst. »Definitiv beeindruckt.«
Ich schnaube, dann hebe ich die Flasche, um mir Wasser ins Gesicht zu gießen. Leoben und ich haben den Großteil der Woche miteinander verbracht, während Cole sich von seinen Verletzungen erholt hat. Lee hat mir das Haar geflochten, solange die Schusswunde in meiner Schulter verheilte, und ich habe ihn aus seinen Albträumen geweckt. Doch auch nach einer Woche, in der wir als Bruder und Schwester gelebt haben, kann er mich immer noch nicht nennen.
Ehrlich, das macht mir nicht viel aus, auch wenn ich mit dem Spitznamen nicht allzu glücklich bin. Jeder von uns dreien geht auf seine eigene Weise mit meiner Identität um. Cole ist still, Leoben reißt Witze und ich tue, was ich immer tue – ich errichte sorgfältig Schutzmauern aus Ablenkung und Verleugnung.
So habe ich den Ausbruch durchgestanden – ich habe meine Tage damit verbracht, Cartaxus zu hacken. Habe Novaks Rebellenvereinigung Skies dabei geholfen, medizinischen Code an die Überlebenden an der Oberfläche zu verteilen. Je härter ich gearbeitet und je länger ich mich im Keller der Hütte im Labor eingeschlossen habe, desto weniger hat es wehgetan, wenn ich in der Ferne gehört habe, wie Leute explodierten. Oder wenn ich Fleischdosen schlucken musste, um meine Immunität zu wahren.
Diese Woche gab es jede Menge Möglichkeiten, mich beschäftigt zu halten. Coles Tek brauchte ständige Aufmerksamkeit, während es sich regeneriert hat. Ich habe mit Leoben trainiert und die Papierakten durchgelesen, die Cole und ich aus der Hütte mitgenommen haben – ich habe kaum geschlafen, kaum gegessen, mir mehr oder minder das Denken verboten. Ich stehe wahrscheinlich kurz vor dem Zusammenbruch, aber bis jetzt funktioniert es. Ich habe es geschafft, nicht an das zu denken, was mich am meisten verletzt.
Ich habe kaum an das grünäugige kleine Mädchen mit den Narben auf der Brust gedacht.
Jun Bei.
Sie ist ein Schatten am Rande meines Bewusstseins, ein ungelöstes Puzzle. Die ganze Woche habe ich darauf gewartet, dass mehr meiner Kindheitserinnerungen zurückkehren, aber sie sind immer noch verschwommen und fetzenhaft. Ich weiß nicht, ob das alles ist, woran ich mich je erinnern werde, oder ob ich mich davor fürchte, mehr zu sehen. Es fühlt sich an, als wäre meine Kindheit ein schwarzes Loch, um das ich kreise – ich kann nicht vor ihm davonlaufen, aber wenn ich ihm zu nahe komme, wird es mich verschlingen. Es könnte sein, dass ich den Rest meines Lebens damit verbringen werde, mich von dem zu erholen, was mir angetan wurde.
Doch im Moment muss ich konzentriert bleiben. Es gibt zu viel zu tun.
Soweit wir es sagen können, gab es seit Sunnyvale keine Angriffe mehr. Keine orangeglühenden Panel, keine weiteren Menschenmassen, die sich durch den toxischen Code, der an den Hydra-Impfstoff angehängt wurde, in geistlose Killer verwandelt...




